FORSCHUNG
Bleiches Erwachen
Fast an jedem Arbeitstag in seinem Labor betäubt der Biochemiker Robert P. Geyer zwei oder drei weiße Ratten mit Äther. Sodann läßt er durch einen Schlauch am Schwanz eine milchig schimmernde Flüssigkeit in ihre Adern rinnen. Gleichzeitig wird das natürliche Blut über die Halsvene abgezapft.
Zusehends weicht daraufhin, zuerst an den Extremitäten, die rosig-lebfrische Farbe aus den Versuchstieren, ein geisterhaftes Weiß breitet sich aus. Doch die Tiere atmen wie vorher, und nach zwei Stunden wachen sie wieder auf.
35 Versuchsratten haben in Geyers Labor an der Harvard University in Boston die Prozedur überstanden: Erstmals ließ sich im Tierversuch Blut restlos durch ein Kunstprodukt ersetzen. Die Tiere, in deren Adern ausschließlich eine Emulsion aus Fluorkohlenstoffen und mehrwertigen Alkoholen wie etwa Glyzerin kreiste, lebten damit normal weiter, bis ihr Organismus (nach etwa sieben Tagen) wieder genügend eigenes Blut gebildet hatte.
Schon seit fünf Jahren sucht die Bostoner Forschergruppe nach totalem Blut-Ersatz. Und schon seit geraumer Zeit gilt die Aufmerksamkeit der amerikanischen (wie auch deutscher und japanischer) Wissenschaftler den Fluorkohlenstoffen: hochgradig hitzebeständigen und chemisch trägen ("inerten") Substanzen, die sich bislang vor allem als Bratpfannenbelag bewährt haben.
Als Transporteure für Sauerstoff -- beziehungsweise auf dem Rückweg zur Lunge Kohlendioxid -- kamen die halborganischen Verbindungen in Betracht, weil sie eine besondere Fähigkeit besitzen, gelöste Gase in großen Mengen zu absorbieren. Die Emulsionszusätze (zum Beispiel Glyzerin) dienen dazu, die Fluorkohlenstoff-Partikel so fein zu verteilen, daß sie auch noch die engsten Blutgefäße ungehindert durchströmen.
Bislang ist es bei höheren Säugetieren, etwa bei Affen, erst gelungen, bis zu 80 Prozent der Blutmenge durch das künstliche Substrat zu ersetzen. Über den Einsatz des Kunst-Blutes bei Menschen äußerte sich Biochemiker Geyer, als er letzte Woche seinen Ratten-Erfolg meldete, noch zurückhaltend.
Dabei käme den Medizinern ein vollwertiges chemisches Hilfsprodukt anstelle von konserviertem Spenderblut durchaus gelegen. Blutkonserven bergen, abgesehen von ihrer begrenzten Haltbarkeit, die Gefahr. daß mit ihnen Krankheitserreger übertragen werden, die eine Leberentzündung (Hepatitis) auslösen.
Zudem kann der Bedarf an Austauschblut schon kaum mehr gedeckt werden. Immer mehr Verkehrsunfälle und verbesserte Operationstechniken erhöhen die Nachfrage. Für jede Operation mit der Herz-Lungen-Maschine beispielsweise müssen sechs bis acht Liter Spenderblut bereitstehen.
Kunst-Blut böte auch noch den Vorteil, daß die Probleme der Verträglichkeit verschiedener Blutgruppen und -untergruppen entfielen. Andererseits könnte es auch dazu benutzt werden, Organe, die zur Überpflanzung bestimmt sind, für einen längeren Zeitraum mit Sauerstoff zu versorgen und am Leben zu erhalten, bis der passende Organempfänger gefunden ist.
Für vollkommen hält Blutforscher Geyer, dessen Experimente schon mehr als eine halbe Million Dollar kosteten, seinen milchigen Lebenssaft indes noch nicht. Hauptnachteil: Die Fluorkohlenstoffe werden, wenn sie als Blut-Ersatz ausgedient haben, nur sehr langsam im Körper abgebaut; schädliche Langzeitwirkungen, die daraus folgen könnten, sind noch nicht abzusehen.
Überdies möchten die Wissenschaftler ihrem Retortenblut noch einen Gerinnungsfaktor zusetzen -- ohne ihn würde ein "Kunstblütiger" durch eine offene Wunde buchstäblich leerlaufen.
So verknüpfte Geyer seine jüngste Erfolgsmeldung mit einer Bemerkung, die statt Wissenschaftler-Hybris eher Bescheidenheit ausdrückt. "Je länger wir uns mit diesem höchst komplexen Stoff befassen, der durch menschliche Adern rinnt", meinte der Professor, "desto mehr versetzt er uns in Staunen."