WÖLFE
Ruhig stehenbleiben
Der ungewohnte Lärm eines Schneeräumkommandos schreckte die Wölfe im Freigehege des Nationalparks Bayerischer Wald. Verängstigt bissen sie ein Loch in den drei Meter hohen Zaun, acht der insgesamt 17 Raubtiere machten sich davon, und schon heulte es -- im Blätterwald.
Die "Frankenpost" sichtete "zwei Wölfe an der Autobahn", die "Abendzeitung" ortete "die Wölfe in der Hallertau", die Münchner "dz" wähnte zwei Tage später die "Wölfe jetzt in Dachau", und "Bild" sah schon die bayrische Landeshauptstadt bedroht: "Wölfe heulen vor München."
Bald waren in Bayern mehr Wölfe gesichtet, als in deutschen Märchen vorkommen. Nationalparkchef Dr. Hans Bibelriether sprach von einer "Wolfspsychose" und das "Institut für Wildforschung und Jagdkunde der Universität Göttingen" von einer "Hysterie seitens der Bevölkerung". Schuld daran -- so die Göttinger in einem Protestschreiben an den bayrischen Landwirtschaftsminister -- sei ein "falsches Feindbild, das durch die stumpfsinnigen Kinderbücher entstanden ist und wofür die armen Wölfe natürlich nichts können".
Die "Rotkäppchen-Mentalität" sei es -- so die Göttinger Jagdforscher -, die "allen noch tief in den Knochen sitzt" -- offenbar auch der Polizei. Streifen der Landgendarmerie fuhren letzte Woche mit Lautsprecherwagen durch angeblich bedrohte Ortschaften und warnten: "Laßt Kinder nicht alleine in den Wald!"
Bayerns Polizeiminister Bruno Merk ermächtigte die niederbayrische Regierung zu einem Erlaß, wonach "die entwichenen Wölfe, sofern sie außerhalb des Gehegebereichs angetroffen werden, zu erschießen sind".
Mit solchem Schießbefehl freilich mochte sich der Bund Naturschutz in Bayern, der sich die flüchtigen Tiere schenken ließ (und für jedes der Tiere doch vorsorglich eine Haftpflichtversicherung bezahlt), nicht so ohne weiteres abfinden. Denn nach allem, was Wissenschaftler wissen, gehört es ins Reich der Fabel, was Literaten wie der "Wolfsblut"-Autor Jack London ("grausame und unbarmherzige Tiere") oder Kaminredner vom reißenden Wolf so erzählen.
Für Fachleute ist Isegrim -- vor wenigen Wochen erst in der französischen TV-Produktion "Wolfsziegel" dem deutschen Fernsehpublikum als eine blutrünstige Bestie dargeboten, die dem weißen Hai kaum nachsteht -- ein Tier höherer Ordnung: mit sozialem Verantwortungsbewußtsein, starkem Familiensinn, ausgeprägter Liebe zum Nachwuchs und Treue zum Gatten.
"Der Wolf", sagt Professor Michail A. Koslow vom Leningrader Zoologischen Institut, "ist Gesundheitsbehörde der Natur. .. denn er jagt fast ausschließlich kranke oder verletzte Tiere." Und mit einschlägigen Expertisen zogen nun auch die bayrischen Naturschützer vor das Regensburger Verwaltungsgericht:
>Frankfurts Zoodirektor Dr. Richard Faust ist "nicht ein einziger Fall bekannt, bei dem nachweislich freilebende Wildwölfe Menschen angegriffen oder verletzt haben". > Professor Paul Leyhusen vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Arbeitsgruppe Wuppertal, sind "Verluste an Menschenleben nicht bekannt", die Gefahren durch Wölfe seien geringer als durch brünftige Rehböcke und Hirsche.
* Der schwedische Verhaltensforscher Dr. Erik Zirnen, der die Wolfsrudel im Bayerischen Wald angesiedelt hatte, schließt die Gefahr eines "Angriffs auf Menschen, auch Kleinkinder, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus". Haustiere "wie Kühe, Schweine, Hunde und Katzen" seien jedenfalls "wesentlich gefährlicher". > Auch der Forscherautorität Professor Konrad Lorenz ist "bis heute kein verbürgter Fall bekannt, wo ein gesunder Wolf einen Menschen angegriffen hat". Die Regensburger Verwaltungsrichter jedoch ließen sich von diesen Gutachten nicht beeindrucken. Sie werteten die Wölfe als "wilde Tiere im Sinne von § 960 des Bürgerlichen Gesetzbuches", die, so das Gericht. eine "konkrete Gefahr für Leben und Gesundheit von Menschen" darstellen. Die Raubtiere seien durch ihre Flucht "in einen Lebensraum gestellt". der "zu unerwarteten
Verhaltensweisen" führen könne. Der Schießerlaß blieb bestehen.
Erst als sich im Lande "Wolfspatenschaften" formierten, als im fernen Detmold eine Urlauberinitiative einen Anti-Bayern-Streik für den Fall androhte, daß die Wölfe erschossen werden, und als schließlich sogar die "Wolf Group" der "International Union for Conservation of Nature", der UN-Naturschutzorganisation, an die Freistaatsmänner appellierte, hob Merk seinen Schießerlaß wieder auf.
Für "Braunauge", einen der Entlaufenen, war der Streit längst belanglos. Ein Jäger hatte ihn, tags nach dem Ausbruch, vom Fenster seines Schlafzimmers aus erlegt -- 130 Jahre nachdem der letzte wildlebende Wolf in Bayern erschossen worden war.
Für Spaziergänger, die einem der noch Flüchtigen in die Quere kommen. hat Wolfsforscher Zimen guten Rat: "Ruhig stehenbleiben und sich über diesen wohl einmaligen Anblick freuen."