TIERSCHUTZ
Loblied auf den Knast
Der Epidemiologe Lothar Kreienbrock von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) gab eine erstaunliche Entdeckung bekannt: Das Scharren in Freiheit, so habe er durch Befragung unter Hühnerhaltern herausgefunden, könne Legehennen krank und aggressiv machen; hinter Gittern hingegen lebe Federvieh friedlicher und gesünder.
Speziell komme Fehlverhalten wie das "Federpicken", mit dem Artgenossen einander verletzen können, bei der Bodenhaltung häufiger vor. Im Käfig seien die Hennen auch fleißiger am Legen und benötigten offenbar weniger Impfungen.
"Allerdings sind das nur vorläufige Beobachtungen; extreme Verluste kann es in allen Haltungssystemen geben, etwa durch die diesjährige Sommerhitze", schränkt Kreienbrock ein. "Es bedarf noch weiterer Forschungen, um zu sehen, welches System wirklich das bessere ist. Aber das niedersächsische Landwirtschaftsministerium wollte einen Zwischenbericht haben."
Das Lob auf den Hühnerknast kam auf der letzten Agrarministerkonferenz Ende September in Rostock denn auch gut an: Till Backhaus (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern und sein niedersächsischer Kollege Hans-Heinrich Ehlen (CDU), unter dessen Fittichen die meisten Hühnerbarone mit den größten Batteriebetrieben wirtschaften, beriefen sich auf die hannoversche Fragebogenaktion und forderten, die schon beschlossene Abschaffung der Käfighaltung müsse zum Wohle von Hennen und Haltern rückgängig gemacht werden.
Den Käfig retten möchten die Minister und ihre Batteriebetreiber durch eine Art "Kleingruppenhaltung" hinter Gittern: Bis zu 40 Hennen, so das Konzept, sollen sich dabei ein mit Stange und Plastiknest möbliertes sechs Quadratmeter großes Apartment teilen. Das ließe sich, reihenweise übereinander gestapelt, so einfach handhaben wie die herkömmlichen Käfige.
Doch Ethologen lehnen auch diese Variante der Käfigunterbringung ab: Die Tiere könnten darin wiederum nicht mit den Flügeln schlagen noch sich sonstwie artgerecht verhalten. In der Schweiz, wo die Batteriehaltung schon seit elf Jahren ver-
boten ist, wurde auch das Hennen-Apartment längst verworfen.
Was die Befunde des hannoverschen Epidemiologen überdies als wenig neutral erscheinen lässt: Die Ergebnisse sind "unter wesentlicher Mitwirkung der Geflügelwirtschaft" zu Stande gekommen. Mit der Treuhandstelle betraut wurde die Niedersächsische Geflügelwirtschaft, die fachliche Beratung leistete der "Bundesverband Deutsches Ei" - ein reiner Lobbyverband: Die "Schlagkraft" der Eierwirtschaft zu verbessern, so beschlossen seine Mitglieder anlässlich seiner Gründung 2002, sei "einziger Zweck" in dieser Phase "existenziell bedrohlicher Rahmenbedingungen".
Jahrzehntelang hatten die Batteriebetreiber mit den eingezwängten Kreaturen prächtige Geschäfte gemacht, obwohl sie damit eindeutig gegen das Tierschutzgesetz verstießen: Seit 1972 ist vorgeschrieben, dass der Besitzer seine Pfleglinge "verhaltensgerecht" unterbringen muss. Doch die schrägen Drahtflächen boten pro Huhn weniger Platz als eine Druckseite im SPIEGEL. Vor Strafe hatten Landwirtschaftsminister aus dem Bauernstand ihre Agrarlobby mit einer "Verordnung zum Schutz von Legehennen" bewahrt - die in Wirklichkeit die kriminelle Praxis legalisierte.
Nachdem das Bundesverfassungsgericht dann 1999 die Verordnung für nichtig erklärt hatte, machte die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast der Hennenmisere ein Ende: Bis Ende 2006 müssen nun herkömmliche Batterien abgebaut sein; zugelassen ist fortan nur noch Boden-, Freiland- oder so genannte Volierenhaltung, bei der die Tiere in mehrstöckigen Vogelhäusern leben und frei auffliegen können. Neuanlagen müssen den Tieren ab sofort mehr Platz bieten. Ausgestaltete Käfige haben eine Übergangsfrist bis Ende 2011 (siehe Grafik Seite 197).
Der nahende Ausstieg hat die Branche in Aufruhr versetzt. Im Organ des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft tun die Batteriebesitzer "Wut und absolutes Unverständnis" kund. Unverhohlen werden die Mitglieder aufgefordert, "den Druck auf die Landes- und auf die Bundesregierung zu verstärken".
Der Bundesverband Deutsches Ei will sogar vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die neue Hennenverordnung klagen - ein Vorstoß, der nach Ansicht von Almuth Hirt, Richterin am Bayerischen Obersten Landesgericht und Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, wenig aussichtsreich ist: "Die Interessen der Halter an einer möglichst einfachen und billigen Tierhaltung", kommentiert die Juristin, "schaffen kein Gegengewicht zum Tierschutz, der im vergangenen Jahr zum Staatsziel aufgewertet worden ist."
