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DER SPIEGEL

KUNSTMARKTBis zur Hemmungslosigkeit

Eine neue Generation von Sammlern erobert den Kunstmarkt. Eine Bank vergibt Kredite an die jungen Enthusiasten, die selten Vermögen, dafür aber ein beeindruckendes Fachwissen haben.
Warum er denn jetzt so lache, wird Stefan Horsthemke manchmal am Telefon gefragt. "Ach, einfach nur so", antwortet der Hamburger Kunsthistoriker dann und zwinkert noch einmal Miss Piggy zu, bevor er auflegt. Das Foto der Schweinedame des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy hängt über seinem Schreibtisch.
"Kunst gibt unserem Leben Leichtigkeit, Inspiration und Witz", sagt Horsthemke, 36, "wir genießen sie wie ein gutes Glas Wein." Das sei der Grund, warum in der Wohnung, die er mit seiner Frau Cordula Lichtenberg, 37, bewohnt, nur noch wenig Platz an den Wänden ist.
Im Schlafzimmer über dem Hochbett hängen Porträts der Amerikanerin Elizabeth Peyton, im Arbeitszimmer prangen Fotos von Wolfgang Tillmans, und im Esszimmer frühstückt das Paar mit Blick auf ein grellbuntes, großformatiges Ölbild des Hamburger Malers Christian Hahn. Um Wohnungsdekoration gehe es bei all diesen Bildern aber nicht, so Horsthemke, sondern um "Kunst als Elixier des Lebens".
Horsthemke und Lichtenberg teilen ihre Sammelleidenschaft mit einer ganzen Generation neuer Kunstkäufer in Deutschland, von denen Galerien und Auktionshäuser profitieren. "Die Zahl der jungen Käufer", sagt Cheyenne Westphal, Direktorin für Zeitgenössische Kunst in Europa beim Auktionshaus Sotheby's, "hat dramatisch zugenommen." Auch Bernd Fesel, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Galerien in Köln, schwärmt von einem "eindeutigen Generationswechsel sowohl bei den Galeristen als auch bei den Sammlern".
Der Kunstmarkt wird offenbar von einer neuen Spezies von Käufern bevölkert, die jenseits von Statusdenken oder Spekulation ihr Geld in Bilder investiert, während andere Leute fleißig für das Ferienhaus im Süden sparen. Nachwuchssammler wie Horsthemke suchen "Lebensreflexion" in Bildern und Skulpturen. Es sind Kunstliebhaber, die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind und zumindest so viel Geld haben, dass sie sich aktuelle Kunst leisten können, in der sich ihr Lebensgefühl widerspiegelt.
So kauft auch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Manfred Ungemach, 38, gemeinsam mit seiner Frau Maike Liedtke-Ungemach, 31, am liebsten Werke von Newcomern, etwa dem Karlsruher Harding Meyer. Bilder, die für einige tausend Mark zu haben und somit erschwinglich sind. Immerhin 60 Prozent ihres Gesamtumsatzes von rund 750 Millionen Mark jährlich macht die deutsche Galerienbranche nach einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Galerien mit Bildern, die weniger als 10 000 Mark kosten.
Entsprechend buhlen die Galeristen um Kleinkunden. Und das sind in der Regel die Nachwuchssammler. Mit Schülerführungen auf der Messe und der Unterstützung beim professionellen Online-Auftritt der Galerien versucht der Verband, die Berührungsängste der Neukunden abzubauen und "die Zahl der interessierten Käufer am Markt langfristig stabil zu halten", so Bernd Fesel. Er weiß: "Wer heute Kunst kauft, hat sich zuvor schon einige Zeit damit befasst."
