Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

SYNAGOGEN-SCHÄNDUNGDie Nacht von Köln

Ein soeben alarmierter Funkstreifenwagen der Kölner Polizei rollte in der Heiligen Nacht an die Synagoge in der Roonstraße heran, und die zwei Insassen sahen das Unglaubliche. Kalkigweiß leuchtete vom Mauerwerk des Gotteshauses eine Inschrift: "Deutsche fordern Juden raus."
Das Geschmiere am Sockel der Synagoge, die erst am 17. Elul 5719 - dem 20. September 1959 - geweiht worden war, wurde zum innenpolitischen Thema des ausgehenden Jahres. Kommentare dazu beherrschten die aktuellen Fernsehsendungen an den zeitungslosen Weihnachtstagen - der nordrhein-westfälische Innenminister Dufhues trat deswegen dreimal vor die Fernsehkameras -, und die letzten Zeitungsschlagzeilen von 1959 beschäftigten sich mit den Folgen des Frevels am Haus des ältesten jüdischen Kulturzentrums auf deutschem Boden*.
Als der Funkstreifenwagen vor der Synagoge eingetroffen war und der Streifenführer über Sprechfunk Verbindung mit dem Polizeipräsidium aufnahm, um Verstärkung anzufordern, schien unverhoffte Hilfe durch eine zivile Limousine zu kommen. Der einsame Fahrer kurbelte das Seitenfenster herunter und wies die Beamten auf einen Lieferwagen in der nahegelegenen Schmalbeinstraße hin, der ihm verdächtig erschien, weil er zu so später Stunde - 2.40 Uhr - noch entladen worden sei. Willig folgte die Besatzung des Wagens diesem Hinweis aus der Bevölkerung. Ergebnis längerer Ermittlungen: Weder am angegebenen Ort noch in der Umgebung war eine Spur nächtlicher Tätigkeit zu entdecken.
Als der Wagen zum Tatort zurückjagte, hatten die Frevler, die sich im Gebüsch des gegenüberliegenden Rathenauplatzes versteckt gehalten hatten, die Zeit genutzt und ihr Werk vollendet. Zu den weißen Inschriften waren weitere Schmähungen in roter Farbe und etliche Hakenkreuze gekommen. Auch Haus- und Türschilder an der Synagoge waren nun mit roter Farbe besudelt. Dazu später die Täter bei ihrer polizeilichen Vernehmung: "Wir wurden einige Male gestört. Gegen drei Uhr waren wir fertig. Wir gingen nach Hause."
Der erste Alarm war von dem Primaner Klaus Rath ausgelöst worden, der mit Mutter und Großmutter nach dem Besuch der Christmette die noch feuchte Inschrift am Synagogen-Sockel entdeckt hatte. Mit praktischem Bürgersinn schlug die Großmutter vor: "Laßt uns das wegwischen." Indes, das Malerweiß war mit Papier nicht zu entfernen. Obwohl der Gabentisch zu Hause auf ihn wartete, alarmierte Klaus Rath die Polizei. Der amtliche Versuch, noch vor Anbruch des ersten,Weihnachtsfeiertags die Schmähschrift zu entfernen, scheiterte.. Männer des stadtkölnischen Fuhrparks waren schon am Werke, die Provokationen abzuwaschen, als dem Führer des Polizeibegleitkommandos plötzlich Bedenken kamen, auf eigene Verantwortung einen Frevel ohne Einwilligung des Verletzten zu tilgen. Er klingelte also den Hausherrn, Gemeinderabbiner Dr. Zvi Asaria (vor Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft: Hermann Helfgott), 46, aus dem Bett und erstattete ihm über die Haus -Sprechanlage Meldung. Der Geistliche bewältigte die drei Etagen von seiner Privatwohnung im Synagogen-Anbau mit dem Fahrstuhl und gebot, mit den Säuberungsarbeiten unverzüglich einzuhalten: "Das will ich mir erst anschauen."
