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DER SPIEGEL

In den Lichtschacht

Als der zwölfte und letzte Prozeß in Nürnberg gegen 13 Generale und einen Admiral eröffnet werden sollte, blieb ein Platz leer. Die Angeklagten waren erregt und blaß. Der Gerichtsmarschall erläuterte dem Gericht, einer der Angeklagten liege im Krankenhaus. Um 9.20 Uhr eröffnete der Präsident das Gericht. Um 11 Uhr wurde bekannt, Generaloberst Johannes Blaskowitz habe um 7.30 Uhr einen Selbstmordversuch unternommen und sei um 10.20 Uhr verstorben.
An diesem Morgen waren die Häftlinge nach dem Kaffee wie immer im Gänsemarsch zu ihren Zellen zurückgeleitet worden, als der 64jährige Blaskowitz plötzlich aus der Reihe sprang, mit Hilfe einer Leiter, die ein Maler aufgestellt hatte, das 2,50 m hohe Schutzgitter überstieg und sich in den zentralen Lichthof des Nürnberger Gerichtsgefängnisses stürzte.
Es gibt genug Leute, die glauben, Blaskowitz habe diesen Sprung über das Gitter aus Angst vor Strafe jedenfalls nicht nötig gehabt. Denn in jedem Kriegsverbrecherprozeß der Amerikaner werden auch Angeklagte freigesprochen. Und Blaskowitz gehört nicht in eine Reihe mit Angeklagten wie etwa dem General Reinecke, der als Beisitzer des Freisler-Gerichts nach dem 20. Juli fungiert hat.
Der Sohn des pommerschen Pfarrers Blaskowitz war mit elf Jahren Kadett und mit 19 Jahren Leutnant gewesen. Bis 1919 war er abwechselnd Kriegsakademiker, Generalstäbler und Truppenkommandeur, später Regimentskommandeur, Waffenschulinspekteur und Friedens-Heeresgruppen-OB.
Am Tschechoslowakei-Einmarsch nahm er mit der Heeresgruppe III teil, und in Polen befehligte er eine deutsche Armee, kämpfte bei Kutno, überwarf sich mit dem Polen-Henker Frank und protestierte gegen Judenverfolgungen in Polen.
In Frankreich war er dabei, befehligte auch in Rußland eine Armee und schließlich, unter Rundstedt wieder im Westen, eine Armeegruppe. 1945 war er Oberbefehlshaber in den Niederlanden, nachdem er vorher im Saargebiet und dann am Niederrhein und in Holland Heeresgruppen kommandiert hatte.
Zwischendurch war er mehrmals in der Führerreserve gehalten worden, weil die Spannungen zwischen dem General und Hitler sich immer wieder verschärften.
Rundstedt nannte ihn "einen beweglichen Nationalsozialisten". Zeugen aus den Generalstäben sehen dagegen in Blaskowitz einen Gesinnungsgegner des Nationalsozialismus im Heer. Allerdings soll er weich und außerhalb seiner Generalstabsentscheidungen ohne Entschlußkraft gewesen sein. Zudem gab man ihm keine Bewegungsfreiheit. Er hatte keine feste Truppe, in der er sich einen Stab von Offizieren gleicher Gesinnung hätte aufbauen können. Daraus erklären seine Freunde seine Passivität in der Generals-Konspiration.
Als OB der Niederlande hat er einen günstigen Waffenstillstand für seine Truppe dadurch erzwungen, daß er drohte, weite Gebiete Hollands mit Seewasser überfluten zu lassen statt mit Süßwasser, wie es schon geschehen war. Er konnte darauf seine Truppen nach Ostfriesland in die Internierung führen.
Nach dem Kriege hatte er im Internierungslager Neustadt mit 240 Generalen und Admiralen für die historische Abteilung der amerikanischen Armee zu arbeiten, was aber die Amerikaner nicht hinderte, ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen, vor allem wegen seines Wirkens in Holland.
