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DER SPIEGEL

ARCHITEKTURKopfloser Frühling

Goldschmiede und Juwelenhändler auf dem Ponte Vecchio sind in Aufregung. Im Florentiner Stadtparlament wird eine dringende Anfrage eingebracht. Der kommunistische Bürgermeister von Florenz läßt Fachleute aus Mailand und Rom kommen.
Am Arno-Ufer betrachten Menschen mit Ferngläsern die plötzlich entstandenen zwei langen Risse in einem der Bogen des Vecchio. Die Risse sind drei bis vier Meter lang. Um fast 20 Zentimeter hat sich die Außenwand des Ganges geneigt, der über den Läden der Goldhändler liegt und die Uffizien diesseits des Arno mit der anderen berühmten Florentiner Gemäldesammlung, der Pitti-Galerie auf dem jenseitigen Ufer, verbindet. Florenz fürchtet, noch eine seiner weltbekannten Sehenswürdigkeiten zu verlieren.
Es hat ohnehin den sich spärlich einstellenden Fremden weniger als früher zu bieten. Die Restauration der Uffizien wird noch einige Monate in Anspruch nehmen, während einige der Bilder der Pitti-Galerie ein kaum beachtetes Aschenbrödeldasein führen.
An der Stelle der "schönsten Brücke Europas", des Ponte Trinità, steht noch immer die häßliche eiserne Behelfsbrücke der Kriegszeit. Die zurückgehenden deutschen Truppen hatten bis auf den Ponte Vecchio alle Arnobrücken in die Luft gesprengt. Doch die Florentiner hoffen, daß in ein paar Jahren wieder wie früher weißer Marmor den gelben Arno überspannen wird.
Auf dem Ponte Trinità sollen dann auch die Marmorstatuen der vier Jahreszeiten wieder aufgestellt werden Sie sind zwar durch Kriegseinwirkung in viele Teile zerbrochen. Man hat sie aber jetzt kunstfertig wieder zusammengesetzt. Nur die schönste Statue, der "Frühling", ist noch ohne Kopf. Er scheint kunstverständigen Dieben in die Hände gefallen zu sein. Florentiner Zeitungen berichten, daß man ihnen auf sicherer Spur sei.
Mit dem Ponte Trinità wird das berühmte Arno-Panorama, das Hochzeitsreisende aus aller Welt begeisterte, noch nicht wiederhergestellt sein. Denn da, wo der Ponte Vecchio die Ufer berührt, sieht es noch schlimm aus. Deutsche Pioniere hatten dort einige Häuser gesprengt, um den alliierten Truppen den Vormarsch zu sperren. Nach bald vier Jahren wächst jetzt hohes Gras zwischen notdürftig aufgetürmten Trümmern.
Nicht mehr harmonisch in das Ganze eingefügt, verbindet der Ponte Vecchio Trümmer mit Trümmern. Zumindest diese eine Brücke schien den Krieg unversehrt überstanden zu haben. Nun zeigen sich auch an ihr späte Nachwehen des Krieges. Man ist dabei, ihre Fundamente unter die Lupe zu nehmen.
Die ersten Frühlingsgäste interessiert das wenig. Neben Giotto, Michelangelo, Donatello, Raffael hat Florenz ihnen bald einen neuen Stern zu bieten, von dessen Leuchten sie sich Dollars und Pfunde erwartet: die "Goldtüren des Baptisteriums". Jahrhundertelang glaubte man, sie seien aus gewöhnlicher Bronze. Im Krieg hatte man sie luftschutzsicher aufbewahrt, und im vergangenen Jahr begann man mit einer gründlichen chemischen Reinigung. Eine dicke Schmutz- und Patinaschicht wurde abgelöst. Darunter kam leuchtendes Gold zum Vorschein.
Jetzt ist die Arbeit beendet, die Vergoldung der berühmten Reliefs ist fast unversehrt, so als hätten Pisano und Ghiberti, die Renaissance-Künstler, sie gerade aufgelegt. Der Schmutz eines halben Jahrtausends hatte sie beschützt, die Bombengefahr sie wieder ans Licht gebracht.
Im Juni kommen die drei Türen aus den Werkstätten der Uffizien wieder an ihren alten Platz an der Taufkapelle zurück. Die Florentiner hoffen auf viele Hochzeitsreisende. Damit sich das Blattgold in Papiergeld umsetzt.

DER SPIEGEL 17/1948
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