Was er sehen mußte, dünkte ihn so schwerwiegend, daß er beschloß, nicht eigenmächtig zu handeln und den Tatort einstweilen unverändert zu lassen. Der Rabbiner wollte sich erst mit dem stellvertretenden Vorstand der Kölner Synagogen-Gemeinde, dem SPD-Stadtverordneten Sally Keßler, beraten.
Der Kommunalpolitiker verbrachte die Feiertage jedoch fern von Köln in der Abgeschiedenheit des Bergischen Landes, so daß es bis zum späten Abend des ersten Weihnachtsfeiertages (Freitag) dauerte, ehe Keßler, durch eine Sondersendung des Deutschen Fernsehens alarmiert, in der Kölner Synagoge ankam.
Gegen 23 Uhr verständigte Keßler das Polizeipräsidium von dem Ergebnis seiner Beratungen mit dem Gemeinderabbiner: Die Sudelei dürfe entfernt werden, allerdings erst nach dem Sabbat, der nach jüdischem Ritus an diesem Freitag, 45 Minuten vor Sonnenuntergang, also lange vor Keßlers Anruf im Polizeipräsidium, begonnen hatte und bis Sonnabendnachmittag, 17.15 Uhr, dauern würde. Der Sabbat schreibt für Strenggläubige strikte Arbeitsruhe vor.
Daß diese Sabbat-Bestimmung auch dann gelten soll, wenn nichtjüdische Arbeitskräfte mit maschinellen Hilfsmitteln - Sandstrahlgebläsen - einem Vergehen nach Paragraph 166 des Strafgesetzbuches (Beschimpfung einer "im Staate bestehenden Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechtes") ein Ende setzen, dafür beruft sich der Rabbiner auf die Heilige Schrift. In den Zehn Geboten (Exodus 20.10) steht*: "Aber der siebente Tag ist Feiertag dem ewigen deinem Gott, da sollst du keinerlei Werk verrichten, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh, und dein Fremder, der in deinen Toren."
Als der Sabbat am zweiten Weihnachtstag um 17.15 Uhr vorüber war, hatten sich die weißen und roten Farben vom Heiligen Abend mit dem Mauerwerk des Synagogensockels derart innig verbunden; daß selbst ein Sandstrahlgebläse die Inschrift nur mangelhaft zu tilgen vermochte. Sogar fünf Tage nach der Tat waren einzelne Worte noch deutlich zu lesen - ein Umstand, der den Rabbiner schon deswegen nicht sonderlich bedrückte, weil ihm in Telegrammen von Glaubensbrüdern aus dem Ausland ohnehin geraten worden war, die Sudeleien als Menetekel eine Zeitlang stehen zu lassen. Die Kunde hatte sich mit Windeseile um die Welt verbreitet. Die Gattin Zvi Asarias rief erregt aus Tel Aviv in Köln an und beschwor ihren Mann, Deutschland sofort zu verlassen.
Während man die Untat an der Synagoge rasch entdeckte, doch spät beseitigte, wurde ein anderer Frevel derselben Täter spät entdeckt, doch rasch beseitigt: bevor die Frevler sich mit weißer und roter Farbe an den Tempel heranmachten, hatten sie nämlich über einer Grabplatte für sieben prominente Opfer der Gestapo einen Topf schwarzer Lackfarbe ausgegossen und dadurch die Inschrift ausgelöscht: "Dieses Mal erinnere an Deutschlands schmachvollste Zeit 1933-1945."
Der Stadtverordnete Keßler, das einzige jüdische Mitglied der Stadtvertretung, hatte 1957 im Kölner Stadtparlament beantragt, dieses Grabmal als "Stein des Anstoßes", nämlich Ausdruck einer Kollektivschuld, zu entfernen und durch "ein wirkliches Ehrenmal im Sinne unserer Opfer" zu ersetzen. Keßler drang damit nicht durch. Obwohl dieses Denkmal an der Kölner Hauptverkehrsader, dem Ring, liegt und der leere Farbtopf ostentativ davor stehengelassen wurde, blieb die Grabschändung 18 Stunden lang unentdeckt. Auch diesmal wieder erhielt die Polizei einen Hinweis aus der Bevölkerung.
