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DER SPIEGEL

FRANKREICH / GESCHICHTESchocktherapie

Schicken Sie das Buch an die Academie Francaise. Sie wird Ihnen bestimmt einen Preis geben", schrieb Altdiplomat André Francois-Poncet, ehedem französischer Botschafter in Berlin und Bonn, an den Pariser Journalisten Rene Lauret, dessen jüngstes Deutschland-Buch in Frankreich wie ein Schock empfunden wird.
Lauret hat entdeckt, daß die Geschichtslehrer seines Landes jahrhundertelang einem "substanzlosen Hirngespinst" nachgejagt sind, das sich nur aus Fälschungen, Böswilligkeit und Parteileidenschaft ernährte - dem Hirngespinst des deutschen Erbfeindes.
Bekennt Lauret: "Der lange Streit mit Deutschland, diese unausrottbare Besessenheit von der Gestalt des Erbfeindes - all dies ist falsch."
Lauret, 78 Jahre alt, von 1923 bis 1939 als Korrespondent großer französischer Zeitungen in Berlin tätig, nach dem Zweiten Weltkrieg außenpolitischer Leitartikler des Pariser Weltblatts "Le Monde", zerpflückt in seinem Buch "Unser deutscher Nachbar"* nahezu alle antiquierten Theorien französischer Geschichtislehrer, die bisher das Deutschland-Bild der Franzosen verfälschten.
Wie falsch dieses Bild ist, erläutert Rene Lauret, der selbst elsaß-lothringischer Herkunft ist, am Beispiel Elsaß-Lothringens, das von der französischen Geschichtsforschung zum
Hauptstreitobjekt
zwischen den beiden Ländern erhoben worden ist. "In Wirklichkeit hatten weder Frankreich noch Deutschland Recht auf ein Gebiet, das sowohl von Deutschen wie von Franzosen und Niederländern bevölkert war." Und: "Diese Provinz, die zunächst die Franzosen kaum interessierte, wurde dem (französischen) Königreich allein durch den Willen des Königs angegliedert."
In seinem Buch verficht Lauret eine Reihe schockierender Thesen, die verständlich machen, weshalb sein Werk, das in Kürze auch in Deutschland
erscheinen wird, bisher von Frankreichs größten Zeitungen totgeschwiegen wurde.
- Über die angebliche deutsche Eroberungssucht schreibt Lauret: "Frankreich hat mehr Eroberungen in Deutschland gemacht, als Deutschland in Frankreich ... Frankreich hörte nicht auf, widerrechtlich etwas von seinem Nachbarn zu annektieren. Die einzige deutsche Eroberung ist die Elsaß-Lothringens im Jahre 1870."
- Über die historische Rolle Preußens: "Dieses Preußen erscheint, ungeachtet aller Kritik, ... als einer der wenigen Erfolge der deutschen Geschichte. Wuchs dieses Königreich, dessen Fürsten geduldig, wirtschaftlich, besorgt um strenge Ordnung in ihren Ländern, sich Stück für Stück in einem amorphen Deutschland ausdehnten, nicht nach der Art Roms?"
- Über Bismarck: "Der Eiserne Kanzler - ein Kriegstreiber? Vor 1870 hatte er zwei kleine Kriege geführt, dagegen Napoleon III. drei Feldzüge ... Er war weder ein Militarist noch ein Eroberer, sondern ein Staatsmann mit präzisen Zielen, die er niemals überschritt."
Diese robuste Zertrümmerung liebgewordener französischer Vorurteile entschuldigte die Toulouser Zeitung "La Depeche du Midi" mit der Bemerkung: "Völker brauchen Erinnerungen. Es ist aber gut, wenn sie auch einmal, wie der einzelne, vergessen können." Doch Autor Lauret, Verfasser von
fünf politischen Büchern, dessen Theaterstück "Deutsch-Französisch". 1931 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm von Star-Kritiker Alfred Kerr mit überschwenglichem Lob bedacht wurde, sucht nicht Vergessen, sondern historische Wahrheit.
Für ihn liegt einer der Gründe für das "Wachsen Preußens nach der Art
Roms" nicht in dessen gefühllosem Militärapparat, sondern in der Person des Preußenkönigs Friedrich II. (1740 bis 1786), der "zwischen dem kulturellen und dem politischen Nationalismus" zu unterscheiden vermochte: Der Flötenspieler von Sanssouci, "dieser große Franzose" (Historiker Jules Michelet), hatte mehr französisches als deutsches Blut in den Adern, denn zu seinen Vorfahren zählen dreimal soviel Franzosen wie Deutsche mit illustren Namen.
Aber Lauret fragt: "Können sich die Deutschen darüber freuen, daß einer ihrer größten Könige Franzose ist? Und
die Franzosen, die aus Friedrich II. den zynischen und brutalen Preußen machten, konnten sie eingestehen, daß dieser Preuße einer der Ihren war?"
Germanist Lauret - nach seinem Studium in Leipzig und München paukte er den Schülern eines Gymnasiums in Le Havre die deutsche Sprache ein - findet auch in der Politik des Hohenzollernkaisers Wilhelm II. (1888 bis 1918) neue Aspekte. Für ihn ist der Erste Weltkrieg "kein französisch-deutscher, sondern ein österreichisch-russischer Krieg, in den Deutschland und Frankreich durch ihre Alliierten hineingezogen wurden". Beide Länder hätten 'den Irrtum begangen, gefährliche Verbündete" zu haben.
Im Versailler Friedensvertrag sieht Lauret den "Beginn einer Kette", die geradewegs zum Konflikt mit Polen und damit zum Zweiten Weltkrieg führt: "Dieser Schnitt (der polnische Korridor), der nie von Deutschland anerkannt wurde, verurteilte Frankreich zu einem neuen Krieg mit Deutschland."
Lobte Exbotschafter Francois-Poncet den Autor: "Ich stimme mit 90 Prozent seiner Urteile überein."
* Rene Lauret: "Notre Voisin L'Allemand. Deux Peuples s'affrontent". Nouvelles Editions Latines, Paris; 220 Seiten; 10 NF; Deutsche Ausgabe bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart, vorgesehen.
** Der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire (1694 bis 1778).
Preußenkönig Friedrich II., Freund**: Ein großer Franzose?
Lauret

DER SPIEGEL 21/1961
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