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DER SPIEGEL

FILM / STARSLollo wählte die Freiheit

(s. Titel)
Meine Herren Anwälte", sprach der römische Richter, "Sie können doch nicht so einfach 100 Millionen Lire fordern, ohne genau zu sagen, warum, weshalb, wieso." Damit schob er den Akt "Forges-Davanzati contra Lollobrigida" zur Seite und vertagte die Verhandlung auf den 9. Dezember.
So hat die schöne Gina Lollobrigida ("Lollo"), Italiens schwarzgelockter Spitzenstar, durch einen Formfehler im gegnerischen Schriftsatz die erste Runde eines Duells gewonnen, das die italienische Filmwelt in zwei erregte Parteien gespalten hat:
* auf der einen Seite die Kämpfer gegen das Star-Unwesen und die Diva-Allüren ("Divismus"),
* auf der anderen die Verfechter der "Rechte des Künstlers".
Der "Fall Lollo" hat damit die Größenordnung grundsätzlicher Bedeutung erhalten - und ist dabei doch nur aufgekommen, weil die Lollobrigida sich in einem Film nicht selbst persiflieren will.
Am Anfang der Affäre war der Regisseur Antonioni, der im vergangenen Frühjahr das Exposé für eine Satire über den Pin-up-Rummel des italienischen Films schrieb. Titel: "Die Dame ohne Kamelien", Inhalt: die "künstlerische" Filmkarriere einer Schönheitskönigin. Der Film sollte eine Satire auf die Produzenten werden, die mit üppigen Formen ihr Geschäft machen. "Lollo", die da mitreden kann, war begeistert.
Im Juni erhält sie das "treatment", ein Mittelding zwischen Exposé und Drehbuch, in dem der Stoff roh skizziert ist: Die Filmproduzenten Borra und Fabbri "entdecken" während der Aufnahme-Arbeiten an einem Film die ehemalige Angestellte Clara Manni, die über einen Schönheitswettbewerb in die Filmwelt gerutscht ist. In Anbetracht ihrer Schönheit ändern Borra und Fabbri den schon in Arbeit befindlichen Film radikal um. Sie gruppieren nun die gesamte Handlung um den Sex-Zauber der Manni, und es gibt einen aufsehenerregenden Erfolg.
Weiter im "treatment": Fabbri, der jüngere der beiden Produzenten, kann der Manni nicht "widerstehen" und heiratet sie, obwohl sie gerade für einen anderen pikanten Film arbeitet, der nun unvollendet bleibt. Sie ziehen in eine Luxusvilla ein, und Fabbri bereitet seiner Frau das Leben einer großen Dame. Die schöne Manni langweilt sich aber in der mondänen Umgebung. Gemeinsam mit Borra gelingt es ihr, den Gatten für die Planung eines neuen Films zu gewinnen.
Über den Stoff können sich die beiden Produzenten noch nicht einigen. Borra möchte einen "verwegenen" Film, Fabbri will seine Frau nicht "halbnackt" photographieren und wählt einen Stoff um die Gestalt der Jungfrau von Orleans. Da Borra kein Risiko eingehen will, ist Fabbri
gezwungen, den Film - mit seiner Frau in der Hauptrolle - allein zu verwirklichen.
Auf der Biennale fällt der neue Film mit Clara Manni als Jungfrau rasselnd durch. Nun folgt der große Kater: Fabbri, der seine ganzen Kapitalien in das Unternehmen gesteckt hat, macht einen Selbstmordversuch; die Manni läßt sich scheiden, wird aber von ihrem neuen Geliebten enttäuscht.
In Mailand will sie wieder in das "einfache Leben", doch als sie von allen Seiten Angebote bekommt, kehrt sie zum Film zurück. Nach einigen vergeblichen Versuchen, eine "schauspielerische" Rolle zu bekommen, unterzeichnet sie resigniert einen Kontrakt für einen der vielen Pinup-Filme. Sie hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden: sie wird nie etwas anderes sein als "die Schauspielerin mit dem Atom-Busen". Soweit das "treatment" zu "Die Dame ohne Kamelien".
