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Wir wollen globale Symbole

Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer über den Machtkampf mit dem Erzrivalen Nike, die Bieterschlachten um Sportstars und deren anschließende Privat-Eskapaden Von Tuma, Thomas und Schulz, Thomas

SPIEGEL: Das Gros des Handels jammert über schlechte Geschäfte. Die Sportartikel-Branche hat dagegen für dieses Jahr ein Plus prognostiziert. Adidas will sogar um fünf Prozent wachsen. Machen sich die Deutschen fit für die Rezession?

Hainer: Zum einen ist das Körperbewusstsein der Leute gestiegen. Denken Sie nur an die explodierenden Teilnehmerzahlen bei Marathonläufen. Wenn Sie in Hamburg an der Alster spazieren gehen, müssen Sie mittlerweile fürchten, von den Jogger-Massen über den Haufen gerannt zu werden. Zum anderen ist unsere Branche innovativer als andere. Adidas hat da noch viele Wachstumschancen, auch und vor allem in den USA, wo wir schlicht unterrepräsentiert sind.

SPIEGEL: Dort sitzt der weltweite Marktführer Nike, den Sie bislang für uneinholbar hielten. Seit kurzem geben Sie die Parole aus, Spitzenreiter werden zu wollen. Woher der Sinneswandel?

Hainer: Wer wie ich mit Sport sein Geld verdient, möchte nicht immer als Zweiter durchs Ziel gehen, sondern irgendwann auch gewinnen.

SPIEGEL: Wann ist irgendwann?

Hainer: In fünf Jahren, in zehn ... Da lege ich mich nicht fest. Nike setzt rund drei Milliarden Euro mehr um als wir. Wir sind fast überall in der Welt gleichauf. Die Lücke tut sich in Amerika auf, dort müssen wir sie auch schließen. Adidas kann den Abstand aus eigener Kraft vielleicht verringern, aber nicht nivellieren. Also schauen wir auch, welche Unternehmen wir dazukaufen könnten.

SPIEGEL: Was käme in Frage?

Hainer: Ich habe keine Eile. Es vergeht zurzeit kaum eine Woche, wo uns nicht irgendein Sportartikel-Unternehmen angeboten wird. Aber eine Akquisition sehe ich derzeit nicht. Und auch Nike hat Schwächen, die wir mittlerweile kennen, selbst wenn ich die nicht mal dem SPIEGEL verrate. Adidas ist viele Jahrzehnte älter und hat eine komplette Industrie mitbegründet. Davon müssen wir in Zukunft noch mehr profitieren.

SPIEGEL: Trotz aller Tradition - ausgerechnet in Nordamerika stagniert Ihr Umsatz. Der Auftragsbestand brach ein.

Hainer: Womit wir uns in bester Gesellschaft befinden. Auch die Konkurrenz leidet dort unter einem zehnprozentigen Minus. Der US-Markt ist momentan der schwierigste überhaupt: Die Wirtschaft springt nicht an, die Haushalte sind überschuldet, das Vertrauen der Verbraucher ist erschüttert.

SPIEGEL: Die Sportartikel-Branche reagiert mit Preisschlachten.

Hainer: Stimmt. Einen Schuh, der für 150 Dollar eingeführt wurde, kriegen Sie mittlerweile allenfalls für 100 los. Aber das wird sich auch wieder einpendeln.

SPIEGEL: Ihr Konkurrent greift Sie im Gegenzug auf Ihrem ureigenen Terrain an, dem Fußballgeschäft. Bis zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland will Nike die Nummer eins werden. Eine Kriegserklärung?

Hainer: Die haben das auch schon für 2002 behauptet. Geschafft haben sie es nicht, dafür sind wir im Fußballbereich durch die WM zweistellig gewachsen. Wir verstehen vom Fußball einfach mehr, so wie die vielleicht vom Basketball, wo wir aber im vergangenen Jahr um 50 Prozent zulegten. Zugegeben: Wir kommen da von ganz unten. Aber zwei der besten NBA-Spieler, Tracy McGrady und Tim Duncan, sind schon bei uns. Im August werden wir einen weiteren Schlüsselspieler präsentieren. Der Vertrag ist bereits unterschrieben.

