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DER SPIEGEL

TheaterDer trojanische Krieg fand statt

Nach dem Erfolg der Wiener Staatsoper mit einer Mozartwoche, nach dem Triumph der englischen Tänzerin Moira Shearer schien der Höhepunkt der Florentiner Frühjahrsfestspiele überschritten. Doch dann kamen noch Shakespeare und Luchino Visconti und überstrahlten alles.
"Die Szen' ist Troja". Mit diesen Worten beginnt Shakespeares "Troilus und Cressida". Wie nach einem mittelalterlichen Stich wurde das homerische Ilion in den Boboli-Gärten aufgebaut, eine gewaltige Stadtmauer mit Ziehbrücke und mächtigen Festungstürmen, dahinter Häuser und Treppen, Arkaden, Zinnen, Höfe und Erker und immer wieder Türme.
Davor das Kampffeld und die bunte Zeltstadt der Griechen. Als natürlicher Abschluß ein Wald von Eichen und Steineichen. Kein Filmregisseur hätte das echter und harmonischer machen können. Luchino Visconti errang die ersten Lorbeeren auch beim Film. Heute gilt er als Italiens bedeutendster und originellster Theaterregisseur.
Presse und hochelegantes Festspielpublikum waren sich einig Visconti hat seine bisherigen Leistungen überboten, selbst den "Orest", der vor einigen Monaten in Rom Aufsehen erregte (siehe SPIEGEL 19/49). Und zum ersten Male wurde der Autor nicht Opfer des Regisseurs. Shakespeare kam in Florenz nicht zu kurz, stellten die Kritiker fest.
Visconti gruppierte das vierstündige Freilichtbühnengeschehen nicht um die Liebesaffäre des trojanischen Königssohns Troilus mit der flatterhaften Priestertochter Cressida. Er stellte in den Mittelpunkt der Handlung die skurrile Figur des Griechen Thersites.
Unter der schillernden Kostümierung als Feldherr steckte ein beißender Zyniker, der Gift und Galle über alles und jeden ergoß. Ueber den arroganten Achilles und den tölpelhaften Ajax, über den betrogenen Menelaos, über die flirtenden Frauen und über den ganzen trojanischen Krieg, den "Krieg um einen Hahnrei und eine Hure".
Als Thersites holte Visconti sich den besten Schauspieler, den das italienische Theater heute aufzuweisen hat: Memo Benassi, der kürzlich in Pittsburgh am 25. Todestag der dort verstorbenen Eleonora Duse alle seine Kollegen vertrat.
Im Boboli-Garten standen sie an seiner Seite. Denn auch die übrigen 24 Rollen besetzte Visconti mit Italiens allerersten Schauspielern, die noch nie so vollständig ein Programmheft schmückten.
Renzo Ricci, sonst Alleinherrscher der Bühne als gefeierter Hamlet und Othello, war Achill. Vittorio Gassmann, Viscontis letzter Orest und der erste jugendliche Held des Landes, war ein unheldischer Troilus. Den Ajax spielte großartig der Filmstar Massimo Girotti, Italiens Willy Birgel und so beliebt wie dieser in Deutschland.
Schon bei den vielwöchigen Proben standen Benassi und Girotti im Mittelpunkt. Mit derbem Stock und derben Worten hieb Ajax auf Thersites ein. Aber dann wichen die Sportanzüge Silberpanzer und Federhelm, und unter den Zuschauern rasten selbst einige Neger und Chinesen vor Begeisterung.
Zu der einzigartigen Szenerie unter nächtlichem Himmel, zu klangvollen Namen und phantastischen Kostümen gesellte Visconti noch Hunderte von Reitern und Rittern, Schlachtenlärm und grelle Fanfaren, klirrende Brückenketten und die Lieder provenzalischer Troubadours.
Der trojanische Krieg fand wirklich statt. Auf der Bühne und an den Theaterkassen. Auf dem Schwarzmarkt kletterten die Eintrittskarten auf 35000 Lire, das sind 60 Dollar. Die Inszenierung kostete 30 Millionen.

DER SPIEGEL 29/1949
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