Sei es durch die Fingerabdrücke an diesem Farbtopf, sei es durch die nun vollständige Farbkombination, schwarz und weiß-rot - jedenfalls faßte die Kölner Kripo in Rekordzeit die Täter: zwei Jungmannen aus den Reihen der schwarzweißroten Deutschen Reichspartei. DRP-Kamerad Arnold Strunk, 25, Bäckergeselle, wurde am ersten Weihnachtstag gegen 17 Uhr in seiner Wohnung im Hause Brüsseler Platz 19, DRP-Kamerad Paul Josef Schönen, 25, kaufmännischer Angestellter, um 18.30 Uhr in einem grünen Volkswagen auf offener Straße festgenommen.
Der Wagen gehörte Vater Schönen, einem ehrbaren Druckereibesitzer, der Druckaufträge der Synagogengemeinde ausführte und auch Hauswirt des Mittäters Strunk ist. Er hat sich inzwischen von Sohn und Mieter losgesagt.
Für die Glanzleistung der Kölner Kripo, die binnen weniger Stunden aus Zehntausenden registrierter Fingerabdrücke die Kapillar-Linien der beiden Anstreicher herausgefunden haben will (beide sind vorbestraft und werden deswegen in der Kartei geführt) - für diese Glanzleistung hat der mit dem kriminalpolizeilichen Erkennungsdienst offenbar gut vertraute stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Reichspartei, Adolf ("Bubi") von Thadden, 38, eine ganz andere Erklärung. Sagt Thadden: "Die Kriminalpolizei hatte im (rund dreißig Mann starken) Kreisverband Köln der Deutschen Reichspartei Gewährsleute."
Thadden stützt diese von der Kölner Kripo entrüstet zurückgewiesene Behauptung auf ein anderes Abenteuer mit der Kölner Polizei. Ein DRP-Kamerad, der ohne Genehmigung, aber unentdeckt Parteiplakate in Köln geklebt hatte, habe eines Tages aus heiterem Himmel einen Strafbefehl über 50 Mark erhalten. Auf die Proteste des wilden Klebers erklärte - laut Thadden - die Polizei, sie wisse von solcher Straftat durch ihre V-Leute bei der DRP.
Am Tag vor Silvester ergab sich, daß die Polizei möglicherweise weder durch Fingerabdrücke noch durch V-Leute der Täter habhaft wurde, sondern durch einen schockierten DRP-Mann.
Bei einer Weihnachtsfeier der Kölner Reichsparteiler am 18. Dezember hatten Schönen und Strunk - in Gegenwart ihres Kreisvorsitzenden Custodis - bramarbasiert, sie wollten Hakenkreuze an die Synagoge malen. Niemand nahm die beiden Angeber, die sich bisweilen auch mit SED-Parteiabzeichen dekorierten, so recht ernst. Selbst einfältigen DRP-Menschen mußte klar sein, daß solche Tat die Existenz der Partei gefährden werde.
Die beiden machten ihre Ankündigung trotzdem wahr, und prompt zog sich das Unheil über ihrer Partei zusammen. Die beiden Missetäter saßen bereits seit Stunden hinter Schloß und Riegel - Schönen hatte bereits gestanden - da hub der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Josef-Hermann Dufhues, vor den Bildschirmen des Deutschen Fernsehens zu einer weihnachtlichen Kriminalshow an: Dufhues setzte für die Ergreifung der - schon gefaßten - Täter eine Belohnung von zehntausend Mark aus.
Der Minister, der seine Parteikarriere seit langem voranzutreiben trachtet, stellte sich während der Feiertage im Fernsehen insgesamt dreimal als erfolgreicher Politiker. Er untersagte Kölns Polizei und Staatsanwaltschaft jede Presseerklärung und hielt statt dessen selber Pressekonferenzen ab.
