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DER SPIEGEL

Häuptling Ondulierte Silberlocke

Der Wiener Fußballtrainer Max Merkel, 60, gewann mit dem TSV 1860 München und dem 1. FC Nürnberg je einmal die Deutsche Meisterschaft. Mit Atletico Madrid wurde er spanischer Meister und Pokalsieger. Als unlängst der FC Bayern München Merkel zum Trainer ernennen wollte, meuterten die Spieler.
So schön wie Jupp Derwall ist noch kein Bundestrainer gewesen. Unter dem Römerkopf mit dem silbergraumelierten Haar stören nicht einmal die Fußballerbeine und der Umstand, daß er beidfüßig über den großen Zeh watschelt.
Ob allerdings Häuptling Ondulierte Silberlocke auch ein großer Bundestrainer wird, muß stark bezweifelt werden. Der dritte Mann in 43 Jahren an der Spitze der Nationalmannschaft hat bis zum 53. Lebensjahr noch keinen Blumentopf gewonnen. Zwei schöne Länderspiele, in denen es um nichts ging, zählen nicht viel -- erst die Europameisterschaft 1980 und dann die Weltmeisterschaft 1982, falls Derwalls Schlafwagengesellschaft sich überhaupt für das Turnier qualifiziert.
Wer gegen Malteser und Türken kein Tor schießt, kann seine Fußballschuhe verkaufen. Der Jupp, der ja mal ein guter Fußballer war, hätte mit seinen Prämienhaien mitspielen können, keiner hätte es gemerkt. Zu schade, daß San Marino und Andorra keine Fußballmannschaften haben, sakra, denen täten wir es geben. Aber nun warten die Ungenießbaren von Wales auf unsere lieben Fußballbuben. Derwalls Vorgänger Helmut Schön schwante schon: "Da muß der Jupp zeigen, was er kann, denn die schönen Beckenbauer-Zeiten sind vorbei."
Nach Meister Sepp Herberger und Glücksritter Helmut Schön macht nun Alt-Twen Derwall das deutsche Fußball-Bukett. Die Reihenfolge stimmt. Derwall will wohl nur noch ausprobieren, ob Erfolg auch ohne Meisterschaft und Glück zu erringen ist. Es wäre der Triumph des Vakuums.
Aber Jupp der Schöne hat trotzdem den besten Fußballjob der Welt. Die Lebensversicherung ist im Amt inbegriffen, die Rentenfrage geklärt.
Seine Hauptaufgabe besteht im Zurücklegen von Kilometern per Flugzeug und Dienst-Mercedes, im Sich-Zeigen vorm Volk und in gelegentlicher Aufstellung von Nationalmannschaften.
Das Dümmste, was Derwall tun könnte, wäre, den Spielern, wenn sie von ihren Bundesligaklubs zum Nationalkader stoßen, was Neues einreden zu wollen. Ein Nationaltrainer kann vor einem Länderspiel nicht viel mehr tun, als jedem zu sagen, welches Zimmer er hat. Die Sitzordnung auf der Reservespieler-Bank legt der DFB fest. Danach kann Derwall sich noch ums Betriebsklima verdient machen.
Aber da hakt's schon beim Derwall. Viele Nationalspieler sahen ihn lieber gehen als kommen. Der Paul Breitner hat ihn mal Linkmichel genannt. Der Gerd Müller meint, Taktik hielte er für eine jugoslawische Grillspezialität.
Derwall rühmt sich, er telephoniere viel, mit den Spielern und mit den Klubtrainern aus der Bundesliga. Aber Telephon-Seelsorge genügt nicht. Da kommt es über Grüße an die Frau und Tips für den Kinderpopo-Puder selten hinaus. Der Bundestrainer müßte nicht nur zu Spielen reisen, wobei er noch die miesen als hervorragend bezeichnet, sondern auch zum Training in den Klubs.
