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DER SPIEGEL

FÜHRERSCHEIN-ENTZUGAnzeige genügt

Ein Funkstreifenwagen der Hamburger Polizei lag bei den Elbbrücken auf der Lauer. Als der Lastwagen mit dem Kennzeichen HH - PT 678 in Sicht kam, setzte sich der grünweiße Polizei -Mercedes hinter das Fahrzeug. Lkw-Fahrer Arnold Riege, der das Manöver bemerkt hatte, wurde den Verfolger nicht mehr los.
Auf dem Gemüsegroßmarkt kletterte Riege aus der Fahrerkabine und wurde von der Streifenwagenbesatzung gestellt, die Wagenpapiere und Führerschein zu sehen begehrte. Dann eröffneten ihm die Polizisten: "Es liegt eine Anzeige wegen Trunkenheit am Steuer gegen Sie vor." Und: "Der Führerschein wird einbehalten."
Fernfahrer Riege sah sich seines wichtigsten Papiers plötzlich beraubt, obgleich er stocknüchtern war. Verdattert stieg er in den Streifenwagen um und ließ sich zum Polizeirevier Hamburg -Bergedorf kutschieren, wo seine dunklen Ahnungen bestätigt wurden: Sein Freund Egon Witt hatte ihn verpfiffen.
Arnold Riege sei, so hatte Freund Witt der Bergedorfer Polizei angezeigt, nach dem Genuß von sechs kleinen Flaschen Exportbier und zehn bis 15 Glas Weinbrand im Zustand der Trunkenheit mit seinem Lastwagen von Bergedorf bis zum Gemüsemarkt gefahren. Datum der Anzeige: 1. November 1961. Zeitpunkt des angeblichen Delikts: 21. Oktober, frühmorgens gegen vier Uhr.
Dem Fernfahrer Riege wurde so demonstriert, daß es heute möglich ist, einem Automobilisten auf bloße Anzeige hin im Kurzverfahren den Führerschein abzunehmen, ohne dem Angeschuldigten Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben. Auch der erhebliche Zeitunterschied zwischen Anzeige und Tatzeit machte auf die Polizei keinen Eindruck: Sie gab den Führerschein nicht wieder heraus.
Berufsfahrer Riege, nunmehr ohne Fahrerlaubnis, arbeitet seitdem zu einem wesentlich geringeren Wochenlohn als Fruchtpacker.
Dem Frühstart des Riege vom 21. Oktober war ein gemütliches Beisammensein der Ehepaare Riege und Witt voraufgegangen, das durchaus freundschaftlich begonnen hatte, mit gemeinschaftlichem Amüsement vor dem Riegeschen Fernsehgerät. Nach dem Konsum der vorhandenen Alkoholitäten zogen Arnold Riege und das Ehepaar Witt, in das nahegelegene Gasthaus "Zum Anker".
Gegen zwei Uhr, so erfuhren die Polizisten aus der Anzeige, hatte Egon Witt sich aus dem "Anker" abgesetzt und seine Frau in der Obhut des Riege hinterlassen. Zwei Stunden später, bekundete Riege vor der Polizei, "ging ich mit Frau Witt in meine Wohnung, holte mein Butterbrot und fuhr mit dem Lkw zum Markt".
Ohne Anzeichen von Trunkenheit - so wollen Arbeitgeber und Arbeitskollegen jedenfalls jetzt bezeugen - nahm Fahrer Riege seine Arbeit auf.
Elf Tage später, bei der Vernehmung auf dem Bergedorfer Polizeirevier, fiel dem schlichten Fernfahrer dieses Argument freilich noch nicht ein. Hingegen wichen seine Angaben über die genossene Alkoholmenge von denen seines eifersüchtigen Freundes Witt entscheidend ab.
"Herr Witt und ich haben sechs Flaschen Bier und jeder zwei bis drei Gläser Schnaps getrunken", gab der Denunzierte zu Protokoll. Zudem habe er nur eine halbvolle Dreiviertelliter-Flasche Weinbrand im Hause gehabt. Und im "Anker" habe er nur noch eine Flasche Bier getrunken.
Allein, weder die Polizei noch das Amtsgericht Bergedorf stießen sich an den widersprüchlichen Aussagen. Amtsgerichtsrat Dr. Ernst Kompisch ignorierte auch, daß
- keine Blutuntersuchung auf Alkoholgehalt vorlag,
- die sogenannte Trinkzeit sich auf etwa acht Stunden erstreckt haben muß und
- die Anzeige von einem übelwollenden - eifersüchtigen - Mann stammte.
Entschied Amtsgerichtsrat Kompisch, dem lediglich Witts Anzeige und Rieges Aussage zur Verfügung standen: "Der Beschuldigte hat zur Tatzeit sechs Flaschen Exportbier und zehn Glas Schnaps getrunken." Kompisch bestätigte die vorläufige Entziehung des Führerscheins.
Der einsame Beschluß des Bergedorfer Amtsrichters, am 3. November gefaßt, wurde dem Riege erst am 8. November zugestellt.
Freute sich die Polizei-Pressestelle: "Wir sind da zwischenraus. Das Gericht hat es ja bestätigt." Oberstaatsanwalt Dr. Graf Westarp hingegen, Verkehrsexperte der Hamburger Staatsanwaltschaft, wunderte sich: "Das verstehe ich einfach nicht."
Fernfahrer ohne Führerschein Riege verstand es auch nicht, wollte die Angelegenheit um des ehelichen Friedens willen aber zunächst auf sich beruhen lassen. Erst am 14. November vertraute er sich einem Rechtsbeistand an, der zwei Tage später beim Amtsgericht Bergedorf gegen den Führerschein-Entzug Beschwerde einlegte.
Amtsrichter Kompisch lehnte es jedoch ab, seinen Beschluß zu revidieren, und reichte die Beschwerde in der vergangenen Woche an das Landgericht Hamburg weiter.
Fernfahrer Riege
Rache am zwölften Tag

DER SPIEGEL 49/1961
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