In der naiven Annahme, der Film gehe über eine wohlwollende Satire auf den italienischen Film im allgemeinen nicht hinaus, unterzeichnet die Lollobrigida am 4. Juli den Vertrag, der ihr eine Gage von 16,5 Millionen Lire (ca. 110 000 DM) sichert. "Lolo", die wie die Titelfigur Clara Manni durch einen Schönheitswettbewerb bekannt wurde, hatte nichts gemerkt.
Erst als sie am 12. Oktober, einen Tag vor Aufnahmebeginn, das fertige Drehbuch zu Gesicht bekommt, dämmert es ihr, daß "Die Dame ohne Kamelien" stark
autobiographische Züge hat; "Lollo" soll also ihre eigene Karriere persiflieren. Das ist für die Lollobrigida, die wie die Clara Manni des Drehbuches einmal eine große Schauspielerin werden möchte, ein harter Schlag.
Trotz der hohen Gage ist sie entschlossen, da nicht mitzutun. Um 16.30 Uhr schickt sie ein wütendes Telegramm an den Produzenten Forges-Davanzati: Aus dem Drehbuch müßten alle billigen Angriffe auf sie und ihre Kolleginnen, auf Regisseure und Produzenten entfernt werden, alle zweideutigen Szenen und eindeutigen Redewendungen*).
Statt also am nächsten Morgen zum Beginn der Dreharbeiten in Mailand zu erscheinen, beruft die Lollobrigida in Rom eine Pressekonferenz ein, auf der sie feierlich erklärt: "In diesem Film kann ich nicht mitwirken, das wäre keine Satire auf eine bestimmte Seite der Film-Industrie, sondern eine Beleidigung des ganzen italienischen Films geworden."
Zuerst aber einmal fühlen sich die beiden Drehbuch-Autoren von "Die Dame ohne Kamelien" beleidigt und reichen Klage gegen die Lollobrigida ein.
Der im Stich gelassene Produzent Forges-Davanzati bereitet ebenfalls einen Prozeß vor: wegen Vertragsbruches fordert er von der Lollobrigida 100 Millionen Lire (ca. 700 000 DM) Schadenersatz. Denn der Vertrag habe der Schauspielerin keine Befugnis eingeräumt, das Drehbuch zu kritisieren oder gar abzulehnen. Außerdem könne keine Rede davon sein, daß das Ansehen der Lollobrigida durch den geplanten Film verletzt worden wäre.
Auch Regisseur Antonioni bemüht sich mit einigen fadenscheinigen Worten: "Um das Drama der Clara Manni künstlerisch wiederzugeben, benötige ich eine große Schauspielerin und keine Dilettantin. Deshalb wählte ich Gina Lollobrigida." In der Geschichte der Filmkunst fehle es übrigens nicht an Beispielen dafür, daß Schauspieler in gewisser Weise ihr eigenes Leben persifliert hätten: "Man könnte als Beispiel Bette Davis (''Alles über Eva'') und Gloria Swanson (''Boulevard der Dämmerung'') oder Charlie Chaplin anführen, der in seinem letzten Film einen bankrotten Clown darstellt."
"Gina liebt nichts mehr als ihre Freiheit", erklärt Dr. Mirko Skofié jetzt der Presse. "Sie wählte die Freiheit, wie sie es schon vorher bei einigen Dutzend anderer Filme machte, für die man sie verpflichten wollte." Der 30jährige Mirko Skofié, ein gutaussehender emigrierter Jugoslawe, staatenloser Arzt und erfolgreicher Filmdebütant, ist im Hauptberuf Gatte der Lollobrigida. Mit scharfem Blick
überwacht er den Freiheitsdurst (und das Bankkonto) seiner nicht immer so weitsichtigen Frau.
Die Prozesse betrachtet Mirko unter einem optimistischen Blickwinkel. Die Diskrepanz zwischen Exposé und Treatment einerseits und dem endgültigen Drehbuch andererseits sei derart frappant, daß man daraus die Nichtigkeit des ganzen Vertrags werde beweisen können. "Und im übrigen ist meine Frau es satt, daß sie nie mehr als Busen und Beine zeigen darf." (Mit dem "Mehr" meint er die schauspielerischen Qualitäten.)
