DROGEN
Ein schizophrener Krieg
Die Männer, die Deutschlands Interessen in Afghanistan vertreten sollen, sind ratlos. Sie stehen am Ende der Straße, ein Oberstleutnant, ein Leutnant, ein Fregattenkapitän. Sie tragen Splitterschutzwesten, ihre Gesichter sind gelb, ihre Haare sind gelb und stehen ab wie Igelborsten. Zehn Stunden lang hat sie die Straße gequält, mit gefährlich nahen Abgründen links oder rechts, mit Schlaglöchern so groß und tief wie Froschtümpel, mit Rampen so steil, dass ihre Fahrzeuge beinahe gekippt wären, und mit gelbem Staub, der metallisch schmeckt und knirscht zwischen den Zähnen. Und jetzt, 20 Kilometer vor dem Ziel, 20 Kilometer vor Faizabad, tut ihnen die Straße das Allerschlimmste an. Sie hört einfach auf, sie verschwindet. Die drei Männer blicken in braune Fluten, die wild vom Berg hinunterfließen und die Straße überspült haben. Es war der große Regen. Die Männer haben den ganzen Tag lang Wolkengetümmel über den Schneekuppen des Hindukusch gesehen. Nun sind die Berge weich geworden. Geröll liegt da, wo mal die Straße war.
Die drei Soldaten diskutieren, was sie tun sollen. Im milchigen Abendlicht, das die Dunkelheit ankündigt, klingt das Wort "Drogenbaron" noch unheimlicher als zuvor. Sie sind in einer Region, die vom Opium lebt, im nördlichen Afghanistan, im Ort Halqa Jar. Soldaten gelten hier als Leute, die das Geschäft stören.
Sie suchen einen Weg, wie sie eine Übernachtung vermeiden können. Der Oberstleutnant schlägt vor, nach Kunduz zurückzufahren. Aber eines ihrer Fahrzeuge hat keine Bremsflüssigkeit mehr. Zehn Stunden ohne Bremsen durch die Nacht wären Wahnsinn.
Der Leutnant und der Fregattenkapitän schlagen vor, den Durchbruch nach vorn zu wagen. Die Fahrzeuge seien geländegängig genug, um es durch die Fluten und über das Geröll hinweg zu schaffen.
Die Amerikaner, sagt der Oberstleutnant, hätten kürzlich vier Leute verloren,
weil ein Bergrutsch eine Panzermine auf die Straße gespült hat.
Die Männer wissen jetzt, dass sie bleiben müssen. Sie lassen die Fahrzeuge ihres Konvois wenden, vier Geländewagen vom Typ "Wolf", ein gepanzerter Wagen vom Typ "Dingo". Sie fahren los, suchen einen Platz für die Nacht.
Im "Dingo" herrscht Schweigen. Die Soldaten gucken aus den Fenstern, während ihr Fahrzeug in Schlaglöcher taucht und dabei wankt wie ein betrunkener Elefant. Sie sehen grüne Hügel und die bunten Fähnchen, die an langen Stecken über Gräbern wehen. Sie bleiben in einer Ziegenherde hängen, wie so oft an diesem Tag.
"Die Leute gucken nicht mehr so freundlich", sagt der Fahrer. "Das ist doch das Drogengebiet Nummer eins", sagt der Beifahrer. "Wir brauchen Beschützer", sagt der Fahrer. Sie winken den Hirten zu.
An einem Obsthain hält der Konvoi. Es ist acht Uhr. Elf deutsche Soldaten bereiten sich auf eine Nacht im Freien vor.
Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan. 1420 Soldaten sind in der Hauptstadt Kabul stationiert sowie 320 in Kunduz und 200 in Faizabad. Zwischen diesen beiden Städten liegt eines der größten Opiumanbaugebiete der Welt. Opium ist der Rohstoff für Heroin.
Fast 90 Prozent des weltweit produzierten Rohopiums kommen aus Afghanistan. 2004 stieg die Produktion um 17 Prozent auf 4200 Tonnen an. Die Anbaufläche der Opiumpflanze Mohn wurde um 64 Prozent ausgeweitet und liegt jetzt bei 131 000 Hektar.
Außenminister Joschka Fischer hat in einer Protokollnotiz für die Bundesregierung festgelegt, dass "die Drogenbekämpfung nicht im Mandat des Bundeswehreinsatzes enthalten ist". Es dürfen keine Felder abgebrannt, keine Labors zerstört werden.
Das Mandat für den Einsatz in Afghanistan läuft am 13. Oktober aus. Die Diskussion um eine Erneuerung hat längst begonnen. Die Frage ist, ob man den Kampf gegen den Drogenanbau aufnehmen will.
In der Bundesrepublik gibt es schätzungsweise 150 000 Heroinabhängige. Die Kosten für den staatlichen Kampf gegen das Rauschgift und gegen die Folgen der Sucht werden auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.
Es wäre naiv zu glauben, die Bundeswehr müsste nur den Drogenanbau verhindern, und diese Probleme wären gelöst. Doch die derzeit üppige Versorgung mit relativ billigem Heroin hat auch damit zu tun, dass der Sieg der westlichen Alliierten in Afghanistan den Bauern des Landes die Freiheit gebracht hat, wieder in Frieden den einträglichen Mohn anzubauen, und dass die Bundeswehr im Norden Afghanistans Ruhe und Ordnung sichert.
Deshalb sollte das Nichtstun gut begründet sein. Es werden vor allem drei Argumente genannt. Erstens: Ein Einsatz der Bundeswehr wäre vergebens, weil dann sofort anderswo Opium angebaut würde. Zweitens: Es ist die Aufgabe der Bundeswehr, für Ordnung zu sorgen, damit sich in Afghanistan ein stabiler Staat entwickeln kann. Würde der Opiumanbau bekämpft, verlöre man den Rückhalt der Bevölkerung und gefährdete das bisschen Stabilität, das erreicht wurde. Drittens: Die Drogenbarone sind gefährlich, jeder Einsatz bedrohe das Leben deutscher Soldaten.