SPIEGEL: Laut jüngsten Zahlen hat Adidas ausgerechnet im deutschen Geschäft mit Fußballschuhen verloren ...

Hainer: ... und trotzdem haben wir noch einen Marktanteil von über 50 Prozent.

SPIEGEL: Nike will es jedenfalls wissen.

Hainer: Wir wissen es schon. Und im Fußball werden wir uns von niemandem die Butter vom Brot nehmen lassen, schon gar nicht mit der WM vor unserer Haustür.

SPIEGEL: Wie fühlen Sie sich, wenn die deutsche Nationalelf sich mal wieder in Ihren drei Streifen blamiert, etwa kürzlich gegen die Auswahl der Färöer-Inseln?

Hainer: Glücklich bin ich in solchen Momenten nicht. Aber was soll ich machen? Selbst mitspielen? Das macht in meinem Alter keinen Sinn mehr. Im Ernst: Sport lebt auch von Enttäuschungen. Und wer hätte gedacht, dass unsere Elf 2002 Vize-Weltmeister werden würde? Nicht mal ich.

SPIEGEL: Nike gewann mit Brasilien und schönerem Fußball.

Hainer: Eine typisch deutsche Diskussion. Wir finden immer einen Makel, statt uns einfach über den Erfolg zu freuen.

SPIEGEL: Wie viel Geld überweisen Sie der deutschen Elf jedes Jahr als Sponsor?

Hainer: Eine Menge.

SPIEGEL: Zu viel? Am Preisverfall der TV-Rechte lässt sich doch ablesen, dass die Ware Fußball inzwischen enorm an Wert verloren hat.

Hainer: Obwohl die Bundesliga-Saison nicht sonderlich spannend war, kamen erstmals über zehn Millionen Menschen in die Stadien. Und als der Adidas-Star David Beckham bei seinem neuen Arbeitgeber Real Madrid erschien, war in der Stadt Chaos angesagt vor Begeisterung. Man muss zwar aufpassen, dass man im Fernsehen mit Fußball nicht denselben Fehler wie einst mit Tennis macht und sich totsendet. Aber an der Faszination hat sich nichts geändert.

SPIEGEL: Robert Louis-Dreyfus, Ihr Vorgänger als Vorstandschef, dürfte mit 4,9 Prozent weiter Ihr größter Einzelaktionär sein. Nun verkauft er mit der Sportrechte-Firma Infront Fußballrechte und erlebt den Verfall einstiger Traumpreise hautnah.

Hainer: Robert hat mittlerweile weniger Aktien. Aber er ist ein Fußball-Verrückter. Insofern macht ihn sein neuer Job sicher glücklich. Ob sich sein Engagement wirtschaftlich gelohnt hat, kann man jetzt noch nicht beurteilen. Sicher ist er in einer Zeit in das Geschäft eingestiegen, als noch exorbitante Summen bezahlt wurden.

SPIEGEL: Dem Fußballgeschäft drohen nicht nur Erlöse, sondern auch Werte abhanden zu kommen. Das Rechte-Geschacher, die dubiose Rolle von Fifa-Chef Sepp Blatter - überall riecht es nach Korruption.

Hainer: Blatter ist vom Gericht rehabilitiert worden. Aber wo immer es um Ansehen oder Macht geht, wird es Leute geben, die versuchen, davon zu profitieren. Das ist in der Politik oder Wirtschaft nicht anders und im Sport nicht schlimmer. Anfang der siebziger Jahre erlebte die Bundesliga ihren großen Bestechungsskandal. Das liegt 30 Jahre zurück. Heute wird auch nicht mehr getrickst als damals. Es geht nur um mehr Geld. Und was hat es mit Korruption zu tun, wenn ein Leo Kirch einst bereit war, für Senderechte zig Millionen zu zahlen? Fifa oder Deutscher Fußball-Bund wären doch blöd gewesen, das Geld abzulehnen.

SPIEGEL: Wenn sich die Manager des FC Bayern München in Geheimverträgen verpflichteten, Kirchs Interessen zu vertreten, ist die Grenze für uns überschritten.

