PRESSE
Schokolade gequirlt
Eine neue Zeitung kommt seit geraumer Zeit bundesdeutschen Lesern ins Haus -- zwar traditionell schwarz auf weiß gedruckt, doch gleichwohl ein buntes Produkt mit vielerlei Kästchen, Blöcken und Rubriken, luftig-flockig aufgemacht, ein Tageblatt, das es so noch nicht gab.
Auf Seite eins ist ausgebreitet, was in herkömmlich gestalteten Blättern weiter hinten unter Vermischtes steht: Neues über empfängnisverhütende Technik oder auch über einen Behördenstreit um den Ersatz einer kaputten Klobrille in einem Amts-WC. Das neuartige Blatt läuft unter einem altbekannten Titel: "Die Welt".
So gründlich wie diesmal wurde das häufig umgestaltete konservative Kopfblatt des Verlegers Axel Springer zuvor noch nicht umgemodelt. Die neue Fasson schuf im Verlegerauftrag der einstige "Bild"-Chefredakteur Peter Boenisch, 52, geschmückt mit altväterlichem Titel nach Springer-Art als "Vorsitzender der Chefredaktion". Er würde, so hatte der Konzernherr den widerstrebenden, mittlerweile im Konzern als Manager tätigen Journalisten letztes ]ahr in die "Welt" gelockt, damit ihm und sich selber einen Gefallen tun.
Der "Welt" womöglich nicht. Denn was sie einmal war, eine ernst zu nehmende politische Tageszeitung, in klassischer Machart nach angelsächsischem Vorbild, mit liberaler, weltoffener Haltung und sorgfältig redigiertem Nachrichtenteil ("Es stand in der Welt") -- das ist sie gewiß nicht mehr.
Zunächst kaum merklich, doch verstärkt seit Anfang des Jahres rückte Blattmacher Boenisch seine bunte Mixtur auf die Frontseite, die bis dahin fast durchweg der Politik oder doch dem Wichtigsten vom Tage vorbehalten blieb.
Die Hauptschlagzeile, die in politischen Blättern das Thema des Tages signalisiert, las sich am Donnerstag vorletzter Woche, über volle sechs Spalten hinweg, so: "Unfähig, faul, arrogant, karrieresüchtig und privilegiert." Die Schlagzeile gab keinerlei Indiz, worum es ging -- ob etwa, was bei der "Welt" nahegelegen hätte, deutsche Gewerkschafter oder linke Studenten gemeint waren. Es ging um die Bürokratie der Rotchinesen: ein blumiger Bericht aus Peking, ohne besonderen Anlaß, und nicht etwa vom Peking-Korrespondenten der "Welt", sondern ein mit einem Copyright-Vermerk versehener Nachdruck aus der "Neuen Zürcher Zeitung".
Die auf emotionale Wirkung berechnete Schlagzeile zu einer Story aus zweiter Hand -- das ist die neue "Welt" in Reinkultur: Der Stoff mag noch so weit hergeholt sein, Hauptsache, er läßt sich putzen.
So druckt die "Welt", wenn andere Blätter Top-Meldungen etwa über die Regierungskrise in Indien oder Chomeini-Terror in Persien bringen, nun sechsspaltige Spekulationen über sowjetische "Todesstrahlen" im Weltall. Derlei thematische Beliebigkeit, die offenbar für jeden etwas bieten soll, prägt weite Teile des Produkts, auch wenn zur Mischung nach wie vor ordentliche Politikberichte und ein intakter Wirtschaftsteil gehören.
Auf die Fortsetzung und Vertiefung von Nachrichten, die in anderen Zeitungen bisweilen von der ersten auf nachfolgende Seiten umlaufen, legt die "Welt" kaum noch Wert; manch wichtige Meldung vom Tage wird ohnehin mit wenigen Zeilen in einen Sammelkasten ("Deutschland-" oder "Welt-Nachrichten") abgeschoben, weil Boenisch die -- eigens in sogenannten Copytests bei den Lesern ermittelten -- "Durchlesequoten" erhöhen will.