Der im öffentlichen Auftreten gewandte Innenminister setzte am Montag vergangener Woche beim Landeskriminalamt in Düsseldorf eine Sonderkommission ein, um "... Zusammenhänge aufzuklären, die vielleicht zwischen der Kölner Tat und anderen antisemitischen Vorfällen der letzten Jahre bestehen".
Dufhues hat bereits einmal im letzten Jahr, nämlich im Frühling 1959, zu diesem unverbindlichen Mittel gegriffen, um Aktivität vorzuzeigen. Auch damals hatte Dufhues eine "Sonderkommission" beim Landeskriminalamt gebildet, die etwaige Zusammenhänge zwischen "diesen verschiedenen Vorfällen" feststellen sollte. Die Vorfälle: In der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1959 waren Hakenkreuze auf die Türen der Synagoge und auf einen Gedenkstein gemalt worden.
Dufhues hatte für die Ermittlung der Täter eine Belohnung von zehntausend Mark ausgesetzt. Unter großem Aufwand wurde ein junger Kommunist als dringend verdächtig verhaftet, der erst Monate später in Sachen Synagogenschädung außer Verfolgung gesetzt wurde, weil ihm die Tat schließlich doch nicht nachzuweisen war. Statt dessen wurde er mit einem Verfahren wegen kommunistischer Geheimbündelei bedacht. Der wahre Synagogenschänder ist bis heute unbekannt.
Obgleich Minister Dufhues mit Sonderkommissionen so triste Erfahrungen gemacht hat, ist er nun doch entschlossen, der Deutschen Reichspartei wegen der Kölner Vorfälle den Garaus zu machen. Er hofft, dem Bundesverfassungsgericht diesmal handfestere Argumente für ein Parteiverbot andienen zu können, als es die Bundesregierung vor Jahren konnte.
Am 1. September 1953 hatte das Bundeskabinett schon einmal beschlossen, beim Bundesverfassungsgericht das Verbot der Deutschen Reichspartei zu beantragen. Initiator dieses Antrages war Bundeskanzler Konrad Adenauer gewesen: In einer hannoverschen Wahlrede hatte er verkündet, die DRP sei verfassungsfeindlich.
Für die DRP war Konrad Adenauers Verdammungs-Urteil so kurz vor der Bundestagswahl ein so schweres Handikap, daß sie vor dem Landgericht Hannover eine Einstweilige Verfügung gegen den Kanzler beantragte. Das Gericht untersagte dem Bundeskanzler tatsächlich am 3. September 1953 unter Androhung von Strafe, die DRP als verfassungsfeindlich zu bezeichnen.
Erst im April 1954 stand die Hauptverhandlung wegen der Einstweiligen Verfügung der DRP kontra Adenauer beim Landgericht Hannover an. In dieser Lage kam dem Anwalt des Kanzlers die Idee, zu beantragen, das Gericht möge der DRP die Auflage erteilen, von sich aus ein Feststellungsverfahren auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu betreiben.
Angesichts der Kostspieligkeit eines solchen Verfahrens liegt die Vermutung nahe, daß die Kanzler-Seite an ihren Antrag die Hoffnung knüpfte, der DRP werde es an den nötigen Geldmitteln fehlen. Die Reichsparteiler brachten die erforderlichen Mittel jedoch rasch zusammen und klagten, wie verlangt, selber auf Feststellung ihrer Verfassungsmäßigkeit. Das Gericht beeilte sich ebenfalls und bestimmte den Verhandlungstermin für den Monat Mai. Drei Tage vor dem angesetzten Termin schickte des Kanzlers Staatssekretär Dr. Hans Globke den Münchner Rechtsanwalt Dr. Rudolf Aschenauer, der sich als Verteidiger ehemaliger NS-Größen einen Namen gemacht hat, zu Vergleichsverhandlungen mit der DRP nach Hannover.
Der Vergleich kam zustande: Der Kanzler verzichtete auf eine Feststellung der Verfassungswidrigkeit der DRP, die Reichspartei auf die Einstweilige Verfügung gegen den Kanzler. Die Kosten wurden geteilt.
