O Großer Kreis
Ich bin die Dreizehn", sagt Dr. h. c. Franz I. Louen. Seit 10. Juli, 21 Uhr 10 Minuten, ist er "Gemeinschaftsleiter der GUD" (Ostau-Remers "Gemeinschaft Unabhängiger Deutscher"). Gegen 18 Uhr fing die Gründungsversammlung in seiner Düsseldorfer Wohnung, Elisabethstraße 45, an. Sieben der Anwesenden gaben ihre Unterschrift unter die Satzungen. Fünf bekamer einen Posten. Neben Louen die Herren Melchior Heß, Horst Wodarz und Anton Wieghardt. Lisa Ostermann wurde Schriftführerin. Das stand im Protokoll.
Louen, Chef der "Deutschen Allgeist-Bewegung" (mit den Fachgruppen: Astronomie, Kosmologie, Charakterologie, Bionomie, Strahlen, Kosmopolitik, Heilkunde, Kosmische Religion, Rhetorik, Symbolik, Parapsychologie und "O Großer Kreis") hat sich schon früher mit Politik beschäftigt. Am 17. August 33 setzte ihn die Gestapo fest.
Oktober 1946 machte Unabhängiger Franz Louen die Düsseldorfer mit 600 Plakaten wild. Er warb für "WEUW". (Wahl-Enthaltung-Ungültigkeits-Wahl.) Er versprach: "Das Wahlergebnis ist dann zum ersten Male echt demokratisch hundertprozentig und Düsseldorf politisch in Führung." Die Düsseldorfer wollten den Erfinder der "Allweltskunde" nicht als Stadtrat ("Kosmologie" - sagt er - "wie sie von mir begründet worden ist").
Seit Ostau-Remers Godesberger Unabhängigen-Treff für ganz große Politik (Spiegel Nr. 27) ist Louens Fachgruppe 7 ("Kosmopolitik") aktiv. In jenen Tagen brachte sich Widerstandskämpfer Louen bei Joachim von Ostau in Erinnerung. Als "Dreizehn". Das war der Name seiner Kampfgruppe. "Unter diesem Namen trete ich auch heute noch auf. Damit alle früheren Anhänger mich wiedererkennen. Denn die Mitgliederkartei ging verloren. Ich konnte die Namen nicht behalten. So viele waren das." Ostau erkannte ihn.
Am 3. Julisonntag kreuzte der Gronauervergnügt in Louens Wohnung auf. Er kam von Mettmann und hatte in 24 Stunden 27 neue unabhängig-deutsche Kreisverbände gegründet. Horoskopsteller Louen belohnte Rekordgründer Ostau mit einem Schnellhoroskop. Ausgangszeichen für den am 18. April 1902 geborenen v. Ostau waren die Sternbilder Schütze, Merkur und Mars. Das deutete Louen als "rechtlich, intelligent und kämpferisch". Dann hatte der Rekordgründer mit Louen eine lange politische Konferenz. Danach erklärte er: "Ich glaube, sie werden uns wieder mal verbieten."
Ab 10. Juli verließ Globalmythologe Louen täglich sein mit Runen, astro-algebraischen Tabellen und bunten Kurven bepflastertes Arbeitszimmer, um im Stahlhof-Headquarter Versammlungslizenzen für die GUD zu beantragen. Die politischen Controller waren platt, als sie merkten, welche Hartnäckigkeit der 53jährige Fanatiker entfaltete. Der Ostau-Leibastrolog wurde immer wieder nach Hause geschickt.
Er wollte auch unbedingt Generalmajor Remer in Düsseldorf sprechen lassen. Am 13. Juli (Louens Glückstag). Auf einer Massenversammlung im Planetarium. Der Stadtausschuß lehnte ab. Er gab den Saal nicht her. Als Ersatz wurde v. Ostau als Redner präsentiert. Für den 20. Juli. "Da hatten wir den zweiten Fehler gemacht" - gab Louen zu. "Dieses Datum war den Engländern zu anzüglich."
Dr. h. c. Louen merkte nicht, wie man ihn im Stahlhof verschaukelte. Bereitwillig griff er auch immer wieder nach der Taschenuhr, wenn ihn jemand grinsend nach der Zeit fragte. An der hing ein dickes Hakenkreuz. Aus Metall.
Außer ihm und v. Ostau, orakelte er, sei "noch eine dritte Persönlichkeit" an der Führung der GUD beteiligt. "Wenn die sich meldet, gibt es eine Sensation in Deutschland."