Seine Arbeitsthese: Je knapper und bunter der Lesestoff? um so mehr davon lesen die Blattkäufer auch durch, um so zufriedener mithin die Leser mit dem Blatt -- das spezielle Konzept eines Boulevardblatts. Und in der Tat mutet die neue "Welt" an wie eine gequirlte Mischung von "Bild" und "FAZ".
Geradezu typisch für den neuen Stil ist die seit letztem Monat laufende "Welt"-Aktion für Vietnamflüchtlinge. Unter der Spitzmarke "Helft!" lassen ",Die Welt? und das Deutsche Rote Kreuz bitten": "Rettet die Flüchtlinge in Südostasien" -- durch eine Spende für das Rotkreuzschiff "MS Flora", den "Schwimmenden Sanitäter" ("Die Welt") für das Südchinesische Meer.
Nicht die Kampagne an sich fällt aus dem Rahmen; auch andere Blätter, etwa der SPIEGEL (zur Hamburger Flutkatastrophe) oder "Die Zeit" (aus wechselndem Anlaß, letzthin auch für Vietnamflüchtlinge), drucken bisweilen Spendenaufrufe. Bezeichnend ist vielmehr das an "Bild" gemahnende Tamtam, mit dem die "Welt" die Sammlung vermarktet. Boenisch nennt das "Aktionismus".
Wie ein täglicher Fanfarenstoß kundeten Sondermeldungen vom jeweiligen Stand der Mildtätigkeit: "Neue Rekordspende: 100000 Mark von der Krupp-Stiftung", "F. K. Flick: Ich gebe 100 000 DM für den Sanitäter zur See", "Wieder 10 000 DM -- Diesmal von BASF". Heinz Rühmann spendierte eine alte Fliegerweste zur Versteigerung, und auch andere Sachspenden kamen samt Stifter aufs "Welt"-Tapet: "Für 50 000 Mark Quelle-Kleider" und: "Stollwerck gibt 100 000 Tafeln Schokolade."
Schoko-Fabrikant Hans Imhoff, der früher "als Finanzakrobat" von sich reden machte und "in einem großangelegten Grundstückshandel die Stadt Köln austrickste" (so das Wirtschaftsblatt "Capital")? war diesmal, laut "Welt", ganz Menschenfreund: "Ich werde nie vergessen, mit welch leuchtenden Augen die Kinder in den harten Nachkriegsjahren nach einer Tafel Schokolade griffen."
Am humanitären Zweck der Aktion, um die Rotkreuzvertreter nachgesucht hatten (Boenisch: "Ich habe sofort mit
*In einer Bremerhavener Werft, vor dem Auslaufen am letzten Wochenende.
** "FAZ" und "Welt" gelten nach zeitungswissenschaftlichen Merkmalen als überregionale Tageszeitungen. während die "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Rundschau als Regionalzeitungen mit bundesweiter Verbreitung definiert werden.
dem Kopf geflickt"), gibt es nichts zu deuteln. Freilich auch nicht daran, daß die "Welt" auf solch humanitäre Weise sich selber helfen möchte. Eine dem Blatt beigelegte Zahlkarte für das Rotkreuz-Bankenkonto 41 41 41 enthielt das "Welt"-Symbol, den Globus, damit sich der "Welt"-Anteil am Sammelergebnis auch werbewirksam auszählen läßt.
Verleger Springer, für den "das Böse in der Welt der Hinweis auf die Existenz des Teufels" ist, gab der Kampagne letzte Woche seinen höchstpersönlichen Segen -- in der Seite-eins-Rubrik "Das sagte Springer zur "Welt"?: "Die Fünf-, Zehn- oder Zwanzig-Mark-Beträge, die von einer Rentnerin oder einem Angestellten gespendet werden, dürfen publizistisch nicht vergessen werden -- auch wenn man nicht jeden Namen nennen kann."
Boenisch dient der Kontostand schlicht als Beweis dafür, "daß sich die Leser aktivieren lassen", daß der "Organismus lebt", mithin die Leser-Blatt-Bindung bei einer Zeitung in Ordnung sei, von der es im Management schon geheißen habe: "Mit dem Ding ist nicht mehr viel los."
