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AFGHANISTAN

Schlafmohn ist kein Verbrechen

Nach dem Ende des Taliban-Regimes ist Afghanistan wieder größter Opium-Lieferant der Welt. Die Regierung Karzai führt einen verzweifelten Kampf gegen das lukrative Geschäft mit dem Saft der Mohnkapsel, sie scheitert aber an der Macht der Warlords und an der Armut der Bauern. Von Emcke, Carolin

Ein Platanenhain versteckt den ausgetrampelten Pfad zu den geheimen Plantagen. Kläffend verteidigt ein räudiger Bastard sein Revier um ein verwaistes Nomadenzelt. Doch der Hirte, der mit seinen Ochsen im Schatten unter den Bäumen liegt, schläft weiter. Die flirrende Mittagshitze trocknet hier alles aus. Außer einigen grün-gelben Honigmelonen, die ungeerntet am staubigen Boden schmoren, wächst kaum was in dieser gnadenlosen Dürre.

Nur Saheb Nazar müht sich noch, der widerborstigen Natur in Badakhshan eine Gunst abzuringen, und zwar eine besonders lukrative: Opium.

Kapsel um Kapsel ritzt er mit einem kleinen Holzstift in das noch frische, fette Grün. Die Nachbarsjungen kennen das illegale Geschäft und helfen. Morgen wird er die über Nacht tropfende, bräunliche Masse abschaben und in Plastiktüten sammeln. Weil Opium wie Whiskey in der Qualität besser wird mit dem Alter, lagert er die Tüten, damit sie an Wert gewinnen.

Saheb Nazar und seinen vier Brüdern gehört der Hof mit drei Hektar. Umgerechnet 240 Dollar kann er pro Kilo des klebrigen Gifts auf dem Basar in Baharak oder bei einem der vorbeireisenden Tadschiken erzielen. Mit einer Ernte kann Nazar 18 000 Dollar verdienen, das ist das 50fache Jahresgehalt eines afghanischen Lehrers.

Fünf Kilo lassen sich auf einem "Jerip" produzieren, der afghanischen Einheit für ein Fünftel Hektar. Aus den Samen im Innern der Mohnkapsel gewinnt Nazar Öl, den Stängel der Pflanze verbrennt er und rührt aus der Asche, mit Öl vermengt, Seife. Der Rest wird an die Kühe verfüttert.

Nazar hat sich die Hände blutig gerissen an den Pflanzen. Er hasst den Mohn, aber ohne die Kapseln kann er nicht überleben. "Was soll ich denn machen?", fragt er, "Reis kann man in dieser Gegend nicht anbauen, und Weizen ist zu teuer. Ich habe keine Wahl."

Für die islamistischen Religionswächter der Taliban war die braune Paste, die aus der Kapsel gewonnen wurde, "haram" - verboten. Mit einem Dekret von Mullah Omar reduzierten sie den Mohnanbau von mehr als 80 000 Hektar im Jahr 2000 auf knapp über 7000 Hektar im vorigen Sommer. Seit dem Sieg der Nordallianz aber ist das Geschäft mit dem Saft der grünen Kapseln und der Handel über die Grenzen nach Pakistan oder Tadschikistan dramatisch angestiegen.

Experten der Uno-Behörde für Drogenkontrolle (UNDCP) schätzen, dass nun wieder Mohn auf einer Fläche von 45 000 bis 65 000 Hektar angebaut wird. Nicht nur in südlichen Provinzen wie Helmand, in denen die Nordallianz auf viel Widerstand der überwiegend paschtunischen Bevölkerung stößt. Auch und gerade in ihren eigenen Stammgebieten floriert das Geschäft mit dem Opium. Allein in der nördlichsten Provinz Badakhshan verzeichnet die jüngste Untersuchung der Kontrolleure der UNDCP in den letzten zwei Jahren einen Zuwachs an Mohnfeldern um 239 Prozent.

Die Hoffnung, die Präsenz der internationalen Truppen in Afghanistan schrecke die lokalen Bauern und ausländischen Drogennetzwerke ab, ist schon jetzt eine Illusion. Experten erwarten eine Opium-Ernte nach dem Krieg im Wert von rund einer Milliarde Dollar. Das würde zwei Drittel des gesamten Weltmarkts an Opium und Heroin abdecken.

