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DER SPIEGEL

Bismarck, der Klassiker

Noch bevor am 2. August vor achtzig Jahren Seine Majestät mit einem Kranz für 25 Minuten haltmachte in Friedrichsruh, um "nachzusehen, ob Bismarck auch wirklich tot sei", wie ein Höfling witzelte, doch der Sarg war schon zugeschraubt, hatte eine Zeitbombe, exakt auf Bismarcks Ableben eingestellt, den Kaiser am Vortag schwer angeschlagen: die Veröffentlichung des Entlassungsgesuchs von 1890. Im Auswärtigen Amt verurteilte Holstein, der als Mitarbeiter Bismarcks seit 1860 ihm nähergestanden hatte als jeder andere außer Sohn Herbert, daß einer die Fahne "auf halbstock" gesenkt habe: "Dieses demonstrative Zeichen der Trauer werde im liberal denkenden Bürgertum, noch mehr in den Arbeitermassen allgemeines Mißfallen und überdies, was das Bedenklichste wäre, den Zorn Seiner Majestät auf das AA lenken ..."
Der Geheimrat hatte nicht vergessen, daß keine zwei Jahre zuvor der Kaiser Bismarck wegen "Landesverrat" noch nach Spandau hatte verbringen lassen wollen, als der alte Mann -- was im Reichstag auch der linksliberale Eugen Richter als Landesverrat begeiferte -- in den "Hamburger Nachrichten" bekanntgab, bis zu seiner Entlassung habe zwischen Rußland und Deutschland ein geheimgehaltener "Rückversicherungsvertrag" bestanden, der beide Länder zur Neutralität verpflichtete für den Fall, eines von ihnen werde angegriffen.
Die Nichtverlängerung des Vertrags durch Berlin, klagte der Amtsenthobene an, habe Petersburg zu einer Allianz mit Paris "genötigt". Tatsächlich war nur einen Tag nach Bismarcks Amtsenthebung der russische Botschafter aus der Wilhelmstraße fortgeschickt worden ohne die Zusage, daß der ablaufende Vertrag verlängert werde. Bismarck rechtfertigte seine ebenso gesetzwidrige wie verantwortungsvolle Indiskretion: er lasse die "Geschichtsfälschung der klerikal-liberalen Presse, die die Regierung Kaiser Wilhelms I. und seines Kanzlers für alles Unheil verantwortlich mache", nicht auf sich liegen ..."
Noch eindrücklicher veranschaulicht wird die Verurteilung Bismarcks zur Unperson durch das offizielle Deutschland mit der Weigerung des Reichstages -- dem 1895 nur 44 Sozialdemokraten angehörten -, dem Gestürzten zum 80. Geburtstag zu gratulieren: Mit 163 gegen 143 Stimmen wurde dank des Votums der "Herren Abgeordneten Singer, Richter und Graf Hompesch" der Antrag abgelehnt. Vergleichszahl: nur 26 Unterhausabgeordnete zahlten keine Spende zu Sutherlands Churchill-Porträt, das alle anderen Churchill zum 80. Geburtstag kauften, doch gefeiert wurde er von allen, auch von Kommunisten, obgleich er -- was ihn selber fassungslos machte -- "noch nicht einmal zurückgetreten war"!
Deutsche Parlamentarier dagegen konnten noch fünf Jahre nach Bismarcks Sturz in ihrer Mehrheit ihm nicht verzeihen, daß es ihn gegeben hatte, Und da Bismarck nicht aufhörte, der Regierung jenes Mannes, "der am liebsten jeden Tag Geburtstag hätte", offen seine Verachtung zu zeigen, so sagte schon 1892 der Zentrumsführer Lieber: "Er soll die Hände lassen vom Ruhme deutscher Macht und Herrlichkeit. Schmach und Schande, daß es in unserem Vaterlande solche Menschen gibt!"
Das Unmaß des Hasses, das noch als Greis, noch in der Gruft der Mann auslöste, dessen Seufzer, er habe nicht geschlafen, denn er habe "die ganze Nacht gehaßt", berühmt geworden war, mag dazu beitragen, daß bis heute eine Kritik der Bismarck-Kritik nie geschrieben wurde. Daß Bismarcks Kritiker so oft recht hatten mit ihrem Urteil, hat sie immunisiert gegen die Frage, wieweit sie auch das Recht hatten zu einem Urteil.
