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DER SPIEGEL

2000: DeutschlandDie Helden der Deutschen

Wissenschaftler haben nach Meinung der Bundesbürger die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten am meisten vorangebracht.
Es komme nicht darauf an, die Welt zu "interpretieren", schrieb KARL MARX im Jahre 1845: "Es kömmt darauf an, sie zu verändern." Nun liegt er, abgeschlagen, aber immerhin, auf Platz 13 der Liste jener Deutschen, die nach einer repräsentativen Umfrage von Emnid für den SPIEGEL den "bedeutendsten Beitrag zur Entwicklung der Menschheit" erbracht haben.
Unangefochten an der Spitze der deutschen Helden steht ALBERT EINSTEIN; einer, der die Welt veränderte, indem er die Physik revolutionierte und damit auch die Voraussetzungen für den Atombombenbau schuf. Der kosmologische Umstürzler NIKOLAUS KOPERNIKUS ist beim Ranking dabei, ebenso der Vater der ersten Medien-Revolution, der Buchdrucker JOHANNES GUTENBERG.
MARTIN LUTHER, JOHANN WOLFGANG VON GOETHE, ALBERT SCHWEITZER haben ihren Platz im Herzen der Deutschen, einer der Wissenschaftspioniere ging sogar in ihren Sprachschatz ein ("Ich werde geröntgt"). Zwei massige "Einheitskanzler", OTTO VON BISMARCK und HELMUT KOHL, marschieren mit.
Eine Hitliste, die ihre Reize und Reizungen hat, ein historisches Panorama, das Friedrich Nietzsches Satz widerlegt: "Die Deutschen sind noch nichts, aber sie werden etwas." Sie hatten Zeichen gesetzt und Wege gewiesen, den Himmel aufgerissen und die Welt verändert, und Einfälle und Zufälle haben ihnen dabei geholfen.
Am Anfang war das Wort, und das war ungedruckt. Mehr als das Gold habe das Blei die Welt verändert, schrieb Georg Christoph Lichtenberg: "Und mehr als das Blei in der Flinte das Blei im Setzkasten." Das Jahr 1440 gilt für das Abendland als das Geburtsjahr des Buchdrucks, und einem Johannes Gensfleisch zur Laden, der sich später Gutenberg nannte, kommt das Verdienst zu, den Druck mit beweglichen Lettern erfunden zu haben.
Drei Jahre brauchte bis dahin ein Mönch, um handschriftlich eine einzige Bibel herzustellen. Im gleichen Zeitraum produzierten Gutenberg und seine Helfer 180 Bibeln, 40 davon auf Pergament, 140 auf Papier. Pergament wurde aus Tierhaut hergestellt, und für die Pergament-Edition mussten rund 5000 Kälber ihr Leder lassen.
Seine eigene Biografie hat Gutenberg, ein Handwerksmeister aus Mainz, nie aufgeschrieben und gedruckt. Den schönsten Nachruf hielt ihm, vier Jahrhunderte später, der französische Schriftsteller Victor Hugo: "Die Erfindung der Buchdruckerkunst war das größte Ereignis der Weltgeschichte."
Eine Medienrevolution jedenfalls, die andere Revolutionen nach sich zog. LUTHER wusste, wovon er sprach. Für ihn war die "Truckerey" das "summum et postremum donum", das höchste und äußerste Geschenk, "durch welches Gott die Sache des Evangeliums" weitertreibe, nämlich den Kampf gegen das korrupte Rom und den Sieg der Reformation.
Gedruckte Pamphlete und Flugblätter entfesselten einen Medienkrieg, der auch die Massen bewegte. Und als Luther daran ging, nach einem guten dutzend deutscher Bibel-Übersetzungen vor ihm, die Heilige Schrift erneut ins geliebte Deutsch zu übertragen, schuf er ein Buch, das weit über den religiösen Bereich hinaus exemplarische Bedeutung bekam: für die Entwicklung des Hochdeutschen als der gemeinsamen Sprache der Deutschen.
