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DER SPIEGEL

KINOEin Kopf und sein Körper

Ein Spanier erhielt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film: Alejandro Amenábars „Das Meer in mir“ ist eines der bewegendsten Kinoerlebnisse der Saison.
Unbeirrbar ist Ramón Sampedro von Beginn an bestimmt von dem Wunsch, sich den Tod zu geben, und am Ende wird es ihm gelungen sein: So viel hat wohl jeder schon über diese Geschichte gehört, wenn er sich für den Film "Das Meer in mir" interessiert. Ramón, das ist ein freundlicher Kopf auf einem Kissen, der lebhaft denken und reden und lachen und weinen kann, aber die innere Wahrnehmung und die Herrschaft über seinen Körper verloren hat: querschnittgelähmt seit mehr als einem Vierteljahrhundert, seit einem leichtsinnigen Kopfsprung von einem Felsen ins Meer, bei dem er hart auf den Grund schlug.
Als junger Abenteurer war Ramón zu Schiff rund um die Welt unterwegs, und das Meer ist sein Lieblingselement geblieben: Es hat ihm die Freiheit gegeben, die er als sein Leben verstand, und es hat sie ihm wieder genommen; was ihm bleibt, ist der Kampf um die Freiheit zu sterben. Wenn er jetzt - in dem ärmlich engen galicischen Bauernhaus, wo Bruder und Schwägerin, Vater und Neffe den hilflos Unmündigen umsorgen - in der Kammer unter dem Dach aus dem Fenster schaut, sieht er einen bewaldeten Berghang. Wenn er aber schlaflos phantasiert, nimmt er mit Schwung durch den Korridor Anlauf und wirft sich zum Fenster hinaus - aber nein, nicht in den Tod: Er kann fliegen, er fliegt auf den tosenden Wogen seiner geliebten Puccini-Musik und fliegt über Hügel und Wälder hinweg aufs Meer zu und einer Traumfrau entgegen, die ihn am Strand zu erwarten scheint.
Die Geschichte von Ramón Sampedro (1943 bis 1998) ist, was man einen authentischen Fall nennt: Gegen einen sich laizistisch nennenden Staat, der den Selbstmord nicht mehr unter Strafe stellt, hat der Querschnittgelähmte im Namen der Menschenwürde vor mehreren Gerichten erfolglos um sein Recht auf Beistand zum selbstgewählten Tod gekämpft. Erst danach hat er, entmutigt, die Nächstenliebe, die Gnade, die heimlich helfende Handreichung außerhalb der Legalität akzeptiert.
Der Filmemacher Alejandro Amenábar (verantwortlich für Buch, Regie, Schnitt und Musik) ist mit allem Respekt den Umständen treu geblieben. Und doch hat er auf magische Weise - weil er am Geist und nicht an den Fußnoten des Faktischen festhielt - dieses Unglücksleben in ein bewegend großes lyrisches Melodram verwandelt: Da ist, als leibhaftiges Skandalon und Fremdkörper in einer Gesellschaft, die den
Tod so sehr verdrängt hat, dass sie vor der bloßen Idee des Sterbenwollens wie vor einer ansteckenden Krankheit zurückscheut, dieser Stigmatisierte, der den Tod als sein Prinzip Hoffnung hochhält. Er träumt, er spottet, er macht sich über sich selbst lustig, er ist ein Lyriker. Das Buch, in dem Sampedro zwei Jahre vor seinem Tod Manifeste, Hilferufe, Gedichte veröffentlicht hat, heißt "Briefe aus der Hölle".
Dass Javier Bardem, 36, der größte spanische Schauspieler seiner Generation ist, braucht längst keinen Beweis mehr: Männlichkeit, strotzende Vitalität und Charme machen ihn zum geborenen Siegertyp aller Klassen. Doch Neugier und Leidenschaft treiben ihn Mal um Mal zu riskanten Alleingängen der Selbstverleugnung, und wie er nun, zum reglosen Menschenbündel zusammengeschnürt, den kahlen, schmalen und zwanzig Jahre älteren Sampedro darstellt, ist ein Balanceakt zartester Beseelung: wie er aufblüht und erlischt im Kommen und Gehen der vier Frauen, die sich in geradezu komödienhafter Rivalität um ihn bemühen, und wie, wenn sie alle wieder gegangen sind, in der Trauertiefe seines Blicks die Frage bleibt, ob wohl die eine oder die andere ihn so selbstlos liebe, dass sie ihm die Hand zum Sterben reicht.
Der 1972 in Chile geborene Regisseur Amenábar ist früh ins Scheinwerferlicht Hollywoods geraten: Die Rechte an seinem zweiten Film "Öffne deine Augen" hat Tom Cruise gekauft, um daraus ein amerikanisch gestyltes Remake (mit dem Titel "Vanilla Sky") zu machen, und gleichzeitig hat Cruise dafür gesorgt, dass Amenábar seinen dritten Film "The Others" auf Englisch mit Nicole Kidman als Star drehen konnte. Beides waren - mal futuristisch, mal nostalgisch aufgezäumt - Lebensentwurfsfabeln, die ins Totenreich hinübergespensterten, und sie hätten ihrem Erfinder wohl eine amerikanische Zukunft im Geisterreich zwischen "Horror" und "Fantasy" öffnen können. Das aber scheint ihn (bislang) nicht interessiert zu haben.
Der Begriff, mit dem Sampedro für seine Freiheit durch Sterbehilfe plädiert, heißt Menschenwürde, und das Erstaunlichste an Amenábars Film ist vielleicht, wie streng er diese Würde selbst respektiert. Er zeigt Angst und Verzweiflung, doch das Elend des tagtäglichen demütigenden Ausgeliefertseins an einen Körper ohne Empfindung zeigt er nicht. Das mag sich jeder selbst vorstellen. Das Gedankenspielerische der frühen Amenábar-Filme ist fern.
Mit der Geschichte vom "Meer in mir" hat er auf ganz andere Art in der Realität Fuß gefasst und zugleich einen neuen Weg gefunden, mit seiner Kamera so schwerelos, wie er es liebt, über die Schattenlinie zwischen Leben und Tod hinweg zu fliegen: so frei wie Sampedro. URS JENNY
* Mit Gwyneth Paltrow und Produzent Fernando Bovaira.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 10/2005
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