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DER SPIEGEL

AutorenFeldman spricht deutsch

In dieser Sprache ist kein Wort unschuldig: Die gebürtige Amerikanerin Deborah Feldman erkundet mit dem Roman „Überbitten“ die Hohlräume und Falltüren ihrer neuen Heimat.
Die Autorin sitzt auf der Terrasse von Schloss Elmau, vor sich das Wettersteingebirge und davor die Reste eines Frühstücksomeletts. Sie übt Vorsilben: " Vorführen, vollführen, entführen, verführen – das ist so wunderbar im Deutschen", sagt sie. Eine winzige Veränderung, und die Bedeutung kippt. Deborah Feldman liebt Kaleidoskope.
" Entdecken, bedecken – volldecken?" Warum nicht volldecken? Jedes Wort hat seinen Sinn, auch wenn der sich noch nicht herumgesprochen hat.
Deborah Feldman ist im Jiddischen aufgewachsen, im Amerikanischen groß und als Autorin bekannt geworden. Jetzt sammelt sie deutsche Wörter, klaubt sie in allen Winkeln wie Bruchstücke zusammen, und mit jedem Wort fühlt sie sich sicherer. Ein wenig mehr sie selbst.
Heute lebt sie in Berlin, der Stadt der Täter. Ihrer frei gewählten neuen Heimat. Und schreibt, ebenso souverän, in der Sprache der Täter.
Am Abend zuvor hatte sie aus ihrem Ende Mai erschienenen 700-Seiten-Buch "Überbitten" gelesen. Das Hotel Schloss Elmau lädt regelmäßig Schriftsteller und Künstler ein, gern so hochwertig wie die Weinkarte und das Wellnessangebot im "Shantigiri Lady Spa". In Elmau sehen sogar die Kinder teuer aus, drüben am Frühstücksbüfett. Nach der Lesung setzte sich der Schlossherr noch auf ein Glas zur Autorin, im Polohemd und das Haar betont langwellig, wie alle Herren, die mehr sein wollen als nur das.
Er erzählte von seinem neuen Kulturhotel in Kreuzberg. Von dem Steinway im Schaufenster und den Junkies in den Hauseingängen. Gegen Mitternacht kam es zu einem Disput, ob es Künstler der Steinways wegen nach Berlin zieht oder des Schmuddels wegen. "Nun", sagte der Schlossherr, er jedenfalls tue etwas für die Kultur und kaufe nicht nur ganze Straßen auf wie die Bank Goldman Sachs und der Investor Berggruen.
Dieser Satz, der Bezug auf zwei Investoren mit jüdischen Wurzeln, geht Feldman auch am Morgen danach nicht aus dem Sinn. "Wieso ausgerechnet diese Namen? Und wieso hat er sie gleich mehrmals genannt?"
Weil in dieser Sprache kein Satz unschuldig ist für den, der Ohren hat zu hören.Weil natürlich auch Schloss Elmau seine Geschichte mit Hitler-Geschwurbel und Antisemitismus hat. Das sei ja genau das Spannende an diesem Land. Ihr tue der Nachfahre auf Elmau leid, sagt sie, "weil er noch so ringen und kämpfen muss, dass die Geschichte zu seinen Wünschen und Bedürfnissen passt. Das ist so schmerzvoll. Ich kenne das."
In dieser Sprache ist kein Satz unschuldig, und deswegen hat sich Deborah Feldman, geboren in Brooklyn, Ortsteil Williamsburg, Staat New York, für das Deutsche entschieden. Für eine Sprache voller Falltüren und ein fremd-vertrautes Land, in dem sie sich an jeder Ecke wiederfindet. " Erinnerung, Verinnerung, Entinnerung?"
Das Buch "Überbitten" ist voll von Entinnerungen. Es erzählt die Selbstfindung einer jungen Frau, die mit der Autorin den Namen teilt, ohne mit ihr deckungsgleich zu sein. Feldman entstammt einer chassidischen Gemeinde, streng religiösen Juden, die inmitten der Moderne für sich und nach eigenen Regeln leben als tägliche Erinnerung an die verbrannten "Stetl" Mittel- und Osteuropas.
