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HITLERGlück gehabt

Er war bewacht wie kein anderer -- trotzdem bot er Attentätern ein leichteres Ziel, als bislang angenommen wurde.
Am Tag bevor Adolf Hitler ins besetzte Prag aufbrach, fragte er den Kommandeur des Führer-Begleit-Bataillons: "Herr Oberst, wie würden Sie an meiner Stelle reisen?" Der Offizier überlegte nicht lange. Seine Antwort: "Im offenen Wagen, mein Führer."
So geschah es. Am Nachmittag des 15. März 1939 fuhr Hitler im offenen Mercedes-Dreiachser durch die feindselig gestimmte Tschechoslowakei nach Prag. Weder Blumen noch Bomben flogen. Hitler hatte einen Bewunderer gewonnen: den Obersten, der ihm den Reise-Tip gegeben hatte. Es war Erwin Rommel, der spätere Wüstenfuchs.
Hitlers Leibwächter aber überstanden die ihnen selbstmörderisch dünkende Prager Eskapade nur mit flatternden Nerven. Und selbst in der Rückschau moniert der Historiker Peter Hoffmann, es sei "vom Standpunkt Hitlers und seiner Umgebung leichtsinnig und unverantwortlich" gewesen, "im offenen Wagen an solchen unkontrollierten und unkontrollierbaren Menschenansammlungen fast auf Tuchfühlung entlangzufahren".
Geschichtsschreiber Hoffmann, Ordinarius für Deutsche Geschichte an der McGill University (Kanada), hat die Schutzmaßnahmen für Hitler akribisch erforscht und in einem jetzt erschienenen Buch niedergelegt. Sein Fazit: "Hitlers Verhalten in Fragen seiner persönlichen Sicherheit belegt bis ins einzelne den Zug zum Wagnis und zum Existenzrisiko, ja zur Selbstvernichtung."*
Dabei schützte den Diktator eine so zahlreiche und gut gerüstete Leibgarde, wie sie kein deutscher Kaiser oder Kanzler je zuvor besessen hatte:
* Der Reichssicherheitsdienst (RSD) unter dem Kommando des Polizeihauptmanns Hans Rattenhuber hatte zuerst den Kanzler, aber auch andere NS-Würdenträger zu behüten; er bestand bei Kriegsbeginn aus rund 200 handverlesenen Kriminalbeamten, die ab 1938 die feldgraue SS-Uniform trugen.
* Das SS-Begleitkommando bildete Hitlers private Leibgarde und bestand zu Kriegsbeginn mit 30 Mann aus den besten Soldaten der "Leibstandarte SS Adolf Hitler".
Doch im Vergleich zu den Staats- und Regierungschefs im heutigen Zeitalter der Terroristen war Hitler in seinen offenen Autos nur dürftig abgeschirmt.
Wenn Hitler ausfuhr, folgten seinem Auto gewöhnlich je sechs Männer des RSD und des SS-Begleitkommandos in zwei Wagen -- das sogenannte Führer-Begleitkommando. Es war rundum bewaffnet und benutzte die schwersten und schnellsten Wagen, die Daimler-Benz liefern konnte. Die Weisungen erteilte Rattenhuber.
Der RSD-Chef hatte freilich anfangs Mühe, seinem Führer schnell genug zu folgen, denn ihm fehlten die Autos. Immer wieder geriet er in Verlegenheit, wenn Hitler einer plötzlichen Eingebung folgte und etwa beschloß, die Oper in Hamburg oder Stuttgart zu besuchen. Dann mußten RSD-Vorausbe-
* Peter Hoffmann: "Die Sicherheit des Diktators". R. Piper & Co. Verlag, München/Zürich: 328 Seiten; 68 Mark.
amte das jeweilige Gebäude und die Umgebung untersuchen und sichern.
Dazu reisten sie mit der Eisenbahn an und versuchten dann, bei der örtlichen Geheimen Staatspolizei ein Fahrzeug zu borgen, manchmal vergeblich. Dann waren die Experten für Tickgeräusche und verdächtige Elemente darauf angewiesen, nach Taxis zu rufen.
Sogar Hitlers RSD-Begleiter kamen oft zu spät, vor allem wenn bei Wolkenbruch alle Taxis besetzt waren. Dann mußte die Leibwache mit der Straßenbahn anrücken, nur weil der Führer geschwankt hatte, ob er nun Wagner hören wollte oder nicht, bis er in letzter Minute die Entscheidung durch den Wurf einer Münze herbeiführte; Adler gewann allemal.
Rattenhuber mußte zwei Jahre lang bohren, bis er 1937 zwei zusätzliche Fahrzeuge erhielt: 7,7-Liter-Mercedes-Kompressor, 200 PS, 160 km/h. Stückpreis: 27 500 Reichsmark.
Auch Hitler benutzte dieses Modell, später noch stärker motorisierte Typen, ein Wagen war sogar mit echtem Kruppstahl gepanzert -- das einzige Exemplar, das je gebaut wurde. In der Karosserie waren rundum 18 Millimeter starke Panzerplatten eingeschweißt. Seitenscheiben und Windschutzscheibe bestanden aus vier Zentimeter dickem Panzerglas. Der Wagen wog, trotz der superleichten Kotflügel aus Aluminium, 4,8 Tonnen und benötigte für eine 100-Kilometer-Fahrt 38 Liter Benzin und einen Liter Öl (Abb.).