Auf Druck der internationalen Gemeinschaft stellte die Regierung Karzai mit einem ihrer ersten Dekrete den Anbau von Mohn unter Strafe. "Wir werden keinerlei Drogenhandel mehr zulassen", kündigte der Präsident an und rief eilig eine eigene Kommission zur Bekämpfung des Opium-Handels ins Leben.

Als deren Direktor hält Abdul Hai Ellahi im Garten des heruntergekommenen Bürogebäudes in Kabul Hof. Auf einem Plüschsofa thronend, berichtet der oberste Drogenbekämpfer bei grünem Tee und Rosinen freudig von all der Arbeit, die vor ihm liegt. Eine "schnelle Einsatztruppe" will Ellahi aufbauen, eine "flächendeckende Beobachtergruppe" schaffen und "pädagogische Programme" entwickeln.

Gibt es denn schon Erfolge? "Nun, die Regierung hat ihre Arbeit recht spät aufgenommen, da war der Mohn schon gesät oder das Rohopium bereits geerntet." Aber in Badakhshan, wo der Mohn besonders spät blüht, habe die Kommission mit einzelnen Delegationen zahlreiche Felder vernichtet. "Nein, Soldaten aus Kabul waren daran nicht beteiligt", erklärt der Vertreter der Zentralregierung, "wegen der lokalen Sensibilitäten."

Die Durchsetzung des Mohnanbau-Verbots wird zum Testfall für die Autorität der Regierung. Karzai sieht sich einer vielköpfigen Hydra gegenüber. Kabuls Präsident könnte scheitern an der bitteren Armut der Bauern, die sich teures Saatgut nicht leisten können, an den ausgetrockneten Böden, die kaum eine ergiebige Landwirtschaft erlauben, an lokalen Warlords, die vom Opium profitieren, und natürlich an der internationalen Drogenmafia, die vom Hindukusch das lukrative Gift in den europäischen und amerikanischen Markt einspeist. Und Karzai weiß: Ein zu lasches Vorgehen verprellt die internationale Gemeinschaft, von deren Gunst er abhängt, während ein zu hartes Vorgehen die mächtigen Provinzfürsten verprellt und das unsichere Gleichgewicht im bürgerkriegsgeplagten Afghanistan neuerlich gefährdet.

Besonders sensibel agierten die Drogenfahnder bei ihrem Feldzug indes nicht. Saheb Nazar und seine vier Brüder bekamen das zu spüren. Mit weißen Pick-up-Trucks war die Delegation aus Kabul vorgefahren, sechs bewaffnete Soldaten als Begleitschutz. Der Mohn solle umgehend vernichtet werden, lautete die Forderung. 350 Dollar bezahle die Regierung pro Jerip. Das ist eine lächerliche Summe im Vergleich zu dem Schwarzmarktverlust. Mit Stockhieben wurde schließlich ein Feld vernichtet.

Doch die anderen Jerips mit Schlafmohn wurden von den angeblichen Experten für Opium-Bekämpfung gar nicht erkannt: Die Pflanzen blühten noch nicht violett. So kassiert Nazar in dieser Saison gleich doppelt: einmal mit dem Geld aus Kabul und dann durch den Verkauf der verbliebenen Jerips. Seit die Kommission ihre Kampagne begonnen hat, ist der Preis für Rohopium um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Klar doch, dass die meisten Bauern in Badakhshan deswegen falsche Angaben zur Größe ihrer Höfe machten. Manchen reichte ein guter Draht zum lokalen Warlord, andere hatten Freunde in der Kommission und kassierten mehr als 350 Dollar - aber alle nehmen die Kampagne als Anreiz, jetzt erst recht die Nutzpflanze zu kultivieren. "In einigen Wochen, wenn die Saison beginnt, und ich keine anderen Samen bekomme", sagt Nazar, "baue ich wieder Mohn an."

Misslich auch, dass die Wagen der Drogenhüter für die Eselspfade in der zerklüfteten Bergwelt des Hindukusch nicht sonderlich geeignet sind. Abseits der Hauptverkehrsstraße, in den Dörfern westlich von Baharak und Jurm, stehen die Felder der Bauern in voller Blüte: Einen Besuch der Kontrolleure braucht hier niemand zu fürchten.