Und so kommt es, dass der gewonnene Krieg gegen die Taliban für den Krieg gegen die Drogen eine schwere Niederlage bedeutet. In Afghanistan blühen die Mohnfelder wie seit Jahren nicht mehr, und in Deutschland kämpfen Zollbeamte, Staatsanwälte, Polizisten, Sozialarbeiter, Eltern und Süchtige einen verzweifelten Kampf gegen den Stoff, der aus dem Land des Schlafmohns zu uns kommt.
Aachen, Zollgebäude
Zollbetriebsinspektor Rudolf Esser zieht seine kugelsichere 1,5 Kilogramm schwere Weste an. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Lorenz steigt er in einen VW-Bus und fährt von der Zollstation Aachen zu einem Rastplatz an der A 4 direkt vor der Grenze zu den Niederlanden.
Um 11.20 Uhr stehen sie in Position. Um 11.40 Uhr meldet sich das Funkgerät im Bus. Kollegen in einem zweiten Wagen des Zolls finden ein Auto, das aus den Niederlanden kommt, verdächtig: "Roter Golf mit Dürener Kennzeichen." Esser fährt los, die Reifen quietschen. Als sich der VW-Bus vor den roten Golf gesetzt hat, drückt Zollinspektor Lorenz einen Knopf, und hinten erscheint die Leuchtschrift: Zoll - bitte folgen. Zwei junge Männer sitzen in dem Auto, der Fahrer fügt sich. Sie verlassen die Autobahn, halten an. Die Männer müssen aussteigen und werden abgetastet.
Das meiste Heroin kommt über die Niederlande nach Deutschland. Von Afghanistan wird es in die Türkei geschafft, wo vor allem kurdische Clans den Handel kontrollieren.
Über Bulgarien und die sogenannte Balkanroute transportieren Kuriere die Drogen mit Autos in die Niederlande. Auch über Italien kommt ein Teil des Stoffs.
Zoll und Bundeskriminalamt versuchen mit Hilfe der lokalen Behörden, entlang der Transportstrecke einzugreifen. Es ist ein mühsames Geschäft. Aber noch mühsamer ist es, die Kleintransporte von Holland nach Deutschland abzufangen. Bei der Mobilen Kontrollgruppe Aachen arbeiten 15 Zollbeamte. Sie sind rund um die Uhr für eine Grenze von 213 Kilometern zuständig.
Der Golf wird flüchtig durchsucht. Man hat wenig Zeit, man findet nichts.
Die Männer der Mobilen Kontrollgruppe Aachen haben im vergangenen Jahr 900 Strafverfahren eingeleitet; der deutsche Zoll insgesamt hat 511 Kilogramm Heroin sichergestellt. Esser und Lorenz wissen, dass es nur ein Bruchteil der Menge ist, die wirklich hereinkommt. Aber sie haben nicht das Gefühl, unnütz zu sein.
Wenig später, an der Bushaltestelle in Horbach: Die Zollbeamten warten auf den Bus aus Holland. Sie steigen ein, gleich vorn sehen sie den Italiener. Sie führen ihn raus, der Italiener zittert und redet unverständlich. Seine Augen sind groß wie Tischtennisbälle, groß und weiß, dann sitzt er im VW-Bus und weiß nicht, was los ist.
Esser kennt ihn, er hat ihn so oft hier aufgegriffen, manchmal mit kleinen Mengen Heroin, die der Italiener verdealen wollte, um sich selbst Heroin kaufen zu können. Dann hat Lorenz einen Bericht geschrieben und den Bericht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Der Italiener saß bald darauf wieder im Bus.
Esser denkt an die eigenen Kinder, zwei Mädchen, die er niemals im Zustand des Italieners sehen möchte. Deshalb braucht er keine großen Erfolge, um motiviert zu sein. Er will, dass die Dealer sich nicht sicher sein können. Sie sollen immer damit rechnen müssen, ihm zu begegnen.
Jetzt kommt der kritische Moment, Lorenz muss Kleidung und Tasche des Italieners filzen, und er fragt, ob er Spritzen dabei habe. Der Italiener sagt irgendwas, Lorenz kippt den Rucksack aus, und vier Spritzen fallen auf den Tisch des VW-Busses. Lorenz will keine Handschuhe tragen, weil er dann nichts fühlen kann. "Ich muss doch was fühlen können, wenn ich die Leute filze, sonst finde ich ja nichts."
Ihn schrecken die Gefahren seines Jobs nicht. Als ein mutmaßlicher Dealer eine Pistole zog, hat er ihm mit einem Warnschuss den Schneid abgekauft.
Diesmal hat der Italiener nichts dabei. Er kann gehen. Er packt seine Spritzen ein und wankt davon. Esser und Lorenz fahren zurück zur Zollstation. Ihre Schicht ist beendet. Sie haben nichts gefunden.
Kunduz, Afghanistan
Es ist 7.30 Uhr am Morgen. Für elf deutsche Soldaten beginnt in Kunduz jene Fahrt, die zehn Stunden später kurz vor Faizabad an einer überspülten Straße enden wird. Der Konvoi soll Fahrzeuge zu den Kameraden nach Faizabad bringen. Die Strecke ist gut 200 Kilometer lang und führt durch eines der größten Opiumanbaugebiete der Welt.
Die stärkste Waffe des Konvois ist der "Dingo", der ein schweres Maschinengewehr auf dem Dach trägt. 960 Schuss Munition sind dabei. Zur Ausrüstung der Soldaten hat der Presseoffizier in Kunduz, Fregattenkapitän Roland Vogler-Wander, gesagt, sie sei "die beste Ausrüstung der Welt". Vogler-Wander, der hier als einziger Soldat mit Namen genannt werden darf, hat sich zur Demonstration breitbeinig aufgestellt und die Vorzüge seiner Pistole und der 18 Kilogramm schweren Splitterschutzweste erläutert. Er sah aus wie eine Schildkröte. Dann schwärmte er vom Ausrüstungskonzept "Infanterist der Zukunft". Jeder Soldat sei nachtkampffähig und über Funk zu erreichen. Das Gewehr G 36 sei sehr treffsicher, weil es einen Laserentfernungsmesser habe und das Ziel mit einem roten Leuchtpunkt markiere. Besonders stolz war er auf seine Sonnenbrille, die Splitterschutzgläser hat.