Das aber ist der eigentliche Grund für den neuerlichen "Welt"-Wandel? für Trara und Gigi im einstigen Bildungsblatt. Als solches, einzige Konkurrenz der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Auflage: 300 000), ist die "Welt" (229 000) nämlich gescheitert**
Seit langem kursierende Gerüchte von jährlichen "Welt"-Defiziten um die 30 Millionen Mark werden im Konzern als "immer noch realistisch" bezeichnet. trotz einer Konzentration der Kräfte vor vier Jahren: Technik nach Essen, Redaktion nach Bonn.
Fände das Prinzip der von Axel Springer stets propagierten "demokratischen Abstimmung am Kiosk" -- Entschuldigung des Großverlegers für den marktwirtschaftlichen Tod defizitärer Konkurrenzblätter -- auch bei Axel Springer Anwendung, die "Welt" wäre längst am Ende. Statt dessen wird sie durch Erträge anderer Springer-Blätter ("Bild", "BZ"? "Hör zu") subventioniert.
Vom Verleger selbst auf immer härteren Rechtskurs gezwungen und als "Kampfblatt" (Springer) gegen die sozialliberale Koalition eingesetzt, ruinierte die "Welt" unter den Boenisch-Vorgängern Herbert Kremp und Wilfried Hertz-Eichenrode ihr einstiges, bis auf die Hamburger Gründerzeit der britischen Besatzer zurückgehendes Renommee. Daß auch die Londoner "Times" die Springer-Zeitung schließlich als "right wing" einstufte, fanden die Konzern-Bosse denn doch zu peinlich.
Weil aber eine Re-Liberalisierung, die dem Blatt mehr Bewegungsfreiheit neben der ebenfalls zunehmend konservativen "FAZ" verschafft hätte, für Springer nicht in Frage kam, muß Boenisch nun nach einer Alternative anderen Typs suchen: durch zunehmende Entpolitisierung.
Vorzug genießt ein forsch-gefühliger Stil, der den Lesern eher zu Impressionen als zu Einsichten verhilft: solchen Lesern, so offenbar das neue Kalkül, denen die Lektüre der "Bild"-Zeitung ein bißchen zu genierlich ist. Von "FAZ-Sermon" und "schrecklichem Nachrichtendeutsch" will Boenisch jedenfalls nichts wissen.
Schon weist die Mediaanalyse? mit der Demoskopen jedes Jahr die Zahl der Mehrfachleser vieler Zeitungen pro verkauftem Exemplar ermitteln, für die "Welt" eine außergewöhnliche Steigerung von 24 Prozent aus: insgesamt 820 000 Leser statt 660 000 im Vorjahr, laut Statistik rund 3,5 pro Exemplar. An der Entwicklung der verkauften Auflage (2795 Exemplare mehr im letzten Quartal gegenüber dem gleichen Quartal des Vorjahres) läßt sich der Aufwind freilich noch nicht so deutlich ablesen.
Aber mag ja sein, daß die neue "Welt" zum Verkaufserfolg wird. Es wäre der Erfolg einer Zeitung, die gerade auf der Titelseite oft mehr appelliert als informiert, die Farbe wichtiger nimmt als die Fakten -- es ist die Boulevardmasche, die Ursachen ignoriert und Folgen dramatisiert. Auffallend, daß die "Welt" den Gedankenstrich verkümmern läßt und das Ausrufungszeichen in Dienst nimmt: "Barzel: Steht hinter Strauß!"
Aus Springers Flaggschiff ist ein Ausflugsdampfer geworden.
Und wie "He lücht" die Passagiere bei der Hamburger Hafenrundfahrt unterhält, so kommentierte Boenisch denn auch die Reise des Bundeskanzlers auf dem Segel-Oldtimer "Atalanta" nach Polen:
In einem stimmen gewiß alle politischen Lager überein: Es ist für beide Völker besser, wenn ein Schmidt mit einem Zweimastschoner nach Danzig kommt als eine "Schleswig-Holstein" mit Kanonen wie 1939. Die deutsche Außenpolitik trägt Segler-Mütze. Bei aller gebotenen Skepsis gegenüber der Schau: Mütze ist bes. ser als Helm.
An der politischen Richtung habe sich eigentlich nichts verändert, meint Peter Boenisch: "Es gibt keinen Kurswechsel der "Welt'. Aber es gibt mich."·