Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„Das sind Brüder, kann ich Ihnen sagen!“

Von Kolumbien und Mexiko über Schweden und Italien bis Japan streute der Lockheed-Konzern Bestechungs-Millionen über die Welt -- der wohl größte bekanntgewordene Schmiergeld-Skandal der Geschichte. Parteien in Italien und in Bayern fürchten Enthüllungen, zwei japanische Ex-Premiers sind belastet, und Hollands Königin könnte stürzen. Sie ist schwer reich, ihr Prinz Bernhard liebte das Geschäftemachen. Die Frage ist, ob allzusehr.
Die Firma Lockheed vertritt von jeher den Grundsatz, daß einer Persönlichkeit oder Personen, die bei Lockheed einkaufende Regierungen vertreten oder deren Angestellte sind, keine Geschenke gemacht werden -- weder in den Vereinigten Staaten noch anderswo.
Roger B. Smith. Vizepräsident und Chefjustitiar der Lockheed Aircraft Corporation. im März 1967 in einem Leserbrief an den SPIEGEL.
Zwei Jahre später las sich das bei Roger B. Smith, mittlerweile in Kalifornien pensioniert und Lockheed"Berater" in Paris, ganz, ganz anders.
"Dear Charlie", schrieb er -- mit der Hand -- am 28. März 1969 aus dem Grand Hotel in Rom an Charles Valentine, einen Manager der Lockheed-Filiale in Georgia, "halt Dich bitte fest, denn was jetzt kommt, könnte Dich umhauen ... (unser italienischer Vertreter) erklärt, Gelac (Lockheed Georgia) müsse ... in Sachen Cumshaw bis zu 120 000 Dollar pro Flugzeug gehen."
"Cumshaw", ein Wort chinesischen Ursprungs, bedeutet nichts anderes als Geschenk, Gefälligkeit. Und deshalb sorgte sich Smith denn auch in seinem streng vertraulichen Sieben-Seiten-Brief: "Bei den Kompensationen für Dritte handeln wir mit Dynamit."
Es war, in der Tat, Dynamit -- und als es in der vorletzten Woche vor dem Senats-Unterausschuß für multinationale Gesellschaften in Washington hochging, waren die Detonationen nicht nur in Italien, sondern rund um den Erdball zu vernehmen:
Mindestens zwei Regierungen (in Japan und in Italien) und ein Königshaus (in den Niederlanden) gerieten in Bedrängnis, dazu Politiker, Generäle, Manager in mindestens einem halben Dutzend Länder in Verdacht -- verwickelt allesamt in den wohl bisher spektakulärsten Korruptionsskandal der Geschichte. nach Watergate und CIA eine neue Variante des American Way of Life.
Publik wurde er, als der Ausschuß unter Vorsitz des demokratischen Senators Frank Church vorletzten Mittwoch und Freitag zwei Vormittage lang die Buchprüfer und den Präsidenten von Lockheed in öffentlicher Sitzung einvernahm.
Unter Eid mußten William G. Findley (dessen Firma Arthur Young & Co. seit 1933 als "Auditor" für Lockheed arbeitet) und Lockheed-Chef A. Carl Kotchian zu den Ermittlungen aussagen, die der Ausschuß in langen Monaten im In- und Ausland angestellt hatte.
Was dabei herauskam, war so brisant, daß ein Stabsmitglied des Ausschusses seinem Vorsitzenden nach der zweiten Sitzung scherzhaft gratulierte: "Senator, in zwei Stunden haben Sie mehr Regierungen gestürzt als Lenin in seinem ganzen Leben."
Allein seit 1970, so hallte die düstere Nachricht aus Washington durch Regierungsbüros und Vorstandsetagen" hatte Lockheed im Ausland wenigstens 24,4 Millionen Dollar Schmiergelder gezahlt, nicht zu reden von einer wahrscheinlich kaum geringeren Summe in den sechziger Jahren.