Ein paar hundert Meter hinter Kunduz fällt der Unimog der Minenräumer aus, die Minenräumer müssen zurückbleiben. Der Himmel ist blau, über dem Hindukusch tummeln sich die Wolken.
Berlin, Suchthilfezentrum
Wie der Stoff den weiten Weg vom Hindukusch nach Deutschland zurücklegt, darüber gibt das Leben von Leo* Auskunft. Leo spricht holpriges Deutsch mit einer tiefen, dunklen Stimme, die aus dem Wald
zu kommen scheint. Er ist Russlanddeutscher. Er sitzt im Berliner Jugend- und Suchthilfezentrum in der Ansbacher Straße
* Die Namen der Drogenabhängigen wurden von der Redaktion geändert.
und sagt, ihm sei alles geklaut worden, er habe nichts mehr. "Gibt's ein Dings, wo ich vielleicht irgendwelche Sachen kriegen kann?" Er fasst sich an die Hose, sie ist steif vor Dreck. Er kriege kein Hartz IV, sagt er. Die Sozialarbeiterin gibt ihm die Adresse einer Altkleiderstelle. "Wenn das so weitergeht, lande ich im Knast", sagt Leo.
Sein Haar ist rötlich, sein Bart ist rötlich, er ist klein, gedrungen, seine Augen sind so blassblau wie ein diesiger Himmel.
Leo wurde vor 24 Jahren in Kasachstan geboren. Sein Vater hatte einen Laden, und mit zwölf Jahren trug Leo gute Kleider. Es kamen ein paar Jungs, die schlugen ihn ohnmächtig und zogen ihm die Kleider aus. Seine Nase war gebrochen, eine Rippe auch. Er ging zu einem älteren Cousin, der sagte: Komm, gib mir die Hand, dann ist der Schmerz weg. Leo gab ihm die Hand, der Cousin spritzte ihm Heroin in den Arm. Leo spürte "die stärkste Kraft der Welt". Er kam nie mehr los von ihr.
Später sah er die Jungs, die ihm die Kleider geklaut hatten, in einem Kofferraum liegen. Sie waren eine blutige Masse Mensch. Sein Cousin hatte ihm einen Gefallen getan, und jetzt wollte er, dass Leo ihm auch einen Gefallen tut. Er schickte ihn an die Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan. Dort kaufte Leo bei den Grenzbeamten Opium, erst kiloweise, dann Mengen bis zu 50 Kilo.
1998 ging seine Familie nach Deutschland. Er holte Heroin aus Holland, verkaufte es in Koblenz und Saarbrücken. Er war bald wieder Mitglied einer russischen Mafia. Als er aussteigen wollte, wurde seine Freundin entführt. Er musste sie freikaufen, sie war vergewaltigt worden. Sie ließen ihn nicht gehen. Er dealte weiter.
Nach einem Raubüberfall landete er für zwei Jahre im Gefängnis. Er prügelte sich und musste für ein halbes Jahr in eine Einzelzelle.
Im Januar wurde er entlassen. "Ich bin wieder drauf", sagt er.
Leo gehört zur Zone der Barbarei, die sich das Gift in jeder Gesellschaft schafft. Und an der Grenze zu dieser Zone führt Katharina Wallstab ihren kleinen Krieg.
Sie arbeitet im Suchthilfezentrum in der Ansbacher Straße, und ihr Kampf ist, dass sie den Süchtigen hilft, einen Platz für die Nacht zu finden, für einen Entzug, für eine Therapie. Katharina Wallstab ist eine schlanke Frau, die von sich sagt, sie sei "selbst nicht ganz frei von Sucht". Sie hat eine Essstörung, eine Magersucht, und sie sagt: "Sucht ist immer tödlich, wenn man sie nicht bekämpft." Als sie die Frage hört, worin sie einen Erfolg ihrer Arbeit sehe, atmet sie hörbar durch. "Ich muss mal nachdenken", sagt sie. Dann nennt sie einen 55-jährigen Junkie, der sich gerade für ein Methadon-Programm entschieden habe. "Fragen Sie mich in einem halben Jahr mal wieder."
Es ist aber nicht so, dass sie täglich tieftraurig die Nothilfe verlässt. "Ich weiß nicht, ob ich so die Hilfehaltung habe", sagt sie. Wallstab hat einen robusten Ton mit ihren Klienten, freundlich, aber ohne Mitleid und eher neutral als verständnisvoll. Sie denkt, dass manche "an den Leistungsansprüchen der Gesellschaft scheitern", und sie sieht eine Menge Gleichgültigkeit in den Familien. Aber das heißt für sie nicht, dass Junkies Opfer seien. "Ich sage meinen Klienten: Es ist deine Entscheidung, deine Verantwortung, dein Weg."
Nördlich von Kunduz, Afghanistan
Die Hügel sind grün gepudert, die Dörfer aus Lehm gebaut, die Straße steigt und kippt, windet sich durch Minenfelder, vor denen weiße Steine mit roter Kuppe warnen. Ein Junge bringt seinem Esel scharfe Wendungen bei. Aus den Wiesen glotzen Wracks sowjetischer Schützenpanzer wie traurige Lurche.
