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DER SPIEGEL

Leut wo schaffe

In den Kasernenblocks von List zwischen den Sylter Dünen macht ein seitenlanger Brief die Runde. Da sitzen die Ostpreußen und Pommern vor den roten Klinkerbauten, die sie von Großdeutschlands Soldaten übernahmen. Sie diskutieren, was ihnen Kurt Raehs aus dem südwürttembergischen Mössingen geschrieben hat.
Es ist noch nicht zwei Wochen her, da lief Kurt Raehs selber noch mit seiner blau-gelben gehäkelten Mütze und der ostpreußischen Elchschaufel im Knopfloch zwischen ihnen herum, wohnte unterm Kasernendach, wo einst der Kammerbulle gehaust hat, und wußte ebenso wenig wie sie, was er tun sollte.
Denn in Lists Dünen gibt es so gut wie keine Arbeit und nichts, womit sich Geld verdienen ließe. Mit den drei Dutzend Kurgästen nicht, an Landwirtschaft ist des Sandes halber und an krisenfeste Industrie der Abgelegenheit der Insel wegen nicht zu denken.
Und nun schrieb Kurt Raehs aus dem württembergischen Mössingen von Arbeit und von einer Wohnung, nicht nur für seine Familie, sondern für alle 320 Umsiedler, die mit ihm von Westerland aus in die französische Zone gefahren sind.
Wäre Kurt Raehs allein gewesen, hätte er noch lange im Norden zwischen den Sanddünen sitzen können. Denn was die französische Zone aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern an Flüchtlingen übernehmen will, das sind Arbeitskräfte für die Land- und Forstwirtschaft, für die Textil-, Metall- und Holzindustrie, Hilfsarbeiter und Hausgehilfinnen.
Für einen 48jährigen Mann etwa wie Kurt Raehs, der auf seinen 182,5 Hektar ostpreußischen Mittelbodens durchschnittlich 75 Pferde und 75 Stück Rindvieh hielt, gibt es heute keine Verwendung.
Aber Kurt Raehs hat zwei Töchter bei sich, die attraktiv gewachsene 21jährige Urte, die ihre Gesellenprüfung als Schneiderin mit "sehr gut" bestanden hat, und die 14jährige Lisbeth, die in einem der wenigen konkursumwitterten Lister Flüchtlingsbetriebe Maschinenstrickerei lernte. Mit den Textil-Töchtern konnten Gutsbesitzer a. D. Raehs und Frau Hertha umsiedeln.
Die vier Raehs gehören zu den 494000 Ostdeutschen, die in Schleswig-Holstein unterkommen konnten und nun 38 Prozent der ganzen Bevölkerung ausmachen. 91000 sind arbeitslos. Sie können zum überwiegenden Teil auch nie in die Schleswig-Holsteinsche Wirtschaft eingegliedert werden. Nun sollen wenigstens 60000 - zusammen mit 60000 aus Niedersachsen und Bayern - in die französische Zone ziehen. Kurt Raehs und seine Familie waren bei den ersten 320.
Es ist für sie ein langer Weg gewesen bis zum ersten schwäbischen "Grüß Gott". Er begann am 18. Oktober 1944, als ihr Gut Hensken im ostpreußischen Kreis Schloßberg, dem alten Pillkallen, auf Befehl der Wehrmacht geräumt werden mußte. Die Russen waren nahe. Kurt Raehs lud einen Vierspänner-Leiterwagen voll Hausrat, holte 20 Pferde aus dem Stall - die meisten Landarbeiterfamilien waren schon vorher nach Mecklenburg gebracht - nahm Frau und vier Kinder und karrte nach Westen in den Raum Heilsberg.
Genau am 12. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung treckte die Raehs-Familie bei Schneesturm und 25 Grad Kälte über das zugefrorene Frische Haff. In sieben Stunden kamen sie zehn Kilometer vorwärts. Russische Panzer schossen dazwischen. Wenn die schlanke Urte heute im Neckar badet, sind an beiden Füßen die erfrorenen kleinen Zehen zu sehen.