Wortgewaltig war er, der Doktor Luther, wortschöpferisch auch. Seine Kreationen leben fort bis auf den heutigen Tag und bringen die Sprache zum Leuchten. "Herzenslust", "Feuereifer", "Denkzettel" stammen von ihm, und ohne Luther-Redewendungen kommt keiner aus: "Im Dunkeln tappen", "Seine Hände in Unschuld waschen", "Der Dorn im Auge" und auch "Ein Buch mit sieben Siegeln".
Im Jahr 1543, drei Jahre vor Luthers Tod, erschien in Nürnberg ein Buch, das mehr als sieben Siegel sprengte: Es revolutionierte das Weltbild des Menschen, seine Kosmologie. Das Buch eines gewissen KOPERNIKUS hieß "Von den Umdrehungen der Himmelssphären", und es postulierte: Nicht die Erde stehe im Mittelpunkt des Weltalls und alles kreise um sie; vielmehr lenke "die Sonne, auf dem königlichen Throne sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne".
Die kopernikanische Wende, die Ablösung des geozentrischen Weltbildes durch das heliozentrische: Luther blieb bibelfest beim alten All, Sigmund Freud sah in der Wende eine der "schweren Kränkungen" des Menschen, und Nietzsche klagte: "Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins X" - ins Unbekannte, Unbestimmte, zur Randexistenz des Universums, dessen Krone der Schöpfung er vormals gewesen war.
Kopernikus, sein Buch erschien kurz vor seinem Tod, hatte für seinen Coup aus antiker Quelle geschöpft: Aristarch von Samos (etwa 310 bis 230 vor Christus) lehrte schon die Bewegung der Erde um das Zentralfeuer Sonne.
Zweihundert Jahre später ist der Himmel klarer, die Aufklärung bringt den "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" (Immanuel Kant), die Wissenschaften spannen die Flügel, ein geistiges Leben ohne Bücher ist nicht mehr denkbar. Neue Deutsche, die zur "Entwicklung der Menschheit" beitragen, betreten die Bühne, GOETHE und LUDWIG VAN BEETHOVEN stehen auf der Liste.
Das Jahr 1808 wird ein Höhepunkt für beide. Goethe veröffentlicht seinen "Faust I", Beethoven seine sechste Symphonie, die "Pastorale". "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche", spricht Faust bei seinem "Osterspaziergang". Ein "Pastorale"-Satz trägt den Titel: "Erwachen fröhlicher Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande."
Musik transportiert Botschaften, Botschaften sind wie Musik. Und für die Welt tritt ein neuer Typus auf den Plan, der "faustische" Deutsche, der Grübler, Gründler. Beethoven, schwerhörig und schwermütig, stirbt während eines Gewitters und reckt im Todeskampf die Faust; Goethe verlangt "mehr Licht".
Zwei Klassiker, die der ganzen Welt gehören. MARX, zehn Jahre nach "Faust" und "Pastorale" geboren, wurde zu einem Klassiker, der die Welt erschütterte. Er zitiert in einem Brief an seinen Kompagnon und Mäzen Friedrich Engels den "Faust", leicht abgewandelt: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und nur das Business ist grün."
Der einzige Journalist, dem post mortem eine Weltkirche errichtet wurde, zog zeitlebens mit einem Klingelbeutel umher: Marx schrieb eine klassische Theorie des Geldes, aber mit Geld umgehen konnte er nicht. Er machte sich auf, "das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen", saß selbst jedoch fest auf Schulden. "Ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken", klagte er im Jahr 1868, "und immer noch ein Pauper", ein Armer. Ein Asylant war er dazu, seit 20 Jahren politischer Flüchtling in London, und der mittlerweile vollendete erste Band des "Kapitals" erschien in einer Auflage von 1000 Stück; die hielt fünf Jahre lang vor.
Die Weltkirche des Marxismus ist zusammengebrochen. Aber das Zentralpamphlet der Dioskuren Marx-Engels, das "Kommunistische Manifest", ist ein Klassiker geblieben. Ein "Meisterwerk politischer Rhetorik" heißt es der italienische Semiotikprofessor Umberto Eco, es beginne "mit einem großartigen Paukenschlag wie Beethovens fünfte", die "Schicksalssymphonie". Nämlich: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus."
