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SELBSTMORD

Wir krebsen uns durch

In seinem Abschiedsbrief beklagt das Berliner Ehepaar Stahl die soziale Kälte in Deutschland, die Angst vor dem Abstieg trieb es in den Tod. Die Probleme von Monika und Michael Stahl waren nicht größer als die Millionen anderer Deutscher. Von Mario Kaiser Von Kaiser, Mario

Irgendwann im Sommer vergangenen Jahres merken Monika und Michael Stahl, dass sie jetzt in einem anderen Land leben. Sie lesen die Formulare, die sie ausfüllen müssen, um das Arbeitslosengeld II zu bekommen. Der Staat will wissen, was sie haben, damit er entscheiden kann, was ihnen bleibt.

Sie müssen sagen, wie groß ihre Wohnung ist, wie hoch die Miete, die Nebenkosten, ob sie ein Auto haben und eine Lebensversicherung.

Sie müssen ein Inventar ihres Lebens erstellen, und sie haben das Gefühl, dass jede Position auf dieser Liste gestrichen werden kann.

An einem Sonntag im September sitzen sie im Garten von Monikas Cousine Sandra Pfaffenroth und erzählen von ihren Ängsten. Es kann passieren, dass wir umziehen müssen, sagt Monika, unsere Wohnung ist zu groß, und wir haben keine Kinder. Ihr Mann sitzt neben ihr und schweigt.

Ihre Barbiepuppen hat Monika Stahl zu diesem Zeitpunkt schon verkauft. Jetzt fürchtet sie um ihre DVD-Sammlung, mehr als hundert Filme, die sie im Regal nach Kategorien sortiert hat, Krimis, Science-Fiction, Zeichentrick. Sie macht sich Sorgen, dass die Filme bei einer Prüfung durch die Behörden als Vermögen bewertet werden. Sie fragt ihre Cousine, ob sie die Sammlung bei ihr verstecken darf. Die werden bestimmt kommen, sagt Monika.

Es ist ein warmer Spätsommertag in Berlin, ab und zu regnet es. Im Garten von Sandra Pfaffenroth sitzen die Cousinen mit ihren Ehemännern unter einer Markise und grillen, es gibt Rostbratwurst, Hähnchenbrust, Baguettes und Salat. Monika Stahl arbeitet seit einigen Monaten als Chefsekretärin in einer Berliner Spedition. Doch ihr Mann hat seit drei Jahren nicht mehr als Aufnahmeleiter beim Film gearbeitet. Er wird bald ein Sozialfall sein.

An jenem Tag im September wissen Monika und Michael Stahl nicht, ob sie ihre Wohnung verlieren werden. Aber die Angst, sie zu verlieren, beginnt sie zu beschäftigen. Das Paar wohnt im Stadtteil Moabit. An der Tür der Wohnung hängt ein goldenes Schild, auf dem in geschwungener Schrift steht: Hier leben, lieben und streiten M. & M. Stahl. Dann schlafen wir zukünftig eben unter einer Brücke, sagt Monika an diesem Septembertag ihrer Cousine, und bringen dort eine Klingel an.

Ihre Cousine erschreckt dieser Satz nicht. Es ist Monikas Art zu reden. Sie zieht die Dinge, die sie schmerzen, ins Lächerliche. Sie hängt sehr an der Wohnung, sie ist, wie ihr Mann, in Heimen aufgewachsen. Sandra Pfaffenroth wundert sich, dass Monika und Michael an diesem Tag so lange bleiben. Sie hat das Gefühl, dass sie nicht gehen wollen.

Fünf Monate später, am 29. Januar 2005, steuern Monika und Michael Stahl ihren schwarzen Opel Astra in einen Wald bei Zerpenschleuse in Brandenburg. Dort stoppen sie und leiten die Abgase mit einem Schlauch vom Auspuff in den Innenraum. Monika ist 42 Jahre alt, Michael 39. Ihren Hund Billie nehmen sie mit in den Tod.

Es ist der Selbstmord, auf den die Boulevardpresse gewartet hat. "Lieber tot als arm" titelt die "Bild"-Zeitung und druckt ein Bild der beiden Leichen. "'Soziale Kälte': Ehepaar vergiftete sich im Auto", sekundiert der "Berliner Kurier". Die Reformen in Deutschland seien laut Abschiedsbrief der Grund für den Selbstmord. Monika und Michael Stahl, schwingt in diesen Geschichten mit, sind die ersten Opfer von Hartz IV.

