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BASKETBALL

Wie ein Stück Rindvieh

Auf der Suche nach einem neuen Superstar liefern sich Adidas und Nike einen Kampf um die Gunst talentierter Schüler. Es geht um einen Milliardenmarkt. Von Großekathöfer, Maik

Sieben Sekunden sind noch zu spielen. Es steht 59:59, und Lamar Odom hat den Ball. Er dribbelt nach links, schlängelt sich auf den Korb zu. Dann wirft er, und mit der Schluss-Sirene fällt die Kugel durchs Netz: Die Rhode Island Rams gewinnen zum ersten Mal die College-Meisterschaft der Atlantic Conference.

Auf der Tribüne sitzen die Späher der Proficlubs. Sie sind nach Philadelphia gekommen, um den einen Rohdiamanten zu finden, der in jedem College-Jahrgang steckt. Und sie glauben, ihn entdeckt zu haben. "Odom geriet nie in Panik. Er wusste genau, wie viel Zeit er noch hatte, und er hat alles richtig gemacht", schwärmt ein Talentscout. Er habe gespielt wie Larry Bird, Michael Jordan oder Magic Johnson.

Den Zuschlag für Lamar Odom, 19, erhielten die Los Angeles Clippers aus der National Basketball Association (NBA). Der eigentliche Sieger stand indes schon längst fest: Es ist der Sportartikelkonzern Adidas. Bereits drei Jahre zuvor hatte die Marke mit den drei Streifen Odom unter Vertrag genommen.

So sind die Usancen auf dem härtesten Sportmarkt der Welt. Seit Nikes Erfolg mit Michael Jordan suchen die Sportschuster bereits in den Schulen nach dem nächsten potenziellen NBA-Star, der als Werbeträger das Geschäft ankurbelt.

Es geht um Milliarden. Mit Jordan als Identifikationsfigur gelang es Nike, den Umsatz von 1987 bis 1997 um mehr als tausend Prozent auf 9,19 Milliarden Dollar zu steigern. Doch Adidas hat zum Gegenschlag ausgeholt. 1996 verpflichtete der Konzern Kobe Bryant, der direkt von der High School in die NBA wechselte. Mit 17 Jahren unterschrieb das Übertalent für fünf Millionen Dollar.

Schon ein Jahr später war Bryants Schuh in den USA das am zweitbesten verkaufte Modell. Für Nike-Chef Phil Knight eine bittere Lehre: "Nie wieder darf ein Junge nach der Schule Profi werden, ohne dass wir beteiligt sind."

So ist zwischen Adidas und Nike ein bizarrer Krieg entbrannt um die Zuneigung der High-Schools-Kids, die das Zeug zu verkaufsfördernden Dribbelkünstlern haben. Mit welchen Waffen sie dabei kämpfen, haben Dan Wetzel und Don Yaeger jetzt in einem Buch mit dem Untertitel "Basketball, Konzern-Gier und die Korruption der amerikanischen Jugend" veröffentlicht*.

Die Firmen, so schreiben die Autoren, zahlen High-School-Trainern schon mal 15 000 Dollar, damit deren Schützlinge Trikots und Schuhe mit ihren Logos tragen - das soll den Nachwuchs frühzeitig an die Marke binden. "Was ich mache, ist unmoralisch", sagt Sonny Vaccaro, 60, einer der Menschenfänger in Diensten von Adidas. "Aber ich kann es nicht ändern." Geld regiert den Schulsport.

Abgesandte von Nike und Adidas drängen talentierte Teenager, auf Schulen oder Colleges zu wechseln, die von ihnen ausgerüstet und alimentiert werden. "Ständig haben mich Leute angerufen und mich gebeten, für ihr Team zu spielen", erinnert sich Wesley Wilson, der als Entdeckung des Jahres 1998 galt. "Die ganze Zeit hieß es: ,Ich gebe dir dies, ich gebe dir das.''"

Alles ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an. So bekam Marvin Stone aus

Huntsville (Alabama) zu seinem 16. Geburtstag einen Ford Explorer geschenkt, um ihm einen Schulumzug zu versüßen.

Im Sommer veranstalten Nike und Adidas mit ihren gesponserten Mannschaften Turniere, die so etwas wie eine Börse sind. Es gilt, die Talente in den Vorhof der NBA zu schleusen: die College-Teams. Dazu werden Kataloge gedruckt mit Spielerstatistiken, Heimatadresse und Telefonnummer jedes Kandidaten. Die Trainer der College-Teams "gucken dich an, als wärst du ihr Eigentum", sagt Wilson, der bei einem Nike-Turnier vorspielte. "Du kommst dir vor wie ein Stück Rindvieh."

Schule wird zur Nebensache. Zwar sind die High-School-Noten vieler Spieler für den College-Besuch zu schlecht, weil sie auf Körbe werfen, statt dem Unterricht zu folgen. Doch mit Stipendien - von Hochschulen, deren Teams unter dem Einfluss von Nike oder Adidas stehen - gelangen auch lernschwache Ballartisten aufs College.

Damit die Schultrainer gewogen und motiviert bleiben, verdienen sie bei großen Deals kräftig mit: Bis 2004 kassiert Joel Hopkins von der Mt. Zion Christian Academy in Durham (North Carolina) pro Jahr 150 000 Dollar von Adidas - er hatte Tracy McGrady gecoacht, der den Sportartikelherstellern zwölf Millionen Dollar wert ist.

Eingefädelt hat den Kontrakt Sonny Vaccaro. Er ist der ungekrönte Champion im Akquirieren von Talenten, holte Bryant zu Adidas, und als er noch bei Nike war, entdeckte er Michael Jordan als Werbepartner. Kritik prallt an ihm ab.

"Fragt doch die Trainer, warum sie nicht aufhören, unser Geld zu nehmen", sagt er, "und fragt die College-Präsidenten, warum sie nicht aufhören, Spitzensport zu fördern." MAIK GROßEKATHÖFER

* Dan Wetzel und Don Yaeger: "Sole Influence. Basketball, Corporate Greed, and the Corruption of America''s Youth". Warner Books, New York; 299 Seiten; 24,95 Dollar.

DER SPIEGEL 32/2000
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