Damit war nun für Konrad Adenauer die Peinlichkeit ausgestanden, vor Gericht öffentlich zugeben zu müssen, daß er keinerlei Beweise für die von ihm behauptete Verfassungswidrigkeit der DRP besitze. Aber die Reichspartei war nach wie vor von der in Bonn inzwischen beschlossenen Karlsruher Verfassungsklage bedroht. Zur Vorbeugung tüftelten die Reichsparteiler nun einen Beschluß aus, den sie in die Parteisatzung aufnahmen:
- "Wer als Mitglied der DRP Bestrebungen unternimmt oder fördert, die gegen die im Grundgesetz festgelegten Grundrechte demokratischer Ordnung verstoßen, wird ... aus der Partei ausgestoßen."
Der Bundesinnenminister - inzwischen hatte Dr. Gerhard Schröder den Robert Lehr abgelöst - reagierte prompt:
- "... teile ich mit, daß ich nach der bisherigen Entwicklung in der DRP davon Abstand nehme, einen Antrag gemäß Art. 21 GG gegen die DRP an das Bundesverfassungsgericht zu richten, solange sich die DRP an die .. . gefaßten Beschlüsse und Richtlinien hält."
Jetzt, fünf Jahre nach diesem faulen Kompromiß, hat Bundesinnenminister Gerhard Schröder, von Dufhues überrundet, seine Verfassungsschutzämter angewiesen, die Tätigkeit der DRP daraufhin zu überprüfen, ob nun nicht doch ein Verbotsantrag beim Karlsruher Bundesverfassungsgericht gestellt werden kann.
NRW-Innenminister Dufhues war indes nicht geneigt, sich von Gerhard Schröder an Tatkraft übertreffen zu lassen. Für ihn bedurfte es nicht erst umständlicher Überprüfungen, um den in seinem Haus versammelten Journalisten zu erklären, es sei "heute schon mit Sicherheit anzunehmen, daß maßgebende Persönlichkeiten der Kölner DRP von dieser Schmier-Aktion vorher gewußt haben".
Tatsächlich waren inzwischen vier Führungskräfte der knapp drei Dutzend Mann starken Kölner DRP vorläufig festgenommen worden. Der vierte, nämlich der Vorsitzende des Krefsverbandes Köln der Deutschen Reichspartei, Ernst Custodis, 41, wurde unter dem dringenden Verdacht der Beihilfe an der Synagogenschändung in Haft genommen.
Trotz seines hohen Parteiamtes ist Custodis der dienstjüngste DRP-Kamerad in Köln und Umgebung. Der frühere Schneidergeselle Custodis, der als Landser bei Smolensk durch Schrapnell-Splitter eine partielle Lähmung der linken Hand davontrug, hat für Ehefrau und Kinder zu sorgen, die von ihm getrennt leben, außerdem für seine jetzige Lebensgefährtin und deren Nachkommen sowie für seine Mutter, die bei ihm in dem nicht sonderlich gepflegten dritten Stock der Kölner Altbauwohnung Lütticher Straße 12 lebt.
Nachdem er Anfang letzten Jahres seine Stellung als kaufmännischer Angestellter der Knapsack-Griesheim-AG wegen seiner familiären Verhältnisse verloren hatte, war er arbeitslos, bis er Ende vergangenen Jahres bei einem gutkatholischen Unternehmen sein Auskommen fand. Auch hier endete seine Tätigkeit abrupt kurz vor Weihnachten, da sein illegitimes Zusammenleben ruchbar geworden war. Den Arbeitslosen Custodis, der sich bis dahin parteipolitisch nicht betätigt hatte, trieb es am 28. Oktober 1959 in das kleine Häuflein der Kölner DRP-Kameraden.
Neuling Custodis wurde, da er nichts Besseres zu tun hatte, unverzüglich ins höchste Parteiamt der DRP in der drittgrößten Stadt der Bundesrepublik berufen - als achter Kreisvorsitzender innerhalb kurzer Zeit. Am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags, 20 Stunden nach dem Anschlag auf die Synagoge, kam es zu einer erregten Auseinandersetzung in der Wohnküche des Custodis, die wie üblich nach Herausräumen des Kinderställchens der jüngsten Sprößlinge zum Beratungszimmer der Kölner DRP-Führung geworden war.
