AFGHANISTAN
Ein Tanz auf der Rasierklinge
Dieses Leben ist wohl nur im Glauben auszuhalten. Zum Beispiel, wenn man glaubt, dass Allah alles sehen kann und seine treuen Diener belohnen wird, irgendwann später nach diesem armseligen Dasein.
Dabei ist heute ein guter Tag. Ein heiliger Mann kommt in diese gottverlassene Region nach Paktika, ins Nirgendwo im versteppten Südosten Afghanistans. Paktika ist eine bergige Wüste an der Grenze zu Pakistan, in der es keine einzige asphaltierte Straße gibt, keinen Strom und auch keine Schulen. Die Menschen überleben als Bauern, besitzlos und abhängig von den wenigen Feudalherren.
Nachts steigen die Taliban von den Bergen und legen Minen in den Sand, um ausländische Soldaten in die Luft zu sprengen. Ein paar Amerikaner patrouillieren gelegentlich schwer bewaffnet, um bald wieder in ihren Forts im Grenzgebiet zu Pakistan zu verschwinden. Keine einzige der vielen internationalen Hilfsorganisationen, die in anderen Landesteilen massenhaft auftreten, wagte es bisher, Mitarbeiter hierher zu schicken.
Jetzt hocken am Wegesrand Hunderte Männer mit schwarzen, langen Bärten und Turbanen so groß und so gelb wie Halloween-Kürbisse. Seit Sonnenaufgang warten sie auf den Göttlichen, auf einen Blick von ihm, einen Händedruck, auf Erlösung.
Eine Staubkugel rollt von den Bergen ins Tal, und aus dem schwarzen Toyota-Geländewagen mit verdunkelten Scheiben klettert Ishaq Gailani. Er ist ein Führer des mystischen Sufi-Ordens, er gilt als Abkömmling des Propheten Mohammed, außerdem gehört er zu einer Dynastie mächtiger Mudschahidin-Kommandeure, die im heiligen Krieg gegen die sowjetischen Besatzer siegten.
Vor 20 Jahren kämpfte Gailani in den Bergen von Paktika mit der Kalaschnikow in der Hand. Heute ringt er mit Worten um die Macht. Er kommt als Kandidat, einer von insgesamt 2707, die in das neue Parlament Afghanistans einziehen wollen, das an diesem Sonntag gewählt wird - die erste demokratische Volksvertretung in Afghanistan seit 40 Jahren.
Der heilige Mann wirkt sehr weltlich. Er trägt keinen Turban, er spricht gut Englisch und ist weit gereist. Die Gläubigen drängen sich um ihn, sie küssen seine Hände, ein junger Paschtune fällt in Ohnmacht, als Gailani seinen Arm berührt. Ein alter Mann leckt den Staub von seinem Auto. Gailani ist hier der Herrscher, in einer Region mit 99 Prozent Analphabeten.
Alles ist wie immer und doch ganz anders. Afghanistan ist im Wahlkampf, und schon das ist ein Zeichen für die Veränderungen, die das Land ergriffen hat. Wichtiger noch als die Waffen in diesem waffenseligen Land ist plötzlich die Politik. Der neue Sog des Politischen zwingt auch die wirklich Mächtigen des Landes in den demokratischen Prozess, in dem jeder Bürger eine Stimme hat - selbst wenn es in weiten Teilen des Landes die Stammesfürsten
sind, die ihren Clan-Mitgliedern sagen, wen sie zu wählen haben.
Ins Parlament nach Kabul wollen Kommandeure aus dem Bürgerkrieg und Drogenbarone, ehemalige Kommunisten und fundamentalistische Taliban. Sie haben ihre Gründe, dabei zu sein, sie geben vor, geläuterte Demokraten zu sein.
Die Demokratie bricht aus in Afghanistan. Darauf legt vor allem die Weltmacht Amerika großen Wert und auch Hamid Karzai, der elegante, beredte Präsident des Landes. Dafür lieben sie ihn im Weißen Haus und in Europa. In Afghanistan respektieren sie ihn, weil der Westen auf ihn baut und weil er Milliarden Dollar an Hilfe ins Land lotst. Er gibt sich wortmächtig optimistisch, er hat ja längere Zeit in den USA gelebt und die amerikanische Cando-Mentalität inhaliert. Er wirkt sympathisch, wenn er über seinen Weg der Versöhnung statt der Rache philosophiert und die Maßstäbe für die Verhältnisse in seinem Land zurechtrückt: "Verglichen mit dem Elend, in dem Afghanistan lebte, können wir zufrieden sein" (siehe Seite 108).