Wie der Berliner Fotograf Stefan Maria Rother, 35. Schon Jahre bevor er die erste Zeichnung kaufte, hatte er regelmäßig Ausstellungen besucht, Kataloge durchgeblättert und Kunstbücher studiert. Besonders viel Geld habe er als zweifacher Vater zwar nicht, aber ein Unikat zu besitzen sei "faszinierend". Und hip: Denn was ist schon der Coolness-Faktor eines Armani-Anzugs oder einer raren Importplatte gegen den eines abgefahrenen Original-Kunstwerks von einem Akademie-Absolventen oder gar einem Turner-Preisträger?
Seit drei Jahren gibt Rother sein Geld für Kunst aus und ist darum genau der Kunde, auf den die Galeristen in Berlin schon länger warten. Die Stadt konnte seit 1945 noch keine bemerkenswerte Sammlertradition entwickeln. Zwar bot Berlin nach der Maueröffnung eine vitale Szene von Aufbruch und Neuland, Kunst gekauft haben bisher aber vor allem reiche Ausländer. Etwa IT-Millionäre, von denen die Galeristen gern erzählen, um zu beweisen, dass der deutsche Markt endgültig den Sprung in die Internationalität geschafft hat.
Kunsthändler Martin Klosterfelde, 29, eröffnete vor fünf Jahren seine Galerie in Berlin, jetzt stellt er fest: "Langsam fangen die Leute an zu kaufen, vorher haben sie sich aber einige Jahre umgeschaut." András Siebold, 24, der erst letztes Jahr den deutschen Ableger der schwedischen Galerie Nordenhake im neuen Galerienquartier an der Zimmerstraße in Berlin- Mitte aufmachte, ist "überrascht, wie gut die jungen Kunden alle Bescheid wissen".
Dieses autodidaktisch erworbene Expertenwissen zeichnet die neuen Sammler genauso aus wie eine an Suchtverhalten grenzende Kaufwut. "Irgendwann stellt sich eine gewisse Hemmungslosigkeit ein", sagt der Düsseldorfer Arzt Eckard Günnewig, 42. Er sammelt schon seit Studienzeiten, mittlerweile umfasst seine Sammlung mehr als 150 Werke, so dass er ein Lager mieten musste. "Eines Tages hört man auf, sich zu fragen, ob man das nächste Bild noch hängen oder noch bezahlen kann. Manchmal habe ich jahrelang Raten abgezahlt", berichtet Günnewig.
Abenteuerliche private Abzahlungsmodi bringen oft nicht nur den Kunden, sondern auch den Galeristen in Schwierigkeiten. Das rief die Allbank in Hannover auf den Plan. In ihrem Projekt "Art Financing" bietet die Bank jungen Kunstsammlern die Möglichkeit der schnellen und unkomplizierten Geldaufnahme.
"Das ist so einfach wie ein Kredit für eine Waschmaschine", sagt Robert Daubner, verantwortlich für den neuen Geschäftszweig: "Schließlich muss jeder Sammler klein anfangen." Und dabei hilft die Allbank mit Krediten zwischen 1000 und 100 000 Mark zu 7,9 Prozent Jahreszinsen. Mit Hilfe einer Hotline zwischen Galerie und Bank, nach den üblichen Bonitätsprüfungen, werden die Darlehen an Ort und Stelle vergeben. "Wenn 4000 Galerien in Deutschland an unser System angeschlossen werden", so Daubner, "rechnen wir mit 8000 bis 10 000 Kunden im Jahr."
Ob allerdings die Sammelleidenschaft der neuen Kunstfreunde so unbändig ist, dass sie sich kurzerhand schon in der Galerie einen Kredit aufschwatzen lassen, ist fraglich. Dann schränkt man sich doch lieber an anderer Stelle ein. "Bevor wir 70 000 oder 100 000 Mark für ein Auto ausgeben, kaufen wir uns doch lieber Kunst", ist sich zumindest das Hamburger Paar Horsthemke und Lichtenberg einig. Und schließlich hat Kunstsammeln ja nicht nur etwas mit dem dicken Portemonnaie, sondern auch mit Jagdinstinkt zu tun. Der Geldmangel hat auch seinen Reiz, findet Eckard Günnewig: "In dem Moment, in dem man sich alles leisten kann, wäre es doch auch langweilig." ANNE PETERSEN
Von Anne Petersen

DER SPIEGEL 17/2001
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