Und das Geld war überall reichlich geflossen -- in Länder der Dritten Welt wie Nigeria, Mexiko oder Kolumbien, nach Südafrika, nach Japan, in die Türkei, aber auch in den angeblich so zivilisierten Westen, nach Schweden und Italien, in die Niederlande und in die Bundesrepublik.
In Japan etwa, so enthüllte der Ausschuß, leistete (und leistet) sich Lockheed als inoffiziellen Lobbyisten einen -- so Church -- "sehr fragwürdigen Charakter": den umstrittenen Kriegsgewinnler und militanten Rechten Yushio Kodama, der gleichermaßen gute Beziehungen zur liberal-demokratischen Regierungspartei, zur Industrie und zur Unterwelt unterhält.
Kodama allein kassierte bis Ende vorigen Jahres 7 085 000 Dollar, zum Teil in Banknoten, verpackt in riesigen Speditionskisten, zum Teil per Barscheck (wobei eines Tages Schecks im Werte von 1,6 Millionen Dollar gestohlen wurden). Und noch heute erhält er für jedes von Lockheed an die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways ausgelieferte Großraumflugzeug des Typs L-1011 "TriStar" eine Provision von 60 000 Dollar. Er hat dafür bei den einschlägigen Stellen unter Einsatz entsprechender Mittel "ein günstiges Klima" (Kotchian) für die Lockheed-Produkte zu schaffen.
Ein anderer Lockheed-Vertrauter, Hiroshi Itoh, quittierte am 9. August 1973: "Ich bestätige den Empfang von einhundert Erdnüssen" -- was, so Buchprüfer Findley, tatsächlich 100 Millionen Yen (850 000 Mark) waren.
Insgesamt investierte Lockheed an Schmiergeldern in Japan rund 12,5 Millionen Dollar, von denen 2,8 Millionen in die Taschen hoher japanischer Regierungsbeamter flossen, umgeschlagen zumeist durch eine obskure Firma namens J. D. Corporation in Hongkong. Die Namen zweier ehemaliger Regierungschefs, Kishi und Tanaka, wurden genannt.
Über geheimnisvolle Briefkastenfirmen, die schon mal in Panama oder Liechtenstein ihren Sitz hatten, liefen auch die dunklen Lockheed-Geschäfte mit Italien.
Antonio Lefebvre d"Ovidio, Lockheed-Repräsentant dortselbst, laut Auskunft aus dem Senatsausschuß ein "guter Freund von Präsident Leone", laut Kotchian "einer der feinsten Herren. denen ich je auf der Welt begegnet bin", hatte dem Lockheed-Boß während einer Autofahrt durch Rom bedeutet, er müsse mindestens zwei Millionen Dollar Schmiergelder für Regierungsbeamte lockermachen, um ein gutes Dutzend Militärmaschinen des Typs C-130 an die Italiener verkaufen zu können. Kotchian hielt das bei einem Auftragsvolumen von rund 60 Millionen Dollar für angemessen".
Und so wurden dann über die panamaische Firma Tezorefo (Temperate Zone Research Foundation) 1 456 000 Dollar "Zuwendungen an die Partei des Ministers" geleitet. Weitere 224 000 Dollar "Zahlung an den Minister" erfolgten über die römische Firma Componenti Elettronici. Dem Minister ließ der Konzern auch über Lefebvre noch einmal 50 000 Dollar zukommen. Und 78 000 Dollar gingen zur "Zahlung an früheren Minister" über die Firma Ikana in Vaduz.
Ebenfalls in Liechtenstein residierten die Firmen Astravia und Techinter. An sie liefen Dollarbeträge in Millionenhöhe. die ein Geschäft mit Südafrika sicherstellen sollten. Zwar durfte auch Lockheed angesichts des seit 1963 bestehenden US-Waffenembargos gegenüber der Apartheid-Republik an Südafrika keine Militärmaschinen liefern. Aber die Flugzeugbauer-wußten einen Ausweg. Statt der allzu bekannten C-130 offerierten sie den Typ L-100, der zumindest offiziell nicht als Militärmaschine geführt wurde.