Mittlerweile geht ein anderes Gespenst um - das der Globalisierung. Die kapitale Erdumrundung hatte Marx schwarz vorausgesehen, samt Folgen: "Altehrwürdige Vorstellungen werden aufgelöst", "alles Heilige wird entweiht", "planmäßige Ausbeutung der Erde", "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes". Ein Planet wird planiert.
Drei Jahre älter als Marx war ein Mann, der Revolutionen fürchtete, Sozialisten verfolgte, Junkertum und Monarchie verherrlichte, "Blut und Eisen" im Vokabular führte. Und der dennoch, als junger Ehemann, sehnsuchtsvoll nach "Wald, See, Wiese" verlangte, "alles mit Sonnenuntergang und beethovenscher Symphonie vermischt": BISMARCK, der "Eiserne Kanzler", Gründer des "Deutschen Reiches" von 1871.
Über Bismarck, über seine "Politik als Kunst des Möglichen" teilen sich die Geister. Zur "Entwicklung der Menschheit" hat er außer der Epoche machenden Sozialversicherung für Arbeiter eher Zwiespältig-Preußisches beigetragen und das Bild des Pickelhauben-Deutschen für die Welt geprägt. Als er, grollend im erzwungenen Ruhestand in Friedrichsruh, dem Tod die Hand reichte, pfiff er nicht Beethovens "Pastorale", sondern "La donna è mobile", die Lieblingsarie seiner Tochter.
"Wenn die Reichen sich abwenden von der Not der Armen, triumphieren die Mikroben": Am 24. März 1882 gab der Mediziner ROBERT KOCH in der Berliner Physiologischen Gesellschaft eine Sensation bekannt, die Entdeckung des Erregers einer Weltseuche, der Tuberkulose. Dank einer neuen Färbemethode hatte er den Bazillus unterm Mikroskop dingfest gemacht, Diagnostik, Therapie und Bekämpfung der Tuberkulose konnten beginnen. 1905 erhielt Koch den Nobelpreis.
Nobelpreisträger war seit 1901 auch der deutsche Physiker WILHELM CONRAD RÖNTGEN. Bei der Untersuchung von Katodenstrahlen hatte er entdeckt, dass diese Karton, Holz, Glas leicht durchdrangen, Fluoreszenz-Schirme zum Leuchten brachten und fotografische Platten belichteten. Höhepunkt seiner Untersuchungen war am 22. Dezember 1895 die "Durchleuchtung" einer Hand seiner Frau. Der Mensch war durchsichtig geworden.
Nobelpreisträger, so zeigt die Hitliste, sind die wahren Helden der Deutschen. 1918 erhielt den Preis der Physiker MAX PLANCK für seine Quantentheorie, 1921 Einstein. Und 1952 ging der Friedensnobelpreis an den Mediziner, Musiker und Menschenfreund SCHWEITZER für sein jahrelanges Wirken in der Urwald-Krankenstation Lambaréné.
Wissenschaftler und Wohltäter scheinen den Befragten für Klarheit und Wahrheit zu stehen. So mögen es die Deutschen. Ihr größter Held EINSTEIN, der als Atheist Gott gut kannte, sagte mal, dass Gott "nicht würfelt". Der Deutsche auch nicht. FRITZ RUMLER
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UMFRAGE Deutsche Größen "Welcher Deutsche der vergangenen Jahrhunderte hat, Ihrer Meinung nach, den bedeutendsten Beitrag zur Ent- wicklung der Menschheit erbracht?" Albert Einstein Physiker 24 Wilhelm Conrad Röntgen Entdecker der Röntgenstrahlen 12 Robert Koch Bakteriologe, Arzt, Entdecker des Tuberkelbazillus 11 Albert Schweitzer Arzt, Theologe 10 Johannes Gutenberg Erfinder des Buchdrucks 7 Martin Luther Reformator 7 Max Planck Physiker 4 Helmut Kohl Einheitskanzler 4 Johann Wolfgang v. Goethe Dichter 3 Otto von Bismarck Reichsgründer 3 Nikolaus Kopernikus Astronom, Begründer des heliozentrischen Weltbildes 2 Ludwig van Beethoven Komponist 2 Karl Marx Philosoph und Nationalökonom 2 Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: andere oder weiß nicht
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Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 52/1999
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