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DER SPIEGEL

Wo liegt Bismarck nun wirklich?

Rudolf Augstein
Der Reichsgründer Otto Fürst von Bismarck war ein kleinlicher, oft mieser Despot. Darüber muss man nicht diskutieren. Und dennoch ein großer Mann? Ja. Die großen Männer müssen ja in ihrem politischen Gehalt gesehen werden, es hätte wenig Sinn, Michelangelo mit Beethoven zu vergleichen. Als "groß" müssen diejenigen Menschen - nicht nur Männer - bezeichnet werden, ohne die eine ganze Epoche gar nicht vorstellbar, gar nicht denkbar ist, siehe Elisabeth I. von England.
Die asiatischen Despotien dürfen wir hier auslassen, auch das Reich des Tenno. Bismarck war ein westlich gebildeter Staatsmann, ohne ihn wüssten wir nicht, wie die europäische Welt aussehen würde*. Frage: War die Vereinigung der deutschen Länder notwendig, stand sie auf der Tagesordnung? Und war es nötig, die k. u. k. Monarchie in Wien zu verdrängen? Dies ist eine Glaubensfrage.
In meinen Augen war diese Politik konsequent und durchdacht. Waren die Mittel schurkisch? Ohne Zweifel ja. Aber welcher große Mann, man denke nur an den Kardinal Richelieu, wäre ohne Schurkereien ausgekommen?
Den großen Napoleon, der in Europa viele Veränderungen bewirkt hat, dürfen wir hier weglassen. Er war ein Sohn des Glücks und purzelte vom Glücksrad. Ein Konzept hatte er letztlich nicht.
Bismarck war kein Hasardeur. Er spielte nur einmal, 1866, va banque. Er vertraute dem bedeutenden Generalstabschef Helmuth Graf von Moltke, und die Rechnung ging auf, die Armee des Kronprinzen kämpfte sich erfolgreich in Richtung Kanonendonner durch schweres Gelände und erschien rechtzeitig auf dem Kampfplatz von Sadová (Königgrätz klingt erhabener). Eine Niederlage hätte er politisch nicht überlebt.
Nun schien ein Krieg gegen Frankreich, das als europäische Vormacht galt, unvermeidlich. Er wollte sorgfältig vorbereitet werden, zumal Bismarck sich durch die Annexion Hannovers und anderer deutscher Gebiete keine Freunde gemacht hatte.
Wieder verließ er sich auf den Franzosenfresser Moltke. Diplomatisch hatte er in dem selbst ernannten Kaiser Napoleon III. keinen Dummkopf vor sich, aber auch keinen gleichwertigen Gegner. Bismarck konnte ihn mit allerlei Finessen überlisten.
Kutschiert wurde der Neffe des Korsen von der Kriegspartei und seiner spanischen Gattin Eugénie. Die Emser Depesche spielt da kaum eine Rolle.
Anders als gegenüber Österreich diktierte Bismarck einen Siegfrieden. Mir scheint, selbst wenn er nicht gewollt hätte, wären das Elsass und Lothringen auf Druck der Generäle annektiert worden. Sehenden Auges kreierte Bismarck einen "Erbfeind". Man darf zweifeln, dass er anderes hätte durchsetzen können, aber er wollte es auch nicht.
Nun wäre es an der Zeit gewesen, das Deutsche Reich auch innenpolitisch auf den neuesten Stand zu bringen. Aber wir können die großen Männer nicht ändern. Für Bismarck stellte sich nun die Frage: Parlamentsheer oder Königsheer? Da war die Antwort einfach.
Bismarck ging es in erster Linie um seine eigene Macht und zweitens um die Vormacht Preußens im Reich. Aber dieses Reich war zusammengemogelt worden, in ihm steckte der Wurm. Bismarck wollte eine Militärmonarchie unter seiner Leitung - und er bekam sie. Nun wurde solcher Art auch die Bevölkerung kriegerisch gestimmt. Der Reserveoffizier wurde zum deutschen Leitbild. Bismarck selbst ließ sich fast nur noch in Uniform sehen.
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, zu sagen, ob Bismarck so dem ersten großen Krieg Vorschub geleistet und die Niederlage mit heraufbeschworen hat. Beweisen lässt sich, dass er jedem politischen Fortschritt den Weg verlegte. Er ging grollend ab, obwohl auch sein außenpolitisches System sich überlebt hatte.
Er politisierte und hasste. Aber um wie viel wären wir ärmer, wenn wir die Briefe und Denkwürdigkeiten dieses großen Stilisten vermissen müssten.
So müssen wir auf die Frage des Dichters Theodor Fontane, wo der tote Bismarck liegen solle, ehrlicherweise antworten: irgendwo im Nirgendwo.
* 1862 in Biarritz versuchte Bismarck die Frau seines Freundes Orlow aus dem Meer zu retten. Sie kam an Land, aber Bismarck hatte seine Kräfte derart erschöpft, dass er ohne einen wachsamen Leuchtturmwärter ertrunken wäre.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 4/2001
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