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DER SPIEGEL

BÄRENJAGD IN RUSSLAND 1861

Alexander II. hatte, als Bismarck nach Petersburg kam, angefangen, denselben zu der im Winter wöchentlich einmal stattfindenden kleinen Bärenjagd einzuladen, als einzigen Diplomaten.
Diese Bärenjagden waren erst in Aufnahme gekommen seit Eröffnung der Bahnlinie Petersburg-Moskau. Als diese Bahn in Angriff genommen wurde, lebte noch Kaiser Nikolaus I. Er zog mit Bleistift und Lineal - das habe ich Bismarck wiederholt erzählen hören - eine gerade Linie von Moskau noch Petersburg; damit war die trace gegeben. Die größere nördliche Hälfte derselben ging durch sumpfige Wälder, die Baukosten waren ungeheure, die Baurechnungen wurden nach Beendigung des Baues auf Befehl des Zaren verbrannt Durch diese Bahn ward ein ungeheures Jagdgebiet erschlossen, und unter den Bauern jener einsamen Wälder entstand ein neuer Handelszweig, der Bärenhandel. Beim ersten Schneefall sucht der Bär sich bekanntlich im Dickicht eine Schlafstelle, geht, wenn er aufgestört wird, nur ein paar Kilometer weit, kann also an seinem zweiten Lager leicht eingekreist werden. Man weiß, daß er bis zum Tauwetter ruhig liegenbleibt, und er wird nun eine Ware, die einen Marktpreis hat Dieser steigt, je näher das Lager der Eisenbahn und je größer die Fußspur ist Der Handel wird abgeschlossen entweder im Dorf mit einem reisenden Agenten oder in Petersburg, wenn ein unternehmender Bauer sich vielleicht auf Kosten des Dorfes dorthin auf den Weg macht Die Abnehmer sind das Hofjagdamt und eine Anzahl von Diplomaten oder fremden Kaufleuten; dem eigentlichen Russen, der überhaupt keine Strapazen liebt, ist diese Art von Jagd zu unbequem Zwischen dem Kauf und der Jagd vergehen unter Umständen Monate Für diese Zwischenzeit erhalten, das heißt erhielten damals, die vom Hofjagdamt gekauften Bären meist je einen Hofjäger zugeteilt, der sich im nächsten Dorf einquartierte und von dort aus das Lager zu umkreisen hatte, um zu kontrollieren, ob der Bär etwa aufgestört und ausgebrochen sei Wenn der Bär bis zum Tauen ruhig liegengeblieben war, wurde er bezahlt, auch wenn die Jagd nicht stattfand. Daß es hierbei nicht immer ehrlich herging, konnte ich in einem Einzelfalle konstatieren Kurz vor Ende des Winters 1862 trat mir der Oberjägermeister Graf Fersen einen Bären ab, den das Hofjagdamt nicht mehr jagen wollte. Ich hatte den Bären, falls er zu Gesicht kam, zu bezahlen und ebenso die Treiber, natürlich nicht den überwachenden Hofjäger Da ich kein blindes Zutrauen hatte, nahm ich einen jagdkundigen russischen Diener mit Dieser umging noch dem ergebnislosen Treiben auf Schneeschuhen den ganzen Kreis der Treiber und stellte fest, daß kein Bär drin gewesen war. Es wurde also auch kein Bär bezahlt Daß ich noch kurz vor dem Ende der Saison diesem Schwindel ein Ende gemacht hatte, war ein besonderes Mißgeschick für den betreffenden Hofjäger und die Dorfschaft, die sich ein paar Wochen später den Preis des Baren geteilt hätten.
Der Kaiser fuhr einmal wöchentlich, Dienstag abend, mit kleiner Begleitung auf die Bärenjagd. In der Regel wurden am Mittwoch zwei Kreise gemacht, und meistens schoß der Kaiser selber die Bären. Bisweilen auch, wenn eine Bärenjagd versagte, wurde ein mitgenommener Luchs aus dem Sack gelassen und vom Baum heruntergeschossen. Zu diesen Jagden erhielt Bismarck in der ersten Zeit nach seiner Ankunft in Petersburg Einladungen als Zeichen besonderen kaiserlichen Wohlwollens. Dieselben hörten aber auf, als andere Missionschefs und namentlich der französische Botschafter über diese Bevorzugung Preußens sich beschwerten

DER SPIEGEL 36/1957
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