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DER SPIEGEL

AFFÄRENStarke sexuelle Entwicklung

Musste Kanzler Bismarck 1890 gehen, weil er intime Vorlieben Kaiser Wilhelms II. kannte? Dokumente aus dem Bismarck-Nachlass geben Anlass zu bizarren Spekulationen.
Der Landrat fand die Ergüsse aus der Feder Seiner Majestät unappetitlich. "Es ist haarsträubend, derlei zu Papier zu bringen", notierte Graf Wilhelm von Bismarck, der den Brief im Auftrag seines Kaisers zurückholen sollte.
Der Sohn des Reichskanzlers Otto von Bismarck zahlte 25 000 Mark - das entspricht heute dem Wert einer halben Million Mark - für die delikaten Schreiben Kaiser Wilhelms an Emilie Klopp alias Miss Love, eine Straßburger Edelprostituierte. Wilhelm war 1879 als Prinz zu deren Kundenstamm gestoßen. Der Edelmann, damals Anfang 20, muss seine Emilie besonders geschätzt haben. Er schenkte ihr ein Foto; seine geheimen Sehnsüchte und Wünsche schrieb er ihr in zahlreichen Briefen, was ihn schließlich teuer zu stehen kam. Bis zu ihrem Tod 1894 erhielt Miss Love immer wieder Schweigegeld vom Hofe.
Die hofinternen Vermerke über die Erpressung hat der britische Wilhelm-Biograf John Röhl vor einigen Jahren ausgewertet. Das Corpus Delicti, die amourösen Zeilen des Kaisers, sind allerdings verschwunden. Nun ist im Bismarck-Nachlass in Friedrichsruh erstmals ein Hinweis aufgetaucht, der ahnen lässt, was den jungen Preußen damals umtrieb. Die "Zeit" fand ihn in der Korrespondenz zwischen Reichskanzler Otto und seinen Söhnen Herbert, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und dem Geldboten Wilhelm.
Die Bismarck-Nachfahren hatten die vertraulichen Unterlagen 1996 der bundeseigenen Bismarck-Stiftung übergeben; dort kann man jetzt nachlesen, was Landrat Wilhelm Ende 1888 notierte: "Die L(ove) deutete an, dass in den Briefen ganz eigentümliche Neigungen zur Komplikation des gewöhnlichen Coitus bekundet wären, wie z. B. Zusammenbinden der Arme." Kaiser Wilhelm war demzufolge ein Liebhaber ungewöhnlicher Praktiken, und die Bismarcks haben davon gewusst.
Ein Jahr vor der ersten Zahlung an Miss Love war Wilhelm Kaiser geworden, ein Jahr danach, 1890, musste Bismarck gehen. Wilhelm, schlussfolgert nun die "Zeit", sei es unangenehm gewesen, "dass sein großer Gegenspieler Bismarck mehr über sein Intimleben wusste, als ihm lieb sein konnte". Demnach hätte Miss Love ein unbekanntes Stück Geschichte geschrieben.
Prinz Wilhelm lernte Emilie Klopp-Love während eines Manövers im Elsass kennen. Mit der 15 Jahre älteren Frau aus dem elsässischen Gertweiler hatte Wilhelm wahrscheinlich sein erstes Verhältnis überhaupt. Wilhelm-Experte Röhl hält Klopps uneheliche Tochter für das älteste Kind des Kaisers. In den späten achtziger Jahren besuchte die Liebesdame ihren Wilhelm angeblich sogar in Potsdam.
Das Verhältnis zwischen Bismarck und Wilhelm war zu jenem Zeitpunkt bereits getrübt, allerdings aus politischen Gründen. Der über 70-jährige Kanzler hielt immer weniger von dem Prinzen, der sich mit Vorliebe auf Exerzierplätzen tummelte.
Als Bismarck 1887 Wilhelm in einem lancierten Artikel öffentlich rüffelte, hatte der spätere Thronfolger genug. "Die Macht des Kanzlers, so wie sie jetzt ist, kann nicht dauern", schäumte er, Bismarck "muss mal gewahr werden, dass es noch einen Kaiser gibt".
Kaum hatte Wilhelm den Thron erklommen, übermittelte er Beamten in der Provinz seine Befehle direkt, an Bismarck vorbei. Von der russlandfreundlichen Politik seines Kanzlers wandte sich der Regent ab ("Ich gebe die Russen auf"). Und während Bismarck die streikenden Arbeiter niederknüppeln wollte, setzte der Kaiser auf Reformen: "Es wäre beklagenswert, wenn ich den Anfang meiner Regierung mit dem Blut meiner Unterthanen färben müsste!"
Und Wilhelms Amouren? Darin sah Bismarck, das zeigen die Friedrichsruher Papiere, eine Petitesse. So etwas sei "den tugendhaftesten Monarchen in ihrer Jugend passiert". Die mögliche Reaktion der Öffentlichkeit war ihm "ganz gleichgültig".
Diskret war Wilhelm nie gewesen. In einem Hotel im österreichischen Eisenerz vergnügte er sich mit zwei Damen so laut, dass die anderen Gäste erwachten. Bei einem Rendezvous ließ er sich die Manschettenknöpfe klauen, die später die Runde machten. Ganz Potsdam wusste von seinem Verhältnis zu der schönen, rothaarigen Gräfin Wedel.
Immer wieder mussten Diplomaten und Freunde Briefe aufkaufen und zahlten Kindergeld für angeblichen oder tatsächlichen Nachwuchs Wilhelms. Hätte der Kaiser wirklich Mitwisser am Hof und in der Regierung gefürchtet und deshalb entlassen, wären Mitarbeiter reihenweise ausgeschieden.
Für den Kaiser war es keine Machtfrage, wer von seinen Affären wusste. Er beauftragte den Sohn seines großen Gegenspielers Bismarck damit, die peinlichen Briefe aufzukaufen. So handelte keiner, der etwas vor Bismarck verbergen wollte.
Auf die Diskretion der Bismarck-Sippe konnte sich Wilhelm verlassen - auch nachdem er den Eisernen Kanzler zum Rücktritt zwang. In dessen Erinnerungen war nur dunkel von der "starken sexuellen Entwicklung" Wilhelms die Rede. Die Details nahm Bismarck mit ins Grab.
KLAUS WIEGREFE
* Oben: mit seiner Verlobten Prinzessin Auguste Viktoria; unten: zeitgenössische Illustration.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 22/2001
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