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DER SPIEGEL

KRAFTFAHRERMassenweise rein

In Bayern können Kraftfahrer, die Punkte in der Verkehrssünderkartei haben, ihr Schuldkonto durch Schulbesuch verringern. Modellfall für die Bundesrepublik?
Auf vielen Dienstreisen durch die Bundesrepublik bringt es der Verkaufsleiter, ein Mittfünfziger aus Nürnberg, mit seinem Opel Rekord "leicht auf 50 000 Kilometer im Jahr". Da kann es, meint er, "schon mal passieren. daß man was verkehrt macht und dabei erwischt wird".
Ihm passierte das in den letzten zwei Jahren dreimal: In Mannheim fuhr der Geschäftsreisende bei Rot über eine Kreuzung, auf der Autobahn Frankfurt-Nürnberg war er "um einen Zahn zu schnell", und auf der Autobahn bei Kassel geriet er abermals mit zu hohem Tempo in eine Radarfalle.
Im Zentralregister des Flensburger Kraftfahrt-Bundesamts stehen wegen dieser Ordnungswidrigkeiten sieben Punkte auf dem Konto des Nürnberger Autofahrers -- aber für seine zuständige Führerscheinbehörde sind es in der Praxis seit kurzem nur noch vier, die anderen drei sind dem Mann weder geschenkt noch wegen tadelloser Führung aus seinem Dossier getilgt worden. Er hat sich den Punkte-Nachlaß verdient.
Das Kunststück schaffte auch ein Kaufmann aus Obertraubling in der Oberpfalz. Dessen Flensburger Sündenregister zählt elf Punkte, die sich der Geschäftsinhaber ("Ich brauche mein Auto wie das tägliche Brot") zum Teil sogar beim Radfahren -- er mißachtete wiederholt das Rotlicht an der Ampel -eingebrockt hatte. Doch in den Augen seiner Kreisverwaltung ist er ebenfalls um drei Punkte erleichtert und· "zunächst die Sorge um den Führerschein los".
Wie die beiden Kaufleute, so ergatterten sich dieses Jahr schon mehr als 2000 Kraftfahrer aus Bayern eine beruhigende Gutschrift bei ihrer Führerscheinstelle durch Teilnahme an einem vom Landesinnenministerium in Zusammenarbeit mit 17 Fahrschulen und dem Technischen Überwachungsverein (TÜV) inszenierten "Modellversuch" zur "Fortbildung der Kraftfahrer in Verkehrsseminaren", in Sechs-Stunden-Kursen ohne Pauken und Prüfungen, zum Preis von 95 Mark.
Die Bayern, in Sachen Verkehrssicherheit keine Hinterwäldler, empfehlen inzwischen ihr Pilotprojekt zur bundesweiten Nachahmung und erhoffen sich von der Bundesregierung "tatkräftige und zügige" Mitwirkung -- so Bayerns Innenminister Alfred Seidl.
Freilich, ganz ohne Bonn und die anderen Länder ging es nicht. Die Idee des Punkterabatts als Anreiz zu einem freiwilligen Verkehrslehrgang können die Freistaatsexperten zwar für sich buchen: "Irgendeiner", so Verkehrsreferent Wolfgang Bouska, "mußte das ja mal erfinden." Doch realisieren ließ sich das Konzept nur mit Einverständnis aller Partner in dem für Führerscheinfragen zuständigen Bund-Länder-Fachausschuß, denn das 1974 eingeführte Punktesystem ist bundeseinheitliche Verwaltungsvorschrift.
In der Praxis allerdings ist es auch nur eine verwaltungsinterne Richtschnur für den Umgang mit einem "unbestimmten Rechtsbegriff": Kreisbehörden beurteilen, wann ein Verkehrsteilnehmer sich als "ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeugs" erwiesen hat, verfügen den Entzug der Fahrerlaubnis oder eine Wiedererteilung unter bestimmten Voraussetzungen. Sie können dabei drei Punkte rückrechnen. wenn etwa der Betroffene an einem der bayrischen Lehrgänge teilgenommen hat, nicht jedoch den Flensburger Eintrag selber löschen.
Der Bund-Länder-Ausschuß, in dem seit Jahren Möglichkeiten der "Nachschulung" nachlässiger Autofahrer als Alternative zum umstrittenen "Führerschein auf Zeit" diskutiert werden, gab den Bayern grünes Licht für ihren Modellversuch. Und inzwischen gehen auch andere Bundesländer in diese Richtung -- wenn auch auf wesentlich schmalerer Basis. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz wollen "Nachschulungsprogramme" an kleinen Zielgruppen erproben, an "jungen Fahranfängern" oder "Alkoholauffälligen".
