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DER SPIEGEL

„Aber wir haben den Krieg gewonnen“

1. Fortsetzung
Süleyman Demirel, Ministerpräsident der Türkei, war auf dem Flug nach Moskau -- da erreichte schlimme Botschaft seine Maschine und zwang ihn zur Rückkehr nach Ankara. Über Funk berief er sein Kabinett zu einer Sondersitzung ein.
Die Nachricht, die im September 1967 den türkischen Premier zur Verschiebung eines Staatsbesuchs nötigte, hatte bürgerkriegsähnliche Zustände in Anatolien vermeidet -- ausgelöst durch ein Fußballspiel.
An einem umstrittenen Tor hatte sich eine Schlacht zwischen Fußball-Anhängern der rivalisierenden Städte Kayseri und Sivas entzündet. Die Fans der Sivas-Mannschaft waren schon mit Säcken voller Steine im Stadion von Kayseri angerückt. Das Gefecht der Fanatiker ließ 44 Tote zurück, die Krankenhäuser nahmen 600 Verletzte auf.
Als die Kunde nach Sivas drang, rotteten sich dort 3000 Einwohner zusammen und wüteten gegen alles, was in ihrer Stadt Leuten aus Kayseri gehörte. Im Hotel Beleddeiye verprügelten sie auch unbeteiligte Gäste. Erst Armee-Einheiten dämmten das Chaos ein.
Der Fall steht in der Fußball-Geschichte nicht allein. Immer wieder, wenn auch nicht immer so katastrophal, hat der Fußball, mehr als jede andere Sportart, lokale und nationale Leidenschaften entflammt, hat er Aggressionen freigesetzt oder überhaupt erst stimuliert -- und nicht nur weit hinten in der Türkei, sondern auch in vergleichsweise hoch zivilisierten Regionen.
Am 24. Juni 1958 kämpften Schweden und Deutsche in Göteborg um den Einzug ins WM-Finale. Einpeitscher mit Megaphonen putschten die schwedischen Zuschauer zu wildem "Heja heja"-Kampfgeschrei auf. Die deutsche Mannschaft verlor 1:3.
Nun brach in der Bundesrepublik ein Rachewahnwitz aus. Gastwirte strichen die Schwedenplatte aus ihrer Speisekarte; "Höltje's Gesellschaftshaus" in Verden sagte das Gastspiel des schwedi-
* Beim Bundesligaspiel 1970 Borussia Dortmund gegen Schalke 04 stürmten Fans das Spielfeld. Dortmunder Ordner setzten Hunde ein; einer biß den Schalker Spieles Rausch.
schen Lars-Lindström-Sextetts ab, weil "wir auf Grund der Vorfälle bei den Weltmeisterschaften in Schweden einen Abend mit einer schwedischen Tanzkapelle zur Zeit nicht wagen möchten".
Vor dem Hotel Quellenhof in Aachen, dem Quartier der schwedischen Reiter-Equipe, rissen Rüpel die Schweden-Fahne vom Mast und zerschnitten die Reifen dreier Schweden-Autos. Die "Saar-Zeitung" führte die "Heja"-Rufe zurück auf den "Haß eines Volkes, dem man das Schnapstrinken verbieten muß, weil es sonst zu einem Volk von maßlosen Säufern würde". Sogar deutsch-schwedische Geschäftsverbindungen rissen ab.
Erst nach Wochen befreiten besonnene Kommentare ("Neue Ruhr-Zeitung": "Jetzt aber Schluß mit Haß und Heja") die deutsch-schwedischen Beziehungen "von der Hypothek einer Fußballfeindschaft" ("Lübecker Nachrichten"). Die deutsche Botschaft in Stockholm lud schließlich schwedische und deutsche Sportjournalisten zu einer offenen Aussprache ein. Beide Seiten räumten Fehler ein. Aber erst 1963 kam es zu einem Versöhnungsspiel in Stockholm.
Derlei Vorgänge sind oft recht anspruchsvoll gedeutet worden: Rat- und hilflos vor den komplizierten, undurchschaubaren Zusammenhängen und Abstraktionen der verwalteten Welt, so die These von Psychologen und Soziologen, suchten viele Menschen sich, ihren engeren und weiteren Lebenskreis, ihre soziale Gruppe, ihre Stadt oder ihren Staat mit einer übersichtlichen, kontrollierbaren Einheit zu identifizieren -- wozu sich eine repräsentative Fußball-Mannschaft, speziell eine National-Elf, besonders gut eignet.