Da die Reifen, um gegen Beschuß sicher zu sein, in 20 Kammern unterteilt waren, schüttelte das Fahrzeug mehr, als Hitlers empfindlicher Magen ertrug. Bald benutzte er die 400-PS-"Staats-Karosse" nur noch auf kurzen Fahrten, etwa bei Paraden.
Der Auto-Fan fühlte sich allein in Fahrzeugen der Firma Daimler-Benz sicher. Der Tick des führerscheinlosen Führers ging so weit, daß SS-Chef Himmler verlautbaren mußte, Hitler dulde auch in seiner Begleitung keine anderen Fabrikate. Nur ausnahmsweise, etwa bei überraschenden Frontbesuchen, war er bereit, auch in einen Achtzylinder-Horch zu steigen.
Flog Hitler etwa im Krieg in die Ukraine, mußte eine Mercedes-Kolonne vorher quer durch Rußland rollen, um ihn dann vom Flugplatz ein paar Kilometer bis ins Heeresgruppen-Hauptquartier zu bringen.
Überraschend angetretene Reisen hielt Hitler für eine wirksame Vorbeugung gegen Attentate. Er fuhr meist ohne Vorankündigung los, sicherheitshalber auch ohne den "Führer-Stander" am Auto. Rattenhuber hatte dafür zu sorgen, daß möglichst geheim blieb, wo Hitler sich gerade aufhielt, ob auf dem Obersalzberg, in der Reichskanzlei oder im Führerhauptquartier.
Die Nervosität Rattenhubers und seiner Leute wuchs, zumal die Meldungen der Gestapo über vermutete oder schon vorbereitete Attentate nicht abrissen. Den Leibwächtern wäre noch unwohler gewesen, hätten sie von all den Mordplänen erfahren, die erst nach dem Krieg bekannt wurden und denen zufolge der halbe Generalstab seinem Führer nach dem Leben trachtete.
1943 wollte sich der Oberst i. G. von Gersdorff an Hitler bei einem Besuch des Berliner Zeughauses herandrängen und sich gemeinsam mit seinem Obersten Kriegsherrn in die Luft sprengen. Es war dies immerhin der fünfte Versuch des Generalstabs, und wieder erwies sich, daß die Schlachtenlenker an technischen Kleinigkeiten scheiterten, die keinem Obergefreiten Schwierigkeiten bereitet hätten.
So war es dem Obersten nicht eingefallen oder nicht gelungen, sich einen simplen Abreißzünder (wie ihn jede Handgranate hatte) zu besorgen. Statt dessen operierte er mit einem Säurezünder, der erst nach zehn Minuten funkte. Aber Hitler lief zu schnell durch die Ausstellung, für deren Besichtigung das Protokoll zehn Minuten vorgesehen hatte, und stand schon nach fünf Minuten wieder auf der Straße. Gersdorff mußte eilends seinen schon in Gang gesetzten Zeitzünder im Klo hinunterspülen.
Zwar hatte der Oberst, der schon auf Tuchfühlung mit seinem Opfer gewesen war, alle Sicherheitsmaßnahmen unterlaufen, doch sein Anschlag war an Hitlers planmäßiger Unberechenbarkeit gescheitert.
Erst der Graf Stauffenberg konnte am 20. Juli 1944 seine Bombe zünden, doch wieder entkam Hitler. Danach wurden die Kontrollen im Führerhauptquartier noch einmal drastisch verschärft. Rattenhuber wies alle Schuld von sich: "Ein Versagen der vorgesehenen Sicherheitsmaßnahmen gegen ein Attentat kann nicht festgestellt werden, da die Möglichkeit, daß ein zur Lagebesprechung befohlener Generalstabsoffizier sich selbst für ein derartiges Verbrechen hergeben würde, überhaupt nicht in Rechnung gestellt war."
Nun wurden die Aktentaschen aller zum Rapport bestellten Offiziere gefilzt. Kurze Zeit nach dem Attentat mußte auch der Adjutant des Reichsaußenministers von Ribbentrop. ein Hauptmann namens Ötting, seine Tasche vorweisen; ihr Inhalt löste fast Panik unter der Wachtmannschaft aus.
Ötting, ein etwas pedantischer Herr, hatte sich auch durch den Bombenanschlag nicht von seiner Gewohnheit abbringen lassen: Da er verpflichtet worden war, Geheime Reichssachen bei Gefahr sofort zu vernichten, bewahrte er außer Dokumenten in seiner Tasche stets eine scharfe Handgranate und eine Flasche Benzin auf. Von dieser brisanten Ausrüstung hatte er sich auch im Führerbunker nicht trennen mögen.
Derlei Episoden lassen den Historiker Hoffmann zu dem Schluß kommen, daß "Hitler zwar meistens sehr gut bewacht und geschützt war, daß aber auch reichlich Möglichkeiten für erfolgreiche Attentate bestanden". Hitler trug nicht einmal, wie seine Feinde aus dem Generalstab voraussetzten, eine kugelsichere Weste. Ihre Annahme beruhte auf der Schlußfolgerung, ein derartiger Schutz für einen so exponierten Mann sei nur logisch.
Daß Hitler der Logik trotzte, rettete ihm vielfach das Leben. Er selber glaubte an das Walten anderer Mächte. Hitler 1942: "Ich verdanke mein Überleben einfach meinem Glück."

DER SPIEGEL 15/1976
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