Erzählt werden das langsame Sich-Lösen von der Satmarer-Gemeinde in Brooklyn, die Gehversuche im akademischen Milieu Manhattans, die intellektuellen und erotischen Befreiungen, die Ankunft in Berlin, wo "mir niemand aufgrund meines Hintergrundes das Gefühl vermittelte, ich sei eine Außenseiterin". Europa wird zur Heimat, ausgerechnet "jener Raum, den meine Gemeinde zu verbrannter Erde erklärt hatte".
Es ist eine Entwicklungsgeschichte, ein Bildungsnichtroman, bei dem die Heldin in sieben Jahren und sieben Kapiteln eine neue Heimat findet. Jede Reise eine Entinnerung, gleichermaßen Entdeckung und Erinnerung. Denn überall, in Ungarn, Andalusien, München, findet sie Reste jüdischer Geschichte und damit Bruchstücke ihrer Familiengeschichte. In Ungarn ist es ein alter jüdischer Friedhof. Die meisten Gräber sind zerstört, nur noch zwei Grabsteine sind lesbar. Auf ihnen stehen die Namen von Feldmans Urgroßmutter und deren Mutter.
Ist das – Heimat?
"Wie kann ich", schreibt sie, "dieses Gefühl beschreiben, zugleich lebendig zu sein und ausgemerzt? Von Lebenden abzustammen und von Toten? Ein Teil von mir wurde ausgelöscht. Wie werde ich diese Wunde in meiner Familie je heilen können?"
Deborah Feldman hat bislang zwei Bücher geschrieben, "Unorthodox" (2012) und "Exodus" (2014), beides Bestseller, nicht allein in den USA. Dort ist Feldman von früheren Bekannten und Verwandten Nestbeschmutzung vorgeworfen worden, Verdrehung von Tatsachen und übler Wille. Ein Onkel legte ihr, als sauberste Lösung, den Selbstmord nahe.
Auch in deutschen Rezensionen wird "Überbitten" oft als Tatsachenbericht gelesen, als eine gern genommene autobiografische Emanzipationsgeschichte: Eine junge Frau befreit sich aus eigener Kraft aus dem Gehäuse ihrer ultraorthodoxen Herkunft.
Doch Deborah Feldman beschreibt sich nicht, sie erschreibt sich in "Überbitten" ihr Leben. Das Buch, sagt sie, sei mehr Maske als Porträt: "Das Ich meines Buches ist eine Maske insofern, als es eine Tarnung bietet. Ich schreibe über mein privates Leben, und die Menschen denken: Oh, wie ehrlich! Und glauben, diese Frau zu kennen. Das ist die perfekte Versteckmethode. Ich habe mich dann wirklich geborgen. Weil ich mich so umwoben habe mit Geschichten."
Schreiben ist für sie Selbstbildung und Verschwinden gleichermaßen.
Feldman hat darauf bestanden, das Gespräch auf Deutsch zu führen. Sie spricht es beneidenswert gut, redet schnell und konzentriert, fehlt ihr ein Wort, lässt sie sich nicht abspeisen, sondern fragt nach und speichert das neue Wort ab. Genauso, sagt ihr Verleger, würde sie schreiben. Schnell, am Küchentisch oder im Café, ohne Plan, aber voller Vertrauen auf die unsichtbare Hand der Narration: "Wenn alles, was ich aufschnappe, Zufall ist, dann ist das Leben eine Serie von richtigen Zufällen."
Schon als Kind begann Feldman zu lesen – heimlich und gegen den Willen ihrer Nächsten und der Gemeinde. Wie eine Verdurstende saugte sie den existenziellen Kanon auf, las Baruch de Spinoza, Hannah Arendt, Primo Levi, Czesław Miłosz. In jedem Buch findet sie sich selbst: "In jedem Buch", sagt sie, "in jeder Geschichte habe ich eine Lücke für mich gefunden, in die ich genau hineingepasst habe. Und ich spürte den Impuls: Mach das Leben zu der Erfahrung, die du hast beim Lesen."
