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MAROKKOMohammed und sein Pascha

Hinter den leise im Windzug der Klimaanlage wehenden Gardinen beobachtete Sultan Sidi Mohammed V. ben Mulai Jussef den Aufmarsch der französischen Panzer rings um seinen Palast. Dann meldete ihm einer der ganz in Rot gekleideten Offiziere seiner Leibwache die Ankunft des französischen Generalresidenten, General Augustin Guillaume, in dem von Arkaden umgebenen Innenhof.
Wenige Minuten später erfuhr Mohammed seine Absetzung als Herrscher der Gläubigen (Emir el-Muminin) und scherifische Majestät. Seine Antwort: "Meine Koffer sind gepackt."
Mit diesem banalen Satz endete das marokkanische Kapitel einer Epoche der Weltgeschichte. Das Kapitel hatte an einem Tage des Januars 1943 begonnen. An diesem Tage empfing im luxuriösen Anfa-Hotel zu Casablanca Amerikas damaliger Präsident Franklin Delano Roosevelt den damals 32 Jahre alten Mohammed. In einer Pause seiner Verhandlungen mit Englands Premier Winston Churchill, bei denen Hitler-Deutschlands bedingungslose Kapitulation als alliiertes Kriegsziel festgelegt wurde, versicherte der amerikanische Präsident dem jungen Sultan beim Essen, daß "die Ära der kolonialen Ausbeutung" nunmehr zu Ende sei.
Die Erklärung Roosevelts wurde zur "Magna Charta" des arabischen Nationalismus in Marokko. Was der neue Herr der Welt versprochen hatte, erschien dem Sultan und der arabischen Nationalistenpartei "Istiqlal" als unerschütterliche Garantie gegen das Fortbestehen der französischen
Schutzherrschaft. Sie sollten sich bitter täuschen.
Marokko avancierte nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Rang eines Dorados für Mädchenhändler, Abenteurer und französische Kolonialpioniere zu einer der wichtigsten strategischen Positionen der Welt. 1951 bauten die Amerikaner - mit zögernd gegebener französischer Billigung - in Marokko das Rückgrat der europäischen Luftverteidigung aus: fünf Flugstützpunkte für atombomben-tragende Langstrecken-Kampfmaschinen, dazu den Marinestützpunkt Port Lyautey. Amerika tauschte in der internationalen Marokko-Politik die Position eines missionierenden Weltbeglückers mit der einer aus strategischen Gründen auf Ruhe und Erhaltung der inneren Ordnung Marokkos angewiesenen Führungsmacht.
Die "Istiqlal" erleichterte den Amerikanern den politischen Frontwechsel ins französische Lager durch kommunistische Redensarten und durch großspurige Erklärungen, sie trete - genau wie die anderen arabischen Staaten - für marokkanische Neutralität in einem dritten Weltkrieg ein. Das war eine eindeutige Drohung gegen die amerikanische Luftstrategie.
Trotzdem fiel den Amerikanern die Trennung von dem Versprechen ihres Kriegspräsidenten schwer. F. D. Roosevelts kleinbürgerlicher Diadoche Harry Truman machte noch im Herbst 1952 - auf der UNO-Vollversammlung in New York -
einen letzten zaghaften Versuch, den Marokkanern gegen die Franzosen beizuspringen. Sein Vertreter stimmte dafür, daß die Marokkofrage als Punkt 3 auf die Tagesordnung der Vollversammlung gesetzt wurde. Aber als es dann zur Abstimmung kam, nahmen sie gegen eine marokkanische Selbstverwaltung Stellung.
Im Frühjahr 1953 schlossen die USA mit Frankreich einen Vertrag über den Ausbau amerikanischer Flotten- und Luftstützpunkte an der mittelmeerischen Küste bei Bizerte (Tunis). Der Vertrag implizierte als Gegenleistung den Verzicht der USA auf Einmischung in die französische Nordafrika-Politik.
