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DER SPIEGEL

GEHEIMAKTENWer rief Leopold?

Zwischen den Leuten, die Geschichte zu machen meinen, und denen, die über Geschichte schreiben, besteht seit je ein Interessenkonflikt. Die Politiker möchten
- aus mancherlei verständlicher diplomatischer Rücksicht - nur ungern ihre Dokumente herausgeben; diese Dokumente allein würden es aber wiederum den Historikern ermöglichen, über geschichtliche Vorgänge zuverlässig zu berichten.
In diesem Sinne endete der Krieg, den das Deutsche Reich im Jahre 1945 verlor, für die Historiker mit einem Sieg - insofern nämlich, als die Besatzungsmächte sich die Archive des Auswärtigen Amts aneigneten und nun von Zeit zu Zeit ausgewählte Akten aus diesen Beständen ungeniert den Historikern zur Einsicht Überlassen.
Aus solchen Akten, die von den Engländern erbeutet worden waren, hoffte auch der in Oxford lehrende, französische Historiker Georges Bonnin neue Erkenntnisse über eine Affäre zu gewinnen, die bis zum zweiten Weltkrieg deutsche und französische Historiker zu patriotischen Fehden provozierte: über die Kandidatur des preußischen Prinzen Leopold für den spanischen Königsthron, die den französisch-deutschen Krieg 1870 auslöste. Ein Buch, das Bonnin kürzlich über die Ergebnisse seiner Aktenforschungen veröffentlichte*, enthält denn auch einige Details, die den Historikern bis dahin nicht vollständig genug bekannt gewesen waren.
Vor allem aber konnte Bonnin an seinem klassischen Beispiel nachweisen, mit welchen wahrhaft abenteuerlichen Anstrengungen die Wilhelmstraße - in dieser Methode sicher eines Sinnes mit allen Außenministerien der Welt - die Arbeit der Historiker jedesmal dann zu behindern versuchte, wenn sich die Forscher der historischen Wahrheit zu nähern schienen.
Einer der Initiatoren jener Affäre, um deren endgültige Aufklärung es dem Oxforder Historiker ging, war der damals preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck. Er wollte sich in den sechziger Jahren der diplomatischen Manöver erwehren, mit denen Frankreich den Norddeutschen Bund durch Bündnis-Systeme einzukreisen versuchte. Als im Jahre 1868 in Spanien ein Bürgerkrieg ausbrach, sah Bismarck eine Chance, den Franzosen ihre Einkreisungspolitik mit gleicher Münze heimzuzahlen.
Nachdem die Revolutionäre das profranzösische spanische Königshaus - eine Nebenlinie der Bourbonen - gestürzt hatten, offerierte Bismarck der revolutionären, aber nach wie vor royalistisch gesonnenen Umsturzregierung einen neuen König, und zwar den Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, ein Mitglied aus dem süddeutsch-katholischen Zweig des preußischen Königshauses.
Mit dem spanischen Unterhändler Salazar, der nach Deutschland gekommen war, verabredete Bismarck eine Blitzaktion, um die Franzosen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Sobald Prinz Leopold der Kandidatur zugestimmt haben würde, sollte ihn das spanische Revolutions-Parlament zum König wählen.
Das Projekt scheiterte allerdings an der preußischen Botschaft in Madrid. Als Unterhändler Salazar nämlich in einem verschlüsselten Telegramm, das an die preußische Botschaft in Madrid gerichtet war, mitteilte, daß er mit dem schriftlichen Einverständnis des Prinzen "um den 26. Juni" 1870 in Madrid eintreffen werde, wurde das Telegramm falsch dechiffriert Dem Parlamentspräsidenten wurde die Ankunft Salazars fälschlich erst für den 6. Juli angekündigt. Solange aber glaubte der Präsident sein Rebellen-Parlament nicht mehr zusammenhalten zu können und schickte deshalb die Abgeordneten in die Ferien.
Da Bismarcks Plan nur als Überrumpelung gelingen konnte, wurden die Parlamentsferien dem gesamten Unternehmen zum Verhängnis. Wenige Tage nach dem Beschluß, die Parlamentarier in die Ferien zu zwingen, erfuhr obendrein Frankreich von der Bismarckschen Intrige.
Die französische Öffentlichkeit, ohnehin der deutschen Einigung durch Bismarck abhold, steigerte sich auf diese Nachricht hin binnen weniger Wochen in eine derartige Kriegsleidenschaft, daß schließlich der Krieg zwischen Preußen und Frankreich nicht mehr vermieden werden konnte.