Nur dort gibt es die richtige Information, nur dabei ist der sehr wichtige innere Kontakt herzustellen. Viele Fußballer sind auch gute Schauspieler. Im Nationalkader verstellen die sich so geschickt, daß Faulpelze wie fleißige Lieschen, Feiglinge wie Draufgänger wirken. Intriganten schlagen vor dem Bundestrainer die Augen nieder oder beherrschen die Kunst, auf Kommando zu erröten, und Maulhelden tun so, als hätten sie gerade die Aufnahmeprüfung an einer Anstalt für Taubstumme bestanden. Derwall ist ein Spieler-Streichler. Wann's dann mal pressiert, hilft nur noch Strychnin.
Die weiche Welle und die Verbrüderung mit Spielern reichen nur für ein Kurzzeitprogramm. Die Vorrunde zur Europameisterschaft wird Jupp Wangenrot vielleicht doch noch überstehen.
Danach muß er sich was einfallen lassen. Oder sein Boß, Präsident Hermann Neuberger vom Deutschen Fußball-Bund und der Chef des Lehrstabes.
Der schöne Jupp jammert jetzt, es gäbe keine Flügelstürmer mehr. Er selber hätte längst welche finden und aufbauen müssen. Er trainierte Amateure und Jugendliche, 15 Jahre lang.
Es gibt genug Außenstürmer, er muß ihnen nur mal Flügel und Beine machen. Nicht die Aufstellung allein, sondern auch die Einstellung ist wichtig. In dieser Nationalmannschaft rennt keiner, kämpft keiner, lacht niemand und das Tor trifft eh nie einer. "Die Türken haben das Spiel kaputt gemacht", klagte Jupp. Jo mei, wer tut das nicht? Sollen die Gegner unsere Stürmer mit dem Baldachin ins Tor tragen?
In Izmir hatten die Türken so was wie eine Panzersperre errichtet. Derwall hatte Kaiserslauterns Riesen Peter Briegel dabei, einen früheren Zehnkämpfer, warum schickte er den nicht auf den Platz? Wo es gepanzert ist, muß man eben einen Panzer auffahren.
Als Bundestrainer lebt Jupp Derwall lieber risikolos. Seine Stellvertreter, der Erich Ribbeck und Dietrich Weise, schlachten keinen. Die tragen ihm sogar die Krücken, wenn die Bandscheibe zwickt.
Wie Vorgänger Schön darf er auch auf etwas vertrauen, was die Deutschen im Fußball immer schon stark gemacht hat: auf den Glorienschein der Institution Nationalmannschaft. Nicht nur, daß jeder Länderkampf den Marktwert jedes Spielers hebt, sondern weil die Berufung auch den miesesten Charakter unter Denkmalschutz stellt.
Und solange nicht von Fußball geredet wird, kann auch nichts falsch gemacht werden. Aber im Training ruft Chef Derwall den Nationalspielern Sachen zu, die aus der Fußballfibel für Sechsjährige stammen: "Kopf runter, Ball angucken. Kopf hoch, Mitspieler suchen." Die Müller, Förster & Co müssen sich wie in der Gartenlaube der Nation vorkommen.
Man merkt im Stadion gar nicht, wenn Derwall auf den Platz kommt. Er ist weder Napoleon noch Rumpelstilzehen. Keiner sieht hin, wenn er auf der Bank hockt. Ein schöner, aber grauer, an Waschtagen silbergrauer Mann fällt eben nicht auf, wenn er nicht zur Sache kommt.
Wenn Derwall mal was sagt, ist es etwas ganz Selbstverständliches, ein Aha-Erlebnis in Silberfolie: "Man muß selbständig handeln und immer Erfolg haben", spricht Derwall. Jo mei, man weiß eh, daß es. im Winter kälter ist als im Sommer. Wichtiger ist, daß ich weiß, welche Kohlen ich brauche und in welchen Ofen ich sie legen muß.
Aber vielleicht wird Derwall noch dasein, wenn der Ofen schon lange aus ist. Denn fern vom Fußball ist er ein lieber Mensch. Er bastelt besonders gern Flugzeugmodelle. Hoffentlich fliegen nur die.

DER SPIEGEL 15/1979
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