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DER SPIEGEL

JESUITENHofsprache Deutsch

Seit Papst Johannes XXI II. dem Deutschenfreund Pius XII. auf dem Thron Petri gefolgt ist, bejubeln italienische Kleriker und Antikleriker das Ende der sogenannten Germanokratie - der Herrschaft jener deutschen Jesuiten im Vatikan, die in der Regierungszeit des verstorbenen Papstes als die grauen Eminenzen der katholischen Kirchenzentrale galten. Sie seien, schrieb eine bayrische Zeitung phantasievoll, "so grau, daß in Rom keine Photographien von ihnen zu beschaffen sind"
Deutsche Katholiken hatten Pius XII. in der Tat vielfach als "deutschen Papst" verstanden. So klagte die offizielle "Bayerische Staatszeitung" nach dem Hinscheiden des Pontifex Maximus im Oktober 1958: "Unser Papst ist tot! Wir glauben, daß sich jedes Volk nur darüber freuen kann, wenn es von einer so außerordentlichen Persönlichkeit sagen darf: Auch er war unser."
Westdeutschlands Kleriker zeigten denn auch deutlich ihre Distanz gegenüber dem neuen Papst, der ihnen wegen seiner frankophilen und koexistenzfreundlichen Neigungen suspekt schien. In den letzten Wochen des vergangenen Jahres demonstrierte jedoch Pius-Nachfolger Johannes XXIII., daß er die Interessen des deutschen Katholizismus auf das stärkste zu berücksichtigen weiß. Der Papst versprach nicht nur deutschen Rom-Pilgern, sie im nächsten Jahr kraft neuerworbener Sprachkenntnisse im eigenen Idiom anzusprechen, sondern
- erhöhte die Zahl der deutschen Mitglieder im Heiligen Kardinalskollegium um zwei auf vier Purpurträger,
- beförderte den in Görlitz residierenden deutschen Monsignor Piontek, rechtmäßigen Verwalter des Erzbistums Breslau, zum Bischof und
- ernannte den Jesuitenpater Augustin Bea, Professor des Päpstlichen Bibelinstituts in der Vatikanstadt, zum ersten deutschen Kurienkardinal seit einem Vierteljahrhundert.
Gerade die Beförderung des Paters Bea mußte Eingeweihten offenbaren, daß die sagenhafte Germanokratie keineswegs mit dem Tode von Pius XII. völlig zu Ende gegangen ist. Denn der neue Kurienkardinal Bea zählt seit Jahren zu den führenden Köpfen der Germanokraten, deren Einfluß von den Tagen an datiert, da der junge Nuntius Eugenio Pacelli in der bayrischen Hauptstadt seine Liebe zu Deutschland entdeckte.
"Deutschland war der geistige Katalysator, durch den sich die politische und moralische Persönlichkeit von Papst Pius XII. geformt hat", urteilte die italienische Zeitschrift "Espresso". Und weiter: "Es ist kein Geheimnis, daß während seines Pontifikats Deutsch die offizielle Sprache seiner engeren Umgebung, sozusagen die Hofsprache, war. In dieser Sprache unterhielt er sich mit seinen Vertrauten, in dieser Sprache beichtete er."
Noch in seiner Amtszeit als päpstlicher Nuntius in München während der zwanziger Jahre hatte Pacelli den bayrischen Jesuitenpater Robert Leiber kennengelernt, den Mann, der noch heute als das Haupt der Germanokraten gilt. Pater Leiber, zunächst in München Sprachlehrer des Nuntius, wurde später zum engsten Freund Pacellis, mit dem sich der einstige Nuntius auch noch duzte, als er längst die Tiara des Heiligen Vaters trug.
Als Pacelli 1930 zum Kardinal-Staatssekretär ernannt wurde, folgte ihm Pater Leiber nach Rom und übernahm eine Professur an der Gregoriana, der von Jesuiten geleiteten päpstlichen Universität. Neun Jahre später - nach der Wahl Pacellis zum Papst - avancierte Leiber zum Privatsekretär und auch zum ersten politischen Ratgeber des Heiligen Vaters.
Der Aufstieg des Paters zog eine Anzahl weiterer bayrischer Katholiken nach Rom, unter ihnen Schwester Pasqualina Lehnert die den Posten einer päpstlichen Haushälterin erhielt, ferner die Jesuitenpatres Leopold Hentrich und Joseph Grisar sowie den Alttestamentler Bea, der als Beichtvater des Papstes in den Vatikan einzog. Zu dieser Gruppe stießen später der 1952 verstorbene Pater Ivo Zeiger, dessen Einfluß zeitweilig den des Pater Leiber übertraf, und ein weiterer Jesuit namens Gundlach, der zur Zeit der maßgebliche Vatikan -Experte für soziale Fragen ist.
Der wachsende Einfluß der Germanokraten prallte jedoch bald auf den Widerstand italienischer Kleriker, denen die "deutsche Invasion" am Hofe des Papstes Pius XII. mißfiel. Aus diesem Kreise stammten auch die Indiskretionen, mit denen Italiens antiklerikale Presse nach dem Zweiten Weltkrieg die "Herrschaft der Deutschen in Rom" attackierte. Vor allem dem Pater Leiber wurde unterstellt, vorgeschobener Posten der westdeutschen Außenpolitik und der CDU Konrad Adenauers zu sein.
Dabei wurde jedoch ignoriert, daß die deutschen Vatikan-Jesuiten durchaus nicht immer bereit waren, Westdeutschlands Kanzler und Episkopat vorbehaltlos zu unterstützen. Leiber warnte wiederholt vor dem Lieblingsplan des Kölner Kardinal -Erzbischofs Frings, eine christliche Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen. Der Pater empfahl sogar, die katholische Kirche müsse gegen wirtschafts- und sozialpolitische Konzessionen mit der deutschen Sozialdemokratie ein System staatlich subventionierter katholischer Privatschulen in jenen Bundesländern aushandeln, die Konfessionsschulen grundsätzlich ablehnen.
