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DER SPIEGEL

Hier kann gehen wer will

Zehn Pfund hat Hans Marx, einundzwanzigjähriger Zahntechniker im 130. Station Hospital des amerikanischen Hauptquartiers, während seiner viereinhalb Tage Einzelhaft im Heidelberger Gefängnis abgenommen.
In Heidelberg, Hauptstadt der europäischen US-Besatzung, mußte der erste Fall zu Protokoll genommen werden, bei dem ein amerikanischer Soldat von einem deutschen Mann getötet wurde. Bisher gab es nur einige Fräulein-Fälle mit Eifersuchtsmorden verlassener Mädchen. Diesmal spielte die Liebe keine Rolle. Mit Sicherheit aber der Alkohol.
Denn es begann damit, daß in der Nacht vom 9. zum 10. Juli ein amerikanischer Besatzungssoldat mitten auf der Fahrbahn der Hauptstraße in horizontaler Lage ein wenig verschnaufte, was die Neugier nächtlicher Passanten hervorrief. Unter ihnen befanden sich auch Hans Marx mit Braut Grete Noe und Heini Klose mit weiblicher Begleitung.
Ein US-Offizier hieß den vorschriftswidrig zu Boden gegangenen GI auf- und ihn sowie drei weitere Soldaten strammstehen.
Marx und Begleitung, vom Woolworth-Haus aus den Vorfall beobachtend, wurden von drei anderen amerikanischen Soldaten zum Weitergehen aufgefordert: "Take off". Klose wurde angerempelt. "Sie finge gleich an zu stumpe", sagt Grete Noe. Zu den Soldaten sagte sie in der Nacht: "This street ist for every body" ("Hier kann gehen wer will").
Auch Hans Marx und Heini Klose, die seit einem Jahr mit den Amerikanern täglich zusammenarbeiten, kramten ihre englischen Vokabeln zusammen und versuchten zu beschwichtigen. Man trennte sich nach unfreundlichem Geplänkel schließlich doch mit shake hands.
Dann aber kam ein amerikanischer Wagen und damit Verstärkung. Grete Noe: "Da ging die Boxerei los". Klose bekam einen Schlag. Marx versuchte, seinem Freunde beizustehen. "Ich fühlte mich bedroht und schlug zurück, verfehlte das Ziel und ergriff die Flucht." "Kill him", hörte er hinter sich die verfolgenden Amerikaner. "Als der erste mich erreicht hatte, drehte ich mich um und landete einen Schlag am Kinn."
Das wiederholte sich ein zweites Mal. Der Getroffene blieb liegen. Als Marx durch ein eingedrücktes Fenster im Leichenraum der Anatomie landete, hatte er seine Verfolger abgeschüttelt.
Deutsche Polizeibeamte verhafteten ihn am Sonntagabend in der Wohnung eines Rechtsanwaltes. Er hatte schon davon gehört, daß einer der Amerikaner tot auf der Strecke geblieben war.
Vernehmung bei CID mit Kaffee und Zigaretten. Mister Hatt drückte ihm noch ein Päckchen in die Hand, ehe er weiter zum Gefängnis ging.
Auch bei der richterlichen Einvernahme nach viereinhalb Tagen ging es sachlich und korrekt zu. "Gegen 3000 DM Kaution wird Marx bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt", sagte der amerikanische Richter.
Im Vorraum addierten Freunde ihre Guthaben. Als der lettische Arzt Dr. Fred Gutland noch eine größere Summe drauflegte, war Marx vorerst gerettet. Dr. Gutland hat Marx vor vier Jahren in einem Berliner Kriegsgefangenenlazarett durch eine Injektion das Leben gerettet. Marx hat den heimatlosen Letten aus Dankbarkeit mit nach Heidelberg genommen.
Die Verhandlung wird in den nächsten dreißig Tagen stattfinden. "Anklage wahrscheinlich nach § 212 (Totschlag) des deutschen Strafrechts", sagt Marxens Verteidiger. Demgegenüber will der Anwalt selbst § 53 (Notwehr) ins Feld führen. "Selbst Notwehrexzeß mit Todesfolge wird nicht zu vertreten sein", optimistelt er, "weil sie von dem Angeklagten weder gewollt noch voraussehbar war und weil nur die Faust oder Hand als Verteidigung benutzt wurde."
Seit dem 18. Juli macht Hans Marx wieder Zahnersatz für Amerikaner im Labor des 130. Station Hospitals.

DER SPIEGEL 30/1949
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