Die Reise endete zunächst in Vielank im mecklenburgischen Kreise Ludwigslust. Erst kamen die Amerikaner, dann die Engländer und schließlich die Russen, vor denen Kurt Raehs tausend Kilometer geflüchtet war. Sie gaben ihm ein 500-Morgen-Gut zur Bewirtschaftung. Nicht lange; denn bald zog die Familie nach Sommerfeld bei Kremmen weiter. Sie durfte ein Pferd, eine Kuh, fünf Kaninchen und drei Hühner mitnehmen.
Im Dezember ging Kurt Raehs mit seinem Sohn Carl westwärts. Lager Pöppendorf wies beide in die Sylter Sanddünenkasernen ein. Carl, damals 16, fand bald eine landwirtschaftliche Lehrstelle bei Bekannten. Da sitzt er heute noch. Tochter Urte wurde im ostzonalen Wittenberg Schneiderlehrling. Die Aelteste, heute 23 und in Westfalen frisch verlobt, züchtete Geflügel.
Für Vater Raehs hatte niemand Verwendung. Im Juli 1947 holte er Frau Hertha und die 12jährige Lisbeth zu sich in die Lister Dünen. Lisbeth strickte für ihren Vater einen Pullover, vorne mit zwei Pferden drauf. "Das sind meine letzten", lacht der in breitem Ostpreußisch.
Bis zur Währungsreform lebte man von den Reichsmark, die Kuh- und Pferdeverkauf gebracht hatten. Danach bekam Kurt Raehs zuerst 19.20 DM und später 22.20 DM Unterstützung in der Woche. Zweimal hatte er auch Arbeit: 14 Tage lang als Tiefbauarbeiter und fünf Wochen als Nachtwächter. Dann wurde die Halle des Seefliegerhorstes List, die er zu bewachen hatte, demontiert.
Auf hundert Arbeitende kommen in Schleswig-Holstein 24 Arbeitslose. Aber auf hundert südwürttembergische "Leut, wo schaffe", kommen nur 1,3, die "nit schaffe". Darum war Kurt Raehs einer der ersten, der seine Familie - inzwischen war Urte mit ihrem Gesellenbrief aus dem Osten dazugekommen - zur Umsiedlung anmeldete, kaum daß General Pierre König am 25. Mai 1949 endlich den östlichen Zuwachs für seine Zone genehmigt hatte.
Aber bis Kurt Raehs vom Perron der Sylter Inselkleinbahn seinen zurückbleibenden Freunden zum letzten Male zuwinkte, gingen noch sechs Wochen vorbei. In diesen sechs Wochen flitzten die Volkswagen der Landesregierung Kiel nach Frankfurt und in die französische Zone, fuhren schleswig-holsteinische Finanzunterhändler hin und her.
Südbaden und Rheinland-Pfalz verschanzten sich hinter ihre schlechte Finanzlage, und nur Württemberg-Hohenzollern war schließlich mit den 200 DM pro Umsiedler-Familie zufrieden, die Schleswig-Holstein mitgeben wollte. Sie sollen beim Länderfinanzausgleich verrechnet werden.
36 Stunden rollte der Sonderzug dann endlich mit den Ersten von Westerland bis zum Durchgangslager Bad Niedernau. Im Raehs-Abteil gab es Pillkaller, das ist ein Korn mit einer Leberwurstscheibe und Senf obendrauf, ostpreußische Anekdötchen, heimatliche Ressentiments und Kombinationen über die Zukunft.
Kurt Raehs erzählte breit: wie sein Gut in den Kämpfen siebenmal den Besitzer wechselte und Vorwerk, Wohnhaus und Scheune zerstört wurden (eine Frau hat es ihm geschrieben); daß auf den Feldern hohe Disteln wachsen und daß er dazwischenschlagen wolle, sollte man in Württemberg kein anständiges Quartier bekommen.
Kurt Raehs ist ein ostpreußischer Dickschädel und duldet keinen Widerspruch: wurde im Henskener Gutshaus zu Mittag gegessen, lag ein Rohrstock neben seinem Gedeck.