"Die Nation bleibt für ihn abstrakt", schrieb der bundesdeutsche Pädagoge Horst Geyer (in: "Die vertrimmte Nation") über den zeitgenössischen Fußballbürger und zitierte den niederländischen Philosophen Johan Huizinga: "Der im Spiel errungene Erfolg ist in hohem Grade vom einzelnen auf die Gruppe übertragbar."
"Im Fußball", erklärte der Bremer Psychologie-Professor Fritz Stemme (der seit Jahren die Mannschaft von Werder Bremen betreut), "kann man den Erfolg mit eigenen Augen sehen."
Im Oktober 1945 entsandte die Sowjet-Union, deren Sport bis dahin in nationaler Isolation verharrt hatte, ihren Fußballmeister Dynamo Moskau zu mehreren Freundschaftsspielen nach England. Welche Bedeutung die Sowjets der Expedition ins Lager der westlichen Fußball-Vormacht beimaßen, erhellte aus ihren Vorbedingungen:
Die russischen Kicker sollten als Klub- und nicht als Nationalmannschaft (was sie in Wirklichkeit waren) nur gegen britische Vereinsmannschaften antreten -- das minderte den Prestigeschaden möglicher Niederlagen. Die Sowjets wollten einen eigenen Schiedsrichter mitbringen, der wenigstens ein Spiel leiten müsse. Und schließlich, voller Mißtrauen gegen westliche Dekadenz und voller Sabotage-Furcht, bestanden sie darauf, daß die Dynamo-Spieler alle Mahlzeiten in der Londoner UdSSR-Botschaft einnehmen sollten.
"Wir haben die Sturmmethoden der Armee übernommen."
Gegen den Erstliga-Klub Chelsea spielte Dynamo nur 3:3. Die "Iswestija" erklärte, Chelsea habe "mit einer verstärkten Mannschaft gespielt, weil es Dynamo um jeden Preis schlagen wollte" -- der Londoner Klub hatte kurz zuvor den Nationalspieler Tommy Lawton verpflichtet. Gegen Cardiff City aus der Dritten Profi-Liga siegte Dynamo 10:0, gegen Arsenal London glückte mit Hilfe des sowjetischen Schiedsrichters Latischew ein 4:3. Gegen die Glasgow Rangers spielte Dynamo 2:2.
Der mitgereiste Radio-Reporter Wladimir Sinjawski beklagte sich über angebliche britische Feindseligkeit: "Die britischen Funktionäre drückten uns kühl die Hand und warfen uns dann der Presse zum Fraß vor." Doch bei Interviews schwiegen die Russen beharrlich, ihrerseits jedoch unterzogen sie britische Manager und Journalisten inquisitorischen Verhören "wie in Koestlers Sonnenfinsternis" (so der britische Fußball-Autor Brian Glanville).
"Wenn ein Besuch wie dieser", urteilte nach Abschluß der Dynamo-Tournee der Schriftsteller George Orwell, "irgendeine Wirkung auf die anglo-sowjetischen Beziehungen hat, dann kann es nur die sein, sie zu verschlechtern."
Ob der Sport, ob der Fußball als populärste Sportart die sogenannte Völkerverständigung fördere oder im Gegenteil schwelende Konflikte zwischen Völkern, Staaten und gesellschaftlichen Gruppen aufrühre und verschärfe, darüber ist -- jenseits des konventionellen Versöhnungspathos von Sport-Offiziellen -- seit jeher gestritten worden.
"Sportlicher Wettkampf kann aus befreundeten Völkern Feinde machen", befand George Bernard Shaw. "Internationaler Sport", schrieb Orwell, "ist mit Haß, Neid, Prahlerei, der Mißachtung aller Regeln und dem sadistischen Vergnügen, Gewalt zu erleben, identisch. Anders ausgedrückt: Er ist Krieg ohne Schießerei."
Der Wiener Aggressionsforscher Friedrich Hacker schreibt dem Sport als "ritualisiertem Kampf" ambivalente Wirkung zu: Er biete zwar "nachahmenswerte Modelle der Aggressionsbewältigung, aber auch drastische Beispiele der potentiellen Gefahr, daß Aggressionskontrolle in Aggressionsursache umschlagen kann".