Waren sie das?

Wenn man das Leben von Monika und Michael Stahl zu rekonstruieren versucht und mit den wenigen Menschen spricht, zu denen sie am Ende noch Kontakt hatten, findet man keine Unterschicht und keine Fernseher, die am Nachmittag flimmern. Man findet keine Menschen, die auf Sofas sitzen und darauf warten, dass der Staat sie zur Arbeit trägt.

Die Geschichte von Monika und Michael Stahl erzählt von der Angst in einem Land im Umbruch. Von der Angst derer, die noch etwas zu verlieren haben, weil es ihnen so schlecht noch nicht geht.

In ihrer Wohnung im Norden von Berlin sitzt Sandra Pfaffenroth auf dem Sofa, auf dem sie ihre Cousine zuletzt sah. Sie trägt eine goldene Citizen-Uhr am rechten Handgelenk, an ihrem Hals hängt ein goldener Anhänger in der Form einer Fledermaus. Es ist Schmuck, der Monika gehörte. Sie schickte ihn in ihrem Abschiedspaket, jedes Teil verpackt in Plastikbeutel, auf denen der genaue Wert des Inhalts stand. "Es würde uns freuen, wenn Ihr ein oder zwei Teile behalten würdet", schrieb Monika in ihrem Abschiedsbrief, "aber falls es mit der Kohle klemmt, dann weg mit den Teilen. Ein voller Kühlschrank ist wichtiger!"

Es war wenige Tage bevor sie sich das Leben nahmen, als Monika und Michael Stahl zuletzt auf diesem Sofa saßen. Sie kamen zum Frühstück, und Monika, die stets mit ihrem Gewicht kämpfte, war so schlank wie nie zuvor. Ihre Haare waren frisch getönt, in dem kräftigen Rot, das ihr Mann liebte. Deine Frau wird auch immer schöner, sagte die Cousine. Nicht wahr?, sagte Michael und streichelte Monikas Hand.

"Ich hatte das Gefühl, dass es bei Moni aufwärts geht", sagt Sandra Pfaffenroth. Sie sagt diesen Satz dreimal im Laufe des Gesprächs.

Monika Stahl schien den perfekten Job gefunden zu haben. "Chefsekretärin war ihr Traum", sagt die Cousine. Sie kann schreiben, sie ist schnell, ihr Englisch ist gut. "Egal, was sie gemacht hat, die Moni hat sich reingekniet", sagt Sandra Pfaffenroth.

"Sie hat danach gestrebt, die Dinge ordentlich zu machen."

Doch in den letzten Jahren ihres Lebens wächst in Monika Stahl das Gefühl, dass sie für ihre Arbeit nicht angemessen bezahlt wird. Bevor sie in der Spedition anfängt, arbeitet sie einige Jahre in einem Leihhaus am Kurfürstendamm. Sie kommt morgens um neun und geht abends um sechs, nur am Sonntag hat sie frei. Doch mehr als 800 Euro netto bringt sie am Ende des Monats nicht nach Hause.

Der Job in der Spedition soll ein neuer Anfang sein. Sie kann endlich ihre Talente einsetzen, und sie spürt, dass ihre Chefin sie schätzt. Sie führt ein straffes, effizientes Vorzimmerregiment und schirmt die Chefin von allem ab, womit sie nicht belastet werden soll. Doch wieder fühlt sich Monika unterbezahlt. Ihrer Cousine erzählt sie, dass sie nur 900 Euro netto im Monat verdient. "Sie haben sie für ihren Einsatz alle nicht belohnt", sagt Sandra Pfaffenroth. "Sie haben sie mit Peanuts abgespeist."

Monika Stahl ist eine selbstbewusste Frau. Sie hat das lose Berliner Mundwerk, und sie ist nicht zu schüchtern, Mitarbeitern den Weg zum Büro der Chefin zu versperren. Doch sie traut sich nicht, nach mehr Geld zu fragen. Die Rolle der Bittstellerin widerstrebt ihr. Und sie will ihren Arbeitsplatz auf keinen Fall gefährden. Sie verdient das Geld, von dem sie und Michael leben.