Bescheiden nehmen sich dagegen die Summen aus, die Lockheed in der Türkei <876 000 Dollar), in Kolumbien (200 000 Dollar) oder in Mexiko (112 000 Dollar) investierte -- und offen blieb, wieviel Geld nach Schweden floß, wo -- so ein Lockheed-Dokument -- ein General der Luftwaffe stets "seine Mütze richtig herum hinhielt".
Auch in noch kleinerer Münze wurde gezahlt: 85 000 Dollar durfte Ernest B. Smith kassieren, leitender Mitarbeiter der Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific. Smith. inzwischen zurückgetreten, spielte in Anzeigenserien im asiatischen Raum den begeisterten Dressman für Lockheeds L-1011 Tri-Star.
Sein Geld erhielt Smith aus der geheimnisvollsten Kasse -- einem Lockheed-Konto in Paris. das nirgendwo in den Lockheed-Büchern erschien und von der Firma Coudert Frères betreut wurde. Bis zu 590 000 Dollar standen für schnelle und unauffällige Sonderzahlungen zur Verfügung, in den letzten Jahren in bar, verwahrt in einem Safe.
Die meisten dieser Bestechungszahlungen begannen Anfang der siebziger Jahre, zu einer Zeit, als der Riesenkonzern, der heute zu den 50 größten US-Unternehmen zählt und über 60 000 Menschen beschäftigt, kaum noch liquide war. Als erstes US-Unternehmen erhielt er dank Präsident Nixon eine vom Bund garantierte Bankbürgschaft bis zu 250 Millionen Dollar.
Wie skrupellos die Lockheed-Leute vorgingen, war schon Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre deutlich geworden, als vor allem in der Bundesrepublik ein "freundliches Klima" für den Lockheed-Starfighter F-104 geschaffen Werden sollte.
Militärs und Politiker der Bundesrepublik, Italiens, der Niederlande und Belgiens, in einem Konsortium ver-
* "One hundred peanuts" steht für 100 Millionen Yen (ca. 850 000 Mark).
einigt, debattierten monatelang, welcher Maschine der Vorzug zu geben sei.
Die Luftwaffen-Führung hätte seinerzeit. aus Gründen der Flugsicherheit, die französische Mirage oder den amerikanischen Grumman "Super-Tiger" der noch nicht ausreichend erprobten F-104 vorgezogen. Aber Lockheed erhielt den Auftrag. Bonn bezog 916 Maschinen (von denen später 178 abstürzten), 138 wurden an die Niederlande geliefert. "Was da alles geschehen ist!" erinnert sich ein hoher Luftwaffen-Offizier an die Auseinandersetzungen um die Typen-Wahl. "So ungefähr bis zum Giftmord. Ich befürchtete Schlimmes." Der Bundesrechnungshof stellte später fest, daß das Parlament getäuscht worden sei.
Als sich die Luftwaffe Mitte der sechziger Jahre für die "Phantom" der Lockheed-Konkurrenz McDonnell Douglas entschied, versuchte Lockheed alles, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Lockheed-Boß Kotchian erschien persönlich bei den deutschen Amtsstellen.
"Lockheed", so der hohe Luftwaffenmann, "arbeitete mit brutalen Methoden, mit Broschüren ohne Namen drauf an die Abgeordneten, mit falschen Daten, teuflisch." Und: "Das sind Brüder, kann ich Ihnen sagen!"
Aus der Kampf-Zeit um den "Starfighter" stammen auch die Erzählungen jenes Ernest F. Hauser, der 1961 nur dank der Fürsprache seines damaligen Freundes Franz Josef Strauß als Bonn-Lobbyist von Lockheed engagiert wurde.
Am 6. Oktober vorigen Jahres sagte dieser Hauser unter Eid in geschlossener Sitzung vor dem Church-Ausschuß aus, im Zusammenhang mit dem Starfighter-Geschäft sei die Partei des damaligen Verteidigungsministers Strauß ebenso von Lockheed geschmiert worden wie der Generalinspekteur der niederländischen Luftwaffe, Prinz Bernhard.
"40 000 Mark an die politischen Parteien."
Strauß und der Prinz dementierten heftig. Hausers Behauptungen -- für die er als Beleg nur sein Tagebuch aus jener Zeit präsentierte -- blieben zumindest in bezug auf Strauß bislang ohne weitere stützende Belege.
Andere Fälle von Lockheed-Korruption oder zumindest von Bestechungsplänen hingegen sind erheblich besser dokumentiert -- so etwa Lockheeds Geschäfte mit dem späteren Deutschland-Lobbyisten Christian Steinrücke, einem Gönner von Onkel Aloys, des Nenn-Onkels der Strauß-Ehefrau Marianne.
Der Rüstungskaufmann Steinrücke, der im Bonner Verteidigungsministerium seit Jahren ein- und ausgeht, galt dort bislang als Interessenvertreter für deutsche Werften und belgische Munitionsfirmen, nicht jedoch -- und insofern brachten die amerikanischen Ermittlungen auch für die Bonner etwas Neues -- als Lockheed-Lobbyist.
Steinrücke, von Lockheeds Europa-Vertreter N. S. Orwat wegen seiner "politischen, militärischen, finanziellen und industriellen Verbindungen ... in hohen Kreisen" gepriesen. war unter anderem im Sommer 1972 aktiv geworden.
Damals erwog das Verteidigungsministerium, seinen Flugpark um eine weitere, vierte Maschine des Typs "Jet-Star" aufzustocken -- ein Reise-Jet, der vorwiegend zum Transport der Kanzler und Minister dient. Diskret teilte Steinrücke seinen Arbeitgebern in den USA mit, daß er wahrscheinlich Schmiergelder benötige.
"Bei Gesprächen mit unserem deutschen Berater". so ein Fernschreiben vom 30. August 1972 an Lockheed-Manager G. M. Kalember in Georgia, "sagte dieser. der Jet-Star-Vertrag solle im September unterzeichnet werden. Er erzählte mir allerdings, daß er versprochen hat, 40 000 Deutsche Mark (12 500 Dollar) an die politischen Parteien zu übergeben und dafür Quittungen vorzulegen ...
Zwei Monate später, am 3. November, war unter dem Betreff "Bitte um Sonderzahlung" in einer Lockheed-Hausmitteilung zwar nicht mehr von 12 500. aber immerhin noch von 8000 Dollar die Rede: "Unser Berater in Deutschland, Christian Steinrücke, hat vorgeschlagen, daß er 8000 Dollar bekommt, um sie als vorsorgliche Absicherung (,pre-procurement hedge) für den Verkauf des vierten Jet-Stars an das deutsche Verteidigungsministerium gleichmäßig zwischen den zwei politischen Parteien in Deutschland zu Verteilen."
Dieses Geld ist dann offensichtlich auch gezahlt worden. Im November noch schickte jedenfalls Kalember eine Hausmitteilung an Lockheed-Vizepräsident Maurice Egan: "Beigelegt ist ein 8000-Dollar-Scheck für Steinrücke. Ich gehe davon aus, daß Sie ihm den Scheck zukommen lassen und dabei zugleich klarstellen. daß dieser Betrag von seiner Provision nach dem Verkauf des Jet-Stars abgezogen wird." Das Geschäft aber platzte. die Bonner verzichteten auf eine vierte Reisemaschine. Steinrücke: "Ich zahle öfter an politische Parteien"
Steinrücke, in der vergangenen Woche vom SPIEGEL nach dem Vorgang befragt, verweigerte die Antwort Gegenüber Mitarbeitern des Referats "Ermittlungen in Sonderfällen" des Bonner Verteidigungsministeriums, die ihn Anfang des Jahres vernommen und in Washington die Senatsuntersuchung verfolgt hatten, war Steinrücke schon etwas aufgeschlossener: Er habe das Geld selbst eingesteckt, es sei für ihn bestimmt gewesen.
Auf eindringliche Vorhalte räumte er dann jedoch ein, daß er öfter Geld an politische Parteien zahle, allerdings -- so der kluge Lobbyist -- verteile ei es dann gleichmäßig auf alle.
Erfolgreicher als Steinrücke waren dessen Kollegen in Japan -- denen freilich auch ungleich mehr Schmiermittel zur Verfügung standen. So vermittelte der rechte Kodama dem Japan-Besucher Kotchian die Bekanntschaft eines der einflußreichsten Bosse Japans. des Industriellen Kenji Osano, der -- wie es der Zufall so fügte -- zugleich auch der größte Privataktionär der All Nippon Airways ist.
Und bei All Nippon ging es für Lockheed ein Jahr nach dem gerade noch abgewendeten Konkurs -- ums Ganze. Wenn es dem Konzern nicht gelang, seinen Großraum-Jet L-1011 gegen die Konkurrenz von Douglas und Boeing durchzusetzen, war an die Rückzahlung fälliger Kredite nicht zu denken.
Insgesamt elfmal reiste Kotchian nach Japan -- und am Ende bestellte All Nippon 21 Flugzeuge bei Lockheed, obwohl noch bis zum letzten Tage damit gerechnet wurde, die Gesellschaft werde sich für das Konkurrenzmodell DC-10 entscheiden. Kodama. so räumte Lockheed-Boß Kotchian vor dem Church-Ausschuß ein, habe sicher einen Teil seines Geldes an Osano weitergegeben.
Der sozialistische japanische Parlamentsabgeordnete Yanosuke Narazaki allerdings glaubt, die Entscheidung sei von noch höherer Stelle getroffen worden -- vom damaligen Premier Tanaka, der 1974 wegen finanzieller Skandale zurücktreten mußte.
Narazaki: Nixon habe Tanaka während einer Begegnung im August 1972 auf Hawaii bedrängt, etwas gegen den japanischen Außenhandelsüberschuß gegenüber den USA zu tun und die Lockheed-Maschinen zu bestellen.
So flogen denn in der vergangenen Woche gleich zwei japanische Parlaments-Delegationen nach Washington, um sich beim Church-Ausschuß mehr Klarheit zu verschaffen.
Doch die Senatoren und ihre Mitarbeiter wissen in vielen Fällen selbst nicht, an wen Geld gegangen ist. Denn von Anfang an hatte sich Lockheed geweigert, wesentliche Papiere herauszurücken, weil dadurch künftige Geschäfte der Firma -- die Mitte 1975 Auslands-Aufträge in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar hatte -- gefährdet würden.
Daß der Ausschuß überhaupt belastende Papiere bekam, verdankt er unter anderem einem grotesken Irrtum der Lockheed-Buchprüfer: Sie übergaben auch Unterlagen. die die Firmenleitung um keinen Preis hätte freigeben wollen. Diese unvermutet aufgetauchten Quellen sollen den Ausschuß angeblich dazu bestimmt haben, die Anhörungen auf die Bundesrepublik auszudehnen.
In das Gerangel um die Dokumente griff sogar Henry Kissinger ein. Er sah Amerikas Außenpolitik gefährdet, wenn plötzlich treue Verbündete der USA als Schmiergeld-Empfänger entlarvt würden. Der Senatsausschuß, ohnehin von seiner Aufgabenstellung her in erster Linie auf die Lockheed-Praktiken fixiert, verzichtete freiwillig darauf. die Namen involvierter Politiker oder Parteien bekanntzugeben.
"Es gibt einiges widersprüchliches Material über den deutschen Fall."
An diesem Verzicht scheiterte bislang auch der Versuch des Bayern Franz Josef Strauß, an das Protokoll der Hauser-Aussage vom 6. Oktober zu gelangen, von der die Münchner Parteileitung bis vor kurzem noch erklärt hatte, sie sei "nicht das Papier wert, auf dem sie niedergeschrieben" wurde.
Vergebens bat Strauß den Außenminister um Hilfe -- Kissingers State Department schickte die Demarche zuständigkeitshalber an den Senatsausschuß. Vergebens schrieb Strauß an dessen Vorsitzenden Church. Vergebens reisten zum Hearing in der vorletzten Woche sein New Yorker Anwalt Gregor F. Gregorich und sein persönlicher Referent Wilhelm Knittel aus München an.
Zur Unterstützung ihrer Argumente legte Gregorich ein "neun Seiten dickes Schriftstück" (Gregorich) vor, in dem der Anwalt nicht nur das Protokoll verlangte, sondern auch alle Unterlagen, die US-Fahnder in Deutschland sichergestellt haben, sowie "sämtliche Notizen des Staffs, die irgendwie die CSU betreffen". Die beiden Strauß-Emissäre drangen gar nicht zu den fünf Senatoren vor.
Immerhin glaubte Knittel aus Gesprächen am Rande des Hearings schließen zu dürfen, die Amerikaner ließen nun aufgrund von Zweifeln an Hausers Aussage von Strauß ab: "Nach meinem Eindruck ist das jetzt vom Tisch."
Doch am Montag voriger Woche machte Ausschußvorsitzender Church klar: "Es gibt einiges widersprüchliche Beweismaterial in bezug auf den deutschen Fall. Der Ausschuß wird zu entscheiden haben, wie er weiter vorgeht."
Das wird frühestens Mittwoch dieser Woche sein, wenn Church von einer Vortragsreise aus Brüssel zurückkommt. Und dann findet er eine veränderte Situation vor.
Denn am vorigen Freitag traten der Lockheed-Aufsichtsratsvorsitzende Daniel J. Haughton und Firmenpräsident Kotchian zurück. Schon haben, nach den jüngsten Enthüllungen, die Japaner einen Auftrag über 100 P-3C "Orion"-Flugzeuge im Gesamtvolumen von 1,3 Milliarden Dollar storniert. Der Rechnungshof warnt, Lockheed werde wahrscheinlich seine vom Bund verbürgten Darlehen nicht termingerecht zurückzahlen können. Die gesamte US-Luftfahrtindustrie befürchtet, so ein Boeing-Sprecher, fatale Auswirkungen des Skandals.
Da raffte sich selbst Präsident Ford, im Wahlkampf als Vertreter des Big-Business abgestempelt, zu einem Machtwort auf. Er verurteilte "mit aller Schärfe" die Bestechungspraktiken der Industrie und kündigte die Einsetzung eines fünfköpfigen Kabinettsausschusses an.
Finanzminister Simon ordnete an, seine Steuerbeamten sollten amerikanischen Staatsbürgern und Firmen künftig auch im Ausland auf die Finger sehen. Zentralbankpräsident Burns forderte ein gesetzliches Verbot der Bestechung auch im Ausland.
Einen ersten Schritt in Richtung auf eine wirkliche Kontrolle der großen Gesellschaften aber tat Senator Church. Er stellte den Antrag, das Gesetz über die Kontrolle von Waffenexporten aus dem Jahre 1975 um eine Vorschrift zu ergänzen, nach der sämtliche Zahlungen und Provisionen an die Vertreter veröffentlicht werden müssen.
Church: "Wir sollten uns schlüssig werden, was wir wollen: eine Außenpolitik der Vereinigten Staaten oder eine Außenpolitik der Gesellschaften."

DER SPIEGEL 8/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.