Ein Praktiker der Politik hingegen, Winston Churchill, sah es eher positiv: "Besser, die Leute treffen sich im Wettkampf als auf dem Schlachtfeld."
Tatsächlich ziehen viele Kicker, Trainer und Fans in wichtige Spiele, als seien sie Kriegsersatz. Der holländische Stürmer-Star Johan Cruyff, seit 1973 beim CF Barcelona, sprach es aus: "Fußball ist eine Art von Krieg. Jeder muß kämpfen, um zu gewinnen.
Israels Torschütze Mordechai Spiegler tönte vor der WM 1970, seine Mannschaft habe "die Sturmmethoden
* Oben: Im Weltpokal-Finale 1969 AC Mailand gegen Estudiantes de la Plata; unten: Im Europacup-Spiel 1973 Mönchengladbach gegen FC Twente.
der Armee übernommen". Brasiliens Trainer Joao Saldanha verhieß: "Wenn ich meine Torschützen in Mexiko nach vorn werfe, wird es wie ein brisantes Stoßtrupp-Unternehmen sein.
Als der holländische FC Twente im Europacup-Spiel gegen Borussia Mönchengladbach heftiger als erlaubt und üblich zugetreten hatte, verweigerte Twentes Klubpräsident eine Entschuldigung: "Die Deutschen haben sich auch nicht für ihre Verbrechen in der Nazizeit entschuldigt."
In gesprochenen und geschriebenen Fußball-Reportagen fliegt selten ein Ball. Gewöhnlich krachen Bomben und Granaten auf die Tore, neuerdings zünden Sturmtanks im Strafraum, Raketen. Wörter und Wendungen aus der Welt des Krieges prägen den Fußball-Jargon. Die Londoner "Times" schrieb der deutschen Elf bei der WM 1966 den "Geist von Stalingrad" zu und schickte sie in eine "Seeschlacht mit schwerstem Geschütz". "Bild" forderte in einer Schlagzeile: "Stürmt, stürmt, dann wackeln auch die Iwans."
In vielen Ländern bereiten Obristen und Generäle, wenn sie schon nicht Kriege planen und führen können, als Klubtaktiker oder Verbandsstrategen wenigstens Fußballgefechte vor. Der Präsident des peruanischen Meisterklubs Sporting Cristal Lima gehört der Militärregierung an. In der Sowjet-Union und in der DDR sprechen Generäle im Fußball ein Machtwort mit, in Marokko kümmert sich der Oberbefehlshaber, König Hassan 11., intensiv um seine Ball-Stars, in Schwarzafrika frühere Soldaten, die inzwischen als Präsidenten amtieren wie Mobutu in Zaire oder Idi Amin in Uganda.
Vielfach bilden Soldaten das Rückgrat der Nationalmannschaft -- wehrdiensttuende Fußballer sind abhängiger und in der Regel leichter zu disziplinieren. Die Offiziersspieler Puskas und Kocsis vom Armee-Klub Honved Budapest führten Ungarns Nationalelf bis 1954 zu einer einzigartigen Siegesserie.
Die Unmuts-Demonstrationen ungarischer Fußball-Fans nach Rückkehr der Nationalmannschaft von der WM 1954, wo sie gegen den Außenseiter Deutschland
verloren hatte, wurden später von ungarischen KP-Funktionären als Generalprobe für den 1956er Aufstand gedeutet.
Die meisten der in der Welt existierenden politischen und sozialen Konflikt-Situationen sind schon auf den Fußball, auf bestimmte Spiele und Mannschaften übertragen worden.
Seit Jahrzehnten entladen sich Rivalitäten zwischen den Nachbarn Argentinien und Uruguay im Fußball. Ein Spiel gab Anlaß, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. "Der Rio de la Piata verbindet uns", schrieb die argentinische Zeitung "Confirmado" anläßlich des ersten WM-Finales Uruguay gegen Argentinien in Montevideo, "der Fußball trennt uns."
Nach einem Länderspiel Uruguay gegen Brasilien, 1959, wüteten Fans beiderseits der Grenze. Vor einem nächsten Spiel, 1970, sicherte deshalb Militär die Grenzbezirke. Etwa 100 polizeibekannte Fanatiker wurden vorbeugend interniert.