Auch um die Höfe zur tadschikischen Grenze im Norden strahlen die Mohnfelder in rotlila Pracht. Auf den steinigen Pfaden reiten Bauern mit Dosen voll Rohopium und bieten es jedem Reisenden in der einsamen Region unterhalb des schneebedeckten Pamir an. Gegen ein paar graue Steine wiegt Aziz Zulah in einer kleinen Handwaage das klebrige, braune Gold direkt am Wegesrand. Die Männer sitzen im Schatten bei grünem Tee und Fladenbrot und feiern die reiche Ernte, mit der sie endlich ihre Schulden der vergangenen Jahre begleichen können. Nur Enkelin Rozia bleibt, unter dem bunten Kopftuch verhüllt, zwischen den mehr als einen Meter hohen Kapseln stehen und beobachtet das Verkaufsgeschäft.

Die Händler auf dem Basar von Argu wissen, wer sich was leisten kann. In den Holzverschlägen, in denen das spärliche Sortiment zwischen Aprikosen-Drops, "Duru-Lady-Seife" und gefärbten Tüchern für den traditionellen Turban dargeboten wird, hoffen die Ladenbesitzer auf die Bauern der Umgebung. Die Ernte ist noch nicht vorüber, aber der Markt floriert schon jetzt. Wer Mohn anbaut, ist allemal kreditwürdig und kann anschreiben. Hinter den Päckchen mit dem losen schwarzen Tee liegt schon ein wenig Rohopium im Angebot von den ersten frühen Feldern.

Über die langsamen Geschäfte mit dem tödlichen Gift wacht Abdul Jabar Mussadeq. Der Bürgermeister von Argu sitzt in seinem schäbigen Büro und stellt ein schiefes Lächeln zur Schau. Der rechte Mundwinkel fällt herab und zieht eine Schneise, die von einer russischen Kugel stammt. Mussadeq strahlt die Gelassenheit eines Mannes aus, der alle Kriege in Afghanistan überstanden hat.

Von der Euphorie des wiederbelebten Kabul ist hier oben in der tiefsten Provinz wenig zu verspüren: Nicht nur Hunderte Kilometer liegen zwischen den Verordnungen der Zentralregierung und dem Stadtoberhaupt von Argu, sondern die Gipfel des Hindukusch, die unwegbaren Straßen durch Schluchten und Pässe und die reißenden grünlichen Massen des Kowkcheh-Flusses. Hinzu kommt die Hoffnungslosigkeit der Bauern, die von nichts außer ein paar zotteligen Ziegen und der Milch der Schlafmohnkapsel leben können. Die Kampagnen der Amerikaner gegen den verbotenen Saft, der den Menschen in Badakhshan die Rettung und vielen Süchtigen im Rest der Welt den Tod bedeutet, versteht der alte Kämpfer nicht. "Ihr Westler fahrt mit Raketen zum Mond und wollt ihn jetzt bebauen", sagt Mussadeq, "aber hier auf der Erde kümmert ihr euch nicht um das Elend."

Den Händlern auf dem Basar von Argu hat der treue Gefolgsmann der Nordallianz den offenen Verkauf von Opium verboten. Aber der Befehl des lächelnden Mannes gilt erst in einigen Monaten - also Wochen nach Ablauf der Ernte -, und über Strafen hat er auch noch nicht nachgedacht. Er wartet, ob die Zentralregierung wirklich ernsthafte Programme für die Landwirtschaft anbietet. Bis dahin kann weiter verkauft werden.

"Das Geld, das hier gegen die Mohnkultivierung ausgegeben wird", sagt der Gouverneur der Provinz Badakhshan, Said Mohammed Amin Tareq, in Faizabad, "fördert den Mohnanbau, anstatt ihn zu stoppen." Der Gouverneur will langfristige Hilfe, nicht Repression. Alternatives Saatgut für seine Bauern, nicht bloße Vernichtung. So ist in Tareqs Augen die Politik der Regierung nur eine einzige Geldvernichtungsmaschine: "Wir hätten die Felder einfach zerstören sollen", sagt Tareq, "stattdessen kriegen die Leute jetzt noch Geld für ihre Ware."