Die Soldaten winken. Sie winken und winken. Tauchen am Straßenrand Afghanen auf - ein Bauer mit seinem Pflug, die Mädchen hinter den verstaubten Fenstern einer Schule, die 20 Männer in dem Kleinbus mit zehn Sitzplätzen, die Minensucher, die in den Feldern hocken und konzentriert durch ihr Schutzglas starren -, tauchen diese und andere Afghanen auf, dann heben die deutschen Soldaten die Hände und winken freudig. Sie sind nicht nur "die bestausgerüstete", sondern auch die freundlichste Armee der Welt. "Winken ist Schutz", hat dazu Fregattenkapitän Vogler-Wander gesagt. Wo die Soldaten hinkommen, wollen sie zeigen, dass sie niemandem etwas zuleide tun: Wir tun euch nichts, tut uns auch nichts.
Am Vortag, bei einer Erkundungsfahrt in der Umgebung von Kunduz, stießen die Soldaten auf eine Gruppe von Bauarbeitern. Sie hielten an, um zu fragen, was hier gebaut werde. Der Anführer, ein Oberleutnant, ging zu den Männern, die unter einem Zeltdach dösten, und hielt eine kleine Rede. Sie seien deutsche Soldaten und in freundlicher Absicht gekommen. "Unsere einzige Aufgabe ist festzustellen, woran es der Bevölkerung fehlt. Wir suchen nach nichts. Sie brauchen keine Angst zu
haben." Nach diesem letzten Satz gab es einen kleinen Tumult. Die Bauarbeiter lachten und redeten wild durcheinander. "Wir haben keine Angst", rief ihr Anführer. "Wir sind Brüder", schrie ein anderer. "Du bist mein Cousin", frohlockte ein dritter.
Der Oberleutnant guckte verunsichert. Er schien sich zu fragen, ob hier Freundlichkeit erwidert oder Militär veralbert wird. Die Deutschen verteilten schließlich Schulhefte und hellblaue Kappen, die den Super-Airbus A 340 zeigen, an Kinder und fuhren zurück zum Lager in Kunduz.
Es ist ein Lager, in dem es an nichts fehlt. Es gibt eine Sauna, demnächst auch ein Schwimmbecken, einen Sanitätsbereich, der den Standard eines deutschen Kreiskrankenhauses hat, eine Bar, wo jeder am Abend zwei Flaschen Bier trinken darf, es gibt Rosen rund um das Frauenzelt und einen Rabatt für Päckchen zum Muttertag. Man hat sich ein hübsches, kleines Deutschland gebaut, ein Deutschland, wie es früher war, mit Ruhe, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin.
Die Soldaten fahren zwar Patrouille, gucken, ob die neuen Schulen noch funktionieren, tragen durch ihre Präsenz erheblich zum Frieden in der Region Kunduz bei. Aber ihre Hauptsorge sind die eigene Sicherheit und die eigene Bequemlichkeit.
Es gibt in Kunduz, wie an den heimischen Standorten auch, die Ermüdung aus Langeweile. Man tut vieles sehr langsam, sehr gewissenhaft und redet ausführlich darüber, was demnächst zu tun sein wird, damit die Zeit bis dahin schneller vergeht. Frühstück, Mittag- und Abendessen sind große Termine, weil sie der Länge eines Tages den Schrecken nehmen.
Auf der Fahrt nach Faizabad ist es Mittag geworden, Hitze, Staub. Der Konvoi durchquert eine Furt und passiert einen Felsen, der aussieht wie ein Affenschädel. Auf den grünen Hügeln, zwischen dem kurzen Gras, leuchtet rot Klatschmohn, wie zur Erinnerung an das, was hinter den Hügeln ist: große, rote Mohnfelder, vom Flugzeug aus schön anzusehen.
Berlin, Kriminalgericht Moabit
Wer im Büro der Oberstaatsanwältin Karin Engert sitzt, sitzt mitten im hilflosen Krieg gegen die Drogen. Es ist ein ärmliches Büro. Die Wände sind fleckig, die Möbel alt und abgestoßen. Wie fast überall bei Justiz und Polizei zeigt sich der Staat als Hungerleider.
Eine Botin betritt das Büro und legt einen Stapel Akten auf ein Regal. Das sind die neuen Fälle des Tages, ungefährt 40. Es geht immer um Rauschgiftkriminalität. Engert leitet die zuständige Abteilung 53 und bekommt im Schnitt jeden Monat 1300 Akten auf den Tisch, die meisten von allen Abteilungen. "Der Alltag ist so, dass man Akten bearbeitet", sagt sie.
Karin Engert trägt einen schwarzen Hosenanzug und große Perlen an den Ohren. Sie sieht die Akten durch, zeichnet sie mit einem roten Stift aus und leitet sie weiter an die Geschäftsstelle. Dort werden sie in rote Kladden gelegt und an die Staatsanwälte der Abteilung 53 weitergeleitet. Die prüfen, ob die Polizei weiterermitteln muss oder Anklage erhoben werden kann.
Während sie die Akten bearbeitet, vertreten ihre Mitarbeiter die Anklage im Gerichtssaal 138 in Moabit. Heute sind es acht Prozesse, Akten werden zu Menschen.
Im achten Prozess berichtet die Staatsanwältin, dass der Palästinenser K. im S-Bahnhof Baumschulenweg aufgegriffen wurde, mit 4,4 Gramm Heroingemisch, 4,7 Gramm Kokain sowie 114 Kügelchen mit einer Gesamtmenge von 27,7 Gramm Heroingemisch.
Danach spult sich Routine ab. Man kennt sich, man spielt sich nichts vor. Die Stimmung ist unaufgeregt, die Positionen werden in einem leiernden Tonfall vorgetragen, der sich über den ganzen Morgen
zieht, als sollten dadurch die einzelnen Prozesse zu einer großen Geschichte verknüpft werden. Nicht der Einzelfall ist der Skandal, nicht der jeweilige Angeklagte mit seinen Ausflüchten und Geständnissen, sondern der Drogenhandel als Ganzes.
Doch das ist kein Grund für Nachsicht. Richter und Staatsanwälte machen in jeder Einlassung klar, dass sie in diesem Bereich rein gar nichts für eine Petitesse halten.