Afghanistan erlitt seit 1979 Krieg und Bürgerkrieg, es ist des Tötens und Mordens offensichtlich müde. Karzai geht deshalb einen anderen Weg. Er lädt die verfeindeten Kriegsfürsten aus dem Norden und dem Süden ein, im neuen Afghanistan mitzumachen, genauso wie die reichen Opiumkönige und die aufgeklärten Rückkehrer aus dem westlichen Ausland oder die religiösen Fanatiker aus der Steinzeit. Jetzt wohnen ehemalige Top-Taliban im Gästehaus der Regierung in Kabul, nicht weit entfernt von den gerade noch als Terroristen gejagten Vertrauten des Hisb-i-Islami-Führers Gulbuddin Hekmatjar.
Nacheinander haben sie Afghanistan zerstört und das Leben von mehr als anderthalb Millionen Afghanen auf dem Gewissen. Abdul Rasul Sayyaf ist im langen Bürgerkrieg sehr reich geworden - es heißt, er habe fünf Milliarden Dollar auf Schweizer Banken liegen. Er ist ein Kommandeur mit allzeit verfügbarer Privat-Miliz und ihn zieht es nun ins Parlament.
Ein ehemaliger hoher Taliban-Richter, Mullah Hamidullah, unterstützte Todesurteile gegen untreue Ehefrauen. Jetzt schwört er die Bewohner von Jakhakhel, einer Siedlung mit Lehmbauten in der Provinz Paktika, auf den Kandidaten Gailani und die US-gestützte Regierung Karzai ein: "Alle sind heute gegen uns, nur die Amerikaner sind noch da, um uns zu helfen", ruft er den mehreren tausend Männern zu, die in der Moschee dichtgedrängt auf dem Betonboden hocken.
Der frühere Innenminister Sayyid Mohammed Gulabzoi kehrte aus dem russischem Exil zurück, um sich als Kandidat zur Wahl zu stellen. Seine Sechszimmerwohnung in einer Plattenbausiedlung in Kabul besitzt Wasseranschluss und einen Stromgenerator. Der hochdekorierte General mag sich heute an seine Zeit als kommunistischer Funktionär kaum noch erinnern, schon gar nicht an die Gräueltaten, die in seinem Namen begangen wurden.
Doch nicht nur das alte, blutige Afghanistan stellt sich zur Wahl, darunter ist auch das neue, moderne, wie etwa Noorzia Charkhi, eine Journalistin und Mutter dreier Kinder. Sie hat die Unterstützung ihres Mannes, eines Polizeioffiziers, und auch die Ältesten im Dorf sind für sie und gegen die Taliban.
Taliban-Sympathisanten reißen nächtens Charkhis Wahlplakate von den Wänden, den Wahlhelfern zischeln sie zu, wie lächerlich es sei, einer Frau zu dienen. Charkhis dunkles Haar quillt unter dem durchsichtigen cremefarbenen Kopftuch heraus, sie trägt goldenen Ohrschmuck, und ihre goldenen Armreife klimpern, eine Provokation für tiefgläubige, tiefkonservative Muslime. Einer ihrer Konkurrenten ist Maulvi Qalamuddin, er war einmal Chef der Religionspolizei der Taliban.
Afghanistan wählt ein Parlament, und damit ist eigentlich der Bonner Prozess, der vor fast vier Jahren auf dem Petersberg begann, am 18. September abgeschlossen. Das zerstörte Land sollte wiederaufgebaut werden, eine Armee, eine Polizei, eine demokratisch gewählte Regierung und ein Parlament bekommen und dazu zivile Institutionen, die es so nie gab oder die zerstört worden waren.
Selten zuvor hat die internationale Gemeinschaft ein so ehrgeiziges Wiederaufbauprogramm beschlossen. Selten zuvor haben so viele Länder so viele Soldaten, Spezialisten, humanitäre Helfer und höchstrangige Diplomaten entsandt. Um die 3000 ausländische Berater geben sich hier die Klinke in die Hand, rund 2400 Nichtregierungsorganisationen tummeln sich in Afghanistan. Und selten floss so viel Geld - jedes Jahr weit über zwei Milliarden Dollar - in ein nationales Projekt.
