Garten der Angst
Man könnte die Buchmesse als Zoo verstehen. Einer derer, die jedes Jahr kommen, deutet die fünf Tage von Frankfurt so, ein schönes Bild.
Da streifen die Königstiger durchs Gehege, alt geworden, stolz geblieben, Veteranen wie Verleger Michael Krüger; es gibt die Pfauen, das sind Kritiker, die glauben, dass nichts funktionierte, wären sie nicht dabei; der König der Löwen ist Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen"; und Lektoren und Pressesprecher sind Gazellen und Gämsen und die Agenten ein Rudel Hyänen.
Ach, und die Bücher: Die Bücher sind das Futter, Heu für die meisten und für den König der Löwen frisches Fleisch. Die Autoren jedoch: Was sind die Autoren? Wenn Wolfgang Schmidbauer recht hat, sind die Autoren kleine Haie.
7223 Aussteller präsentieren auf 168 790 Quadratmetern, Stand neben Stand in Halle neben Halle, 104 231 neue und 276 424 alte Bücher, und diese Welt betritt nun der Dichter oder die Dichterin, die New Yorkerin Nicole Krauss zum Beispiel, die bis kurz vor der Messe vor ihrem Computer saß und nun hören will, wie gut sie ist. Und diese Dichterin, für Augenblicke des Ruhms "Autorin am Stand", redet über ihre Arbeit, "Die Geschichte der Liebe", und die Messemenschen ziehen vorbei, hin und wieder bleibt einer stehen, und keiner erreicht keinen. "Es ist schwierig, hier nicht eingeschüchtert zu sein, es kann Gift für deine Arbeit sein", sagt Nicole Krauss. Denn alle wollen Bücher verkaufen, doch wenige wollen sie lesen, es ist ein ständiges Raunen und Rauschen.
Nicole Krauss trägt silberfarbene Schuhe, eine graue Strickjacke, sie sagt, wenn heute James Joyce "Ulysses" präsentieren müsste, stünde das Buch hinten links in der Ecke, und die Leute gingen vorbei. Sie sagt, dass das Einzige, was helfe gegen die Angst vor der Messe, ein Tunnelblick sei.
Die Autorin, der Autor ein Hai? Das Buch der Messe sollte Ingo Schulzes "Neue Leben" werden, doch das Werk ist sperrig, es gilt als ordentlich, doch das Buch der Messe ist es nicht. Vielleicht hat das Buch der Messe ja Wolfgang Schmidbauer geschrieben. Wolfgang Schmidbauers Buch heißt "Lebensgefühl Angst".
Es ist Mittwochabend, 17.30 Uhr, Halle 3.1, Stand L 110, rot ist der Teppich, rot sind die Hocker für das Publikum, vorn ist ein rundes Podium aus hellem Holz, und darauf stehen zwei Stühle. Der Verleger, Manuel Herder, trägt Dreiteiler und Brille, und der Autor, Wolfgang Schmidbauer, trägt schwarze Laufschuhe, blaue Socken, graue Jeans, ein rotes Hemd und einen blauen Pullover, er hat in alle Richtungen stehende weiße Haare, und meistens lacht er mit weit offenem Mund.
Wolfgang Schmidbauer, Psychotherapeut, hat das Hai-Syndrom erfunden, er meint damit, dass der Mensch in der Industriegesellschaft oder der Autor auf der Messe zum Vorwärtsstreben verdammt sei - wie Hochseehaie, Fische, die nicht auf der Stelle verharren können, weil sie nur durch Bewegung überleben. "Es ist diese Angst vor Verschlechterung, wenn ich mich nicht ständig verbessere", sagt Schmidbauer.
Eigentlich spricht er von Deutschland. Er spricht vom deutschen Zustand, dem deutschen Gefühl: German Angst.
Angst, sagt Schmidbauer, ist nicht automatisch gefährlich, weil Angst zu überleben hilft. In Deutschland aber werde Angst ziemlich schnell "lebensschädigend, einschränkend, neurotisch", denn die deutsche Angst tarnt sich, sie tritt als Bluthochdruck auf oder als Kopfschmerz. "Wenn der Jäger und Sammler morgens aufwacht, hat er Hunger und weiß, was er dagegen tun muss", sagt Schmidbauer, "wenn der Mensch in der Industriegesellschaft aufwacht, hat er Angst und muss ausharren." Darum sehen die Messemenschen und die Menschen im Land so ernst und bedrückt aus, es ist, das sagt der besorgte Therapeut, "die ständige Sorge, in die uns unser Reichtum versetzt".
Schmidbauer, der an Reiseangst leidet und mit der Eisenbahn dagegen anfährt, hat Angst, den Zug nach München zu verpassen. Aber er hat bloß Datum und Uhrzeit verwechselt, 19. 10. steht auf dem Ticket und nicht 19.10 Uhr, er hat noch eine halbe Stunde Zeit für ein Bier aus der Flasche und ein Gespräch.
Schmidbauer glaubt, dass das Land, das nicht SPD und nicht CDU und damit am Ende beide gewählt hat, ein manisches Bedürfnis nach permanenter Abwehr hat, dass dieses Land so gar nicht gelassen ist, obwohl es allen Grund zur Gelassenheit hätte.
Seit dem Zweiten Weltkrieg fehle es an strukturbildender Identifizierung, an Sicherheit, "und deshalb orientieren wir uns an Werten, die künstlich und nicht belastbar sind: Wir sind Papst, wir sind Weltmeister, du bist Deutschland". Er ist nur für ein paar Stunden hier, er will nun heim.
Schmidbauer sagt noch, er spricht jetzt wieder von der Buchmesse und der Angst der Autoren: "Es gibt so viele andere hier, und alle sind genauso wichtig."
Und alles ist so bedeutend. So perfekt. All diese Reize. Die Menschen. Der Stress. Die Angst. Die Autorin Nicole Krauss ist schwanger, sie darf sich verabschieden. Sie hat ein gutes Buch dabei, sie will ins Bett. Und lesen. KLAUS BRINKBÄUMER