Die 24jährige Gina Lollobrigida (Betonung auf dem ersten i, die beiden g werden wie dsch gesprochen), Tochter eines kleinen Papierladenbesitzers in dem für seine schönen Mädchen berühmten Bergstädtchen Subiaco, ist neben Silvana Mangano der attraktivste Star des italienischen Films.
Um Gesang und Zeichnen zu studieren, war die Lollobrigida nach dem Kriege von Subiaco nach Rom gefahren. Schon damals konnte sie auf eine bescheidene Schönheits-Karriere zurückblicken: Mit drei Jahren hatte sie den Titel "Schönstes Kleinkind" errungen, dann wurde sie Italiens "Lyzeumskönigin", später die "Schönste von Stresa".
Auch in Rom kann man die bemerkenswerte Lollobrigida nicht übersehen, um so weniger, als sie keineswegs so prüde ist. Jedenfalls hält sie der Filmregisseur Mario Costa auf der Straße an, wo er seltsamerweise gerade eine "unverbrauchte Besetzung" sucht. Die Lollobrigida bekommt die weibliche Hauptrolle in dem Benjamino-Gigli-Film "Follie dell''Opera".
Wohlmeinende Freunde bringen sie in diesen Wochen - fast gegen ihren Willen - mit einigem Erfolg zu Schönheitskonkurrenzen, und 1947 kürt man sie zur "Miss Roma".
In der Endausscheidung um den "Miss-Italia"-Titel wird sie (1948) zwar von Lucia Bosé geschlagen, aber ein Photo, daß "Lollo" im knappsten aller Bikinis zeigt, macht in Zeitschriften und Magazinen einigen Wirbel und die Lollobrigida bekannt. Bald ist sie der Star-Mannequin der internationalen Pin-up-Bildergalerie.
So wiederum wird der italienische Film auf sie aufmerksamer als zuvor. Bald sehen die italienischen Kinobesucher sie in mehreren Filmen, und was sie von ihr
sehen, gefällt ihnen. Sie wollen mehr von "Lollo". Und "Lollo" wird ein Filmstar.
Das geht so lange, bis es auch im Lande Jane Russells nicht mehr verborgen bleiben kann.
Amerikanische Filmgewaltige erklären nach dem Studium der Pin - up - Photos, "Lollo" habe "mehr Sex Appeal als die gesamte Garnitur der teiggesichtigen Schönheiten Hollywoods", die nur den Sex Appeal eines Lampenschirms aufzuweisen hätten. Film-Zar Howard Hughes, der Entdecker der Jean Harlow und der Jane Russells, läßt die Lollobrigida nach Hollywood kommen und bietet ihr einen dollarschweren Vertrag über drei Filme je Jahr. Da aber der 30 Seiten lange Kontrakt nach Hollywood-Manier auch Bestimmungen über die Gestaltung ihres Privatlebens enthält, lehnt die Lollobrigida ab.
Nach drei Monaten ist sie wieder in Italien, und als Hauptdarstellerin in dem Partisanenfilm "Achtung Banditi!" gerät sie unversehens in ein politisches Getümmel: Neofaschisten organisieren gegen sie und den antifaschistischen Film ausschweifende Protestkundgebungen.
Um diesen Film entspinnt sich aber noch ein anderer Skandal. Enrico de Boccard, der Rezensent der italienischen Wochenschrift "Meridiano d''Italia", veröffentlicht eine boshafte Kritik mit dem Fazit: "Das Einzige von Beständigkeit (in diesem Film) ist Ginas Busen... dieser sehr beachtliche Busen wird von allen möglichen Seiten präsentiert... in Weitaufnahmen, in halbweiten Aufnahmen, in Nahaufnahmen, in Großaufnahmen und in Sehr-Großaufnahmen. In seiner Aufregung vergißt de Boccard zu erwähnen, daß die Lollobrigida bekleidet war.