Michael Stahl ist zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren ohne regelmäßigen Job. Als freiberuflicher Aufnahmeleiter kennt er die Gezeiten des Filmgeschäfts. Auf Wochen, in denen er Tag und Nacht arbeitet und gut verdient, folgen Wochen, in denen er überhaupt nicht arbeitet und gutes Arbeitslosengeld bekommt. Doch diesmal ist es anders. Sein Telefon bleibt stumm.

Die Einnahmequelle, auf die Michael Stahl sich lange verlassen konnte, ist die ZDF-Serie "Der letzte Zeuge". Es ist eine aufwendige Produktion mit großem Budget und großen Namen. Ulrich Mühe spielt in der Hauptrolle einen Gerichtsmediziner, der komplizierte Fälle mit den Waffen der Wissenschaft löst. Als Leo Kirchs Filmimperium zerfällt, erschüttert das die gesamte Industrie. Novafilm, die Firma, die "Der letzte Zeuge" produziert, wird verkauft. Die neuen Eigentümer fahren einen harten Sparkurs. Michael Stahl wird durch einen Praktikanten ersetzt.

Andreas Behrendt ist einer der wenigen ehemaligen Kollegen, die über Michael Stahl reden wollen. "Wenn man in dieser Branche einmal raus ist", sagt er, "ist es schwer, wieder reinzukommen."

Behrendt lernt Michael Stahl Ende der neunziger Jahre kennen. Sie begegnen sich auf Filmsets. Mit den Jahren lernen sie sich besser kennen. Eine Freundschaft wächst daraus nicht, dazu sieht man sich zu unregelmäßig. Und dazu ist Michael Stahl zu verschlossen. "Micha war ein lieber Junge", sagt Behrendt, "aber er war nicht klug. Er wusste nicht, wie man mit Menschen umgeht."

Michael Stahl ist zweiter Set-Aufnahmeleiter bei "Der letzte Zeuge". Er ist dem ersten Set-Aufnahmeleiter unterstellt, der dem Aufnahmeleiter unterstellt ist. Michael Stahl ist der Assistent des Assistenten.

Er ist der Brötchenschmierer, der Wohnwagenholer, der Stromeinstöpsler. Hinter vorgehaltener Hand hat er einen anderen Namen: "Schrippenprinz". Michael Stahl weiß das, und er leidet darunter.

Der Job des zweiten Set-Aufnahmeleiters ist die klassische Einstiegsposition. Eine Zeit lang ist man Mädchen für alles, dann übernimmt man höhere Aufgaben. Das ist auch Michael Stahls Plan. An Einsatzwillen mangelt es ihm nicht. "Er war immer der Erste am Set", sagt Behrendt.

Einmal, bei Dreharbeiten in der Berliner Charité, legt Michael Stahl sich in den Kühlraum für die Leichen. Er will wissen, ob man den Schauspielern das zumuten kann.

Michael Stahl ist ein großer Mann, mit seinen zwei Metern ragt er am Set heraus. Aber ihm fehlt jegliche Körperspannung. Und er ist so still, so zurückhaltend, dass es ihm schwer fällt, sich am Set durchzusetzen. "Als Aufnahmeleiter muss man Autorität haben, da hat man Kinder unter sich", sagt Behrendt. "Die Beleuchter sind eben Beleuchter, und mit denen muss man anders reden als mit dem Regisseur."

Michael Stahl will das nicht wahrhaben. Er fühlt sich zum Set-Aufnahmeleiter berufen, und er glaubt, dass seine Chance kommen wird. Aber er träumt. Kollegen, die jünger sind und weniger Erfahrung haben, ziehen an ihm vorbei. Er kommt nicht weiter, und er sucht die Fehler bei anderen. "Er hat sich da reingesteigert", sagt Behrendt. "Er glaubte, dass man gegen ihn ist, dass seine Leistung nicht gewürdigt wird."

Michael Stahl macht jetzt einen entscheidenden Fehler. Er stellt die Fähigkeiten seiner Vorgesetzten in Frage, nicht offen, sondern hinter deren Rücken. Er verbreitet Unruhe am Set. "Er fing an mit Namen rumzuwerfen", sagt Behrendt. "Das bekommen die Oberen natürlich mit, wenn da unten einer rumnölt."