Unterwegs beim Essenfassen in Hanau lief ein dunkelhaariger Mann unbeachtet zwischen den 320 Umsiedlern umher und fotografierte. Er hatte einen abgetragenen grauen Anzug und ein dunkles Hemd an. Das war der schleswig-holsteinische Sozialminister Walter Damm. "Sie denken wohl, ein Minister müßte einen Bart haben", griente er freundlich und gutgelaunt.
Sechzehn Millionen DM mußte sein Land im letzten Quartal 1948 für Flüchtlingsunterstützungen ausgeben, ohne daß dadurch strukturell etwas gebessert worden wäre. Die 13500 DM Fahrkosten für diesen Transport dagegen bessern vieles.
Wo bis vor kurzem französische Soldaten ihre Krankheiten auskurierten und ganz früher ältere Damen verjüngenden Brunnen tranken, im Kurhotel Bad Niedernau, ist jetzt ein Flüchtlingsdurchgangslager. Dort wurden die 320 Ostpreußen und Pommern durch die Flüchtlings-Routinemühle gedreht. Die Mühle drehte sich zwei Tage lang mit schwäbischer Herzlichkeit und Gemütlichkeit. Dann waren 320 ärztlich untersucht, waren registriert und hatten alle vor dem Tisch gestanden, um den der Flüchtlingskommissar, die Bürgermeister der Aufnahmegemeinden, der Arbeitsamtsleiter, die Innere Mission und der Caritas-Verband herumsaßen.
Die vier Raehs wurden nach Mössingen eingewiesen, der Töchter wegen. Denn in Mössingen, 6000 Einwohner groß, gibt es Textilindustrie. Daneben noch etwas Autozubehör, einige holzverarbeitende Betriebe und eine Teigwarenfabrik im Aufbau. Für diese Firmen wurde ein knappes hundert Umsiedler ausgesucht.
Die "Mädle" sollen zunächst in der Spinnerei von Otto Merz arbeiten. Urte wurde aber noch ein Zettel mit den Adressen Tübinger Modehäuser in die Hand gedrückt. Wenn sie dort eine Stellung findet, wird sie sofort umgesetzt. Kurt Raehs soll in einer Woche noch einmal nachfragen.
Eine Wohnung bekam die Familie bei dem gemütlichen Textilfabrikanten Otto Merz, die Eltern zwei Zimmer hinten im Gartenhaus, Urte und Lisbeth je eins vorn. Das war aber nur provisorisch und so lange, bis die Wohnung frei würde, die Merz für seine Flüchtlinge ausgesucht hat.
Natürlich wohnen nicht alle 320 bei Fabrikanten; aber alle fanden eine anständige Wohnung; denn in Württemberg-Hohenzollern wohnen nur drei Prozent Menschen mehr als 1939. In Schleswig-Holstein sind es 70 Prozent.
Zwischen den trostlosen Nordseedünen packen indessen die Südwest-Fahrer ihre Habseligkeiten in Kisten und Kommißspinde; Holzarbeiter, Textilarbeiter, Landarbeiter, Metallarbeiter. Zurück bleiben Kaufleute, Juristen, Aerzte, Beamte und Wirtschaftler aus dem Osten. Und Invaliden, Alte und Kranke, die sich keiner Familie anschließen können.
[Grafiktext]

ZAHL DER FLÜCHTLINGE JE 100 EINWOHNER ANTEIL DER FLÜCHTLINGEAUSGABEN IN % DES STEUERAUFKOMMENS
BREMEN 7 0,6
HAMBURG 8 0,3
NORDRH.-WESTF. 9 3,7
NIEDERSACHSEN 30 10,7
SCHLESW.-HOLSTEIN 38 22,2
WÜRTT.-BADEN 18 5,0
BAYERN 22 12,5
HESSEN 17 12,4
SÜDBADEN 5 2,0
WÜRTT.-HOHEN. 5 2,7
RHEINL.-PFALZ 3 2,0
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 30/1949
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