In seiner Aufregung gebraucht de Boccard auch für Busen verschiedentlich den Ausdruck "zinna", nach der Definition von "Lollos" Rechtsanwalt "ein vulgärer Ausdruck".
Als die Lollobrigida mit diesem eklatanten Fall zu Gerichte zieht, verteidigt sich de Boccard humorlos: er habe mit der Kritik nur seine Bewunderung für die Schönheit der Lollobrigida zum Ausdruck bringen wollen. Was den "beleidigenden" Begriff angehe, so sei er zum Beispiel schon von so berühmten Schreibern wie Machiavelli verwendet worden.
Der Prozeß macht in Rom tagelang Schlagzeilen und endet damit, daß Kritiker
de Boccard rund 750 Mark Geldstrafe zahlen muß. "Lollos" Rechtsanwalt verkündet: "Das Gericht hat bestätigt, daß Gina Lollobrigida eine ehrenhafte Frau ist..." Woran niemand gezweifelt hatte.
Über Mangel an Filmangeboten hat die Lollobrigida bei solcher Publicity - die ein Reklame-Manager nicht besser machen könnte - nicht zu klagen. Bis heute hat sie in 19 Filmen ihre mehr oder weniger gewichtigen Rollen ver-körpert.
Soeben erst war sie in Paris zur Premiere ihres Biennale-Films "Les Belles de Nuit" (Die Schönen der Nacht), ihrem zweiten italienisch-französischen Film nach "Fanfan la Tulipe" (Fanfan, der Husar). Doch am meisten ist sie mit ihrem letzten Film zufriegen: "La Provinciale" (Das Mädchen aus der Provinz), nach einer Novelle des italienischen Romanciers Alberto Moravia.
"Und im nächsten Juni werde ich in Hamburg arbeiten", plant sie. "In dem King-Vidor-Film ''To-morrow at ten'', mit Dan Andrews als Partner." Besuch von Journalisten empfängt sie in einem grauen Strickkleid, mit einem weißblauen Kopftuch, unter dem kokett ein Dutzend Lockenwickler hervorschaut.
In ihrem Kampf gegen die italienischen Filmgewaltigen weiß sie die meisten Kolleginnen und Kollegen auf ihrer Seite. Sie wollen bei der Filmgestaltung mitreden dürfen und sich nicht ununterbrochen vom ominösen "Publikumsgeschmack" und von kommerziellen Interessen "vergewaltigen" lassen.
Schon darum hat "Lollos" Weigerung, mit ihrer Rolle in "Die Dame ohne Kamelien" sich selbst und ihre Kolleginnen zu verspotten, den Anstoß zu erhitzten Diskussionen um die "prinzipielle Freiheit" des italienischen Schauspielers gegeben.
Die Lollobrigida ist nur verbittert, daß eine Kollegin aus der Phalanx der empörten Schauspielerinnen ausgebrochen ist: Lucia Bosé, einst Ginas erfolgreichere Rivalin im "Miss Italia"-Wettbewerb, hat ohne Zögern nach zweijähriger Filmpause "Lollos" Rolle in "Die Dame ohne Kamelien" übernommen. Die Attraktionen der einstigen "Miss Italia" sind jedoch weit weniger reizvoll als die der Lollobrigida. Auch damit begründet Produzent Forges-Davanzati seinen hohen Schadenersatzanspruch.
*) In einer Szene sitzt z. B. Atombusen-Star und Ex-Schönheitskönigin Clara Manni mit ihrem Ehemann und Produzenten und dessen Kompagnon zusammen. (Das ist eine deutliche Anspielung auf Silvana Mangano, die mit der Nr. 1 des Prozenten-Teams De Laurentiis-Ponti verheiratet ist.) Sie beraten einen neuen (leicht pornographischen) Film, bei dem Duvivier die Regie führen soll ("So, so, der auch", sagt Nr. 1), mit Clara Manni in der Hauptrolle. Der Ehemann fragt den Kollegen: "Aber kannst du dir denn Clara als Prostituierte vorstellen?" Darauf der andere schlicht: "Als was denn sonst?"

DER SPIEGEL 47/1952
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