Die Krise in der Filmbranche und der Zwang zum Sparen sind für die Verantwortlichen

bei Novafilm offenbar ein willkommener Anlass, sich von Michael Stahl zu trennen. Er ist nun arbeitslos, seine Frau aber hat den Job, von dem sie immer träumte.

In einem großen silbergrauen Zweckbau im Berliner Westhafen steht der Schreibtisch von Monika Stahl. In der Nähe dieses Schreibtischs sitzt Dr. Rita Gollnick und sagt, dass sie über ihre ehemalige Sekretärin nicht reden möchte. Die Geschäftsführerin macht sich Sorgen um den Ruf der Spedition. Eigentlich hat sie auch keine Zeit. Sie geht bald in Urlaub und heiratet.

Rita Gollnick redet dann doch über ihre ehemalige Sekretärin. Sie spricht mit ruhiger Stimme, und sie klingt, als habe sie den Selbstmord von Monika Stahl nicht verwunden. Sie hat die Stelle inzwischen neu besetzt, doch es fiel ihr schwer. Die Spedition ist ein mittelständisches Unternehmen mit 35 Mitarbeitern. Man kennt sich.

Als Monika Stahl sich in der Spedition vorstellt, spürt die Geschäftsführerin sofort, dass sie die Sekretärin ist, die sie sucht. "Es war eine Bauchentscheidung", erinnert sich Rita Gollnick. Ihr gefallen Monikas sicheres Auftreten, ihre Geradlinigkeit, ihr Einsatzwille. Monika Stahl enttäuscht ihre Chefin nicht. "Sie war absolut zuverlässig", sagt Rita Gollnick. "Und sie war perfekt organisiert."

Michael Stahl fährt seine Frau jeden Morgen zur Arbeit und holt sie am Nachmittag wieder ab. Rita Gollnick weiß, dass er keine Arbeit findet. Manchmal darf er in der Spedition seinen Wagen voll tanken oder sich bei Lagerarbeiten etwas Geld verdienen.

Ob Monika Stahl wirklich nur 900 Euro netto im Monat verdiente, will die Geschäftsführerin nicht sagen. Das sei vertraulich. "Ihr Gehalt lag im normalen Bereich", sagt Rita Gollnick. "Aber warum sie die Steuerklasse V wählte, ist mir bis heute ein Rätsel." Immer wieder hat die Chefin ihre Sekretärin gefragt, warum sie keine günstigere Steuerklasse nehme, aber sie änderte es nicht.

"Ich habe ja nun endlich einen Job, der wie für mich gemacht ist", schreibt Monika Stahl in ihrem Abschiedsbrief. "Ich bin mit meiner Arbeit sehr glücklich. Leider bleibt auch da die Angst, was noch kommt."

Die Angst, was noch kommt. Das war das bestimmende Gefühl in den letzten Monaten des Lebens von Monika und Michael Stahl.

Als sie sich kennen lernen, Ende der achtziger Jahre, verlieben sich Monika und Michael sofort und sind unzertrennlich. Er ist zwei Meter groß, sie über 1,80 Meter. Sie kann den Mund nicht halten, er bekommt den Mund nicht auf.

Monika ist die erste von zwei Töchtern, geboren am 24. Dezember 1962 in Berlin. Ihr Vater, ein amerikanischer Soldat, verlässt die Mutter früh, seine Spur verliert sich irgendwann. Die Mutter sucht Trost bei einem anderen Mann und findet ihn nicht. Eines Abends, kurz bevor sie ihren Freund erwartet, setzt sie sich in die Küche und dreht den Gasherd auf.

Michael kommt am 14. Juni 1965 in Berlin zur Welt. Freunden erzählt er, dass seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Monika gesteht er, dass sein Vater sich umbrachte.

Michael Stahl, der in seinen guten Zeiten mehr als 3000 Euro im Monat verdiente, bekommt von Januar 2005 an nur noch 340 Euro Arbeitslosengeld II. Mehr steht ihm nicht zu, weil Monika zu viel verdient. Dass er jeden Monat 350 Euro Unterhalt für seine uneheliche Tochter zahlt, hat der Sachbearbeiter übersehen.