Einen Tag, nachdem Johannes Blaskowitz in den Lichthof gesprungen war, knüpften die Wachen im Gefängnis Cherche-Midi von Paris den matt atmenden, aber schon besinnungslosen Otto von Stülpnagel von einem Bettzeugstreifen ab, an dem er noch pendelnd hing. Der 70jährige war ein Mann von ungewöhnlichem Ehrgeiz, der als erster Generalstäbler des Heeres im Weltkrieg das Pilotenexamen erwarb und dreimal zum Pour le mérite eingereicht wurde. Seine Generalstabsprüfung wurde als "Vorzüglich" gewertet, und Ludendorff hatte den jungen Oberleutnant in seiner Operationsabteilung um sich.
Später beschäftigte sich Stülpnagel in der Völkerrechtsabteilung des Reichswehrministeriums mit den Forderungen der Entente nach Auslieferung militärischer Führer. Er wurde der Kriegsverbrecherspezialist des ersten Weltkrieges und schrieb "Die Wahrheit über die deutschen Kriegsverbrechen". Fünf Jahre lang widmete er mit Rede und Schrift einer Ehrenrettung des deutschen Kriegsheeres, bis er 1925 bei der Abrüstungskonferenz in Genf eine mehr diplomatische als militärischwissenschaftliche Aufgabe bekam. Er war Landsknechtssitten abhold und schöngeistigen Interessen zugänglich.
1935 ist er bei den ersten, die Görings Luftwaffe aufbauen helfen, nachdem er vorher in nationalsozialistischem Sinne auf Jugendorganisationen eingewirkt hat. Als Militärbefehlshaber in Frankreich von 1940 bis 1942 muß er auf Hitlers Geheiß Geiseln erschießen lassen. Zwar rät ihm sein Stab, Hitlers Befehl nicht auszuführen oder doch durch die Formulierung der Erschießungsbefehle die Verantwortung auf Hitler zu schieben, aber der ehrgeizige General deckt die Befehle mit seinem Namen - "um Schlimmeres zu verhindern".
Deutsche Zeitungen verwechselten ihn jetzt bei seinem Tode mit seinem Vetter Karl-Heinrich von Stülpnagel, seinem Nachfolger auf dem Posten des Militärbefehlshabers in Frankreich. Dieser Karl-Heinrich konspirierte mit den Generalen vom 20. Juli. Auf dem Wege zum Keitel-Rapport schoß er sich bei Verdun eine Kugel in den Kopf. Sein Chauffeur lieferte ihn blind, aber lebend im Feldlazarett ab, wo er in der Operationsnarkose immer wieder den Namen Rommels rief. Der Stabsarzt verständigte das Hauptquartier. Rommel wurde vor die Alternative Selbstmord oder Verhaftung gestellt.
Als der blinde Karl-Heinrich von Stülpnagel nach dem 20. Juli gehängt wurde, blieb von der ganzen alten Potsdamer Soldatenfamilie nur Otto auf freiem Fuß.
Als dieser im Dezember 1946 verhaftet wurde, machte er den ersten Selbstmordversuch. Später ging er Tag für Tag in einem weiten Khaki-Mantel ruhelos in seiner Pariser Zelle auf und ab.
Die Wachen waren unablässig vor dem Guckloch seiner Zelle. Doch paßte er den Augenblick ab, um sich durch einen Sprung von seiner Pritsche in der am Fensterhaken befestigten Wäscheschlinge selbst den Hals zu brechen.
Seine deutschen Generalsfreunde nennen ihn ein letztes Opfer Hitlers, auf dessen Befehl er die Pariser Exekutionsbefehle unterzeichnet habe. Auch Paris weiß, daß der stillschweigende Stülpnagel-Wechsel, den ein Teil der deutschen Oeffentlichkeit erst lange nach dem Vollzug begriff, auf Kontroversen Ottos mit Hitler zurückging. Trotzdem aber schreibt die Pariser Presse in bitterer Erinnerung an hunderte toter Geiseln in Paris, Nantes, Bordeaux und Chateaubriand von dem "Henker von Paris", der sich einem wohlverdienten Schicksal selbst entzogen habe, ....

DER SPIEGEL 7/1948
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