Die Staatsanwältin beantragt 20 Monate Haft auf Bewährung für den Palästinenser, der Verteidiger hält 15 Monate für angemessen. Das Gericht folgt der Staatsanwältin. Heroin sei "die gefährlichste aller Drogen", sagt der Richter. Deshalb müsse die Strafe hoch ausfallen.
Karin Engert hat 1991 in der Abteilung 53 angefangen. In den Akten, bei Vernehmungen und Verhandlungen trifft sie auf Süchtige oder Dealer, die ihr schon damals begegnet sind. Stellt sich ihr da nicht die Frage, wie sinnvoll ihre Arbeit ist?
Sie nimmt ihre Brille ab, beugt sich vor und sagt: "Ich mag es nicht, dass ich vom Wedding bis Moabit an sechs Gruppierungen vorbeifahre, die offen Drogen verkaufen. Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf, dass die Spielplätze sauber sind von Spritzen. Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf, dass Kinder auf Schulen gehen können, wo sie nicht von Dealern unter massiven Druck gesetzt werden. Wir kriegen Berlin nicht händlerfrei. Wir können nur so viel Sand ins Getriebe streuen wie eben möglich. Dafür kämpfen wir jeden Tag."
Bei Karin Engert im Büro kann man verstehen, dass der Kampf gegen Drogen nicht geführt wird, um zu siegen. Weder sie, noch die Zollbeamten, noch die Sozialarbeiter, noch die Süchtigen können die Drogen besiegen. Es ist ein Kampf, der die Vergeblichkeit nicht scheut. Es geht nicht um einen großen Sieg, sondern um viele kleine.
Es ist ein System des permanenten Drucks auf Süchtige und Dealer. Es könnte besser funktionieren, wenn der Druck schon in Afghanistan begänne.
Vor Keshem, Afghanistan
Kurz bevor die deutschen Soldaten in die Stadt Keshem einfahren, empfiehlt Vogler-Wander den beiden mitreisenden Journalisten, Schutzwesten anzulegen. Die Stimmung in der Stadt sei nicht freundlich. Es sei eine Stadt, die zum großen Teil vom Drogenhandel lebe. Die Soldaten winken, und tatsächlich wird nicht so viel zurückgewinkt wie in der Region Kunduz.
Entlang der Hauptstraße stehen offene Holzverschläge, in denen Handwerker dengeln, feilen und sägen. Jungs tragen heiße Brotfladen zu den Kunden, aus den Säcken der Händler leuchten Gewürze gelb und rot. In den hinteren Teilen des Basars wird, das weiß auch die Bundeswehr, offen und im großen Stil mit Opium gehandelt.
Der Konvoi stoppt, aber nicht, um den Dealern das Handwerk zu legen, sondern damit ein Journalist Fotos machen kann.
Vogler-Wander hat die Strategie der Bundeswehr vor der Fahrt so erklärt: "Nicht wegschauen, sondern hingucken und Verdächtiges an die einheimischen Behörden melden." Bislang hat von dieser Fahrt noch niemand eine Meldung über Drogenaktivitäten gemacht. Die Bauern sind nicht mehr so unbedarft, dass sie Mohn direkt an den Hauptstraßen anbauen. Und es gilt der Satz des Oberleutnants gegenüber den Bauarbeitern: "Wir suchen nach nichts."
Der deutsche Kommandeur in Kunduz hat gesagt, dass in den vergangenen zwei Monaten ein einziges Mohnfeld an die afghanischen Behörden gemeldet wurde. Der Beitrag der Bundeswehr zur Drogenbekämpfung liegt nahe null.
Inzwischen hat sich in Keshem eine Unteroffizierin zum Sonnen auf das Dach eines "Wolfs" gesetzt. Sie ist blond und hat regelmäßig ihren Lippenstift erneuert. Um ihren "Wolf" stehen mindestens 50 Afghanen und starren. Sie wundern sich.
Berlin / Kunduz
Ein Gespräch mit Verteidigungsminister Peter Struck über seine Soldaten und den Drogenanbau in Afghanistan ist immer wie ein Gespräch mit einem Vater über seine Söhne. Er ist einerseits besorgt um ihr Wohl, andererseits achtet er darauf, dass sie sich nicht einen schönen Lenz machen. Zum Beispiel findet er, dass sich die Soldaten nicht so viel um sich selbst kümmern sollen. Das heißt nicht, dass sie deshalb robust gegen den Drogenanbau vorgehen sollen. Für das neue Mandat wünscht sich Struck 3000 statt knapp 2000 Soldaten in Afghanistan sowie die Möglichkeit, Spezialisten auch in jene Gebiete zu entsenden, für die die Bundeswehr nicht zuständig ist. An der Drogenpolitik soll sich nichts ändern.
In seinem Büro bekräftigt Struck: "Wir wollen nicht aktiv Labors zerstören und Felder abbrennen." Er sagt, dass trotzdem etwas gegen das Opium getan werde. Die Bundeswehr gebe etwa in Kunduz eine Zeitung heraus, die darauf hinweist, dass Drogen nicht mit dem Koran zu vereinbaren seien.
Im September 2004 flog Struck, wie so häufig, nach Faizabad und Kunduz. Faizabad ist eine lehmbraune Stadt in einer lehmbraunen Landschaft. Die Häuser sind von hohen Mauern umgeben, die Gesichter der Männer sind steinern, als die deutsche Delegation über die Hauptstraße fährt. Die Frauen tragen Burkas. Die ganze Stadt hat für den Fremden eine Aura der Undurchdringlichkeit.
Hier lebt die Familie Rabbani, bei der die Bundeswehr davon ausgeht, dass sie 1500 Mann unter Waffen hat. Hauptquelle des Reichtums der Rabbanis soll das Opium sein. In den Bergen rings um Faizabad wird sehr viel Mohn angebaut. Die Sicherheitslage ist ständig heikel, Struck verzichtete auf Anraten der Soldaten auf den Besuch eines Krankenhauses.