Rita Gollnick, die Chefin von Monika Stahl, bietet ihre Hilfe an. "Es war unschwer zu erkennen, dass der Bescheid falsch war", erinnert sie sich. Doch Monika und Michael Stahl wollen sich nicht wehren. "Das habe ich nicht begriffen", sagt Rita Gollnick. "Da hätte man Widerspruch einlegen müssen, dann wäre das erledigt gewesen."

Dass sie weniger vom Staat bekommen sollen, verstehen Monika und Michael Stahl. Doch das Gefühl, dass der Staat ihnen Dinge nimmt, die sie sich erarbeitet haben, verbittert sie.

"Die neuen Reformen treffen uns schwer", schreibt Monika in ihrem Abschiedsbrief. "Ein Überleben ohne Arbeit geht leider nur noch, wenn wir eine Bank überfallen oder uns bei den 'Tafeln' vor Kinder oder alte Menschen drängeln würden."

Für Michael Stahl eröffnet sich noch einmal eine Perspektive. Am 10. Januar 2005 ruft ihn Hans Seck an, ihm gehört eine Firma für Spezialeffekte. Er bietet Michael Stahl einen Job an. Das ZDF dreht in Deutschland und Polen einen Film über die Berliner Luftbrücke. Seck will Stahl vier Monate lang einstellen, für knapp 2000 Euro im Monat. Das ist doch was, um dein Arbeitslosengeld aufzubessern, sagt Seck.

Stahl erwidert, dass er erst nach einem Jahr in Anstellung wieder das volle Arbeitslosengeld bekäme. Die Vorbereitungen für den Selbstmord laufen schon.

"Alles, was Michael und ich wollten, war ein ruhiges, geordnetes Leben mit etwas Wohlstand", schreibt Monika in ihrem Abschiedsbrief. "Keine Reichtümer! So etwas macht nur Sorgen. Aber eine geregelte Arbeit für uns beide, ein schönes Heim (kein Haus, macht auch nur Kummer), unser Hündchen, ein Auto (nichts Aufwendiges, nur fahrbereit und praktisch), ab und an ein netter Abend und Gesundheit."

Von der Wunschliste ihres Lebens müssen Monika und Michael in ihren letzten Monaten viele Positionen streichen. Michael hat die Hoffnung auf einen Job aufgegeben und leidet unter schweren Depressionen.

Kampfhund Billie ist todkrank, sein Herz wird immer schwächer. Monika setzt ihre Insulin-Medikamente ab. Ihre Blutzuckerwerte sind astronomisch, ihre Sehstärke verschlechtert sich. Es fällt ihr schwer, sich bei der Arbeit zu konzentrieren. "Unser Auto werden wir mit Sicherheit auch verlieren", schreibt Monika. "Vorbei ist es mit dem letzten Rest unserer Mobilität."

In den Tagen vor dem Selbstmord merken die Nachbarn in der Calvinstraße 13, dass ungewöhnliche Dinge im Haus passieren. Im Flur stehen plötzlich Möbelstücke mit dem Hinweis "Zu verschenken". Michael Stahl bringt dem Schuhmacher nebenan einen Sack voller Schuhe, geputzt. In der Mülltonne im Hof liegen frische Lebensmittel. Dann das Hochzeitsvideo von Monika und Michael.

Es gibt Anhaltspunkte, dass Monika und Michael Stahl ihr Leben abwickeln. Aber niemand verbindet die Punkte. Ein Nachbar sieht, wie Michael vor dem Haus an seinem Auto bastelt. Der Auspuff ist kaputt, sagt Stahl. In Wahrheit bohrt er das Loch in das Bodenblech, durch das er später den Schlauch für die Abgase führen wird.

Wenige Tage vor dem Selbstmord, als Monika und Michael bei Sandra Pfaffenroth zum Frühstück sind, bringen sie nicht nur ihre DVD-Sammlung. Sie schenken ihr auch einen Drucker, einen Scanner und zwei Lautsprecher. Sie haben, wie immer, eine schlüssige Begründung: Monika hat das jetzt alles im Büro. Als Sandra Pfaffenroth ihrer Cousine im Hausflur nachruft, dass sie sich nächste Woche sehen, dreht Monika sich nicht mehr um.

