Cleverer Akt
Michael Steiner hatte überhaupt keine Lust, noch weiter über das Rollfeld des Moskauer Flughafens gefahren zu werden. Spät- abends zog sich der letzte Tankstopp vor Ende einer langen Asien-Reise ungebührlich in die Länge. Grimmig schritt der Sicherheitsberater des Bundeskanzlers durch die Business-Class-Reihen des Luftwaffen-Airbus auf den Vertreter der deutschen Botschaft zu. "Warum werden wir nicht betankt?", knurrte er den Mann im Mantel an.
Oberfeldwebel Mario P. hatte freilich auch keine Lust, sich mit dem unbekannten Herrn aus Berlin zu befassen. Gerade noch hatte der selbstbewusste Unteroffizier andere Beschwerdeführer mit dem Hinweis auf die Landessitten abtropfen lassen: "Das sind eben russische Verhältnisse."
Jetzt musterte er Steiner abschätzig und drehte sich zu einem Unteroffizier der Flugzeugbesatzung: "Jetzt rede ich erst mal mit Ihnen."
Steiner wurde wütend, wandte sich seinerseits zu einem der Umstehenden. "Was ist das denn für ein Arschloch?", fragte er den Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt, Achim Schmillen.
Der Rest ist ein Stück neuerer Zeitgeschichte. Der außen- und sicherheitspolitische Berater des Kanzlers erlebte, wie ein kleiner Unteroffizier aus der Moskauer Botschaft innerhalb von wenigen Tagen eine der steilsten Karrieren des diplomatischen Dienstes vorläufig beenden kann. Vergangenen Dienstag bat Steiner den Kanzler um seine Entlassung. Zu groß war da schon der Druck von außen geworden. Die dienstliche Beschwerde, die P. und seine Kameraden sofort nach dem Kanzlerbesuch aufsetzten, gelangte Ende vorvergangener Woche an die Presse.
Erst berichtete der Berliner "Tagesspiegel" voller Mitgefühl für die Soldaten, wie Steiner nicht nur mehrmals "Arschloch" geschimpft, sondern auch noch Kaviar verlangt habe. Dann nahm sich "Bild" der Sache an. Pünktlich zum SPD-Parteitag forderte das Boulevard-Blatt: "Kanzler, entlassen Sie diesen Mann."
Spätestens da interessierten die Fakten des umstrittenen Wortwechsels nicht mehr. Steiners Wunsch nach Kaviar war nach Darstellung von AA-Mann Schmillen keine zynische Herrschaftsgeste eines Spitzenverdieners, sondern der Running Gag unter den frustrierten Passagieren. Auch die Leiterin des Kanzlerbüros, Sigrid Krampitz, fand, die Militärs an der Moskauer Botschaft hätten schlampig gearbeitet, und drohte den Soldaten im Flugzeug "Konsequenzen" an. Die Berliner Regierungsmannschaft bewertet die öffentlich gemachte Gegenbeschwerde aus der Moskauer Botschaft als cleveren Akt der "Vorneverteidigung".
Noch am Sonntag - im Wissen um den ersten "Bild"-Artikel - nahm der Kanzler am Vorabend des SPD-Parteitags seinen Berater in Schutz. Er wolle Steiner wegen einer solchen Kleinigkeit nicht opfern, sagte er.
In der nächsten Nacht übernahm Steiner freilich selbst die Initiative. Vertraute hatten ihm berichtet, dass "Bild" die Kampagne gegen ihn entschlossen fortsetzen würde. Die Anti-Steiner-Serie, so seine Befürchtung, würde auch Schröder schwächen. Nachts um drei verfasste Steiner seinen Rücktrittsbrief: "Ich bitte Sie, mich meiner vor drei Jahren verliehenen Funktionen zu entbinden."
Dienstag gegen elf Uhr ging das Schreiben bei Schröders Büroleiterin in Nürnberg ein. Ratlos standen Schröder und sein Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier am Rande der Tribüne des Nürnberger Parteitages. Steiner hatte Fakten geschaffen. Der Kanzler unternahm nichts, ihn umzustimmen. Einen Tag später präsentierte Schröder seinen neuen Chefberater, den 64-jährigen Uno-Botschafter Dieter Kastrup, einen erfahrenen Diplomaten.
Steiners Jahre mit Schröder waren von brachialen Polit-Manövern gekennzeichnet, die dem Berater den Titel des "Undiplomaten" ("Die Zeit") eintrugen. Den Deutschen Horst Köhler platzierte er gegen den Widerstand der Amerikaner als Chef des Internationalen Währungsfonds IWF - opferte dafür freilich den Finanzstaatssekretär Caio Koch-Weser, der als Alibi-Kandidat auf der Strecke blieb. In der "Protokollaffäre" über eine heikle Mitschrift eines Gesprächs mit dem US-Präsidenten George W. Bush (SPIEGEL 24/2001) versuchte er gnadenlos, die Schuld auf den Protokollführer, den deutschen Botschafter Jürgen Chrobog zu schieben - bis Außenminister Joschka Fischer den Kanzlermann stoppte.
Bei Fischer hat sich Steiner vergangenen Donnerstag zurückgemeldet. Der Minister muss jetzt zusehen, dass er für den 51-Jährigen eine Position findet, die der Besoldungsstufe B9 (rund 15 500 Mark Grundgehalt) des Spitzenbeamten entspricht. Dafür kommt eigentlich nur eine der wenigen Großbotschaften bei wichtigen Partnern oder internationalen Organisationen in Frage - zum Beispiel die in Moskau. RALF BESTE