In Kunduz trifft Struck im deutschen Lager den General Mohammed Daud. Sie sitzen sich auf einer Terrasse mit ihren Delegationen gegenüber, tauschen Freundlichkeiten aus, und Daud beteuert, dass der Drogenanbau ein großes Übel sei, das er entschlossen bekämpfen wolle. Er ist der Lokalfürst dieser Region und stellvertretender Innenminister, zuständig für die Bekämpfung der Opiumwirtschaft. Struck weiß, dass Daud im Verdacht steht, selbst an der Opiumwirtschaft beteiligt zu sein. Er weiß auch, dass es keine Zweifel gibt, dass der Polizeioffizier, der neben Daud sitzt, an der Opiumwirtschaft beteiligt ist. Die Einnahmen aus dem Mohnhandel werden auf 2,8 Milliarden Dollar geschätzt, das sind 60 Prozent der afghanischen Wirtschaftsleistung.
Struck bleibt immer freundlich und tut so, als wäre den beiden Herren zuzutrauen,
dass sie die Opiumwirtschaft entschlossen bekämpfen. Ehrlichkeit ist nicht die Haupttugend der Diplomatie, aber als Staatsbürger tut es ein bisschen weh, dabei zusehen zu müssen, wie ein deutscher Verteidigungsminister zwei mutmaßlichen Schurken den Eindruck vermittelt, sie seien Partner der Bundesrepublik Deutschland.
Das ganze Konzept der internationalen Gemeinschaft beruht darauf, dass man bei den Afghanen verlässliche Partner findet. Die Briten beraten die Regierung bei der Drogenbekämpfung, die Deutschen helfen bei der Ausbildung der Polizei, die Italiener versuchen, ein Justizsystem zu etablieren. So gerüstet, sollen die Afghanen den Drogenanbau und -handel selbst bekämpfen.
Im Januar 2004 wurde eine afghanische Einheit von Drogenfahndern gegründet, im vorigen Jahr zerstörte sie 70 Labors und beschlagnahmte 80 Tonnen Opiate. Auf 4200 Tonnen wird der jährliche Export geschätzt. Im Mai haben sich die Amerikaner erneut beklagt, die Regierung von Karzai tue zu wenig gegen das Opium. Es gab einen heftigen Streit, der inzwischen beigelegt ist. Man tut wieder so, als wären die Afghanen in der Lage, das Drogenproblem nachhaltig einzudämmen. Sie sind es nicht und werden es so schnell nicht sein.
Aber wären es die deutschen Soldaten?
Auf dem Flug nach Afghanistan hatte Struck die begleitenden Journalisten zu einem Gespräch in seine Kabine gebeten. Es gab ein paar harmlose Fragen, dann sagte eine Journalistin: "Die Bundeswehr ist seit gut zehn Jahren im Ausland im Einsatz. Dabei wurden von deutschen Soldaten erst zwei Leute erschossen. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sie nicht robust genug auftreten?"
Es ist so eine Frage, nach der die große Stille ausbricht. Alle waren betreten, mieden Blicke, schauten zu Boden. Dabei fiel auf, dass die Journalistin, die gefragt hatte, Pantoffeln trug, die einen Engel zeigten. Der Engel lehnte auf einer Wolke und guckte nett. Auch Struck hatte sich für den langen Flug Pantoffeln angezogen.
Er machte zwei Ansätze, etwas zu sagen, brach sie ab, sagte dann: "Nein, das glaube ich nicht, dass deutsche Soldaten Weicheier sind." Kurz darauf beendete sein Pressesprecher das Gespräch.
Hinter Keshem, Afghanistan
Als die Soldaten einen Platz für das Nachtlager im Drogengebiet gefunden haben, lässt der Leutnant seine Männer und die Frau antreten. Er ist Panzergrenadier und für die Sicherheit des Konvois verantwortlich. Er ist ein junger Mann, 25 Jahre alt, und erteilt seine Befehle souverän. Er teilt Wachen ein und sucht Soldaten aus, die sich um das Essen kümmern sollen.
Ein paar Männer aus dem nahe liegenden Dorf kommen herbei, einer trägt einen länglichen Gegenstand. Es zeigt sich, dass es ein Regenschirm ist. Unter den Männern ist der Besitzer des Obsthains, und er sagt, es sei kein Problem, dass die Deutschen dort übernachten. Er könne aber nicht für ihre Sicherheit garantieren.
Als die Einheimischen gegangen sind, verlangt der Oberstleutnant nach dem Iridium-Handy, der letzten Verbindung zur Welt. Er war früher Einzelkämpfer, ein großer, massiger Kerl.
Der Oberstleutnant will den Gouverneur der Provinz anrufen, damit er "Verstärkung" schickt. Er ist nervös, redet eindringlich auf den Leutnant und den Fregattenkapitän ein, beschwört die Gefährlichkeit der Drogenbarone, fürchtet, dass die Nacht nicht ohne den Schutz der afghanischen Fernstraßenpolizei zu überstehen sei.
Die beiden anderen Offiziere sind etwas betreten, weil sie wissen, dass die Fernstraßenpolizei nur verbeulte Autos hat, ein paar alte Gewehre und höchstens ausnahmsweise Stiefel für alle.
Als sie widersprechen, wird der Oberstleutnant ungehalten. Er will jetzt das Iridium-Handy haben, er verlangt danach, als sei es seine letzte Hoffnung.
Er bekommt das Handy und telefoniert nach dem Gouverneur. Er kommt nicht durch. Er geht auf und ab, wählt und wählt. Eine halbe Stunde später sagt ihm der Fregattenkapitän, er solle doch zum Essen kommen. Der Oberstleutnant erwidert: "Ich bleibe hier stehen, bis die Fernstraßenpolizei kommt."
Die anderen "Infanteristen der Zukunft" sitzen im Gras und machen sich Hamburger in Tomatensauce warm. Der Soldatenpfarrer verteilt als Nachtisch die Oblaten, die für das Abendmahl in Faizabad vorgesehen waren. Später rückt er, gut katholisch, ein Fläschchen Messwein raus.