Zudem ist die Zentrale in Kabul nicht einmal in der Lage, hier in Badakhshan die treuesten Weggefährten der Nordallianz zu bezahlen: die Gehälter für Lehrer und Verwaltungsbeamte stehen schon fünf Monate aus. In unregelmäßigen Abständen bringt ein Helikopter kiloweise Bargeld für die vergessenen Beamten im Norden. Solange Schlafmohn eine sicherere Einnahmequelle bleibt als ein Job bei der Regierung, steht es schlecht um den Kampf gegen das Opium. "Schlafmohn ist kein Verbrechen in diesem Land", sagt denn auch Khaled Mustafawi Unamar von der UNDCP in Faizabad, "es ist eine Not." Der Projektantrag der UNDCP, den Bauern nicht nur Geld hinterherzuwerfen, sondern Samen für Safrananbau zu geben, liegt seit April in den Schubladen der internationalen Geldgeber - nur wenige Wochen noch, fürchtet die UNDCP, dann ist die Saatzeit vorbei, und die Saison gehört erneut dem Mohn.

Während gegen die Bauern mit halbherzigen Maßnahmen aus Kabul vorgegangen wird, können die Händler und Produzenten nahezu ungestört agieren. Ein einfaches Foto des Widerstandshelden Massud an der Windschutzscheibe eines Lkw beeindruckt Nordallianz-Anhänger dermaßen, dass sie auf Kontrollen des Wagens umgehend verzichten. Und solange keine Drogenkriege ausbrechen, bleibt das stille Arrangement zwischen Zentralregierung und lokalen Warlords bestehen. "Afghanistan bräuchte internationale Truppen auf jedem Quadratmeter dieses Landes", sagt Mohammed Naim Nazeri, stellvertretender Minister für Landwirtschaft in Kabul, "solange die Regierung nicht alle entwaffnet hat, können wir das Programm gegen den Mohn vergessen."

Aber in die bewaffneten Fehden will die Regierung Karzai nur im äußersten Notfall eingreifen. Wie jüngst in Badakhshan: Die Geschäfte mit den Opium-Zöllen um Jurm waren schön sauber aufgeteilt zwischen den lokalen Führern Abbas, Farid, Mirhan und Aslam - niemand störte sich an der Produktionsstätte für Heroin, die Farid in Nawa neben seinem Haus unterhielt, niemand kümmerte der Profit aus Steuern, den die Warlords abschöpften. Erst als Streit ausbrach und jeder 50 Bewaffnete für sich in die Schlacht um die Zölle führte, erst als der Kampf schon über zwölf Stunden dauerte und Helikopter aus Kunduz von den verfeindeten Banden beschossen wurden, setzten die Regierungstruppen sich durch: Abbas, Farid und Aslam wurden verhaftet, ihre Soldaten entwaffnet, die Fabrik in Nawa zerstört. Nur leider wurde aber das Rohopium, so sagen die alten Männer auf dem Basar von Jurm, "meistbietend verkauft".

Badakhshan liegt als Umschlagplatz für Rohopium ideal an der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan. 70 Prozent der Ernte gehen an das internationale Drogenkartell über die so genannte Nordroute: Schmuggler transportieren sie über den Pjandsch-Fluss im Norden nach Parhar, Moskowski oder Eshkashem unterhalb des Pamir-Massivs.

"Die Leute schwimmen hier nachts über den Fluss", sagt Abdul Samad, der eine "Pakul"-Mütze trägt wie einst Massud. Der Grenzbeamte in Eshkashem hat wenig Chancen gegen die Schmuggler. Zu ungleich ist das Kräftemessen, zu hoffnungslos der Kampf: "Manchmal fangen wir ein ganzes Jahr lang niemanden." Das ist nicht sonderlich erstaunlich, denn die Grenzer am Pjandsch-Fluss sind miserabel ausgerüstet, haben seit Jahren kein Gehalt bekommen. Die 400 Dollar Strafe, die sie ab und zu gefangenen Drogenhändlern pro Kilo Opium abknöpfen können, sind eine willkommene Entschädigung.

Abdul Jabar Mussadeq, der Dorfschulze von Argu, schmunzelt mit seinem schiefen Gesicht über die Ungeduld der Westler: "Wenn der Krieg zu Ende ist", sagt er, "hat der Frieden hier noch lange nicht begonnen." CAROLIN EMCKE

DER SPIEGEL 38/2002
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