Auch verdrängte oder unterdrückte landsmannschaftliche Gegensätze und religiöse Konflikte werden in Fußball-Kontroversen übersetzt. Celtic gegen Rangers in Glasgow -- das bedeutet auch: Glasgows Katholiken gegen Glasgows Protestanten; kaum ein Spiel der beiden Rivalen-Klubs endete ohne Krawall, Verletzte und Polizei-Einsatz. Wenn Real Madrid gegen den CF Barcelona kämpft, spalten sich die Spanier in Katalanen und Madrilenen. Fiat-Unternehmer Agnelli versuchte die Werksloyalität seiner Belegschaft zu stärken, indem er sich als Mäzen des mehrmaligen italienischen Meisters Juventus Turin betätigte -- letzten Endes ohne durchschiagenden Erfolg: Viele der Fiat-Arbeiter stammen aus Süditalien und identifizieren sich nicht mit "Juve", sondern weiterhin mit den Mannschaften Catanias oder Neapels.
Wenn Juventus Turin oder der AC Mailand in Neapel oder Cagliari auftreten, konzentriert sich die Antipathie der ärmeren Süditaliener wider den reicheren Norden auf die Turiner oder Mailänder Fußballer. Straßenschlachten sind schon Fußball-Tradition.
Statt Reggio wurde 1970 Catanzaro Hauptstadt der Region Kalabrien. Der folgende Provinz-Bürgerkrieg mit Barrikaden und Brandstiftung, Polizeieinsatz und 300 Verletzten griff auf den Fußball über. Als ein Spiel zwischen den Klubs der Rivalenstädte deshalb verlegt wurde, riefen Fans in Catanzaro den Generalstreik aus. In Caserta beantworteten Fans den Ausschluß ihrer Mannschaft aus der II. Liga mit einem Aufruhr. Schaden: sechs Millionen Mark.
In Afrika offenbarte sich beim Fußball die traditionelle Spannung zwischen schwarzen und arabischen Bewohnern des Kontinents: 1970 veranstaltete der Sudan das Länder-Turnier um den Afrika-Pokal; zur gleichen Zeit führte die arabische Oberschicht des Sudan einen erbitterten Feldzug gegen die Anya Nya, die Neger-Rebellen im unter. drückten Süden des Landes.
Im Pokal-Endspiel siegte der Sudan über Ghana. Als Sudan-Präsident el-Numeiri der Mannschaft des schwarzafrikanischen Staates ihren Preis für den zweiten Platz überreichen wollte, lehnte sie ihn ab. Darauf verfügte der Sudan die Ausweisung der Ghanaer.
Sogar das sozialistische Lager hat einschlägige Erfahrungen gemacht. Auch nachdem sowjetische Panzer 1956 den ungarischen Aufstand niedergewalzt und 1968 den Prager Frühling erstickt hatten, schreckte die UdSSR nicht vor Fußball-Länderspielen zurück, obwohl sie mit feindseligen Demonstrationen rechnen mußte, vielleicht -- Fußball als Aggressionsventil -- eben deshalb.
In Polen kam es 1961 bei einem Länderspiel gegen die Sowjet-Union zu Rüpelszenen. Polnische Sportjournalisten übten deshalb auf einer Sonderkonferenz sozialistische Selbstkritik und bekannten, "ein chauvinistisches Klima" erzeugt zu haben.
Die katholische polnische Zeitung "Tygodnik Powszechny" indes schränkte diese Kritik ein: Derlei Vorfälle hätten sich keineswegs nur gegen die UdSSR, sondern ebenso gegen Rumänien und die CSSR zugetragen.
Der beste Spieler des Gegners wurde in der Kabine verhaftet.
Beim Turnier der europäischen Nachwuchs-Mannschaften 1971 in der CSSR verpaßten die sowjetischen Jung-Kicker den Vorstoß ins Finale, weil sie nach unentschiedenem Spiel gegen England beim Elfmeterschießen versagten -- die tschechischen Zuschauer hatten die Russen systematisch durch Pfiffe und Geschrei dabei gestört. Wetterte das Parteiorgan "Rudé Právo": "Die Dubcek-Anhänger, die sich in die Stadien verzogen haben, müssen dort verschwinden."
Im Wettbewerb um den Weltpokal, um den die Sieger des Europa- und Südamerika-Pokals kämpfen, kann die patriotische bis chauvinistische Identifikation der Fans mit einer Mannschaft kontinentales Ausmaß annehmen.