Mit ihrem Befund stehen die TiHo-Forscher ohnehin im Gegensatz zu vielen anderen Studien. Nicht das Haltungssystem, sondern die Rasse und die Aufzuchtbedingungen beeinflussen die Sterblichkeit wesentlich, sagt die Berner Biologin Vera Aerni. Gleiche Sterblichkeit hat die Wissenschaftlerin in einer statistischen Bestandsaufnahme von 16 Studien aus sieben europäischen Ländern ermittelt, die im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung erfolgte. Sterblichkeit und Krankheiten lassen sich allein durch Befragung der Eierproduzenten nicht erfassen, kritisiert Aerni: "Verhalten wie Federpicken muss man wirklich gut beobachten, das kann man nicht mit Umfragen unter den Hennenhaltern feststellen."
Andererseits sind die Ergebnisse der TiHo-Forscher auch nicht völlig untauglich. In der Tat kann die Sterblichkeit in der alternativen Haltung unvertretbar hoch sein - wenn dort Hennen ungeeigneter Rassen gehalten werden und diese auch noch in Käfigen aufgezogen wurden.
Für Verhaltens- und Gesundheitsstörungen anfälliger sind offenkundig überzüchtete, häufig verwendete braune Rassen, die in der TiHo-Studie überwiegen. Die Art der Aufzucht war entscheidend für das spätere Befinden und Verhalten: Nur Küken, die vom ersten Tag an mit Einstreu aufwachsen, auf Sitzstangen hüpfen lernen und ihr Futter selbst suchen müssen, kommen mit den freieren Haltungssystemen zurecht.
Die frühe Prägung eines im Käfig aufgezogenen Kükens hingegen, das aus Langeweile sogleich am Federkleid der Mitgefangenen herumpickt, wirkt sich in späterer Freiland- oder Bodenhaltung fatal aus: Zu den Ursachen der von den TiHo-Forschern ermittelten höheren Sterblichkeit bei den Boden- und Volieren-Hennen zählen Federpicken und Kannibalismus - ein Problem, das aber in allen Haltungssystemen vorkommt, wie Hennenforscherin Glarita Martin erklärt, die schon vom Karlsruher Bundesverfassungsgericht als Sachverständige herangezogen wurde. Die Aggression sei generell durch die Hochleistungszucht und die reizarme Umgebung des Federviehs bedingt.
Weil die Hennen, denen die unablässige Suche nach vielgestaltiger Nahrung angeboren ist, vom nährstoffreichen Futter viel zu schnell gesättigt sind, suchen sie immer weiter nach Betätigung, reißen einander schließlich an den Federn oder ziehen am auffälligen, vom zu vielen Eierlegen ausgestülpten Gedärm der anderen: "Die flüchtenden Hennen", so Martin, "werden buchstäblich auseinander genommen."
Ausschlaggebend für das Wohl der Hühner und ihre Legefreude, so Martin und Aerni, sei das richtige Management: Freiland-, Boden- oder Volierenhaltung erfordert mehr Kenntnisse und Einsatz. Zoologin Aerni: "Das mussten auch die Schweizer Legehennenhalter erst lernen." Die Leiden in der Batterie hingegen seien "systembedingt und unabänderlich". Auch TiHo-Forscher Kreienbrock räumt ein: "Das Management ist eine ganz wesentliche Komponente."
Die Probe aufs Exempel hat Landwirt Manfred Schmid gemacht, der auf seinem Hof im württembergischen Westhausen seit zwei Jahren neben frei laufenden Schweinen und Kühen auch 3000 Hennen der Rasse "Silver" in einer fünfstöckigen Voliere hält ("In der obersten Etage sitzen die Ranghöchsten"). Auf dem künstlichen Baum gibt es zu trinken und zu fressen, der Kot wird
über Rundumbänder wöchentlich abtransportiert. Terrasse, Wintergarten und Auslauf ins Grüne ergänzen die Anlage. Mit ihrem dicken Federkleid können die weißen Vögel Temperaturunterschiede gut ausgleichen, sagt Schmid. In Kuhlen aus Streu betreiben 40 bis 50 Hennen gleichzeitig intensive Körperpflege; aufgeregt durchscharren andere die Haferspelze am Boden.
Die Herde stammt aus eigener Aufzucht - nachdem Schmid zuvor an eingekauften Küken der gängigen Käfigrassen aus Bodenhaltung fast verzweifelt war: In seiner Freilandhaltung gab es Kannibalismus und Federpicken: "Das hatte in den Küken dringesteckt."
Das Geschäft läuft gut, obwohl die Eier, wegen des besseren Futters und der aufwendigeren Haltung, mit 30 Cent auf dem Markt und 28 Cent ab Hof teurer sind. Nach ihrer Zeit als Legehenne geben die Tiere, anders als ihre meist zu Tiermehl verarbeiteten Käfiggenossen, immer noch ein gutes Suppenhuhn ab.
"Man kann den Tieren ins Gesicht schauen", sagt der Landwirt, "und weiß, ob sie sich wohl fühlen." In Legebatterien, erinnert sich Schmid, hätten die Hennen "apathisch, wie eine Gruppe Gefangener, dreingeschaut". Schmid: "In meinem Stall haben die einen freudigen Ausdruck - wie eine Menschengruppe, die sich auf einer Kreuzfahrt vergnügt."
RENATE NIMTZ-KÖSTER
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Freiland-Eier erwünscht . . .
"Wenn Sie Eier kaufen, bevorzugen Sie Eier aus Käfighaltung oder aus Freilandhaltung?"