Die Synagogen-Schändung - im Kölner DRP-Jargon "Judenfrage" - wurde erörtert, bis Custodis wachsbleich aufsprang und mit Enthüllungen vor der Presse drohte. Ein DRP-Kamerad namens Bieber meldete sich aus der Küchenecke und schrie: "Stille, Mensch, halt die Schnauze!"
Auf präzise Fragen der Kameraden, ob Custodis etwa die Täter bei der Polizei angezeigt habe, konnte sich der Kreisvorsitzende weder zu einem Ja noch zu einem Nein durchringen.
Der DRP-Vorsitzende Meinberg hat den ganzen Kölner Kreisverband wegen antisemitischer Tendenzen umgehend aufgelöst.
Geschickt hatte die DRP vor einiger Zeit einen Notstandsparagraphen in die Parteisatzung eingebaut, dessen Nützlichkeit sich jetzt im Fall Köln erwiesen hat.
Der Paragraph 15 lautet: "Liegen ernsthafte Anlässe für die Annahme vor, daß eine Aktion unter Mitwirkung von Parteimitgliedern versucht wird, durch die die Partei im Sinnne einer ihren Grundsätzen widersprechenden Richtung beeinflußt werden soll, oder ihre Organisation unter die Vormundschaft parteifremder Elemente gebracht werden soll, dann kann die Parteileitung den Zustand des organisatorischen Notstandes ausdrücklich feststellen. In plötzlich auftretenden Fällen, in denen eine sofortige Maßnahme zur Abwendung einer öffentlichen Gefahr für den Bestand der Partei notwendig erscheint, kann der Partei-Vorsitzende diese Feststellung von sich aus treffen." Der Vorsitzende traf die Feststellung, und innerhalb von vier Wochen muß der DRP -Vorstand nun entscheiden, ob Meinberg angesichts der ministeriellen Verbotsdrohung recht getan hat.
Eine Entschuldigung für Schönen und Strunk fand bisher nur der Hauptbetroffene, der Kölner Gemeinderabbiner Dr. Zvi Asaria. Schon in seinem zur Einweihung der besudelten Synagoge erschienenen Werk "Die Juden in Köln"* hatte er geschrieben: "Während der fünf Jahre, die ich in Köln bin, hat es ja auch hier an Ausschreitungen antisemitischer Art nicht gefehlt ... Aber die Ermittlungen ergaben immer, daß es sich um Kinder oder junge Menschen handelte, die oft keine gute Erziehung genossen haben. Auf Organisationen ist man nirgendwo gestoßen, auch hat man keine einleuchtenden Begründungen geben können." Nach der Synagogen-Schändung lehnte es der Rabbiner ab, eine offizielle Stellungnahme zu geben: "Das ist nicht unsere Aufgabe."
In vertrautem Kreise äußerte er jedoch: "Man fragte mich, was ich mit den beiden jungen Menschen machen würde: Ich hätte sie zum Essen eingeladen und ihnen ins Gewissen geredet, weil ich in diesen jungen Menschen nicht die Urheber sehe."
* Aus einem Erlaß Konstantins des Großen im Jahre 321 n. Chr. geht hervor, daß in Köln noch vor diesem Datum eine jüdische Gemeinde bestanden haben muß.
* "Die 24 Bücher der Heiligen Schrift" in der Übersetzung von Zunz. Viktor Goldschmidt-Verlag, Basel.
* "Die Juden in Köln - von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart", herausgegeben von Dr. Zvi Asaria; Verlag J. P. Bachem, Köln; 1959.
Schänder Schönen, Polizeibeamter: Der Vater sagte sich los
Geschändete Kölner Synagoge: Der Rabbiner vergab
Schänder Strunk
Zusammenhänge?

DER SPIEGEL 1/1960
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.