Die Macht des braunen Goldes
Der kleine Paul, Sohn der Stuttgarter Uno-Mitarbeiterin Katja M. mit derzeitigem Einsatzort Kabul, sollte im vorigen Frühsommer endlich mal einen Esel sehen. Die Mutter fuhr mit ihrem Spross in die wild- zerklüftete Nordprovinz von Badakhshan. Dort hatte sie noch vor zwei Jahren inmitten von rotlila Mohnfeldern viele Esel beobachtet als Transporteure der Opiumernte.
Die Fahrt wurde für Paul eine Enttäuschung. Es gab keine Esel mehr in den Dörfern. Vor den Bauernkaten standen neue Traktoren und protzige Landrover. Nur die Mohnfelder wiegten wie früher, und ihre geschwollenen Fruchtkapseln versprachen hohe Erträge im Opium- und Heroingeschäft.
Es war ein Rekordjahr für Bauern, Händler und das Kartell der Drogenmafia. Etwa 4200 Tonnen Opium, so der Alarmruf der Uno-Weltdrogenbehörde, konnten 2004 auf den Schlafmohn-Plantagen Afghanistans geerntet werden.
Eine Groteske der Geschichte. Was die islamistischen Taliban nicht taten, schafft ausgerechnet das von den USA geförderte Afghanistan des Paschtunen-Fürsten Hamid Karzai - den Westen mit einer Drogenflut zu überschwemmen. Afghanistan steht heute für 87 Prozent der weltweiten Opiumproduktion und 95 Prozent des in Europa verbreiteten Heroins. Dieser Drogenhandel bringt es inzwischen auf einen Umsatz von 2,8 Milliarden Dollar jährlich.
Er sei es leid, klagte der Präsident Anfang vergangener Woche in kleinem Kreis vor Diplomaten, bei seinen Auslandsreisen "zunehmend wie ein Drogenbaron beargwöhnt" zu werden. "Mit aller Macht" wolle er jetzt gegen die Narco-Mafia vorgehen, kündigte Karzai an und rief zu einem "Heiligen Krieg gegen das Opium" auf.
Nicht zum ersten Mal. Gleich nach seinem Amtsantritt war im Januar 2002 der Mohnanbau als "gottloses Tun" geächtet und unter Strafe gestellt worden. Viel bewirkte das nicht. Der Gouverneur der Südprovinz Helmand etwa verlas brav Karzais Order und ließ weiterhin auf seinen eigenen Feldern Mohn anpflanzen - genauso wie der Polizeikommandeur.
In Badakhshan, einem anderen Hauptanbaugebiet, gibt es allein 18 Fabriken, in denen aus dem braunen Gold der Opiumpaste das sechsmal so teure Heroin gefertigt wird. Jeder in Badakhshan weiß, wo die Fabriken liegen. Und jeder weiß auch, welcher der regionalen Warlords sie kontrolliert.
Mullahs predigen, Drogenhandel sei gegen den Islam, und gehen anschließend zur Arbeit auf die Mohnfelder, genau wie Lehrer vor und nach dem Unterricht. Tagelöhner auf den Mohnplantagen erhalten zwölf Dollar, ein kleiner Staatsbediensteter bringt es gerade mal auf zwei.
Mohn wächst schnell, in manchen Regionen sogar zweimal pro Jahr. War der Anbau noch vor drei Jahren auf 6 der 32 Provinzen beschränkt, hat er sich inzwischen auf annähernd 200 000 Hektar in 28 Provinzen ausgebreitet - bei Paschtunen ebenso wie bei Hazaras, Usbeken und Tadschiken.
Die Narco-Mafia hat Kabuls Regenten fest im Griff, verfügt über Drähte ins Kabinett und zu den Spitzen der Administration. Der inzwischen mit einigen Gouverneuren abgelöste Verteidigungsminister Mohammed Fahim gehörte zu diesen Kontakten und auch noch immer Usbeken-General Abdul Raschid Dostam, die übelste Erscheinung an Afghanistans Polit-Firmament.
Ein US-General, der unlängst einen Kabuler Narco-Experten um eine Liste der in den Drogenhandel verwickelten Offiziellen bat, erhielt die Antwort: "Einfacher wäre, jene aufzuschreiben, die nicht dazugehören; diese Liste ist kürzer."
Immer wieder kommt das Gerücht hoch, selbst Angehörige aus Karzais Verwandtschaft mischten mit im Drogen-Business, darunter ein Bruder in Kandahar. Der Präsident dementiert zornig.
Den Amerikanern sind die Namen der 15 Drogenbarone, die Konten in Dubai oder Tadschikistan haben, durchaus bekannt. Doch sie alle unterhalten Verbindungen zu den Warlords, die bei der Jagd auf al-Qaida und die letzten Kohorten des einäugigen Taliban-Chefs Mullah Omar unersetzlich sind.
"Eigentlich", räsoniert ein EU-Botschafter in Kabul, "sollten wir unsere ganze Finanzhilfe einstellen, bis Karzai das Drogenproblem unter Kontrolle hat." Doch das werde "wohl noch fünf bis sieben Jahre dauern", selbst wenn es jetzt wirklich zu einem schärferen Vorgehen gegen die Narco-Mafia komme.
Die allerdings könnte selbst einen Totalverlust der diesjährigen Ernte verschmerzen. Ein verknapptes Angebot triebe die Weltmarktpreise wieder nach oben. OLAF IHLAU