Im Weltpokal-Finale AC Mailand gegen Estudiantes de la Platz, 1969 in Buenos Aires, liefen einige argentinische Spieler -- des Rückhalts ihrer Landsleute gewiß -- Amok. Torhüter Alberto Poletti prügelte noch nach Spielschluß auf einen Italiener ein, Aguirre Suarez zertrümmerte dem Mailänder Mittelstürmer Nestor Combin mit dem Ellenbogen das Nasenbein.
Nach dem Sieg des AC Mailand drangen Polizisten in die Kabine der Italiener ein, die gerade den champagnergefüllten Pokal kreisen ließen. Sie nahmen den besten Spieler des Sieger-
* Im WM-Vorfinale 1958 in Göteborg.
teams, Mittelstürmer Combin, fest, weil er sich der argentinischen Wehrpflicht entzogen habe: Combin war mit 18 Jahren aus Argentinien nach Europa ausgewandert.
Politiker mußten die Trümmer räumen. Argentiniens Staatschef Ongania kritisierte die Ausfälle seiner Landsleute und bedauerte, daß "Argentiniens Ansehen in der ganzen Welt kompromittiert" worden sei. Drei Spieler der argentinischen Mannschaft wurden gesperrt und überdies zu je 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Doch kurz nach Onganias Sturz 1970 klagten die betroffenen Treter gegen die Urteile. Der argentinische Verband hob die vom Präsidenten erwirkten Sperren wieder auf.
In Peru wurde ein Fußballspiel zur Initialzündung für eine Revolte gegen die Regierung.
Als 1964 während des Länderspiels Peru gegen Argentinien im Nationalstadion der Hauptstadt Lima Fanatiker wegen eines nicht anerkannten peruanischen Tores den uruguayischen Schiedsrichter Eduardo Pazos angriffen, lösten Warnschüsse der Polizei eine Panik aus.
Die Sicherheitsbeamten feuerten Tränengas-Granaten ab und vergrößerten so den Tumult. Herbeigerufene Polizei-Verstärkungen knüppelten auf die Menge ein. 328 Menschen wurden auf den Zementstufen und in den Ausgängen der Arena totgetrampelt. Nach dem Fußball-Krawall entkamen 31 Häftlinge.
Die Opposition kritisierte den Ein-Satz der Polizei. Unruhen verbreiteten sich über Lima und weitere peruanische Städte. Kommunistische Studenten forderten, einen Streik der Metallarbeiter und Bankangestellten zum Generalstreik auszuweiten. Die Polizei schlug sich mit Demonstranten. 2000 Peruaner besetzten am nächsten Tag das Unglücks-Stadion und plünderten die Stadion-Gaststätten. Während der Tumulte entkamen 31 Häftlinge des Staatsgefängnisses.
Innenminister Juan Languasco, dessen Rücktritt die Demonstranten gefordert hatten, ließ den Chef der Stadionpolizei verhaften und feuerte 40 von 154 eingesetzten Beamten. Limas Polizeichef Ernesto Gómez Cornejo trat zurück. Der für das Tränengas-Bombardement verantwortliche Offizier erschoß sich.
Die Regierung hob vorübergehend die Bürgerrechte auf. Sieben Tage dauerte die Staatstrauer für die Toten. Schließlich verlangte der Kongreß in Lima einstimmig von der Fifa die Streichung des angeblich schuldigen Schiedsrichters von der Liste der internationalen Unparteiischen und von Uruguay seine Auslieferung.
Im allgemeinen kann der Fußball Aggressionen nur dort entfesseln, wo schwelende Konflikte und vorausgegangene Zwischenfälle die Reizschwelle bereits gesenkt haben. Da genügt dann ein Fußballspiel als Anlaß, und es bricht sogar ein Krieg aus -- wie 1969 zwischen Honduras und El Salvador.
Zwischen den beiden mittelamerikanischen Kleinstaaten hatte schon länger feindselige Spannung geherrscht. El Salvador -- nicht größer als Hessen, rund 3,65 Millionen Einwohner, davon 75 Prozent Mestizen, 12 Prozent Indianer
litt unter Armut und Arbeitslosigkeit. 300 000 Salvadorianer wanderten ins benachbarte, weniger arme Honduras aus, das auf fünfmal größerer Fläche nur 2,5 Millionen Einwohner zählt.