Denn abgesehen davon, daß der intensive Selbstquäler Bismarck alle Kritik an seiner Arbeit, auch vernichtende, schon selbst und oft vorweggenommen hatte: Linke wie Rechte haben längst weitgehend dank dessen, was sie selber seit Bismarcks Abgang in der deutschen Politik angerichtet und hingerichtet haben, allen Wind aus den Segeln verloren, der sie jahrzehntelang antrieb und noch heute dazu antreibt, Bismarck haftbar zu machen sogar für Geschehnisse, die ein Viertel-, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod seine Hinterlassenschaft liquidierten. Wobei komischerweise zumeist die gleichen Personen, die Bismarcks nur "klein"deutsche Lösung kritisierten -- als hätten sie selber eine großdeutsche Einigung inklusive Österreichs zuwege zu bringen gewußt -, auch die sind, die ihm nachrechnen, seine Reichsgründung habe einen für außerdeutsche Europäer unerträglichen Machtklotz auf den Kontinent gewälzt.
Mögen die Linken den Schneid aufbringen, Bismarcks Sozialpolitik zu kritisieren, die sogar noch 1943 der Kommunist Heinrich Mann als ohne Vergleich fortschrittlich feierte, da er sechzig Jahre nach Bismarcks Erlassen selbst im Amerika des sozialen Franklin Roosevelt noch Bismarcks 1881 begonnene Krankenversicherungen, Unfallversicherungen, Alters- und Invalidenversicherungen vermißte.
Werner Richters "Bismarck" (5. Fischer Verlag) schildert dramatisch den Prozeß, wie der Deutsche Reichstag dem Kanzler dessen durchaus bis zum "Staatssozialismus" vorangetriebene Gesetzes-Entwürfe dermaßen zerredete und verwässerte und immer wieder zurückwies, daß Bismarck schließlich diese seine bleibende, am längsten nachwirkende Tat als so verfehlt einschätzte, daß er sie in "Gedanken und Erinnerungen" mit keinem Buchstaben erwähnte.
Eugen Richter verwarf im Reichstag die von Bismarck hochgebrachten (und bis heute noch nicht verwirklichten) Pläne, jedermann durch den Staat sein "Recht auf Arbeit" gesetzlich zu garantieren und den Unternehmern ein Eingriffsrecht des Staates bei Entlassungen ebenso zuzumuten wie den Gewerkschaften staatliche Eingriffsrechte gegen den Streikzwang, als "nicht nur mehr sozialistisch, sondern kommunistisch"!
Dieser machtvolle redelustige Linksliberale hat sogar Bismarcks Vorschlag eines Leistungszuschusses zu den Versicherungskosten mit Erfolg verworfen. Bismarck resignierte, sagte aber: "Der Staat muß die Sache in die Hand nehmen, nicht als Almosen, sondern als Recht auf Versorgung, wo der gute Wille zur Arbeit nicht mehr kann. Wozu soll nur der, welcher im Kriege erwerbsunfähig geworden ist oder als Beamter durch Alter Pension haben und nicht auch der Soldat der Arbeit? Diese Sache wird sich durchdrücken. Sie hat ihre Zukunft. Es ist möglich, daß unsere Politik einmal zugrunde geht, wenn ich tot bin. Aber der Staatssozialismus paukt sich durch." 1881 sagte er das!
Die Linke hängt bis heute Bismarck
an, Sozialpolitik nur gemacht zu haben, um der SPD "ihre" Argumente zu stehlen; deshalb auch, ja! Aber ebenso idiotisch könnte einer denunzieren, Adenauer und Schmidt hätten die Bundeswehr nicht geschaffen, um Soldaten zu haben, sondern "nur", um Jugendliche und Rüstungsfirmen in Brot zu bringen und Aggressoren abzuwehren, was ja wahr ist, aber doch kein Einwand!
Die Linke: Hundert Jahre nach Bismarcks "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. 10. 1878" läßt sie es zu. daß des linken Kanzlers Willy Brandt noch harmlos gemeinter Radikalenerlaß im Begriffe ist, die ganze BRD zu verwandeln in ein einziges BKA!
Junge Historiker, jene also, die zu Hitlers Zeit geboren wurden, lassen sich verdächtig selten herbei, Bücher zu schreiben wie der Freiburger Wolfram Wette, der in "Kriegs-Theorien deutscher Sozialisten" den Nachweis führte, daß nicht nur ein Krieg gegen die sogenannte "Zaristische Knute" den Sozialdemokraten erlaubt bis erwünscht schien, sondern auch Krieg gegen Frankreich, sofern nur diese Kriege den Weg planieren würden zur Erkämpfung des nationalen und internationalen Sozialismus.
Von Marx, von Engels, von Bebel, die freilich alle drei voraussagten, was auch Bismarck gefürchtet hat, aber nicht genug gefürchtet hat; denn schließlich ließ er sich ja doch gegen besseres Wissen durch die ihm verhaßte Generalität dazu hinreißen -- daß nämlich die Annexion Lothringens das Reich ewig zum Bündnis mit Rußland zwinge, unter beinahe jeder Bedingung -von den drei großen Sozialisten gibt es wesentlich militantere Hetzreden gegen Rußland und sogar gegen die Slawen als Rasse, als sie je von Bismarck oder auch nur, wenn man absieht vom Jahre 1887, im Berliner Generalstab zu hören waren.
Bismarcks damalige und endgültige
Entscheidung, auch bei russischen Kriegsdrohungen keinem Präventivkrieg zuzustimmen, weil -- seine klassische Formulierung -- selbst im unwahrscheinlichen Fall eines vollständigen Gelingens wir Deutschen "einen Krieg gegen Rußland immer nur vor uns, nie hinter uns haben würden", mit dem Zusatz, die Armee solle nicht aus Angst vor dem Tode Selbstmord begehen -- ist ihm dann auch noch nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg als das angeblich entscheidende Versäumnis seiner späteren Jahre nachgerechnet worden. Am intelligentesten und sogar so lange glaubhaft, bis Hitlers Krieg das Gegenteil belegte, durch Ulrich Noacks 1928 publizierten, noch immer faszinierend detailreichen Wälzer: "Bismarcks Friedenspolitik und das Problem des deutschen Machtverfalls" -- der eben das Resultat der senilen und sogar religiös verankerten Friedfertigkeit Bismarcks gewesen sei ...
Doch das ist schon die Kritik der Liberalen und Rechten. Linke jener Jahrgänge. die momentan die Lehrstühle erklettern, verfügen über eine imponierende, früher bei Historikern wohl kaum in diesem Ausmaß vorhanden gewesene Detailkenntnis im Soziologischen. Was sie dann veranlaßt oder auch verführt -- Außenpolitik interessiert sie wenig, sie schauen zumeist vereinfachend weg von allen gleichzeitig abgelaufenen Geschehnissen in Wirtschaft, Presse und Generalstäben des Auslands -, den Kanzler haftbar zu machen für jeden Bankkrach nach 1871 (es gab viele), für jede nicht mehr nach Rußland zu exportierende Eisenbahnschiene, für jede Hochofen-Stillegung und für die zweifellos von Bismarck mitverschuldete, erschreckend hohe jährliche Auswandererquote.
Sogar der Antisemitismus, der dann in der Depression von '73 bis '79 zur Seuche wird, soll noch mitverschuldet worden sein von dem Mann, der in Versailles bei Tisch sagte, die hervorragende Intelligenz sehr weniger Junkerfamilien sei das Ergebnis der Eheschließungen mit Jüdinnen; auch er, Bismarck, wisse noch nicht, ob er seinen Söhnen nicht einmal dazu rate ...
Diese jungen Autoren verheizen zwar Bismarck nicht wie der in allem geschichtlichen Detail allzu schlichte Brecht, der in den "Tagen der Kommune" den Kanzler als vollidiotische Schießbudenfigur ins Parkett krakeelen läßt, Bleichröder solle soundso viele Millionen der von Frankreich einzutreibenden Milliarden auf sein, Bismarcks, Privatkonto überweisen.
Doch schreiben sie meist Geschichte unter Ausklammerung aller außerdeutschen Bestrebungen und Ereignisse, wie Fritz Fischer, der in seiner Darstellung von Deutschlands "Griff nach der Weltmacht", um die Durchschlagskraft reiner (sicherlich richtigen) These nicht zu gefährden, 847 Seiten den deutschen, doch nur eine einzige Seite den Kriegszielen der Russen, Briten und Franzosen widmete. So kommt man zu Formeln, die zünden. Die meiststrapazierte seit 1933 lautet bekanntlich: "Von Bismarck zu Hitler."
