Fahren Sie drauf los
Seit 8. Juni sitzt bei Heinrich Streicher ("Zum Kaisergarten") in Mariaweiler (Kreis Düren) die Streikleitung der Thomas Josef Heimbach GmbH u. Co.
Ein 4- bis 5köpfiges Komitee ist immer anwesend. 30 bis 40 andere "Heimbacher" stehen seit mehr als sechs Wochen Tag und Nacht vor den Fabrikeingängen. Als Streikposten für 371 Arbeiter.
Mittwochs jeder Woche haben sie Streikversammlung. Und Zahltag. Die Industriegewerkschaft Textil, Bekleidung und Leder im Deutschen Gewerkschaftsbund gibt Streikgelder aus. 95 Prozent des Arbeitslohns.
Die Heimbach-Belegschaft (Textil-Facharbeiter, Spezialität: Wollfilze) verdankt ihre Gratis-Sommerferien ideellen Motiven (sagen ihre Wortführer). Es geht nicht um Geld und Gut. Sondern ums "Mitbestimmungsrecht".
Die Direktion (Müller, Poensgen) versicherte in einem Flugblatt vom 18. Juni: "Das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und Angestellten im Betrieb steht nicht zur Debatte; es wird von der Firma im Rahmen der Gesetze anerkannt."
Dann zog sie die Filzdecke vom DGB-Ideal-Motiv. Darunter lagen 26000 Kilogramm reine Wolle. Die seien (von Juni bis Dezember 48) bei Heimbach geklaut worden. Verarbeitungswert: S Million DM. Täterkreis: der Betriebsrat und der "Sicherheitsdienst" (die von dem üblichen Kontrollsystem ausgenommen waren).
Die 26000 Kilo waren der Treuhandgesellschaft AG. in Köln bei der Abschlußrevision aufgestoßen. Im Januar begann die Kripo zu verhaften. 35 bis 40 Mann. Gegen die Hälfte erging richterlicher Haftbefehl. Am 1. April kam auch Peter Lothmann ins Untersuchungsgefängnis nach Aachen. Das war der Betriebsratsvorsitzende.
Vor Weißen Sonntag legte Lothmann ein Geständnis ab. Am Arbeitsgericht (das seine Entlassung rechtsbekräftigte) widerrief er. Es sei ihm nichts anderes eingefallen, um zum Erstkommunionstag seiner Aeltesten aus der Untersuchungshaft nach Hause entlassen zu werden.
Im Revisionsbericht standen noch andere Sachen. Dr. Victor Agartz, Vorstandsmitglied der Treuhandgesellschaft AG, einstiger Chef der bizonalen Wirtschaftsverwaltung in Minden und linkster SPD- und DGB-Flügelmann, wußte davon. Später wußte es auch die Industriegewerkschaft. Textil-Bekleidung-Leder-Bezirksleiter Karl Dörpinghaus aus Kempen sagte es in einem Flugblatt: Kompensationsschiebungen, "verwerfliche" Buchführung, Verkäufe aus Schwarzlägern und verbotene Entnahmen aus beschlagnahmtem Vermögen sollten die 26000 Kilo erklären.
Polizeiminister Menzels motorisierte Truppen wurden eilends nach Mariaweiler geworfen. Am 13. Juni sollte Polizeiinspektor Rochner aus Düren mit sieben Mann (und dem Mariaweiler Dorfpolizisten) einen Materialkonvoy aus dem Werk schleusen. Assessor Schröder (vom Arbeitgeberverband) war auch erschienen.
Als die Streikposten sich vor die Lokomotive der Dürener Kreisbahn stellten, rief er: "Fahren Sie drauf los, gleich, was im Wege steht!"
Der Lokführer fuhr aber nicht. ("Er wies auf die bahnamtlichen Bestimmungen hin, daß er die Lokomotive vor jedem Lebewesen, das sich auf den Schienen befände, zum Stehen bringen müsse, und verweigerte die Weiterfahrt.")
Von allen diesen Vorgängen wollten die Beteiligten vom 29. Juni ab nichts mehr wissen. An diesem Tag hatten sie "Burgfrieden" geschlossen. Die Sympathieerklärungen für die Streikenden liefen weiter. Auch die "Spenden" flossen. Durchschnittlich 6000 DM in der Woche.
Mitte Juni wirkte die britische Arbeitseinsatz-Behörde zum Arbeitsministerium in Nordrhein-Westfalen. Ministerialdirektor Elsler ließ sich Bezirksleiter Dörpinghaus kommen. Gewerkschaftssekretär Willi Drees, von Krefeld nach Düren kommandiert, vertrat ihn. Am 15. Juni wurde in Köln weiterverhandelt.
Am 21. Juni stieg in Krefeld eine neue Konferenz. Die platzte, weil Assessor Schröder von den Gewerkschaften abgelehnt wurde. Um 11.50 Uhr kam Ministervertreter Elsler die Treppe in Textil-Schürmanns Haus (Von Beckerathplatz) herauf. Er führte die Geplatzten, diesmal in anderer Tischordnung, zu neuem Roundtable zusammen.
Ab 12 Uhr berichtete jede Partei dem Arbeitsminister. Je eine Stunde lang.
Im Kölner Arbeitsamt trafen sich die Kontrahenten noch einmal. Oberbürgermeister a. D. Brisch (Leiter der arbeitsrechtlichen Abteilungen des DGB für die britische Zone) wurde Einsicht in den (streng vertraulichen) Bericht der Treuhand-AG. zugestanden.
Für die 371 Streikgeldempfänger wird vorläufig noch Fanfare geblasen. Hie "demokratische Betriebsvereinbarung" - hie "Wegbereiter der Chaos".