Am 27. Januar betritt Michael Stahl den Kosmetikladen von Silvia Kuniß und bittet um eine Gesichtsbehandlung. Er müsse nach Teneriffa, um einen Werbespot zu drehen, und wolle einen guten Eindruck machen. Die Kosmetikerin macht ihm Masken und Peelings, sie massiert seinen Nacken und legt ihm Kompressen auf. Als sie fertig ist, bittet Michael Stahl um eine Maniküre. Er bleibt zwei Stunden lang. "Er wollte nicht mehr aufstehen", erinnert sich Silvia Kuniß.

Am 28. Januar setzt sich Monika Stahl an ihren Computer und tippt eine vier Seiten lange Erklärung als "Anlage" an die persönlichen Abschiedsbriefe.

"Wir wollen einfach nicht mehr", schreibt sie. "Wir krebsen uns durchs Leben und spulen monoton einen Tag nach dem anderen ab." Sie schließt mit einem Zitat von Sokrates: "Niemand kennt den Tod. Es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist."

Am 29. Januar schreibt Monika Stahl die letzten persönlichen Abschiedsbriefe. Sie schreibt mit schwarzem Filzstift auf marmoriertem Papier. "Die Beerdigung muss der Staat übernehmen", beschwört sie Sandra Pfaffenroth. "Lasst Euch da bloß nichts einreden."

Dann packt sie für ihre Cousine ein Abschiedspaket. Sie legt Schmuck und etwas Geld hinein, ihre Tarot-Karten, Fotopapier für den Drucker und ein Los der "Aktion Mensch", mit dem sie 15 Euro gewonnen hat. "Das war alles, was wir noch hatten", schreibt Monika. "Falls also jemand fragt, ob Ihr erben wollt, lasst bloß die Finger davon. Bei uns gibt es nichts mehr zu holen."

An diesem Samstag geht Monika Stahl noch einmal in ihr Büro in der Spedition. Sie arbeitet die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch ab, die während ihres Urlaubs liegen geblieben sind. Den Sonnenuntergang auf ihrem Monitor ersetzt sie durch einen neutralen Bildschirmschoner. Sie nimmt ihre persönlichen Dinge aus den Schubladen. Dann wischt sie Staub.

"Warum dieser Weg?", fragt Rita Gollnick, ihre Chefin, sich heute. "Warum nicht ein anderer? Ich habe keine Antwort. Ich weiß nur: Mit der Energie, die sie in die Planung ihres Todes investierten, hätten sie ihre Probleme lösen können."

Die Frage nach dem Warum stellen sich jetzt viele, die Monika und Michael Stahl kannten. Sie haben ähnliche Sorgen. Sie haben finanzielle Krisen durchlebt. Sie sind sich ihrer Arbeitsplätze nicht mehr sicher. Und werden es wahrscheinlich nie wieder sein. Die Angst, die Monika und Michael am Ende beherrschte, macht ihnen Angst.

Wie konnten sie das tun?, fragen diese Menschen jetzt. In ihren Reaktionen hallt eine gewisse Empörung über den Schnitt, den Monika und Michael Stahl machten. Als wären sie nicht arm genug gewesen. Als hätten sie kein Recht gehabt, sich umzubringen.

Am Abend des 29. Januar gehen Monika und Michael Stahl die 83 Stufen hinab, die zu ihrer Wohnung führen, und steigen in ihren schwarzen Opel Astra. In einer eisigen Nacht fahren sie zurück an den Ort, an dem sie die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbrachten. Sie verlassen Berlin und folgen der Bundesstraße 109 nach Zerpenschleuse.

Als sie Zerpenschleuse erreichen, fahren sie über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße, vorbei an Schuberts Lebensmittelmarkt, der Gaststätte "Zum alten Amt", der Sprint-Tankstelle, der Kita Eichhörnchen und "Pascha's Eiscafé", wo samstags abends die Senioren Rommé spielen.

Am Ende des Ortes biegen sie links ab in die Bundesstraße 167 in Richtung Neuruppin. Nach 600 Metern biegen sie rechts ab in einen Waldweg und folgen ihm bis zu einer Kreuzung. Dort biegen sie links ab und stoppen nach 100 Metern unter drei Birken.

Sie führen einen Schlauch vom Auspuff durch das Bodenblech. Stellen die Sitze flach. Hüllen sich in Decken. Rauchen eine Zigarette. Dann lehnen sie sich zurück und leisten sich den letzten Luxus ihres Lebens. Sie trinken eine Flasche roten Krimsekt.

DER SPIEGEL 20/2005
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