Nach dem Kriege - er endete mit der Niederlage Frankreichs und der Proklamation des Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles - setzten die deutschen und französischen Historiker den Kampf mit wissenschaftlichen Mitteln fort. Die Geschichtsschreiber Frankreichs bestanden auf der These, Bismarck habe den Krieg provoziert, um die deutsche Einigung durch einen nationalen Krieg gegen Frankreich zu erzwingen; er habe zweifellos gewußt, daß keine französische Regierung ein preußisch beherrschtes Spanien in ihrem Rücken geduldet hätte.
Deutsche Historiker blieben mit ihren ebenso national gefärbten Gegenargumenten hoffnungslos unterlegen, weil sie in der Frage der spanischen Thronaffäre jahrzehntelang ohne die geringste Dokumentation auskommen mußten. Der Kanzler hatte sich nämlich allen unangenehmen Fragen über die Hohenzollern-Kandidatur mit einem nicht eben originellen Kunstgriff entzogen: Er stritt einfach ab, von der Thronkandidatur des Prinzen Leopold gehört zu haben.
"Dem Auswärtigen Amte des Norddeutschen Bundes wie der Regierung Seiner Majestät des Königs von Preußen", so behauptete Bismarck bereits im Juli 1870 vor dem Bundesrat, "waren die Vorgänge (um die Thronkandidatur) vollständig fremd geblieben. Sie erfuhren erst durch das am dritten dieses Monats abgegangene Havassche Telegramm, daß das spanische Ministerium beschlossen habe, dem Prinzen die Krone anzubieten."
Tatsächlich war Bismarck umsichtig genug gewesen, seine Geheimverhandlungen mit Salazar so vorsichtig zu führen, daß ihm niemand, der nicht die Akten des Auswärtigen Amts kannte, seine Rolle bei der Thronaffäre nachweisen konnte. Ungeniert behauptete Bismarck noch dreißig Jahre später in seinen "Gedanken und Erinnerungen": "Politisch stand ich der ganzen Frage ziemlich gleichgültig gegenüber."
Wie sehr diese Legende die deutsche Geschichtsschreibung beeinflußte, offenbart eine der jüngsten Bismarck-Veröffentlichungen in Deutschland: das Bismarck-Werk des unlängst verstorbenen Privathistorikers Ludwig Reiners. Im zweiten, 1957 erschienenen Band seiner Bismarck-Trilogie** hielt Reiners noch immer an der Version fest, daß Bismarck sich zur Kandidatur des Preußenprinzen höchst passiv verhalten habe: "Die preußische Regierung mußte sich natürlich aus dem Spiel halten; es mußte eine Privatsache der Familie Hohenzollern-Sigmaringen bleiben."
Daß nicht alle deutschen Historiker so gutgläubig gewesen waren wie der als Historiker dilettierende Garnfabrik-Direktor Reiners, wurde bei Bonnins Forschungen offenkundig. Der frankobritische Historiker stieß in den Geheimakten des Auswärtigen Amts auf eine Fülle von Notizen, aus denen sich ergab, daß auch deutsche Wissenschaftler Bismarcks Unschuldsmiene durchschaut hatten. Diese Notizen gaben aber auch Aufschluß darüber, mit welchen Mitteln das Auswärtige Amt die Veröffentlichung von Texten zu verhindern gesucht hatte, die Bismarcks Version widersprachen.
Die ersten Zweifel an Bismarcks Angabe, er habe von der Kandidatur des Prinzen Leopold nichts gewußt, äußerte der nationalliberale Geschichtsschreiber Heinrich von Sybel, den der Kanzler selbst zum Chronisten der Reichsgründung bestellt hatte. Sybel war der einzige deutsche Historiker seiner Zeit, der unbeschränkten Zugang zu den amtlichen Akten hatte.
Sybel rühmte sich zwar in einem vertraulichen Schreiben an die Wilhelmstraße, er habe gewisse "Tatsachen nicht erwähnt, welche ... feindseligen Beurteilern Anlaß zu mißbräuchlichen und gehässigen Folgerungen geben könnten". Dennoch ließ er im Entwurf zum sechsten Band seines Werkes "Die Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I." vorsichtig durchblicken, daß Bismarck an der Hohenzollern-Thronkandidatur nicht unbeteiligt gewesen sei.