Obwohl Honduras den Zuwanderern die Staatsbürgerschaft vorenthielt, überflügelten manche von ihnen die weniger aktiven Einheimischen und brachten es zu Landbesitz und gut bezahlten Jobs. So oft jedoch Honduras in Schwierigkeiten geriet, lenkten die Diktatoren den Volkszorn auf die Minderheit aus El Salvador.
So auch 1969, als Soldaten mit Tränengas Demonstranten bekämpften. Zur Ablenkung von der sozialen Unruhe wollte der Militärdiktator General Oswaldo López Arellano in Honduras
* Vor einem Spiel afrikanischer Politiker.
allen ausländischen Landbesitz, also vor allem das Eigentum emigrierter Salvadorianer, enteignen. Der Staatssender begann eine Propaganda-Kampagne gegen den Nachbarn El Salvador.
In dieser Situation mußte die Fußballmannschaft El Salvadors in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, zu einem Qualifikationsspiel für die WM 1970 antreten. Honduras siegte 1:0. Doch das Rückspiel gewannen die Salvadorianer in San Salvador 3:0. Darauf hob in Honduras ein Pogrom gegen salvadorianische Einwanderer an.
Nordirland: Mordkommendos gegen die Spieler von Bankmore Star.
"Beide Länder, so urteilte später der britische "Daily Express", "hatten nach einem Vorwand für einen Krieg gesucht."
Der "Fußball-Krieg" wurde mit Panzern und Flugzeugen geführt. El Salvador marschierte in Honduras ein und bombardierte Tegucigalpa. 3000 Menschen kamen ums Leben. 10000 Emigranten flüchteten aus Honduras zurück ins unterentwickelte El Salvador und mußten in Elendslagern auf fremde Hilfe warten.
Eine andere, die derzeit noch heißeste, Völker-Fehde gefährdete die WM 1970 in Mexiko: der Konflikt zwischen Arabern und Israelis.
Seitdem Araber und Israelis aufeinander schießen, boykottieren arabische Fußballer die israelischen. Wegen der Teilnahme Israels am Olympia-Turnier 1968 in Mexiko verzichtete Marokko aufs Mitspiel. 1970 drohte Marokko, seine WM-Meldung zurückzuziehen, falls es gegen Israel spielen müsse. Die Fifa bot alle Diplomatie auf, brachte Marokko und Israel doch nach Mexiko, vermied aber deren direkte Konfrontation.
Ebenfalls 1970 drohten Unbekannte "im Namen von El-Fatah, Europa" jüdischen Spielern und Funktionären des Europacup-Siegers Ajax Amsterdam per Brief und Telephon den 1 od und die Sprengung des Ajax-Stadions an: "Warnung! Dieser jüdisch-imperialistische Sportkomplex wird früher oder später von uns zerstört."
Nachdem Israel in der Qualifikation für die WM 1974 an Südkorea gescheitert war, atmete der deutsche WM-Organisator Hermann Neuberger auf: "Israel wäre unser Sicherheitsproblem Nr. eins gewesen."
Dennoch führte der Fußball zwei Spieler aus den verfeindeten Lagern zusammen und machte sie zu freunden -- quasi ein sportliches Romeo-und-Julius-Drama: Der ägyptische Nationalspieler Ahmed Schaibaik von National Kairo und Mittelfeldspieler Galili Darhi von Hapoel Tel Aviv studierten gleichzeitig in Wien und spielten gemeinsam beim Wiener SC. Nur photographieren ließen sie sich nicht zusammen -- aus Sicherheitsgründen. Der Jom-Kippur-Krieg 1973 trennte die beiden: Darhi flog zurück nach Israel und an die Front.
Keine Frage, daß auch der Bürgerkrieg in Nordirland sich auf den Fußball auswirken mußte.