Hainer: Dazu haben Leute wie Bayern-Präsident Franz Beckenbauer ihre Erklärungen abgegeben. Es wurde sicher nicht alles besonders klug eingefädelt. Damit war das aber erledigt, auch für mich.

SPIEGEL: Wirklich? Immerhin ist Adidas seit fast zwei Jahren auch Großaktionär bei den Bayern. Für eine zehnprozentige Beteiligung zahlten Sie enorme 77 Millionen Euro.

Hainer: Der FC Bayern ist das Fußball-Symbol für Adidas. Es wäre schlimm gewesen, wenn wir dieses Aushängeschild verloren hätten.

SPIEGEL: Das klingt, als hätten die Bayern Sie damals erpresst: Entweder ihr zahlt, oder wir gehen zur Konkurrenz.

Hainer: Ach was, aber natürlich schaut sich so ein Verein immer um, was andere bieten. Fakt ist: Die Bayern gehören zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Vereinen Europas. Dass sie im vergangenen Jahr keinen Gewinn erwirtschafteten - solche Phasen wird es immer geben. Unsere Beteiligung bringt uns aber auch mehr Einblick und Marketing-Möglichkeiten.

SPIEGEL: Sie sind mit den Bayern über ein Aktienpaket sowie Ausrüstungs- und Sponsoren-Deals verbunden. Wieso schließt Adidas dann auch noch Verträge mit einzelnen Spielern ab?

Hainer: Nur mit Leistungsträgern wie zum Beispiel Michael Ballack oder Oliver Kahn. Generell setze ich heute lieber auf Mannschaften als auf Einzelstars. Wenn ein Fußballspieler ausflippt, gleicht das der Rest des Teams aus.

SPIEGEL: Wenn Kahn als Auto-Rowdy auffällt oder gar seine schwangere Frau mit einem "Disco-Luder" betrügt, leidet doch auch Adidas.

Hainer: Kahn bleibt im Fußball eine Leitfigur. Dass er mit privaten Geschichten vor allem sein eigenes Image beschädigt hat, steht außer Frage. Er ist intelligent genug, dass er das heute selbst weiß.

SPIEGEL: Wann wäre Schluss mit lustig?

Hainer: Generell trennen wir uns sofort, wenn Doping nachgewiesen wird. Jan Ullrich mussten wir deshalb kündigen. Das ging einfach nicht mehr.

SPIEGEL: Und wenn ungedopt der sportliche Erfolg ausbleibt?

Hainer: Wissen Sie, solche Verträge sind heutzutage unglaublich komplex und schließen alle Eventualitäten ein. Auch wir sind keine Sozialstation.

SPIEGEL: Die Tennis-Diva Anna Kurnikowa ist ein Adidas-Spross, erhält angeblich sechs Millionen Dollar pro Jahr von Ihnen, spielt aber in der Weltrangliste keine Rolle mehr.

Hainer: Sportlich ist sie eine Enttäuschung, ja. Sie können davon ausgehen, dass wir ihr dafür deutlich weniger Geld zahlen.

SPIEGEL: Wie viel investieren Sie überhaupt jährlich ins Sponsoring?

Hainer: Wir geben für Marketing generell etwa 650 Millionen Euro aus. Die Hälfte davon fließt ins Sponsoring. Was sich allerdings geändert hat: Vor zehn Jahren hatten wir noch das Gros der Fußball-Bundesligisten unter Vertrag. Heute wollen wir globale Symbole wie Real Madrid - die natürlich auch deutlich mehr Geld kosten.

SPIEGEL: Klingt nach Bieterschlachten um die bekanntesten Stars oder Vereine.

Hainer: Solche Auktionen sind heute die Regel. Aber ob Sie''s glauben oder nicht: Obwohl Nike meist mehr Geld bietet als wir, bekommen wir manche Sportler noch immer, weil sie sich bei uns besser aufgehoben und betreut fühlen.

SPIEGEL: Was entscheidet letztlich den sportlichen Erfolg: der Athlet oder seine Ausrüstung?

