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DER SPIEGEL

BIOGRAPHIENTadel für den Junker

Mit Bismarcks Moral beschäftigt sich die soeben erschienene neueste Biographie des Eisernen Kanzlers. Der Preuße schneidet in dem Buch eines Englanders nicht gut ab.
Ein Hauch von moralischer Indignation durchzieht die jüngste Bismarck-Biographie*. Geschrieben hat sie Alan Palmer, 49, ein Engländer, Schulmann von Haus aus, freischaffender Historiker seit etlichen Jahren, ein im Land der vielen guten Biographien sehr geschätzter Biograph -- doch kein Bewunderer seines Helden, schon gar nicht von dessen Moral.
Bismarcks Moral -- ob er eine hatte oder gar keine; und wenn er eine hatte, welche es dann war, eine christliche oder eine andere; ob er ein Machiavel-
* AlanPalmer: "Bismarck", Claassen Verlag. Düsseldorf, 456 Seiten: 36 Mark.
** völlig unbegreiflicherweise behauptet Palmer, daß es ihm und seiner Frau Veronica gelungen sei ",die Identität jenes englischen Mädchens festzustellen, mit dem Bismarck sich 1837 als verlobt betrachtete". Tatsächlich kannte sogar Johanna von Bismarck ihren Namen.
list oder ein Pietist war -- hat alle Bismarck-Beschreiber beschäftigt. Erich Eyck, der deutsche Emigrant, hielt den Kanzler für "eine Gestalt nicht zum Lieben, geschweige denn zum Nacheifern". Arnold Oskar Meyer hingegen sah in ihm eine "ebenso keusche wie große Seele". Der Oxford-Professor A. J. P. Taylor, sonst kein Freund der Deutschen, bewunderte sein "tiefes Gefühl für moralische Verantwortlichkeit", der Schweizer Henry Vallotton bezichtigte ihn, er habe dem "Diktator Adolf Hitler den Weg geebnet".
Gemeinsam ist allen bisherigen Bismarck-Biographen, daß sie ihren Helden für eine Art von teutonischem Supermann halten -- mal für einen Gottsucher, mal für einen neurotischen Wotan, mal für einen Eisenfresser, für groß aber in jedem Fall.
Palmers Bismarck ist schlichter: weniger titanisch, weniger dämonisch, aber auch nicht gerade sympathisch. Die Maßstäbe, an denen Palmer seinen Helden mißt, sind unverkennbar altmodisch-britischer Art. Vor allen Dingen gehört "decency" dazu, also die von älteren englischen Damen besonders geschätzte Wohlerzogenheit, und es ist ganz begreiflich, daß zumal der junge, der "tolle" Bismarck an dieser Meßlatte nicht gut aussieht.
So mißbilligt Palmer ganz offensichtlich die spöttische Art, in der Bismarck seinem Freunde Gustav Scharlach über seine Affäre mit der "bildschönen" Engländerin Isabella Loraine-Smith berichtet hat. Tatsächlich nannte Bismarck Isabella, die er 1836 in Aachen als Referendar kennenlernte, seine "Prise" und schildert den weiteren Verlauf in einer Seeräuber-Manier, die Palmer "zynisch" findet: die "Bildschöne" sei ihm "von einem einarmigen Obristen mit 50 Jahren, 4 Pferden und 15000 fl. Revenüen wieder abgejagt" worden**.
Unverfälscht britisch ist auch Palmers Abneigung gegen (indezente) Seelenanalysen Freudscher Art. Bismarcks berühmter Brief vom 4. Juli 1851 an Hans von Kleist-Retzow, in dem er Anfechtungen von "brutaler Sinnlichkeit" gestand, kommt bei Palmer nicht vor. Bismarcks Krankheiten -- seine rheumatischen und neuralgischen Anfälle, seine Leberschmerzen. seine Erkältungen und Krampfadern -- tut Palmer mit dem Satz ab: "Woran er, falls ihm überhaupt etwas fehlte, wirklich litt, läßt sich nicht ergründen."
Bismarcks unglaubliche Gefräßigkeit (zum 11-Uhr-Frühstück: Koteletts, Gänsebrust, Spickaal, Gänseeier, Honig und so weiter) veranlaßt Palmer keineswegs zu einer psychologischen Betrachtung (die an dieser Stelle wohl angebracht gewesen wäre). Er mißbilligt sie: "Maßlosigkeit".
Der viktorianisch anmutende Moralismus Palmers tritt des öfteren auch in Äußerungen zu politischen Gegenständen zutage. So bemerkt er, daß Bismarck nie die "Wahnvorstellung" einer Annäherung zwischen Rußland und Frankreich habe abschütteln können
eine Besorgnis, die zweifellos kein Phantom betraf.
Gegen Ende seines Buches gerät Palmers Darstellung immer mehr zum klassischen Bismarck-Klischee. Brutalität, Verschlagenheit, Wehleidigkeit und Arroganz Bismarcks treten dabei stark hervor.
Charakteristisch ist Palmers Schilderung der Verhandlungen zwischen Bismarck und Jules Favre am 19. September 1870 in Ferrières bei Paris. Der Kanzler habe sich dabei, behauptet Palmer, "einfach entsetzlich" verhalten. Während Favre für einen "gerechten Frieden", für "Freundschaft" und "gegenseitiges Verständnis" plädierte, habe Bismarck "geringschätzig" seine Abendzigarre "gepafft" -- eine Passage, zu der Jasper Ridley, Palmer-Rezensent in "Times Literary Supplement", anmerkt, Bismarck habe Favre eine Zigarre überreicht und ihn am Ende mit mehr Höflichkeit behandelt, als die französischen und englischen Unterhändler bei den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen 1918 und 1919 gegenüber den deutschen Repräsentanten gezeigt hätten.
Allen Ernstes behauptet Palmer, daß erst durch Bismarck Kriegslisten, Presse-Manipulationen, Halbwahrheiten, Einschüchterung und Pathos zu "beliebten Mitteln" der Diplomatie geworden seien. Offenkundig sind Alan Palmer einige wichtige Kapitel der Weltgeschichte verlorengegangen.

DER SPIEGEL 33/1976
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