Als die afghanische Nordallianz im November 2001 in Kabul einzog, sahen die
Soldaten eine Geisterstadt vor sich, in der von den meisten Gebäuden nur noch zerborstene Gerippe übriggeblieben waren. Heute vibriert Kabul wieder, der Verkehr ist unerträglich, überall wird gehämmert, gemauert und gebaut. Internet-Cafés haben Tag und Nacht geöffnet, es gibt Jeansläden und Bars, in denen Alkohol ausgeschenkt wird - zumindest an Ausländer.
Prostituierte aus China und Russland gehen ihren Geschäften nach, bei offenbar großer Nachfrage. Die meisten Afghanen können sich zwar weder die Fernseher noch die Walkmen leisten, die es in den Geschäftsstraßen der Chicken- und Flower-Street zu kaufen gibt. Aber wer jung und schlau und erfindungsreich ist, ergreift heute, was es vorher nicht gab - die Chance, aus seinem Leben etwas zu machen. Das ist ziemlich viel Fortschritt für eines der ärmsten Länder auf Erden, das dazu eine Analphabetenrate von über 71 Prozent hat.
Man kann es als Fortschritt ansehen, dass Drogenbarone damit beginnen, in Kabul Hochhäuser im saudischen Architekturstil zu errichten, und ihr Geld in den Wirtschaftkreislauf lenken. Das ist besser, als wenn sie noch mehr Waffen kauften und noch mehr Terroristen finanzierten.
Afghanistan ist noch am Anfang des Wiederaufbaus, beileibe nicht am Ende. Der Staatshaushalt besteht zu über 93 Prozent aus internationalen Spendengeldern - über die verfügen am allerwenigsten der Wirtschafts- und der Finanzminister, sondern vor allem die Geberländer. Mangels eigener Einnahmen ist der Präsident der oberste afghanische Bittsteller. Investoren zögern noch, ins Land zu kommen, denn die rund 8500 Soldaten der internationalen Schutztruppe schenken Afghanistan nur punktuell Sicherheit.
Ein starker Präsident kann Hamid Karzai gar nicht sein. Die Einheit des Landes und so viel Frieden wie möglich sind für ihn am allerwichtigsten. Diesen beiden Zielen ordnet er alles andere unter. So vollführt er notgedrungen einen Tanz auf der Rasierklinge. Denn befriedet ist Afghanistan noch lange nicht, der Terrorismus flammt gerade wieder gefährlich auf.
Die Amerikaner, die am Hindukusch noch immer etwa 18 000 Soldaten stationiert haben, erleben ihr blutigstes Jahr seit dem Sturz der Taliban. Rund 80 GIs starben bei Anschlägen und in Kämpfen. 1100 Afghanen - Polizisten, Soldaten, auch fünf Parlamentskandidaten und Geistliche - wurden im gleichen Zeitraum getötet, weil sie sich zur neuen Regierung bekannt hatten. Die Lage ist nicht ganz so aussichtslos wie im Irak, aber vertrackt genug.
Der Norden Afghanistans ist einigermaßen stabil. Den Süden beherrschen dagegen Warlords, die tun, was sie immer getan haben: sich nicht um Kabul scheren. Die Taliban, dazu al-Qaida und Getreue Hekmatjars bewegen sich hier wie Fische im Wasser, in Provinzen wie Zabul, Oruzgan, Helmand oder Paktika.
Die Terroristen kommen auf Motorrädern aus den afghanischen Bergen, sie verüben Anschläge und ziehen sich wieder zurück. Ihr Ziel ist es, den Aufbau zu stören und die Fremden aus dem Land zu treiben. Aber warum können sie so frei operieren, und wer lässt sie gewähren?
Pakistan gerät immer wieder in Verdacht, wenn es um Terrorismus geht. Präsident Pervez Musharraf nutzte die Chance nach dem 11. September 2001, sein Land aus der Isolation zu manövrieren. Er stellt sich seither als zuverlässiger Verbündeter des Westens im Kampf gegen den Terrorismus dar. Gern erzählt er, wie sich seine Soldaten - 80 000 Mann - mühsam durch die unzugänglichen Stammesgebiete von Waziristan und Belutschistan schlagen, Terrorzellen aufspüren und das Einsickern von Terroristen nach Afghanistan verhindern (siehe SPIEGEL 22/2005).
