Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Edler RäuberFrau Mao über Diplomatie

Tschiang Isching, die Ehefrau Mao Tse-tungs, widmet sich neuerdings der Außenpolitik. Auf einer Belegschafts-Versammlung des Pekinger Außenministeriums erteilte sie unter anderem die folgenden Ratschläge:
In der Diplomatie bin ich unerfahren. Ich muß mit dem Lernen von vorn anfangen -- genau wie beim Englischlernen mit dem Abc.
Ich bin heute hierher gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich vom Vorsitzenden Mao erfahren habe ... denn er ist zu beschäftigt. Selbst beim Weitergeben seiner Mitteilungen von oben nach unten bin ich schon auf viele Probleme gestoßen, weil mein geistiges Niveau nicht ausreicht, um richtig zu verstehen, was ich weitersagen soll, und weil ich selbst dabei noch Fehler mache. Bitte helfen Sie mir, und nehmen Sie dazu Stellung.
Wir glauben, daß Kissinger sich niemals von den Kriterien eines kapitalistischen Staatsmannes wird lösen können. Wie alle früheren Staatsmänner der reaktionären Klasse ist auch Kissinger ein Abenteurer und Defätist ... Kissinger brachte die Forderung nach einem Gleichgewicht der Macht zur Sprache. Das ist Vogel-Strauß-Politik.
Wir haben uns immer an die Theorie der permanenten Revolution gehalten. Wie der Vorsitzende Mao zu Prinz Sihanouk sagte: "Von uns Waffen kaufen? Nein! Wir können sie euch schenken -- unter einer Bedingung: Revolution!"
Sollen denn die Arbeiter im diplomatischen Dienst ihre Beziehungen zur geschlossenen Parteiführung schwächen oder von dem von ihr vorgezeichneten Weg abweichen, nur weil sie im Ausland sind? Ganz sicher nicht. Die Lage ist heute ganz anders als vor ein paar hundert Jahren. Telegramme, Telephone, Funkbilder und Satelliten-Nachrichtenverbindungen sind sehr bequem. Notfalls kann man ein Flugzeug nehmen und in ein paar Stunden nach Hause zurückkehren. Warum machen Sie von diesen Möglichkeiten keinen Gebrauch? ... Früher hat der Vorsitzende Mao wiederholt gesagt: "Bittet oft um Anweisungen, macht mehr Berichte, habt keine Angst vor dem Ärger, der daraus entstehen kann, und kehrt, wenn nötig, immer mal wieder nach Peking zurück!"
Man darf niemanden mit Gewalt zum Kampf zerren, nicht mutwillig die Entlassung eines Beamten betreiben, keine großen Wandzeitungen aufhängen und keine Fraktionsbildung fördern. Was man aber darf, ist: kleine Mitteilungen absenden, Briefe, in denen Mißstände aufgedeckt werden, unter Umgehung des Vorgesetzten nach Hause schicken, seine Ansichten dem Leiter seiner Dienststelle direkt ins Gesicht sagen, Studienerfahrungen miteinander austauschen.
Man darf nicht glauben, daß ein Botschafter gleich von der kapitalistischen Klasse infiziert sei, wenn er an einem kapitalistischen Essen teilgenommen hat. Da Sie alle an der vordersten Front im Kampf gegen Imperialismus und Revisionismus stehen, werden Sie Menschen der verschiedensten Art kennenlernen. Sie müssen Ihre revolutionäre Wachsamkeit gegen die verzuckerten Geschosse des Feindes und seine Ränke, mit denen er Sie überlisten möchte, verstärken.
(Dem Diplomaten) Pai Hsiangkuo haben die Geschosse der Amerikaner und Tschiang Kai-scheks in den -zig Jahren revolutionärer Tätigkeit nichts anhaben können, aber der Versuchung von Giftschlangen im Gewande schöner Frauen kann er nicht widerstehen. Das soll uns eine Lehre sein.
Sie haben den Bericht von Tschen Tschu gelesen. Sie haben daran gesehen, daß die Leiter (der Botschaften) zuweilen recht tatkräftig Revolution machen. Ein Satz in dem Bericht ist besonders gut: "Während ich hier in der lauten Großstadt im Angesicht von Imperialisten. Revisionisten und Reaktionären lebe, trage ich die leuchtende Sonne (Mao) im Herzen und werde immer der Partei folgen."

DER SPIEGEL 40/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.