Beim Bankett nach dem Europacup-Spiel Linfield Belfast gegen Standard Lüttich, im November 1971, setzte Linfields Klub-Präsident zu einer schwungvollen Rede an. Eine Detonation unterbrach ihn, ließ Gläser und Teller klirren
Terroristen hatten in naher Nachbarschaft ein Haus gesprengt. Unerschüttert begann der Redner von neuem mit der Begrüßung der schreckensbleichen Festrunde: "Meine Herren. ganz Irland heißt Sie herzlich willkommen:"
Zur Ankunft des italienischen Pokalsiegers AS Rom in Nordirland, ebenfalls zu einem Europacup-Spiel, erschien in der Belfaster Zeitung "News-Letter" ein Drohbrief: "Das italienische Team wird nie mehr nach Hause zurückkehren. weil die italienische Presse und das italienische Fernsehen British Ulster und England angegriffen haben. Wir müssen und werden eine Strafaktion beginnen." Ein dichter Polizeikordon schützte die italienische Mannschaft, es blieb bei der Drohung.
Wiederholt wichen Nordirlands Fußball-Funktionäre vor solchen Drohungen und Gefährdungen aus und verlegten internationale Spiele vorsichtshalber nach England, so etwa 1973. auf Wunsch der Gäste, das WM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien.
Allen Gefahren zum Trotz spielte dennoch in Belfast der Klub Bankmore Star: Während die Provinz Ulster durch Haß und Kampf zwischen Protestanten und Katholiken zerrissen wurde, kickten bei Bankmore Star sechs Protestanten und fünf Katholiken einträchtig im gleichen Trikot; es zeigte Irlands Farben: Grün-Weiß-Orange. Der Klub, der die Religionsschranken ignorierte, erschien deshalb den Extremisten beider Seiten als Provokation.
Im März 1972 tötete ein Schuß aus dem Hinterhalt den katholischen Bankmore-Rechtsaußen Patrick McCrory, 19.
Vier Monate später durchsiebten Schüsse den protestantischen Spieler David Toots, 21.
Mordkommandos hatten sich die Mannschaft, deren Spieler alle als Nachbarn und Freunde im Viertel um die Ormeau Road aufgewachsen waren, zum Opfer ihres religiös motivierten Fanatismus erwählt.
Bankmore-Spieler Samuel Boyd, 21, bekam von den Terroristen ein Buch ins Haus geschickt. Die Inhaltsangabe auf dem Umschlag begann mit den Sätzen: "Tom Moody, ein Protestant, heiratet Aileen O'Meara, eine Katholikin. Eine Woche nach der Hochzeit wird Moody getötet ..."
Tatsächlich hatte der Protestant Boyd eine Katholikin, Rosemary Seales, geheiratet. Am 6. September 1972 wurde er, auf dem Heimweg von seiner Arbeit in einer Mühle, von Heckenschützen umgebracht.
Bald darauf trafen Robert Millen zwei Kopfschüsse, dicht neben dem Fußballplatz. "Du bist der nächste", wurde einem der Überlebenden schriftlich gedroht. Eine Gewehrpatrone lag bei. Der Team-Manager und ein weiterer Spieler entgingen Mordanschlägen nur knapp. Der Klub löste sich auf.
Fußball auf dem Spielfeld, auf dem Schlachtfeld der Politik: Politiker haben sein Aggressions-, Sublimations- und Integrations-Potential für ihre Zwecke eingespannt. Aber sie haben auch seine unberechenbare, seine irrationale Brisanz zu spüren bekommen -- und die Macht der von ihm faszinierten Massen, der so riesigen wie amorphen Partei der Fans.
1972 stoppte Mohammed Fouli, Chef der ägyptischen Sicherheits-Polizei, den gesamten Ballverkehr seines Landes.
Beim Meisterschaftsspiel der Kairoer Mannschaften Samalek und National waren nach einem umstrittenen Tor wieder mal Steine geflogen. Einer traf Fouli ins Gesicht. Er verlor einen Zahn, seine Lippen mußten genäht werden, acht Tage ließen ihn die Ärzte künstlich ernähren.
Doch die Fans protestierten gegen den Fußball-Stopp. "Niemals", verkündeten Wandinschriften in Kairo, "werden wir uns diesem Urteil beugen.
Schließlich brauchten Ägyptens Kicker nur drei Wochen zu pausieren. Der lädierte Sicherheits-Chef beugte sich der Fußballpartei: "Lieber ein paar lärmende Zuschauer im Stadion als Demonstranten auf der Straße."
Im nächsten Heft:
Deutsche Turner bekämpfen den "englischen Aftersport" -- Telephonterror gegen Stadträte -- Steuergelder für Schuldenklubs -- Staatschef rehabilitiert Foulspieler

DER SPIEGEL 22/1974
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