Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Lang lebe der Widerstand

Nach einem Anschlag auf Amerikaner in Faludscha vergeht sich der Mob an den Leichen - vor den Augen der Weltpresse. Von Smoltzcyk, Alexander

Vor Bildern wie diesen hat sich US-Präsident George W. Bush gefürchtet. Sie sind der Alptraum jedes US-Präsidenten. Vergangenen Mittwoch waren sie da, Grauen erregend und trostlos.

Am Mittwochmorgen waren zwei Geländewagen mit vier US-Aufbauhelfern unterwegs in Falludscha, der Sunniten-Hochburg 55 Kilometer westlich von Bagdad. Die Männer kamen von der nahe gelegenen Militärbasis. Sie arbeiteten für "Blackwater Security Consulting", eine US-Firma, die im Pentagon-Auftrag die Sicherung von Nahrungstransporten gewährleistet.

Im Einkaufsviertel der Stadt gerieten die Fahrzeuge in einen Hinterhalt. Augenzeugen wollen einen mit "Gotteskriegern" besetzten Lastwagen haben kommen sehen. Die Fahrzeuge wurden von maskierten Männern beschossen und mit Granaten angegriffen. Sie gerieten sofort in Brand. Ein Insasse soll den ersten Angriff überlebt haben, wurde nach Augenzeugenberichten aus dem brennenden Wagen gezerrt, getreten und unter "Gott ist groß"-Rufen mit Ziegeln zu Tode gesteinigt.

Die verbrannten Körper der anderen wurden mit Stöcken, Stangen und Schuhen geschlagen, Körperteile abgehackt. Mindestens ein Leichnam wurde an ein Auto gebunden und durch die Straßen geschleift. Die verkohlten Reste zweier Männer hingen später an der Euphrat-Brücke.

Fernsehbilder zeigen eine Menge von knapp 100 Menschen, die um die brennenden Fahrzeuge stehen. Keiner der Beteiligten scheint sein Gesicht zu verbergen, manche posieren vor der Kamera, darunter auch Kinder. Ein Taxifahrer ruft: "Lang lebe der Widerstand" und gibt den Journalisten bereitwillig seinen Namen.

Es waren die gleichen Szenen wie 1993 in Mogadischu, als ein Dutzend U. S. Rangers von somalischen Milizen getötet worden war und der Mob einen der Amerikaner an den Füßen durch die Stadt schleifte. Die TV-Bilder führten damals zum Abzug der Truppen. Als in Ruanda 1994 der Völkermord begann, scheute Bill Clinton vor dem Eingreifen zurück, weil er ähnliche Szenen befürchtete.

Paul Bremer erklärte, man werde die Schuldigen finden und vor Gericht stellen: "Das wird nicht straflos bleiben."

Es waren die bislang schlimmsten Bilder aus dem Nachkriegs-Irak. Am widerwärtigsten waren die lachenden Gesichter, am traurigsten ist der Anblick eines vielleicht Zwölfjährigen, der mit seinem Schuh auf einen Leichnam einschlägt, dann seinen Fuß auf den Kopf stellt und schreit: "Wo ist Bush?"

Es sind Bilder aus der Hölle. Aus der Hölle Mensch. ALEXANDER SMOLTZCYK

DER SPIEGEL 15/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten