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DER SPIEGEL

PRESSEUnterbliebene Nachrichten

Basisgruppen und Linksjournalisten wetteifern in West-Berlin um die Herausgabe zweier überregionaler Tageszeitungen.
Die Bonner Republik: ein Land mit einer üppig gedeihenden Vielzahl an Tageszeitungen, eine Freistatt schwarz auf weiß gedruckter Meinungsvielfalt -- das ist das Lagebild der westdeutschen Presseverleger. Und daß tatsächlich "innerhalb des deutschen Pressewesens eine relativ große Zahl" von Blättern mit mannigfach getönter "politischer Färbung" existiert, hat ihnen vor Jahren das Bundesverfassungsgericht bescheinigt.
Doch der Befund ist längst umstritten. Denn Pressekritiker zur Linken, Sozialdemokraten. Gewerkschafter, aber auch manche Liberale, entdecken im Lesestoff vom Konstanzer "Südkurier" bis zum "Flensburger Tageblatt" eigentlich jeden Tag aufs neue ein "konservatives Übergewicht". Und erst recht denen, die in der politischen Färbung gern ein kräftiges Rot enthalten sähen, erscheint der ganze Blätterwald als "weitgehende Uniformität" einer lediglich "formalen Vielfalt", wie sie vor Jahren von einem linken "Berliner Autorenkollektiv Presse" beklagt wurde.
Von West-Berlin aus soll, wenn es nach zwei linken Projektgruppen geht, das Fehlende nun bundesweit beigemischt werden. Ein Verein namens "Freunde der Alternativen Tageszeitung" will Anfang kommenden Jahres den "alten Traum" eines überregionalen linken Morgenblattes verwirklichen, dessen Titel noch gesucht wird" Und eine zweite Mannschaft hat sich schon auf das sechsmalige Erscheinen einer Alternative zur Alternative verständigt -- Titel: "Die Neue.
Die Konkurrenz der beiden roten Projekte entspringt nicht etwa einem progressiven Wettbewerbsdenken, sondern der guten, alten Linkssektiererei. Kaum hatten die alternativen Tunix- und Sponti-Freunde um den Berliner Anwalt Hans-Christian Ströbele Prospekte und 40 000 Spendenzahlkarten (im "Kursbuch") für die "Utopie' auf dem Frühstückstisch" in Umlauf gebracht, zog der marxistische "Neue"-Kader mit einem Gegen-Aufruf im "Berliner Extra-Dienst~~ nach: "Gelegenheitsschreiber, so gutwillig und aufrecht sie sein mögen", könnten schließlich keine Zeitung machen.
Mag sein, daß die orthodoxe Konterredaktion recht behält. Denn mit Blattmache im herkömmlichen Sinn hat das, was sich in einem angemieteten Laden in der Berliner Suarezstraße 41 abspielt, wenig zu tun. Die zwanzigköpfige Ströbele-Truppe -- Journalisten und Buchhändler, Drucker oder Sozialarbeiter -- rückt da, gleich neben einem wilhelminischen Amtsgericht, bei schönem Wetter Tisch und Stühle vor die Tür und debattiert auf dem Trottoir über Drucktechnik und Geldquellen immer feste drauflos.
Für die Nullnummer Ende September solle man, schlägt einer vor, doch gleich eine Mark nehmen -- damit sich die Genossen Leser beizeiten an den späteren Dauerpreis gewöhnen. Ströbele widerspricht locker, die 20 000 geplanten Erstexemplare müsse man für fünfzig Pfennig "rausschleudern, Geld machen wir damit sowieso nicht". Kalkuliert wird weiter nicht, Spenden- und Abo-Sammlungen sollen ohnehin 1,5 Millionen Mark bringen, die halbe Mark ist beschlossen.
Unters Volk schleudern wollen die Utopieverkäufer neben News und politischer Diskussion "auch Informationen, die in der etablierten Presse nicht zu finden sind" -- Meldungen von der Linksszene, aus Bürgerinitiativen, aus Frauen-, Jugend- oder Betriebsgruppen.
Die Planer arbeiten daher mit einem Frankfurter "Informationsdienst zur
* "Freunde der Alternativen Tageszeitung vor ihrem Büroladen. Suarezstraße 41.
Verbreitung unterbliebener Nachrichten" zusammen und setzen auf bislang 24 Initiativgruppen zwischen Kiel und Bad Schussenried -- ein Potential von Leserreportern, wie sie, mehr oder weniger straff organisiert, auch DDR-Zeitungen oder Springers " Bild" hilfreich sind. Zugleich wollen die Initiativler das Blatt an Kioske und Abonnenten bringen.
Bei der "Neuen" dagegen will man, eng angelehnt an den seit elf Jahren erscheinenden "Extra-Dienst" ("ED"), alles viel professioneller machen als Ströbeles ständig diskutierender, über redaktionelle Mitbestimmung zankender Haufen." ED"-Chef Carl Luitpold Guggomos, vormals SPD, möchte 1,4 Quadratmeter täglichen Lesestoffs für 15.50 Mark Monatsabo ("FAZ": 18.80 Mark) vertreiben, die Redaktion "einen konzentrierten, aber umfassenden Nachrichtenüberblick" mit blattspezifischem Überbau kombinieren. Besondere Note: Mitarbeit von Leuten des "Dritte-Welt-Magazins~~.
Ihre Zielgruppen auf dem Lesemarkt sehen beide Alternativ-Teams links von der "Frankfurter Rundschau". Doch auch die kommt mit ihrem linksliberalen Kontrastprogramm, etwa gegen die führende "FAZ" (298 000), nur auf eine überregionale Auflage von eben 45 000, die sie ohne ihren soliden Frankfurter Lokalumsatz (Regional-Auflage: 137 000) nicht finanzieren könnte.
Zudem haben die Berliner Linksrivalen mit ihrem Potential neuer kritischer Minderheiten, Undogmatischen wie Jungmarxisten, Atomgegnern und Fraueninitiativen. den Mißerfolg der SPD vor Augen. die einst -- trotz einer Million Mitglieder und 16 Millionen Wählern -- ein Imperium auflagestarker- Zeitungen eingebüßt hat. Ob die heimlichen, weniger parteifrommen Vorbilder der Alternativler, "Libération" in Paris und "Lotta Continua" in Rom. da weiterhelfen können, ist fraglich.
Denn beide praktizieren das, was die Berliner Gründer der "etablierten Presse" immer vorwerfen, aus linker Optik bis zum Extrem: das Weglassen von Fakten, die nicht ins Weltbild passen, Politik mit unterbliebenen Nachrichten.

DER SPIEGEL 33/1978
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