Damit war Mohammed seiner stärksten Rückendeckung beraubt. Sein Sturz war nur noch eine Frage der Zeit, zumal er sich im Rausch des Triumphs nicht nur mit den Franzosen, sondern auch mit dem neben ihm mächtigsten Mann in Marokko verfeindet hatte: mit Hadsch Tuhami el-Mezwari el-Glaui, Pascha von Marrakesch, Hüter des Atlas.
Der hatte nur darauf gewartet, dem verhaßten Araber (El-Glaui ist höchster Berberfürst), dem erfolgreichen Konkurrenten um die lukrative Generalvertretung von Coca-Cola in Marokko und dem an der alten feudalen Ordnung rührenden Neuerer Mohammed den Fangstoß zu geben.
Der 79 Jahre alte Fürst regiert über seine (häufig blonden und blauäugigen) berberischen Bergbewohner wie ein mittelalterlicher Feudalherr Außerdem versteht er das Geldverdienen wie der hartgesottenste Teppichperser. Im Garten seines Palastes zu Marrakesch, in dem der buntgefärbte und parfümierte Sprühdunst unzähliger Fontänen die üppige subtropische Vegetation in einen duftigen Nebel einhüllt, empfängt er die Herzöge seines ritterlichen Landes und die leitenden Angestellten seines wirtschaftlichen Imperiums: des nordafrikanischen Mandel-, Safran- und Olivenhandels, der marokkanischen Kobalt- und Manganschürfung.
Vor der berühmten Katubija-Moschee von Marrakesch breitet sich wie ein buntgewirkter, aber lebender Teppich der Djema el-Fna. Halb Markt, halb Rummelplatz, ist er bis zur plötzlich hereinbrechenden Dunkelheit mit dem Gewimmel von Tänzern und Akrobaten, Schlangenbändigern, Bänkelsängern und Händlern erfüllt.
Am 13. August bahnten sich durch diese Menge chromblitzende amerikanische Wagen und farbenprächtige Reiterzüge ihren Weg. El-Glaui hatte 350 Paschas und Kaids (Richter) und weitere 2000 weltliche und geistliche Würdenträger zu sich geladen. Sie beschlossen die Absetzung Mohammeds V.
Nun aber schaltete sich Frankreichs Generalresident, General Augustin Guillaume, ein. Aus den Alpen, wo er bis dahin die Rolle des an dem Streit Desinteressierten gespielt hatte, eilte er nach Rabat. Mohammed empfing ihn zum ersten Male in seinem Leben mit offenen Armen. Der verhaßte "Unterdrücker" war jetzt seine einzige und letzte Hoffnung.
Aber das, was geschehen war, konnte auch der Franzose nicht mehr rückgängig machen. Ein letzter, halbherziger Vermittlungsversuch, den Guillaume durch Entsendung eines Beauftragten nach Marrakesch unternahm, scheiterte an den eisernen Gesichtern der um El-Glaui versammelten Berberfürsten.
Am Sonnabend, dem 15. August, versammelten sich die Paschas ein zweites Mal im Garten des Palastes von Marrakesch. Sie wählten den Onkel Mohammeds,
den 72 Jahre alten, scheuen Sidi Mohammed ben Mulai Arafa zum neuen religiösen Oberhaupt Marokkos. Die weltlichen Funktionen Mohammeds V. wurden dadurch nicht angetastet, was jedoch belanglos war, da auf dieser Ebene ohnehin die Protektoratsmacht fast allein bestimmt.
Der abgesetzte Herrscher der Gläubigen errechnete sich eine letzte Chance aus einer arabischen "levée en masse". Heraus kam dabei eine grauenhafte Orgie der Mordlust - und der endgültige Bruch mit Frankreich. Anhänger der Istiqlal überfielen in den Städten Franzosen und Berberfamilien Allein in Oudja an der Grenze Algiers wurden 26 französische Frauen, Männer und Kinder und 12 Marokkaner nach Mau-Mau-Muster zerstückelt.
Vier Tage später - am 20. August - zernierten die französischen Panzer den Sultanspalast in Rabat.

DER SPIEGEL 35/1953
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