Hainer: Bei der legendären Fußball-WM in Bern 1954 waren die Deutschen die Einzigen, die neuartige Schraubstollen an ihren Adidas-Schuhen hatten und sie deshalb wechseln konnten, als der Regen immer schlimmer wurde. Ein bisschen haben wir die WM vielleicht mitgewonnen, wer weiß? Aber natürlich ist letztlich die Leistung des Sportlers für seinen Erfolg verantwortlich.

SPIEGEL: Sie geben zu, dass ein Beckham in Nike-Schuhen auch nicht schlechter Fußball spielen würde?

Hainer: Er würde jedenfalls auf keinen Fall besser spielen.

SPIEGEL: Der ganze Starrummel ist also letztlich eine Schimäre: Der Sportler macht seinen Ruhm zu Geld, und Sie kaufen sich ein Stück Mythos.

Hainer: Das ist zu kurz gegriffen. Reden Sie mal mit Oliver Kahn statt über Disco-Eskapaden über die Entwicklung seiner Torwart-Handschuhe, die letztlich sein wichtigstes Handwerkszeug sind. Er wird Ihnen stundenlang leidenschaftliche Vorträge halten können, ohne ein einziges Mal über Geld zu reden. Das ist eine oft jahrzehntelange Symbiose.

SPIEGEL: Dennoch ist Sport längst ein Produkt wie Waschmittel.

Hainer: Als ich früher bei Procter & Gamble arbeitete, war ich unter anderem für Windeln zuständig und kannte alle Studien über das Pinkelverhalten von Babys. Glauben Sie mir: Sport wird da immer ein spannenderes Produkt bleiben.

SPIEGEL: In der Vergangenheit hat Adidas viele Trends verschlafen - von Aerobic bis zum Basketball-Boom. Wie wollen Sie das künftig vermeiden?

Hainer: Das war vor allem in den achtziger Jahren. Damals herrschte hier eine gewisse Arroganz, ohnehin die besten Sportartikel der Welt zu produzieren. Aus dieser Selbstzufriedenheit heraus übersah man, dass die Kunden plötzlich auch auf Komfort und Design schauten. Das passiert uns heute nicht mehr so schnell. Wenn ich mir die vergangenen drei Jahre ansehe, dann waren wir es, die Trends gesetzt haben. Trotzdem werde ich auch nicht mit der Schrotflinte in den Nebel schießen, in der Hoffnung, irgendeinen Trend zu erwischen.

SPIEGEL: Adidas-Salomon will ein globaler Konzern sein, bleibt aber in der fränkischen Beschaulichkeit von Herzogenaurach?

Hainer: Ja. Und Nike? Das ist kein internationales, sondern ein US-Unternehmen, das den American Way of Life exportiert. Der Rest der Welt ist so idiotisch, sich danach auszurichten, wenn nur einer Yes oder No sagt. Bei uns im Vorstand sitzen neben drei Deutschen ein Neuseeländer, ein Amerikaner, ein Kanadier und ein Schweizer. Hier arbeiten Leute aus über 30 Ländern. Das ist global. Nennen Sie mir eine Nationalität, und ich werde Ihnen einen Vertreter hier unter den Mitarbeitern finden!

SPIEGEL: Wie sieht es mit jemandem von den Färöer-Inseln aus?

Hainer: (lacht) Okay, ich passe. Aber Sie bringen mich auf Ideen. Die sollen ja einen guten Fußballtrainer haben.

SPIEGEL: Herr Hainer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Herbert Hainer

begann seine Karriere 1979 nach einem Betriebswirtschaftsstudium als Verkaufsmanager bei Procter & Gamble. 1987 wechselte der passionierte Langstreckenläufer zu Adidas, das sich damals in einer tief greifenden Krise befand. Anfang 2001 übernahm er den Vorstandsvorsitz von Robert Louis-Dreyfus. Hainer, 49, einst Stürmer beim Fußball-Drittligisten SpVgg Landshut, räumte ein Fünftel der Produkte aus den Regalen, begrub Pläne einer eigenen Freizeit-Modemarke und setzt stattdessen auf eine engere Kooperation mit dem Designer Yohji Yamamoto, der für Adidas-Salomon das neue, sportliche Luxuslabel Y3 entwarf.

* Thomas Tuma, Thomas Schulz in der Herzogenauracher Konzern-Zentrale.

DER SPIEGEL 29/2003
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