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DER SPIEGEL

Kuchen für Papa

Das letzte Exemplar des grüngeränderten "Wochenend" holte der Zeitungshändler im Traunsteiner Bahnhofskiosk unter dem Tisch hervor. "Die Traunsteiner waren ganz versessen auf das Tagebuch der Eva Braun. Sie haben sie ja gut gekannt."
Damit ist es nun vorbei. Dr. Otto Gritschneder, der sich Adolf Hitlers und Eva Brauns schon vor der Spruchkammer angenommen hatte (vgl. Spiegel Nr. 32/48 "Nur für Demokraten"), hat mit einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts München I dem memoirenfreudigen "Wochenend" weitere Fortsetzungen abgeschnitten. Wenn sie dennoch erscheinen, drohen eine beliebig hohe Geldstrafe und sechs Monate Haft. Nun können die Traunsteiner nicht mehr weiter in die Braunschen Intima einsteigen, obgleich sie Eva so gut gekannt haben.
Die alten Brauns waren nämlich wegen ihrer Münchener Ausbombung nach Traunstein evakuiert. 1945 setzte sich aber eine deutsche Dolmetscherin der Militärregierung in der Traunsteiner Wohnung fest, und Brauns zogen nach Ruhpolding. Das liegt ein paar Lokalbahnstationen hinter Traunstein. In einem schön bemalten Bauernhause nahe dem Bahnhof wohnen im ersten Stock die Schwiegereltern Adolf Hitlers in einem Zimmer mit Kochnische und Bettcouch.
"Was wünschen Sie zu wissen?" fragt Frau Braun. Sie ist die einzige Frau Deutschlands, die aus einem Spruchkammerverfahren als "vom Gesetz nicht betroffen" hervorging, nicht einmal beim Roten Kreuz war sie. Die grauhaarige, bewegliche Dame in der weißen Sportbluse und dem knielangen grauen Rock erzählt seufzend von den rund 200 Presseleuten, die schon bei ihr gewesen sind.
Von ihrer Tochter Eva hat die alte Dame nicht mehr viel Andenken übrigbehalten. Die Amateur-Filme, die Eva in Hitlers Umgebung aufgenommen hatte, haben die ersten amerikanischen Kampftruppen als Souvenirs mitgenommen. Auch von den Braun'schen Familienbildern sind nur noch sieben da. Eins hängt über dem rotkarierten Bauernbett. Auf den Stufen der Berghofterrasse stehen Gretl, Eva und Ilse, dahinter die Alten.
Gretls Mann, der SS-Gruppenführer Fegelein, ist in den letzten Tagen des Dritten Reiches auf Hitlers Befehl in der Reichskanzlei erschossen worden, weil er auf eigene Faust ausbrechen wollte. Eva starb mit ihrem gerade angetrauten Adolf im Reichskanzleibunker. Ilse Fukke-Michels, die älteste der drei Braun-Töchter, ist mit einem Juristen verheiratet und hat die Schere geschliffen, mit der Rechtsanwalt Dr. Otto Gritschneder die Fortsetzung des Tagebuches im "Wochenend" abschnitt.
Luis Trenker hatte behauptet, Eva Braun habe ihm das Tagebuch im Jahre 1944 in Kitzbühl gegeben. Die Brauns winken mit einer Erklärung des Grand-Hotels Kitzbühl, Eva sei nur 1942 dort gewesen. Sie haben alle überhaupt noch lebenden Zeugen aufgesucht und schriftliche Belege gesammelt. "Eva schrieb höchst ungern Briefe, und den Kuchenpaketen für Papa lag stets nur ein kurzer Gruß bei. Sobald ein Gespräch in die Politik abwich, hielt sie sich die Ohren zu. Im übrigen sprach sie von Luis Trenker nur als dem ekelhaften Kerl."
Frau Braun ist ganz empört über das, was ihre tote Tochter alles geschrieben haben soll. "Und ausgerechnet Trenker soll sie dies Machwerk gegeben haben."
Im Tagebuch ist davon die Rede, daß Eva Braun von Hitler gezwungen worden sei, rehlederne Unterwäsche zu tragen. Traudl Junge, eine von Hitlers Sekretärinnen, hat im Bunker der Reichskanzlei vor der Kapitulation monatelang mit Eva Braun zusammengelebt. "Ihre Wäsche unterschied sich in nichts von den üblichen Stücken und war keinesfalls aus Leder."
Frau Junge erinnert sich auch nicht, daß Eva Braun jemals ein Tagebuch geführt habe. Und Hitlers Chauffeur Kempka versichert, daß es zu seiner ersten Pflicht gehört habe, überall zuerst ein heißes Bad zu richten, und daß der Führer sich auf keinen Fall lediglich die Füße gebadet habe, wie es im Tagebuch heißt.
Als das "Wochenend" das Braun-Tagebuch plakatierte, war Leni Riefenstahl gerade zu Besuch in München. Brauns setzten sich auf die Bahn und fuhren zu ihr und erzählten von den Tagebuch-Nackttänzen auf dem Berghof. Leni explodierte. "Herr Gott, ich habe mit Hitler nie das geringste zu tun gehabt, das wußte doch Eva so gut wie ich."
Die amerikanische Wochenschrift "Weekend" war dem Nürnberger "Wochenend" mit pikanten Illustrationen noch ein paar Nasenspürlängen voraus: Eva im sprichwörtlichen Kostüm als Lorelei am Königssee. Brauns wissen von nichts.
Die alte Frau Braun kann sich nur daran erinnern, wie sie einmal mit ihren Töchtern Eva und Gretl zum Baden in den Malerwinkel am Königssee gegangen war. "Stell Dich doch mal unter den Wasserfall", riet Eva der Schwester. "Das ist schön". Gretl ließ sich das eiskalte Bergwasser so über die Schultern pladdern, daß der obere Teil ihres zweiteiligen Badeanzug platzte und wegschwamm. Eva hatte ihre Filmkamera bei sich und filmte die protestierende und nach dem Oberteil angelnde Schwester.
Auch Verwandte von Luis Trenker fanden, daß die Tagebuchdiktion sehr an dessen Briefstil erinnere. Es sei ja durchaus möglich, daß Trenker die Bücher überarbeitet oder aus anderen Quellen zusammengestellt habe. Er sei auch nach Kriegsende in großen Geldschwierigkeiten gewesen und habe nur schwer wieder Anschluß an den Film finden können. Aber im Grunde genommen sei er doch ein anständiger Kerl, und eine direkte Fälschung könne man ihm wohl nicht zutrauen.
Brauns sind davon nicht so überzeugt. Gewerbe-Oberschullehrer Otto Braun hofft, daß seine Tochter Ilse die Ehre seiner Tochter Eva retten werde. Zusammen mit Gretl stehen die beiden in einem dreiteiligen Rahmen auf einer ganz patenten Kommode mit ausziehbarem Waschtisch, die Vater Braun tischlerte.
Die letzten drei Jahre hat er in einer Schreinerei gearbeitet. Aber die ist nun pleite, und Otto Braun geht stempeln. Er muß sehen, wie er seine Frau und den schwarzen Scotch-Terrier Bualy durchbringt. Er hat ihn von seinem Schwiegersohn Adolf geschenkt bekommen, weil der keine kleinen Hunde leiden mochte. Das ist der Hitler-Hund, sagen die Leute.

DER SPIEGEL 38/1948
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