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UMWELT

Trubel um Trikots

Machen die Leibchen der Kicker von Borussia Dortmund unfruchtbar? Gift in der Sportkleidung erregt Spieler und Fans. Von Blech, Jörg und Lakotta, Beate

BVB-Anhänger wissen, was ihnen lieb und teuer ist: schwarz-gelbe Trikots, wie sie ihre kickenden Idole auf dem Rasen vollschwitzen. 400 000 der Polyester-Hemden (Stückpreis: 129 Mark) haben Fans des Ballspielvereins Borussia (BVB) Dortmund bislang gekauft.

Jetzt kommen die Leibchen des Sportartikelherstellers Nike rasend schnell aus der Mode: Sie sind mit einer giftigen Substanz namens Tributylzinn (TBT) verseucht - das zumindest behaupten Analytiker des Galab-Untersuchungslabors im schleswigholsteinischen Geesthacht. Auch in sechs von elf untersuchten Radlerhosen, Sportbodys und Socken seien sie auf bedenkliche Substanzen gestoßen.

Die genauen Messdaten behielt Galab allerdings für sich. Auch der Auftraggeber der Studie, das WDR-Wirtschaftsmagazin Plusminus, das vergangenen Dienstag einen TV-Bericht über die Analyse sendete, hat die konkreten Messdaten bis Ende letzter Woche nicht veröffentlicht.

Bei einem solchen Angriff spielte Borussia Dortmund lieber erst einmal defensiv: "Unsere Trikots sind zur Zeit auf Grund angeblicher Produktionsmängel nicht lieferbar", teilte der Bundesligist auf seiner Internet-Homepage mit. In der deutschen Nike-Zentrale im hessischen Mörfelden tagte derweil ein Krisenstab nach dem anderen. Karstadt, Kaufhof und Hertie räumten bereits zehntausende der inkriminierten Fußballhemden aus den Regalen.

Rasches Handeln erschien angebracht. Die Organozinnverbindung tötet in hoher Konzentration Pflanzen, Tiere und Mikroben ab. TBT-haltige Schiffsanstriche verhindern das Wachstum von Algen, Seepocken und Muscheln. Zudem schädigt TBT - etwa in belasteten Hafenbecken - das Hormonsystem von Schnecken. Beim Menschen, so der Verdacht von Toxikologen, könnte TBT zur Unfruchtbarkeit führen.

Ein Blick in das geheim gehaltene Gutachten zeigt jedoch: Das angebliche Giftpotenzial der Fußballhemden wurde weit übertrieben dargestellt. Denn wie aus dem Galab-Befund hervorgeht, fanden die Analytiker in dem BVB-Hemd nur geringste Spuren von TBT.

Von der unstrittig gefährlichen Substanz maßen die Galab-Mitarbeiter in dem Borussenhemd nur 2,2 Millionstel Gramm pro Kilogramm Trikot. Ein solch niedriger Wert liege nur knapp über der Nachweisgrenze und stelle "keine Gefahr für die Gesundheit" dar, urteilt ein Mitarbeiter des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin: "Keiner muss sein Fußballhemd wegschmeißen."

Die Entwarnung betrifft auch Strümpfe der Firma Falke: Die untersuchte Socke enthielt keinerlei TBT und lediglich eine Spur (1,7 Millionstel Gramm) der Substanz Monobutylzinn, die als unbedenklich gilt.

Selbst die BgVV-Experten erhielten die gewünschten Messdaten mitnichten von der Plusminus-Redaktion. Als die Zahlen ihren Weg dennoch in die Berliner Behörde gefunden hatten, schätzten die Verbraucherschützer sogleich das Risiko ab - und waren erleichtert.

Der einzige überhöhte Wert der gesamten Messreihe liegt bei 1260 Millionstel Gramm pro Kilogramm Trikot - und betrifft zudem noch nicht einmal TBT, sondern eine andere Organozinnverbindung namens Dibutylzinn (DBT). Sie gilt als so unbedenklich, dass sie in den USA sogar in den Verpackungen von Lebensmitteln zugelassen ist.

Wenn ein 60 Kilogramm schwerer Mensch das mit DBT belastete Trikot jeden Tag sieben Stunden lang auf der Haut trüge, errechneten die Experten, läge die Aufnahme in den Körper noch immer unter jenem Grenzwert, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für unbedenklich hält.

Für die Trikot-Belastung mit TBT ergab die Rechnung des BgVV: Die Aufnahme durch die Haut läge tausendfach unter dem WHO-Wert für vergleichbare Substanzen. Ein Mitarbeiter im BgVV: "Das ist schon ein dicker Hund, dass das so aufgebauscht wurde."

Obwohl die jetzt gemessenen TBT-Werte gegen kein Gesetz verstoßen, ist dem BgVV daran gelegen, die Herkunft der Verbindung aufzudecken. Weil die Werte so gering sind, halten Toxikologen für denkbar, dass der Stoff aus der Umverpackung in die Polyesterkleidung gelangt ist. Generell habe "die giftige Substanz in Textilien nichts zu suchen", sagt BgVV-Sprecher Jürgen Kundke.

Doch Nike vermochte zunächst nicht aufzuklären, auf welchem Wege die Giftspuren in das untersuchte und in Großbritannien hergestellte Trikot gelangt sein könnten. Der größte Sportartikelhersteller der Welt (fast neun Milliarden Dollar Jahresumsatz) will nun sämtliche Modelle von Nike-Fußballtrikots auf dem deutschen Markt untersuchen lassen und hat mit diesem Massencheck Institute im In- und Ausland beauftragt. Bis die Ergebnisse vorliegen, erklärte Nike-Sprecherin Susanne Walter, "gehen wir aber nicht von einer Gefahr aus".

Zumindest das Vertrauen der Dortmunder Profi-Kicker ist der Klamottenfirma sicher. Vor ihrem Freundschaftsspiel gegen DSC Wanne-Eickel am vergangenen Wochenende sahen die Borussenspieler keinen Anlass, mit anderen Trikots aufzulaufen. JÖRG BLECH, BEATE LAKOTTA

DER SPIEGEL 2/2000
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