Die Nacht ist jetzt schwarz. Der Fluss rauscht, ein Esel schreit. Auf der Straße, neben dem "Dingo", steht der Oberstleutnant und wartet darauf, dass ihn jemand beschützt.
Die Soldaten schlafen in ihren Fahrzeugen. Zwei Mann stehen Wache. Einer von ihnen ist der Leutnant der Panzergrenadiere. Ein Hund bellt, am Fluss quaken die Frösche.
Der Leutnant ist blond, gewitzt und zur Bundeswehr gegangen, weil er Sport liebt und das Leben draußen. Er sagt: "Das größte Glück für mich als Offizier ist, wenn man mit 15 Mann im Hubschrauber irgendwo landet und bringt alle 15 wieder nach Hause. Selbstschutz ist das Größte."
Die deutsche Drogenpolitik des Nichtstuns findet der Leutnant "absolut richtig". Er möchte seine Männer nicht einem Krieg gegen Drogenbarone aussetzen.
Soldaten sind vor allem am Überleben interessiert, denn der Tod ist ihnen näher als anderen. In Kabul sind vier Deutsche bei einem Anschlag auf einen Bus mit Isaf-Soldaten ums Leben gekommen. In Kunduz und Faizabad wurden mindestens drei Anschläge versucht. Man kann nur allen Soldaten von Herzen Glück wünschen, und doch gehört es zu den Grundbedingungen des Soldatentums, dass deren Überlebensinteressen den Interessen eines Staates nachgeordnet sind.
Berlin, Gendarmenmarkt
In einem Restaurant geht es um die schwierigen Fragen, die von Leben und Tod, ähnliche Fragen, wie sie die Journalistin mit den Engelspantoffeln im Flugzeug gestellt hat. Gesprächspartner ist Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Er hat ein Buch über "Die neuen Kriege" geschrieben, die "Zeit" hat ihn einen "wandelnden Ein-Mann-Think-Tank" genannt, eine Denkfabrik.
Er ist sich bewusst, wie heikel es jetzt wird, und schickt vorweg: "Meine Antwort
kommt aus der notorischen Verantwortungslosigkeit eines Wissenschaftlers." Es ist leicht und folgenlos, am Gendarmenmarkt über Leben und Tod zu reden. Aber die Fragen verschwinden ja nicht, wenn man sich, egal wo, um Antworten drückt.
"Wenn man sich auf so etwas wie Afghanistan einlässt, hat das gesellschaftliche Kosten", sagt Münkler. Deutschland sei nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs eine "postheroische Gesellschaft" geworden und tue sich schwerer als andere damit, die Kosten eines militärischen Einsatzes zu tragen. Die Kosten sind: es auszuhalten, dass Soldaten nicht nur durch Präsenz, sondern durch Schießen und Sterben deutsche Interessen vertreten.
Zwar gibt es die beschränkten Einsätze der Elitetruppe KSK im Kampf gegen die Taliban. Sie sollen auch befristet am Kampf gegen den Drogenanbau beteiligt sein, allerdings nur im Bereich Aufklärung. Doch gilt hier höchste Geheimhaltung, die Gesellschaft soll damit nicht belastet werden. "Das ist eine kleine heroische Gruppe, die aus der Wahrnehmung der postheroischen Gesellschaft herausgenommen wird", sagt Münkler.
Ein anderes Problem ist, dass sich die Politik immer noch schwer damit tut zu formulieren, was deutsche Interessen sind. Es gibt einen Bericht der Bundesregierung vom Frühjahr 2005 zum Einsatz in Afghanistan, in dem alles Mögliche diskutiert wird, aber nicht, dass es ein deutsches Interesse sein könnte, den Mohnanbau zu bekämpfen, weil Heroin Menschen in Deutschland zerstört. Dieser Bericht hat einen kleinen Streit ausgelöst, weil die Bundesregierung es für möglich hält, dass britische Soldaten in den deutschen Lagern Kunduz oder Faizabad übernachten dürfen. Friedbert Pflüger von der CDU behauptet nun, dies verstoße gegen das Mandat. Weil die britischen Soldaten robuster gegen den Mohnanbau vorgingen, könnten sie Ziel von Angriffen der Drogenbarone sein. Damit seien auch ihre deutschen Gastgeber gefährdet.
Soll es also so sein: Die Deutschen schlafen selig hinter hohen Mauern, die britischen Verbündeten kampieren ungeschützt davor?
Die Katastrophen der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben aus Deutschland eine "weiche" Nation gemacht. Man war aus Schuldgefühlen heraus unbedingt friedlich, rücksichts- und verständnisvoll. Das ändert sich gerade, aber in Etappen.
Es begann im Inneren. In den siebziger Jahren galten jene, denen es schlecht ging, also auch Süchtige, weithin als Opfer eines brutalen Gesellschaftssystems. Heute sieht man eher die Eigenverantwortung und geht entsprechend robuster mit ihnen um.
Die nächste Etappe war die Außenpolitik, in der Gerhard Schröder erstmals ein "neues Selbstbewusstsein" demonstrierte. Dies ist aber nicht durch Entschlossenheit in militärischen Angelegenheiten gedeckt, dem heikelsten Gebiet für eine Nation mit übler militaristischer Vergangenheit.
"Ohne diese Entschlossenheit", sagt jedoch Münkler, "kann man so was wie Afghanistan nicht im Ernst angehen." Denn man trifft dort auf Leute, die ihre Interessen wild entschlossen und heroisch durchsetzen, zum Beispiel Drogenbarone.
Man kann nicht mit Soldaten in ein Land gehen und unschuldig bleiben, wie es die Deutschen gern ewig wären. Man schießt und fackelt Felder ab und macht sich schuldig am Elend oder Tod von Menschen. Man schießt nicht, und es gilt das Gleiche.