Reichskanzler von Caprivi lehnte jedoch das Sybel-Manuskript sofort ab und ersuchte den Historiker, einen neuen Entwurf vorzulegen, der sich an die offizielle Lesart halte. Aber auch der zweite Versuch des Historikers behagte dem Amte nicht. "Sybels zweiter Entwurf stellt wiederum die bisher publizierten und amtlich sanktionierten Auffassungen über die Gründe des Krieges von 1870/71 in Frage", kommentierte der Reichskanzler in einer Aktennotiz vom 31. Juli 1890. Caprivi eilte zu Kaiser Wilhelm II. und empfahl, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern.
"Seine Majestät billigte meine Auffassung und fügte hinzu, daß er persönlich ebenso dazu neige, das Erscheinen des Buches zu verhindern", notierte sich Kanzler von Caprivi. Das Auswärtige Amt konnte zwar die Veröffentlichung des Sybel-Bandes nicht verbieten; der Historiker mußte jedoch alle Hinweise wieder ausmerzen, die darauf deuteten, daß er Zugang zu den Akten der Wilhelmstraße gehabt hatte.
Fünf Jahre später wurde die Bismarck -Legende freilich von einer Seite bedroht, die kein Veto des Reichskanzlers erschrecken konnte: 1895 veröffentlichte König Karl von Rumänien, ein Bruder des spanischen Thronaspiranten Leopold, seine Memoiren, in denen ausführlich beschrieben wurde, wie Bismarck die Thronkandidatur des Prinzen Leopold betrieben hatte.
Obwohl nun keinerlei Hoffnung mehr bestehen konnte, Bismarcks Behauptung vor der Weltöffentlichkeit glaubhaft aufrechtzuerhalten, verteidigten die Beamten des Auswärtigen Amts weiter die Version des Eisernen Kanzlers. Zumindest wollten sie offenbar unter allen Umständen vermeiden, daß durch irgendeinen Hinweis von deutscher Seite die Angaben des Rumänen-Königs bestätigt werden könnten.
Die Diplomaten fühlten sich daher durch einen Bericht des preußischen Gesandten in Baden alarmiert, demzufolge Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen dem Geschichtsprofessor Hermann Oncken erlaubt hätte, unveröffentlichte Dokumente über die spanische Thronaffäre zu benutzen. Sofort ersuchte der Reichskanzler den Kaiser, er möge dem Prinzen befehlen, Oncken den Zugang zum Hohenzollernschen Hausarchiv zu verwehren.
Tatsächlich kam es zu einer solchen Intervention, und Prinz Leopold mußte versprechen, daß Oncken seine Arbeit jedenfalls vor der Veröffentlichung dem Auswärtigen Amt zeigen werde. Als Professor Oncken 1897 einen Entwurf seines Werkes "Unser Heldenkaiser" präsentierte, strichen ihm die Zensoren der Wilhelmstraße denn auch sogleich einen Brief, den König Wilhelm im Juni 1870 an den Vater des Prinzen Leopold geschrieben hatte. Auch der Inhalt dieses Briefes widerlegte die Behauptung Bismarcks, er habe mit der Leopold-Kandidatur nichts zu tun gehabt.
1897 wollte ein Oberst namens Werthern das Tagebuch des Majors von Versen veröffentlichen, eines Konfidenten Bismarcks, den der Kanzler im Frühjahr 1870 nach Spanien gesandt hatte, um ein Militärbündnis mit Madrid vorzubereiten. Das Auswärtige Amt mobilisierte daraufhin das Militärkabinett des Kaisers, das dem Oberst von Werthern bedeutete, die Veröffentlichung des Versen-Tagebuches liege nicht im Reichsinteresse. Das Tagebuch erschien niemals.
Als der Hausarchivar des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, ein Mann namens Zingeler, einige Jahre später die Thronfrage von 1870 in einer Veröffentlichung behandeln wollte, torpedierte das Auswärtige Amt die Ausführung auch dieses Plans. "Die Aktenstücke dürfen unter keinen Umständen veröffentlicht werden", verfügte Reichskanzler von Bethmann Hollweg in einer Aktennotiz vom 24. März 1911. Das Auswärtige Amt verweigerte sogar 1911 dem deutschen Historiker Hans Delbrück, der mit französischen Geschichtsschreibern über die Kriegsschuldfrage von 1870 polemisierte, jede Unterstützung.
