KUNST
So viel Ernst war nie
Beim letzten Mal wurde noch versucht, vor Ort die Praktikanten zu bestechen, um an das begehrteste Papier des Kunstbetriebs zu gelangen. Dieses Mal, in Zeiten von "Wer wird Millionär?", scheint es mehr Spaß zu machen, draufloszurätseln als plump zu spionieren.
Welche Künstler nehmen an der Documenta in Kassel teil, dem wichtigsten Ausstellungsereignis auf der Welt? Von dieser Frage lässt sich die Kunstszene alle fünf Jahre wieder elektrisieren.
Am 8. Juni beginnt die elfte Documenta, anschließend dürften binnen 100 Tagen weit über 600 000 Besucher nach Hessen strömen. Schließlich genießt die Veranstaltung an sich längst mythischen Ruhm - und von diesem Glanz fällt genug für jeden einzelnen der teilnehmenden Künstler ab.
Am 30. April will das Documenta-Team die ersehnte Namensliste herausrücken. Längst aber wird nervös spekuliert. Unter Galeristen etwa darüber, wer von ihnen die meisten Künstler nach Kassel schicken darf. Auch Museumschefs wüssten gern, welche Künstler demnächst als Documenta-geprüft und damit als richtig wichtig gelten, wen sie also für ihre nächsten Ausstellungen buchen sollten.
Im Gegensatz zu Quizshows hilft beim Raten selbst das Ausschlussverfahren nicht immer. Das litauische Künstlerpaar Nomeda und Gediminas Urbonas nimmt zwar im Sommer noch an einer anderen Großveranstaltung teil, aber wer daraus folgert, sie könnten deswegen kein Werk nach Kassel schicken, irrt sich - sie werden liefern.
Und wer kommt schon darauf, dass der Kanadier Jeff Wall, 55, der berühmteste aller lebenden Fotografen, ein Dauer-Abonnement gewonnen hat und zum vierten Mal in Kassel vertreten sein könnte? Er kann. Bei seiner deutschen Kollegin Candida Höfer, 57, fragten die Kunstscouts dagegen zum ersten Mal an. Sie gehört zwar zur Creme der Foto-Prominenz. Trotzdem wurde bislang vergleichsweise wenig Wirbel um ihre stillen Aufnahmen gemacht.
Das wird sich ändern. Jeder Documenta-Auftritt steigert das Renommee, den Rummel und den Marktwert. Davon profitieren auch die Händler: "Bei der vergangenen Documenta, auf der einer unserer Fotografen vertreten war, brachen am Tag der Eröffnung die Massen über uns herein. Der Ansturm war kaum zu bewältigen", schwärmt Markus Lüttgen von der Kölner Galerie Johnen und Schöttle.
Immerhin drei der weit über hundert Documenta-11-Künstler durften sich offiziell als solche vorstellen, in einer Vortragsreihe der Kunsthochschule Kassel - der Belgier Luc Tuymans, die Kubanerin Tania Bruguera und der Schweizer Thomas Hirschhorn. In dieser Woche präsentiert sich eine umstrittene britische Filmer-Gruppe. Deren Namen - "Black Audio Film Collective" - erfuhren selbst die Organisatoren erst wenige Tage vorher. Blind date auf Hessisch.
Geheimniskrämerei gehört zur Dramaturgie des Gesamtkunstwerks Documenta wie hernach die Schlangen vor den Kassenhäuschen - und sie erhöht die Spannung. Erst recht, wenn die Details wohl dosiert durchsickern. Auch diese: Die renommierte französische Künstlerin Annette Messager, 58, baut seit Monaten für Kassel an einem bizarren Marionetten-Welttheater. Auch der deutsche Aktionskünstler John Bock, 36, gehört zu den Auserwählten.
Ein Hinweis ist den Documenta-Planern besonders wichtig: Die Ausstellung wird sich eben nicht als Ethno-Schau mit Afrika-Schwerpunkt präsentieren, auch wenn ihr künstlerischer Leiter Okwui Enwezor aus Nigeria stammt (und heute in New York lebt).
Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass afrikanische Länder nicht deutlichere Akzente als früher setzen werden. Genauso - auch das wird betont - wie viele andere nicht-nordamerikanische und nicht-westeuropäische Staaten. Die Welt ist kompliziert, warum sollte es die Documenta nicht auch sein? Fest steht, dass Enwezor, 38, die Kunst nicht auf ihre Spaß-Qualitäten abklopfen will. Er träumt von der ernsthaftesten aller denkbaren Documenta-Versionen. Erlaubt ist, was moralisch korrekt Polit- und Gesellschaftsstrategien entzaubert. So bemühten sich Enwezors Co-Kuratoren früh um Werke des Kongolesen Bodys Isek Kingelez, 53. Er baut phantastisch-absurde Modelle von Städten, die überall und nirgendwo auf diesem Planeten vorstellbar sind: In der Manier des Spielbaukastens machen sie die urbane Globalisierung lächerlich. Der südafrikanische Fotograf David Goldblatt, 71, dokumentiert dagegen - auch für Kassel - ganz nüchtern Themen wie Armut und Rassentrennung.
Das Zauberwort aber heißt Diskurs, wovon sich in Kassel Exkursion ableitet: In den vergangenen Monaten wurde auf Tagungen in Wien, Berlin, Neu-Delhi, St. Lucia und Lagos konferiert - weshalb ausgerechnet den tiefsinnigen Welt-Intellektuellen aus Kassel das drollige Label "International Enwezor Tours" ("FAZ") verliehen wurde. Wie man die Kunst des neuen Jahrtausends definiert, wird aber eher davon abhängen, wo genau in Hessen man seinen Kultursommer verbracht hat.
Südlich von Kassel, in Frankfurt, breitet sich ab Ende Mai die Kunstschau "Manifesta" aus. Diese 1996 gegründete Biennale gibt sich ebenso international wie die Documenta, aber eine Spur experimentierfreudiger - weshalb sie stets in einem anderen Land stattfindet. Ihre Veranstalter haben die Namen ihrer Künstler längst verraten: Die meisten kennt ohnehin kaum einer. Das muss kein Nachteil sein.
ULRIKE KNÖFEL