Ohne Bücher und Schreiben sei sie immer noch verloren: "Nur am Schreibtisch und beim Lesen fühle ich mich beruhigt. Dann weiß ich, wie alles ist."
Jedem Kapitel von "Überbitten" ist ein Zitat vorangestellt, mit jedem Kapitel hangelt sich die junge Frau von Identität zu Identität, begreift ihr Leben mit den Sätzen eines Primo Levi oder Imre Kertèsz. Amerika bereist sie mit Jean Baudrillard.
"Ich weiß", heißt es in "Überbitten", "dass dieser Vorgang des Aufspringens auf Menschen, als würde man auf ein Vehikel aufspringen, um seine Fracht in die gewünschte Richtung tragen zu lassen, integraler Bestandteil meines ursprünglichen Ziels war."
Das ist legitim, sofern die Eingemeindung nicht zu kühn ausfällt: "Ich erkannte in Kertèsz' Stimme meine eigene ererbte Unfähigkeit wieder, meine Existenz mit der Vernichtung so vieler anderer zu versöhnen."
Jedes Erlebnis kommt wie eine zwangsläufige Fortsetzung daher, so als hätten Erzählung und Biografie die gleiche Folgerichtigkeit: "Man könnte sagen, dass ich ein spirituelles Vertrauen in den nicht aufzuhaltenden Elan narrativer Entwicklungen hatte."
Sie reist nach Andalusien, auf der Suche nach dem Ursprung des Chassidismus: "Ich wollte dort bestätigt finden, dass es ein Wurzelsystem gab, das weit verbreitet und tief eingewachsen war in die europäische Erde, eine nachdrückliche Rückversicherung." Aber vergebens sucht sie in Córdoba nach Resten jüdischen Lebens. Selbst im jüdischen Museum stellt sie fest, "dass beinahe alles andere in dem Museum eine Art 'inspirierte Rekonstruktion' war, im Gegensatz zu wirklichen Fundstücken".
Europa ist ein Ruinenfeld, ebenso voller Leerstellen, Hohlräume, Falltüren wie die deutsche Sprache. Und genau deswegen möchte Deborah Feldman hierbleiben, in dieser alten, für sie neuen Welt und nicht mehr zurück in die USA.
Der Titel "Überbitten" ist in Fraktur gesetzt. Das ursprünglich jiddische Wort meint, ein Gegenüber zur Milde zu bewegen. Es klingt bitten mit, abbitten, auch hereinbitten.
Laut Impressum ist "Überbitten" von dem Verleger Christian Ruzicska übersetzt worden. Aber: "Es gibt kein Original, es gibt nur ein Skelett", sagt Feldman und meint damit das englische Buch mit dem Titel "Exodus".
Dort finden sich tatsächlich viele Passagen. Doch sind die Szenen in "Überbitten" sorgfältiger ausgeführt, Dialoge entfächern sich, und es treten Details hinzu. Die gleichen Erfahrungen werden mit anderen Menschen gemacht, Szenen kommen in anderer Reihenfolge. Der französische Literaturwissenschaftler Serge Doubrovsky hat diese Methode "Autofiction" genannt. Goethe nannte es "Dichtung und Wahrheit". Erinnerungen können nachbelichtet werden, Erfahrungen neu komponiert und zugeordnet werden. Das ist legitim und erweitert die Möglichkeiten der Erzählerin.
Feldman möchte von "Exodus" nichts mehr wissen: "Es war eine Selbstverneinung. Ich sollte immer irgendetwas spielen. In Amerika bist du nur etwas, wenn du bist, was alle sagen, dass du bist. Du definierst dich in dieser Gesellschaft nur als Spiegelung. Alles ist so öffentlich, alles passiert auf der Bühne." Für das amerikanische Publikum hätte sie eine New-Age-Therapie hineingeschrieben, schamanische Sitzungen, die dem Buch das Gerüst geben. In "Überbitten" ist davon keine Spur mehr. Es sei, sagt sie, ihr erstes eigenes und "ohne Korsett" geschriebenes Buch.