Unbestreitbar ist freilich, daß die deutschen Jesuiten im Vatikan den Papst Pius XII. zu mancher deutschfreundlichen Geste bestimmt haben. Ihrem Einfluß ist zuzuschreiben, daß
- der Heilige Vater Ende 1944 zu einem Verständigungsfrieden zwischen Deutschland und den Alliierten aufrief,
- der Vatikan als einziger souveräner Staat auch während des alliierten Kontrollrat-Regimes diplomatische Beziehungen zu dem regierungslosen Deutschland unterhielt, und
- der Heilige Stuhl die von den polnischen Katholiken immer wieder geforderte Anerkennung der Oder-Neiße-Linie bisher verweigerte.
Aber schon der Fall des ehemaligen Reichs-Botschafters beim Vatikan, Freiherr von Weizsäcker, im Sommer 1946 zeigte, daß Leiber keineswegs allmächtig war. Leiber konnte sich gegenüber dem deutschfeindlichen Pro-Staatssekretär Montini nicht durchsetzen, der dem ehemaligen Botschafter des Dritten Reichs vorenthielt, was er anderen Achsendiplomaten, wie dem Vichy -Botschafter und dem japanischen Gesandten, gewährte: Schutz vor alliierten Kriegsverbrecher-Tribunalen.
Obwohl die "Deutschenherrschaft im Vatikan" nur geringe Macht hatte, mobilisierten die italienischen Kleriker die laizistisehe Presse gegen die deutschen Berater des Papstes. Sie beeilten sich nach dem Tode von Pius XII., im geheimen Konklave des Kardinalskollegiums ein Oberhaupt zu wählen, dem sie zutrauten, die traditionelle Vorherrschaft italienischer Kleriker in der Vatikanstadt wieder herzustellen.
Papst Johannes XXIII. erfüllte denn auch zunächst die in ihn gesetzten Erwartungen. Er wies den deutschen Privatsekretär seines Vorgängers zurück und schickte auch die deutsche Haushälterin Eugenio Pacellis zunächst wieder ins Kloster; selbst die Kanarienvögel des verstorbenen Papstes, mit deutschen Namen versehen, mußten die allerheiligsten Gemächer verlassen. Außerdem bot der Pontifex seinen italienischen Brüdern wieder größeren Einfluß im Vatikan und erhöhte die Zahl der italienischen Mitglieder des Kardinalskollegiums von 16 auf 29.
Die Stellung der deutschen Jesuiten wurde zudem noch durch den Zustrom französischer Kleriker unterwühlt, den der päpstliche Frankreich-Freund förderte. Unter den Kurienkardinälen saßen nun zwei Franzosen als einzige Nicht-Italiener.
Bald jedoch sah sich der Papst im rheinischen und bayrischen Katholizismus einer Front kühler Zurückhaltung gegenüber, die in der Affäre Papen im Oktober des vergangenen Jahres vollends deutlich wurde. Als der Papst den ehemaligen Vizekanzler und Hitler-Helfer Franz von Papen in seinem Amt als päpstlicher Geheimkämmerer bestätigte, warf der "Rheinische Merkur" unter dem offenkundigen Beifall bundesrepublikanischer Kleriker ärgerlich die Frage auf, "inwieweit das höfische Wesen um den Papst mit seinen ... zum Teil skurrilen Ämtern und Titeln, Gepflogenheiten und Umständlichkeiten, Coterien und Indiskretionen überhaupt noch dem heutigen Selbstverständnis der Kirche entspricht".
Der weltkundige Diplomat auf dem Petri -Stuhl erkannte die Notwendigkeit, die Sympathien der reservierten Germanen durch eine großzügige Geste zu gewinnen. Johannes XXIII. entschloß sich, einen deutschen Geistlichen zum Kurienkardinal zu ernennen. Mit dieser Würde aber wollte er gerade den Mann ausstatten, der bislang als das Haupt der Germanokraten gegolten hatte - Pater Leiber. Doch der ehemalige Privatsekretär von Pius XII. lehnte die ihm angebotene Beförderung ab, nicht wegen des Jesuiten-Gelübdes, keine kirchlichen Würden anzunehmen*, sondern aus seiner eingewurzelten Abneigung gegen öffentliche Ehrungen. So fiel schließlich die Wahl des Papstes auf den Pater Augustin Bea, der Ende Dezember zum Kardinal geweiht wurde. Zugleich ließen Sprecher des Vatikans durchblicken, daß Kardinal Bea auch maßgeblich in die Vorbereitungsarbeiten für das kommende Ökumenische Konzil eingeschaltet werden wird.
Die Gesten des Papstes hatten den gewünschten Erfolg. Lobte der "Rheinische Merkur" besänftigt: "Man wird in Deutschland dem Papst besonderen Dank wissen für die Wahl, die er getroffen hat."
* Da jeder Jesuit dem Papst persönlichen und totalen Gehorsam schwört, darf er keine Rangerhöhung durch den Papst unter Berufung auf das Gelübde gegen kirchliche Ämter ablehnen. Die Annahme eines vom Papst direkt verliehenen Amtes bedarf allerdings einer Sondergenehmigung des Jesuitischen Ordensgenerals.
Papst-Haushalterin Pasqualina Lehnert
Kanarienvögel unerwünscht
Kurienkardinal Bea
Deutsche Jesuiten ...
Pater Leiber
... auf vorgeschobenen Posten

DER SPIEGEL 1/1960
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