BRAUEREIEN
Belgische Begierden
Deutschlands exklusivstes Wertpapier findet sich nicht auf den Kurszetteln der Wirtschaftszeitungen: 275 000 Euro kostet eine Aktie der Brauergilde Hannover AG. So viel jedenfalls will der belgische Biergigant Interbrew für das Papier zahlen - insgesamt 523 Millionen Euro.
Wieder einmal ist der zweitgrößte Bierkonzern der Welt auf Einkaufstour in Deutschland. Erst schnappten sich die Belgier die Altbiermarke "Diebels", kurz darauf "Beck''s". Nun greifen sie nach "Hasseröder", in Deutschland die Nummer vier unter den umsatzstärksten Premium-Marken und kostbarster Teil des Gilde-Reichs. Interbrew feilscht nicht lange, sondern winkt mit Barzahlung - und deutlich mehr Geld als die Konkurrenz.
Wie im vergangenen Jahr beim Kampf um die Bremer Brauerei Beck & Co sticht der Konzern auch jetzt wieder alle Mitbieter aus: den niederländischen Konzern Heineken, die südafrikanische SAB Miller ("Pilsner Urquell") und die dänische Carlsberg-Brauerei ("Tuborg"). Heineken-Chef Anthony Ruys: "Die Preise in Deutschland sind derzeit verdorben."
Der Kampf um die hannoversche Brauerei war kurz: Ende Oktober diskutierten Brauergilde-Aktionäre über einen Verkauf, Anfang November eröffnete der Vorstand ein Bieterverfahren (Forderung: mindestens 450 Millionen Euro), wenige Tage später erhielt Interbrew den Zuschlag.
Die deutsche Brauerei wirft seit langem mit schöner Regelmäßigkeit jährlich rund 20 Millionen Euro Gewinn ab. Im Allgemeinen wird eine Firma mit dem acht- bis zwölffachen Jahresgewinn bewertet. "Ausländische Konzerne zahlen einen strategischen Aufschlag", erläutert Gilde-Vorstand Michael Beck den avisierten Traumpreis.
Doch von seinen über 200 Aktionären, fast alle aus gut betuchten hannoverschen Familien, wi-
derstand jeder fünfte der Versuchung - "aus Traditionsbewusstsein", wie Beck glaubt. Zur kleinen, aber feinen Schar der Traditionalisten zählt auch die hoch verschuldete Stadt Hannover, mit rund 15 Prozent der größte Anteilseigner der Brauergilde.
Zwei Seelen schlagen Krach in der Brust von Stadtkämmerer Stephan Weil. Einerseits hätte er gern die Interbrew-Millionen auf dem Konto. Andererseits: "Die Gilde ist kein x-beliebiges Unternehmen, sondern arbeitet seit 400 Jahren höchst erfolgreich und hat einen Bezug zur Stadt Hannover." Und was, wenn die neuen Herren dann erst mal Jobs abbauen?
Es sei besser, jährlich eine "ausbaufähige" Dividende zu kassieren, als viel Geld ("ein Strohfeuer") auf einen Schlag zu bekommen. Darin ist sich Weil mit seinem Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) einig.
Die Brauergilde ist eine kleine Firma, die eine große Brauerei kontrolliert: Mit 85 Prozent stellt sie den Hauptaktionär der Gilde Brauerei AG, der wiederum die Hasseröder Brauerei aus dem Harz-Städtchen Wernigerode gehört. "Hasseröder" ist das eigentliche Objekt der belgischen Begierden.
Bei sinkendem Bierverbrauch ist der Kampf um Marktanteile härter geworden. Nur mit Spitzenmarken ist ordentlich Geld zu verdienen, und "Hasseröder" glänzt mit einer Umsatzrendite von rund zehn Prozent.
Ausländische Großbrauer treiben die Preise hoch, und mit den kapitalstarken Eroberern können es die deutschen Privatbrauer nicht aufnehmen. Allein der US-Konzern Anheuser-Busch produziert mehr als die etwa 1300 deutschen Brauereien zusammen.
So wächst in der mittelständischen Branche die Bereitschaft zu verkaufen, so lange die Gewinne noch sprudeln. Schon beim Verkauf der "Beck''s"-Brauerei hat sich gezeigt, dass die 67 Eigentümer dem Charme eines dicken Barschecks nicht widerstehen konnten.
Auch die meisten Aktionäre der Traditionsfirma Brauergilde wollen davon profitieren, dass derzeit in einem flauen Markt fürstliche Preise gezahlt werden. Ein Verkauf ist kaum zu verhindern, selbst wenn die Stadt Hannover mittlerweile ihr Veto eingelegt hat.
Nach dem alten Brauergilde-Statut darf kein Aktionär mehr als fünf Prozent der Stimmrechte besitzen. Weil Interbrew die Mehrheit fordert, wurde am Freitag vorvergangener Woche in einer Hauptversammlung flink die Fünfprozentregel aufgehoben - mit 64 Prozent der Stimmen. Nicht genug, meint der kommunale Großaktionär, 75 Prozent seien erforderlich. Die Stadt will verhindern, dass die Satzungsänderung ins Handelsregister eingetragen und damit gültig wird.
Der Rechtsstreit, glauben die Firmenjuristen, könnte den Verkauf zwar nicht verhindern, aber um fünf bis sechs Monate verzögern. Ein kleiner Wermutstropfen für die Bier-Erben wäre dann: Im nächsten Jahr darf ihnen Bundesfinanzminister Hans Eichel vermutlich 0,75 Prozent vom Verkaufserlös abnehmen. HERMANN BOTT