Die USA haben sich in Südamerika für eine Doppelstrategie entschieden. Seit Präsident Ronald Reagan den Drogen und den Drogenbaronen den Krieg erklärte, kämpfen über 5000 Agenten der "Drug Enforcement Administration" (DEA) auch in den Ländern des Drogenanbaus gegen die Rauschgiftwirtschaft. Sie setzen massiv lokale Soldaten gegen den Kokaanbau ein, sie fördern gleichzeitig den Anbau von Nutzpflanzen.
Und die DEA liefert Fakten, die der US-Regierung einmal jährlich Aufschluss über den jeweiligen Stand der Drogenbekämpfung liefern. Wer kein gutes Zeugnis bekommt, wem attestiert wird, schlecht mit der DEA zusammenzuarbeiten und zu wenig gegen Drogenproduzenten und -händler zu tun, dem werden Kredite verwehrt und Wirtschaftshilfen gestrichen, so zum Beispiel Burma, früher auch Afghanistan.
US-Amerikaner zerstören in Ländern wie Kolumbien und Bolivien Kokaplantagen, sie bilden aber auch einheimische Truppen aus im Kampf gegen Guerilla, Labors und Großproduzenten. Die Bauern, die freiwillig ihre Kokafelder zerstören und stattdessen Ananas pflanzen, kassieren staatliche Beihilfen. Doch den Drogenanbau nachhaltig einzudämmen ist auch den Amerikanern bisher nicht geglückt.
Es gibt einen neuen Vorschlag, präsentiert wurde er von einer Arzneimittel-Forschungsgruppe, hinter der europäische Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen stehen. Afghanistan könnte eine Lizenz erhalten für kontrollierten Opiumanbau zu medizinischem Zweck - um Mohnbauern einen Verdienst zu sichern und den illegalen Anbau auszutrocknen. Doch die US-Regierung wäre wohl kaum bereit, ihre Drogenpolitik zu ändern. Und den Interessen der mächtigen afghanischen Warlords, die am Opiumhandel verdienen, widerspräche der Vorschlag ohnehin.
So wird also in Afghanistan etwas Ähnliches versucht wie die DEA-Politik. Mit 150 Millionen Dollar wird unter anderem der Anbau von Weizen und Rosen gefördert, insgesamt eine Milliarde Dollar stecken die westlichen Länder in ihre Anti-Drogen-Kampagnen. "Im vergangenen Jahr hatte der politische Prozess Vorrang, dieses Jahr ist es der Mohn", hat Generalleutnant David Barno verkündet, der höchste US-Offizier in Afghanistan.
Und die Bundeswehr? Münkler ist für einen entschlossenen Krieg der Deutschen gegen die Drogenbarone in Afghanistan, aus deutschem und aus afghanischem Interesse. "Der Aufbau einer stabilen Friedensökonomie kann nur gelingen, wenn es gelingt, die zwangsläufig kriegsähnliche Drogenökonomie weitgehend zurückzudrängen."
Berlin, Suchthilfezentrum
Ein sommerlicher Morgen in Berlin, Ronni kommt in jenes Zentrum in der Ansbacher Straße, das für die Sozialarbeiterin Katharina Wallstab so etwas ist wie die Front im Kampf gegen die Drogen. Dennis trägt eine Jacke mit der Aufschrift "Racing Team", eine Jeans und rote Turnschuhe. Er hat einen Rucksack dabei und eine Tüte "Capri-Sonne".
"Wir kann ich dir helfen?", fragt ihn die Sozialarbeiterin. "Tauschen", nuschelt Dennis. Er ist blass, tote Augen. Er zieht eine rote Tabakdose aus seinem Rucksack. Seine Bewegungen sind roboterhaft eckig, sein Kopf fällt immer wieder nach vorn, als sei er plötzlich eingeschlafen.
Er braucht vier Versuche, um den Deckel von der Dose zu drehen. Er nimmt Spritzen heraus und legt sie auf eine Ablage. Dazu zählt er leise, mit verrutschender Stimme, kaum verständlich. "Ei' - swei - dei - wie." Es sind zehn. Er nimmt sich zehn neue Spritzen, dazu zehn Nadeln, fünf kurze und fünf lange. Er macht das mit der stoischen Geschäftigkeit eines Tiers beim Nestbau. Sein Geist ist gar nicht hier, er ruft nur ein Programm ab.
Dennis nimmt seinen Rucksack und geht. Nach wenigen Sekunden kommt er wieder, weil er seine "Capri-Sonne" vergessen hat. Er geht, kommt sofort wieder, weil er auf Toilette muss. Er geht, kommt sofort wieder und steht eine Weile im Wartezimmer, eine Tasse Kakao in der zittrigen Hand, das Kinn auf der Brust, Augen wie Fenster eines leeren Hauses, ein Gesicht wie ein Greis von hundert Jahren.
Hinter Keshem, Afghanistan
Um halb fünf stehen die Soldaten auf. Die Berge sind grau, die Dörfer sind grau, die Gesichter und Uniformen sind grau. Die Männer stehen am Straßenrand und putzen ihre Zähne. Vom Dorf her kommt ein Junge. Er schaut niemanden an, geht still ins Graue hinein, so wie er aus dem Grauen gekommen ist.
Nach fünf Minuten taucht er wieder auf und trägt einen riesigen Strauß rosafarbener Rosen im Arm. Es ist die erste Farbe des Tages. Sie leuchtet kraftvoll, und der Junge gibt jedem Soldaten wortlos eine Rose. Dann geht er wieder.
Die Soldaten schauen verdutzt ihre Rosen an. Dann schnuppern sie oder knicken die Stiele ab, um sich die Blüten unter die Schulterklappen zu stecken. Man sieht: die wunderlichste Armee der Welt.
Um fünf Uhr gibt Fregattenkapitän Vogler-Wander den Befehl zum Aufbruch, und der deutsche Konvoi schaukelt zurück nach Kunduz.