Die Einwilligung der "Persönlichkeit", ihren Namen zu nennen, konnte Louen bisher nicht einholen. "Mein Telefon ist gestört." Ein Lastwagen war ins Verteilerhäuschen auf der Elisabethstraße gefahren. Das stand nicht in der astrologischen Wochenkurve.
Während er auf die Lizenz wartet, die er inzwischen auf die GUD "als politische Partei" beantragte, arbeitet Louen an Horoskopen. "Wir haben die Zeit genutzt" sagt er. "Alle in- und ausländischen Politiker liegen im Archiv." Auch Ministerpräsident Karl Arnold. ("Er hat noch einen großen Weg vor sich. Dann allerdings kommt ein großes Fragezeichen. Ich habe ihn als heimlichen Kaiser von Trizonesien angekündigt.") Von Zentrumsminister Fritz Stricker sagte Louen: "Der hatte ein zu großes Tief in Rot. Darum ist er auch so verunglückt."
Louen behauptet, er sei der einzige noch lebende Mensch von den am 29. August 1896 Geborenen. Sein Geburtstag hatte den gleichen Sonnenstand wie der Goethes; Tagesdatum war: Johannes' Enthauptung.
Für seine Horoskope braucht Louen Geburtsdaten und wichtige Lebensumstände. "Für die sorgt meine geheime Organisation." (Dabei schrieb er auf einem Notizblock, der aus Namenslisten der Düsseldorfer Stimmbezirke zusammengeheftet war. Mit dem Geburtsdatum aller Wahlberechtigten.)
Mit dem organisatorischen Stand der GUD ist der Gemeinschaftsleiter zufrieden. 49 Bezirksgruppen (laut vorgezählt) seien bei ihm angemeldet. "Wir sind das stärkste Gebilde auf diesem Gebiete." Als Propagandasymbol für die GUD bestimmte er ein schwarzes U mit gelben Enden. Das nannte er: Magnet mit Sonnenspitzen. Auf DIN A 5.
Auf Geistlichen Rat Georg Goebel, der sich mit der "Tatgemeinschaft" selbständig machte, ist er schlecht zu sprechen. ("Er kann uns aber nicht aufhalten.") Goebels Intimus Schulz-Wittuhn in Bielefeld sei Spitzenkandidat der GUD für die Britenzone. "Inzwischen haben wir neun Unabhängigkeitsbewegungen" - wehklagt Louen. "Aber eine neutrale wissenschaftliche Stelle hat sich bereits eingeschaltet. Zur Vermittlung."
In Zukunft will Kosmologe Louen auch seine ausländischen Beziehungen für die Kosmopolitik der GUD interessieren. Vor allem die kalifornische "World University Roundtable" in Los Angeles, 6711 Sunset Boulevard. Von der hat er eine Mitgliedskarte.
Aber das Dr.-h.-c.-Diplom ist weg. Genommen von der Gestapo. Bekommen hatte er es als Konstrukteur des "Diagnostikon" (einer Untersuchungsapparatur "für Nervenleiden und Darmstörungen") schon 1924 in München. "Für meine Arbeiten in der Hochfrequenz-Farb- und Lichtforschung. Ich habe Goethes Farbenlehre ganz durchgearbeitet. Auch in der Elementarlehre bin ich über Planck hinaus!"
Die Universität Madrid verlieh ihm den "Doktor physiatrae". Was das heiße? "Das weiß ich auch nicht. Aber auch in Amerika liegt noch eine wissenschaftliche Auszeichnung für mich vor. Ich hatte bisher keine Lust, sie abzuholen."
Wenn Dr. Louen nicht politisiert, berichtet er von Forschungsarbeit. Besonders gern von der in der Strafanstalt Hohenau ("irgendwo im Württembergischen"). Da hat er Farbexperimente gemacht. Beim Tütenkleben. Graue Tüten machten stumpf. Bei roten Tüten wurde der Häftling lebhaft, bei grünen wieder träger. "Einem strich ich die Zellendecke himmelblau. Mit schönen roten Streifen. Dann bekam er noch eine Zahnbürste. In Dunkelblau. Und dann hat der Häftling in der Zelle gesungen."
Als "Die Welt" am 16. Juli druckte, Dr. h. c. Louen habe sie über Einigungsverhandlungen zwischen GUD und Rat Goebels "Tatgemeinschaft" informiert, atmete er auf: "Endlich werden wir ernst genommen."