Im Ernst, erstaunlich, wie lange diese blödsinnige Denunziation sogar von Seriösen, wie noch von Rothfels, wenn auch in nur einschränkender Form, nachgebetet werden konnte, wo doch jede einzelne Marginalie Bismarcks (und nicht zuletzt schon der Stil, in dem sie geschrieben ist) sie Lügen straft.
Peter Graf Kielmansegg, Jahrgang
37, ist meines Wissens der einzige Historiker seiner Generation, der nicht die Mode mitschreibt, einen Menschen, der einen Tag vor Napoleons Rückkehr aus Elba nach Paris geboren wurde, noch für mitschuldig zu erklären sogar an dem, was volle hundert Jahre später, 1915, die Enkel-Generation versaut hat.
Kielmansegg: "Die Gründung des Reiches hat nichts determiniert; der Weg in den Ersten Weltkrieg war sowenig von 1871 an vorbestimmt wie das Unheil des Nationalsozialismus" -- der sich dann ehrlicherweise auch schon gar nicht mehr auf Bismarck berief.
Daß Ulbricht nach der Schleifung des Berliner Kaiserschlosses auch Schönhausen noch schleifte, nur weil es Geburtshaus des einzigen Staatsmannes war, der die Pflege guter Beziehungen zu Rußland als Dauerbeschäftigung betrieb; und daß wir Westdeutschen ungefähr gleichzeitig die zwei Angebote ausschlugen, erstens mit dem Beherrscher Rußlands, März "52, sogar als der bis zur Elbe marschiert war, über eine Wiedervereinigung auch nur zu reden; zweitens die drei Paperbacks zu lesen, die Bismarcks Gespräche, erstmals gesammelt 1926, uns noch einmal zugänglich machen sollten -- dieser Neudruck mußte aus Mangel an Interessenten verramscht werden -, sind deprimierende Belege für unsere verquere Nichteinstellung zu Bismarck. Der hat selten daran geglaubt, daß wir Deutschen das "Nürnberger Spielzeug", das er uns geschenkt hatte, die Einheit, erhalten könnten.
Ulbricht wie Adenauer, stellvertretend für uns alle, die feindlichen Brüder, die unsere Freiheit vernichtet haben, warfen zweifellos nie einen Blick in die gesammelten Gespräche Bismarcks, obgleich diese drei Bände die einzigen deutschsprachigen Bücher sind, deren menschlicher und politischer Rang (die seltenste Verbindung, die es gibt) sie auf die Höhe der Königsdramen Shakespeares hebt. Nietzsche konnte diese Gespräche noch nicht lesen -- deshalb vermochte er jene Goethes mit Eckermann als das "beste deutsche Buch, das es gibt" zu bezeichnen. Doch wenn Bismarck als Mensch und Künstler in seinen Gesprächen dem Autor des Faust an Blickschärfe, Formulierungskraft, an Witterung für die Gefährdung der menschlichen Existenz und europäischen Zivilisation nichts nachgab, so hat er ihm voraus die Erfahrungssumme eines kontinentbewegenden Täters von Leninschen Maßen und Folgen.
Ist diese; Mann uns Deutschen, denen ein Wesen, wie er es ist, "im Grunde ein ständiger Vorwurf ist", auch kaum mehr erträglich -- ein Brite kann ganz unbefangen wie 1954 der Historiker Gooch resümieren: "Das 20. Jahrhundert ist kaum berechtigt, über das 19. zu Gericht zu sitzen, ehe nicht alle Großmächte zur Verwirklichung eines Systems bereit sind, das der menschlichen Wohlfahrt besser dient als dasjenige, welches der "Eiserne" Kanzler schuf und verkündete, dessen Autobiographie als Handbuch der Staatskunst unübertroffen ist,., die eigentlich maßgebliche Äußerung über die Kunst des Regierens, die seit Machiavellis "Il principe' erschienen ist."
Wir aber wendeten uns von Bismarck ab, wie jener Hans im Glück nicht mehr erinnert werden wollte an seinen Goldklumpen, als er den endlich gegen einen Schleifstein eingetauscht hatte, den er dann -- auch noch hinwarf und zerbrach.
Von Rolf Hochhuth

DER SPIEGEL 31/1978
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