"Überbitten" ist in symbiotischer Zusammenarbeit mit ihrem Verleger entstanden: "Ich habe ihm Kapitel für Kapitel auf Englisch vorbeigebracht. Dann saßen wir gemeinsam über seiner Übersetzung, oft sechs, sieben Stunden lang. Ich habe Sätze ergänzt, auf Englisch und Deutsch, er hat getippt, oder umgekehrt. Wir haben über Wörter gestritten, weil manchmal Adjektive aus dem Jiddischen besser passen, auch wenn sie ungebräuchlich sind."
"Gleichwohl", "erdreisten", "obgleich", "kundtun", "gewillt sein", das sind ungewohnte Wörter für eine 31-jährige Autorin, zumal das Altertümliche in ihren englischen Büchern weniger ausgeprägt ist. "Die deutsche Sprache ist immer noch aufgeladen", sagt Deborah Feldman. "Jeder muss sie für sich selbst entschärfen. Ich habe mir eine Vorkriegssprache dafür ausgesucht."
So schreibt Feldman in einem hohen Ton, mehr Fontane als Stuckrad-Barre. "Ich bin eben mit einer altmodischen Sprache aufgewachsen, mit Bibel und Talmud. Einen Satz wie 'bist du gewillt' oder 'tat kund' sagt keiner mehr, aber auf Jiddisch schon. Das Jiddische gibt mir ein Fundament, Deutsch gibt mir die literarische Sprache."
Bisweilen stolpern ihre Sätze etwas altklug daher, manche Sätze wirken noch steif und riechen nach Mottenkugel: "Würde ich auf immer meine Ketten mit mir herumschleppen, stets die bittere Reue schmecken müssen, die die unwiderruflichen Entscheidungen begleitete, die in meiner Jugend für mich getroffen worden waren?"
Nebbich. Das ist auch der hastigen Produktion geschuldet. Aber dann ist es gerade eine aus der Zeit gefallene Sprödigkeit, die Feldmans Sprache ihren Reiz gibt: "Ihre stielgliedrigen Beine blieben vollkommen unbewegt, wenn das graue Wasser um sie herumrauschte und auf der Flussoberfläche kleinste Splitter weiß aufleuchteten, sobald sie das Sonnenlicht einfing."
Sie weiß, dass sie anders schreibt als ihre Generation: "Bin ich überhaupt in meiner eigenen Gegenwart?", fragt sie. "Ich bin jetzt 31 Jahre alt. Wenn ich 50 sein werde, wird es die Menschen, die mir heute Mails schreiben, nicht mehr geben."
Die Chassiden sehen ihre weltabgewandte Strenge, ihr "selbst auferlegtes Getto"-Leben als Sühnezeichen für die ermordeten Ahnen, um den zornigen Gott durch ihre Frömmigkeit zu besänftigen. Feldman flieht dieses Denken in Abstammungen – und bekommt paradoxerweise den deutschen Personalausweis, weil sich ein deutscher Urgroßvater im Stammbaum findet.
Der Frühstückstisch ist abgeräumt, das Omelett verschwunden, das Wettersteinmassiv bleibt noch etwas stehen. "Man sagt mir, ich sei naiv. Mein Erfolg, die Lacher bei den Lesungen kämen nur vom Antisemitismus hier." Nach dem Motto: Bei einem Buch über die Ultraorthodoxen darf auch ein Deutscher mal gegen Juden sein.
Sie ist es satt, ständig für etwas stehen zu müssen: "Ich bin kein Volk, ich bin ein Mensch", sagt sie. "Ich lehne diese Verantwortung ab. Niemand wird mir mehr etwas aufzwingen und Erlaubnisse erteilen."
Es sind nicht die Grenzen, die sie interessieren, sondern die Kompromisse, das Unvorhersehbare, die Hohlräume und toten Winkel, die Falltüren, die sich in diesem Land und seiner Sprache jederzeit öffnen können. Entinnerung, was sonst?
Deborah Feldman: "Überbitten". Aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska. Secession; 704 Seiten; 28 Euro.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 44/2017
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