Bayerns Experten glauben, daß diese Gruppenbildung "im Ansatz verkehrt" ist (Bouska), und verfehlt erscheint ihnen auch der Begriff "Nachschulung". Nach Plänen des renommierten Münchner Verkehrspsychologen Dr. Gerhard Munsch sollen Berufs- und Sonntagsfahrer, Motorradler und Schlepperführer an einem Tisch zum Abbau traditioneller Vorurteile beitragen und zwanglos über problematische Verkehrssituationen reden -- nicht beim Frontalunterricht, sondern im Round-table-Gespräch mit einem zusätzlich für diese Aufgabe geschulten Fahrlehrer, dem "Moderator" des "Seminars
"Da gehören die Kraftfahrer massenweise reingetrieben", empfahl der Münchner Taxifahrer Rainer Scheck. 33, dem es als Verkehrsseminarist mit Sechs-Punkte-Konto "in keiner Minute langweilig" war. Zwar hätten sich, so berichtet der Rosenheimer Fahrlehrer Günter Pongratz, "gegnerische Gruppen zuerst beinahe in der Luft zerrissen". sich jedoch bald "gegenseitig auf die Schultern geklopft und zu ihren Erfahrungen gratuliert".
Fast alle Teilnehmer, das ergab eine spätere Befragung. empfanden diese Art Fahrschule als "angenehm" oder "sehr angenehm", fast alle gaben an, sie hätten ihr Fahrverhalten "geringfügig" bis "sehr stark" geändert und verhielten sich nun vor allem "vorschriftsgemäßer" und "rücksichtsvoller" am Steuer. Es sei deshalb "gerechtfertigt", resümiert Bayerns Innenministerium, "hier von einem tiefgreifenden "Schlüsselerlebnis" zu sprechen".
Schlüssel zum Erfolg soll vor allem die von Verkehrspsychologen entwickelte Gefahrenlehre sein, die defensives und präventives Verkehrsverhalten vermitteln will. Einen ihrer wesentlichen Bestandteile, den Begriff der "motivie-
* Der Mönch Pérignon erfand im 17. Jahrhundert das Champagner-Gärverfahren
renden Wahrnehmung", erläutern die Fachleute gern mit einem Vergleich: Der Kraftfahrer befinde sich in ähnlicher Lage wie ein Raucher, der neben einem defekten Gasrohr stehe; erkenne dieser den Defekt nur optisch, so werde er sich möglicherweise gedankenlos eine Zigarette anstecken, motiviere ihn die Wahrnehmung aber zu der Annahme, daß vielleicht Gas ausströme, werde er das Zünden bleiben lassen.
Keine Frage, daß das Gros der Verkehrsseminaristen sich zu subtiler Verkehrsbetrachtung nur "aus Angst um ihren Führerschein" (der Nürnberger Fahrlehrer Klaus Reuter) verstanden hat. Zwei Drittel hatten mehr als neun Punkte -- ohne Rabatt, räumen die Veranstalter ein, hätte es kaum Resonanz gegeben. Und so wird es wohl auch künftig sein.
Die Tilgungsvoraussetzungen nach dem Flensburger System -- bei Ordnungswidrigkeiten zwei Jahre deliktfreies Fahren -- werden vermutlich nicht nur von den Teilnehmern des Reuterschen Verkehrsseminars "durch die Bank als Unrecht empfunden". Der Fahrlehrer. "Man bewährt sich eben nicht durch Zeit, sondern durch gefahrene Kilometer." Auch in anderen Seminaren wurde das starre Punktschema "besonders heiß diskutiert" (Fahrschule Wiedemann, Augsburg).
Beim bayrischen Rabattmodell gibt es denn auch keine Zensuren oder Fragebogen noch irgendwelche feste Formeln. Über den Erfolg eines Teilnehmers entscheiden allein lückenloser Besuch des Verkehrsseminars, rege Mitarbeit und schließlich der "Gesamteindruck" des Moderators -- und der war bei der Aktion 1977 am Ende gut genug für alle Teilnehmer.
Die Münchner Verkehrsexperten, die nun erst einmal den Eindruck ihrer Versuchsergebnisse auf den Bund-Länder-Ausschuß abwarten wollen. fürchten weder Mauscheleien zwischen Moderator und Seminarschülern (Bouska: "Das Risiko müssen wir in Kauf nehmen") noch die Gefahr einer Nachschüler-Schwemme (Bouska: "Das kann man personell verkraften").
Ohnehin sind in ihrer Konstruktion Bremsen für Viel- und Dauersünder eingebaut. Teilnahmeberechtigt sind nur Kraftfahrer, die nicht mehr als 13 Punkte haben, und weitere Seminarbesuche sollen erst in Abständen von fünf Jahren wieder erlaubt werden. Ministerialrat Bouska. "Klar, daß sonst jeder raffinierte Verkehrsrowdy seinen Schein retten könnte."

DER SPIEGEL 53/1977
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