Im Westen hat allerdings das Rätselraten, wie weit Musharraf eigentlich Herr im eigenen Land ist und wie weit der Geheimdienst ISI ein Eigenleben führt, nie ganz aufgehört. Der bedeutendste religiöse Führer Pakistans, Maulana Fazlur Rehman, behauptete vor kurzem öffentlich, dass Musharraf die Amerikaner und den Westen mit seiner angeblichen Anti-Terror-Politik "täusche": Die Regierung selbst helfe, die Dschihadis von Waziristan via Kaali Sarak über die Grenze zu transportieren. So hat es Pakistan damals gehalten, als der ISI den Taliban dabei half, die Macht in Kabul zu ergreifen.
Kein Wunder, dass sie drüben in Kabul glauben, Musharraf betreibe entweder freiwillig oder unfreiwillig ein Doppelspiel. Der Grund dafür, so sieht es ein Berater Karzais, liegt in der neuen geostrategischen Lage, wie sie sich dem Präsidenten Pakistans darbietet: Amerika hofiert seit kurzem Indien, Pakistans Erzfeind, und widmet sich Afghanistan auf unabsehbare Zeit. Für Pakistan ist aber Afghanistan von jeher Spielmasse, ein Hinterland, das sich direkt oder indirekt beherrschen lässt.
Wer in Kabul regiert und in den Bergen des Hindukusch das Sagen hat, würde Islamabad sich gern weiterhin vorbehalten. Ohne Afghanistan steht Pakistan allein da. Die neue strategische Lage bringe, meint der Karzai-Berater, für Musharraf doppelten Bedeutungsverlust mit sich: weltpolitisch durch den Aufstieg Indiens, regional durch die Konsolidierung Afghanistans - wenn es denn dabei bleibt.
Im vergangenen September traf George W. Bush in New York Musharraf gemeinsam mit Karzai. Damals stand Afghanistan vor der Präsidentenwahl. Bush machte klar, Amerika werde Störungen im demokratischen Prozess durch Terror nicht hinnehmen. Danach verlief die Wahl friedlich. Diesmal ist es anders, diesmal nimmt die Zahl der Anschläge sogar zu.
Wieder Rätselraten: Hat Musharraf an Einfluss verloren, oder nutzt er ihn nicht? Und warum interveniert Bush jetzt nicht?
In Jakhakhel in Paktika begleiten an diesem Nachmittag zehn bewaffnete Bodyguards den Talib Faiz Mohammed Faizan in die örtliche Koranschule. Faizan war einmal
stellvertretender Handelsminister der Gotteskrieger. Heute will er sich mit Gailani treffen und über eine Zusammenarbeit mit den Terroristen verhandeln - so weit sei man doch nicht auseinander, oder?
Man trinkt Tee, man tauscht Höflichkeiten aus. Faizan erzählt von den Brüdern in den Bergen Pakistans, sie seien wütend, dass sie ihre Dörfer verlassen und fliehen müssten vor den Amerikanern. Die Taliban würden gehetzt und gejagt.
In der Region um Miram Shah in Nord-Waziristan - sie gilt als Rückzugsgebiet der Taliban - seien jetzt Dschihadis versammelt, darunter Tschetschenen und Araber, aber auch Kriminelle und Drogensüchtige, die für Geld alles machten. 200 bis 300 Dollar erhielten sie für einen Einsatz in Afghanistan, sie würden Minen in den Straßen legen und sie zünden, sobald Ausländer in ihren Fahrzeugen sich näherten.
Gailani bietet Faizan eine herausgehobene Position in seiner Partei an, der Nationalen Solidaritätsbewegung. Er fragt, ob seine Brüder nicht Frieden machen und nach Afghanistan zurückkehren wollten. Faizan sagt, er sei nicht an einer Zusammenarbeit mit Karzai interessiert, aber man könne ja in Kontakt bleiben.
Es war ein langer Tag in Paktika, Gailani isst jetzt noch im Gehöft eines Freundes zu Abend, heißen Kebab mit süßen Nudeln. Ein armer Bauer erscheint und bittet den heiligen Mann um etwas, was seine Frau heilen könnte, sie leide an starkem Kopfschmerz. Gailani setzt die Wasserflasche ab, aus der er eben noch getrunken hat, und reicht sie dem Mann. Der nimmt das Geschenk dankbar entgegen und entfernt sich unter Verbeugungen.
Dieses Leben, dieses Afghanistan ist wohl nur im Glauben auszuhalten, dass es trotz allem besser werden wird. SUSANNE KOELBL