LITERATUR
Abscheu vor Hitler
Er nannte seine Essays "Träume" oder "Rätsel". Der Argentinier Jorge Luis Borges (1899 bis 1986) mochte Reflexion und Fiktion nicht penibel trennen. Das hatte einen biografischen Grund: Der langjährige Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires litt schon in jungen Jahren unter einer Augenkrankheit und war später praktisch blind. Die Weltläufigkeit, die ihm dadurch fehlte, musste er durch Bildung und Phantasie ausgleichen. Die 67 Borges-Essays, die diese Woche in der "Anderen Bibliothek" herauskommen, handeln von so ausgefallenen Themen wie der "Dauer der Hölle", der "Kunst des Schmähens" und - von Deutschland. Die ferndiagnostischen Blicke auf den Nationalsozialismus sind erstaunlich klar. So vergleicht Borges in einem Essay aus dem Jahr 1939 nicht nur Hitlers und Stalins "Gier", sondern bekennt offen: "Ich verabscheue Hitler, gerade weil er meinen Glauben an das deutsche Volk nicht teilt; weil er beschlossen hat, dass Barbarei die einzig mögliche Pädagogik ist, um 1918 rückgängig zu machen, und Konzentrationslager der beste Ansporn dazu."