Auf einen vollen Erfolg ihrer Verschleierungstaktik konnten die deutschen Regierungsinstanzen nicht mehr hoffen, nachdem das Buch des Rumänen-Königs erschienen war. Bismarcks Legende zerbrach endgültig an der Aktivität eines privaten Historikers, des Lippstädter Gymnasiallehrers Hermann Hesselbarth. Ein deutscher Kaufmann spielte dem Hesselbarth aus Rußland die Abschriften von vielen Geheimtelegrammen in die Hände, die einst zwischen Bismarck und der spanischen Regierung gewechselt worden waren; die Abschriften stammten von dem Hofrat Kleefeld, der in den sechziger und siebziger Jahren an der Madrider Botschaft Bismarcks gedient hatte.
Der Gymnasiallehrer war außerstande, der Versuchung zu widerstehen, in die er durch dieses Material gebracht wurde. Indem er es veröffentlichte, machte er sich zur Zentralfigur der Spezial-Forschung. Hesselbarths Buch "Drei psychologische Fragen zur spanischen Thronkandidatur Leopolds von Hohenzollern" - es erschien 1913 - wirkte sensationell. Telegramm um Telegramm konnte Hesselbarth nachweisen, mit welchem Ungestüm der Kanzler die Kandidatur Leopolds auf einen Thron im Rücken Frankreichs Betrieben hatte. Noch im letzten Augenblick versuchte das alarmierte Auswärtige Amt, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern. Der Reichskanzler zitierte den Lippstädter Gymnasiallehrer in die Wilhelmstraße, doch zog es Hermann Hesselbarth vor, nicht zu erscheinen. Der Reichskanzler aber hatte keine rechtliche Handhabe, das Buch zu verbieten. Das Werk wurde in der Wilhelmstraße als "reichsfeindlich" eingestuft, obwohl Hesselbarth keineswegs der landläufigen deutschen These widersprach - der These, Bismarck habe lediglich beabsichtigt, Frankreich durch die Drohung mit einem Zweifrontenkrieg von einem Waffengang gegen Preußen abzuhalten.
Gleichwohl fühlte sich die Regierung auch nach dem Erscheinen des Hesselbarth -Buches nicht bewogen, nun endlich die Geheimarchive zu öffnen. Als nach dem ersten Weltkrieg der amerikanische Harvard-Professor Robert Howard Lord zu einem Buch über die Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges Material sammelte, verwehrte die Wilhelmstraße dem Amerikaner den Zutritt zu den Geheimakten.
Der Oxforder Historiker Georges Bonnin fand in der englischen Aktenbeute des letzten Krieges schließlich auch das Dokument, das die publizitätsfeindliche Politik des Auswärtigen Amts besiegelt hatte. Es handelt sich um eine geheime Denkschrift vom 14. März 1924, in der zwei Historiker - Professor Platzhoff und Dr. Rheindorf - der Reichsregierung empfahlen, die Veröffentlichung der Geheimakten zu vermeiden.
Die beiden Historiker gaben zwar zu: "Vom Standpunkt der historischen Forschung wäre die Publikation der Geheimakten ohne jeden Zweifel in höchstem Maße wünschenswert. Denn damit könnte allen Spekulationen über die Hohenzollern -Kandidatur ein für alle Mal ein Ende bereitet werden."
Andererseits aber: "Der innere Zusammenhang zwischen dem deutsch-französischen Krieg von 1870 und dem Weltkrieg (von 1914) ist nicht zuletzt durch den Vertrag von Versailles zu einem öffentlichen Gemeinplatz geworden; III. Teil, Abschnitt 5 (des Versailler Vertrages) spricht von dem 'Unrecht', das wir 1871 begangen hätten. Die Veröffentlichung der Geheimakten würde neues Material zutage fördern, das jene Auffassung unterstützen würde ..."
Und: "Wir Deutsche tragen schon schwer genug an der Last der 'Kriegsschuld von 1914', so daß wir nicht noch selber Material hervorbringen müssen, das ermöglichen würde, uns auch die Verantwortung für den Krieg von 1870 zuzuschieben."
* Georges Bonnin: "Bismarck and the Hohenzollern Candidature for the Spanish Throne"; Chatto and Windus, London; 312 Seiten; 42 sh.
** Ludwig Reiners: "Bismarck", Band, 2: Verlag C. H. Beck, München; 551 Seiten; 21,50 Mark.
Zeitgenössische Bismarck-Karikatur
Für Preußen heimlich eine Krone
Hohenzollern-Prinz Leopold
Die Akten über die Thronkandidatur ...
Historiker von Sybel
... wurden vor den Forschern verborgen

DER SPIEGEL 14/1958
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