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DER SPIEGEL

Lassen Sie mich mal regieren

Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Bruno Dieckmann langte 400000 DM aus dem Staatssäckel, nachdem er Heinrich Jebens' Freienfelder Schattenmorellen-Plantage gesehen hatte. Für 50 erste Kleinsthöfe, die Jebens nicht erfand, aber seit Jahren hartnäckig propagiert. Vor Hamburgs Toren, in Hoisbüttel, wird demnächst ein erster Spatenstich fällig.
Dieckmanns Kollege Heinrich Lübke konnte in die prallere Nordrhein-Westfalen-Kasse erheblich tiefer greifen und 5000000 DM für Nebenerwerbssiedlungen herausholen. Davon sollen (außer 1500-qm-Gartensiedlungen) auch 36 Kleinsthöfe von 0,5 bis 4 ha errichtet werden. Münsters Uni wird auf jedes Unternehmen ein betriebswirtschaftliches Forscherauge werfen, um die Rentabilität zu kontrollieren.
Vor nicht allzu langer Zeit wurde der heute 53jährige ehemals aktive kaiserliche Marine-Ingenieur Heinrich Jebens mit seiner Kleinsthof-Idee in der Regel für verrückt erklärt. Heute sagt nicht einmal mehr Schlange-Schöningen "Dilettant" zu ihm. 7000 landhungrige Mitglieder des Vereins "Der Kleinsthofkreis" haben inzwischen die Jebens-Ideen bis nach Oberbayern getragen.
Als Jebens 1931 noch landlos war und in der Nienstedter Elbvilla mit seinem alten Herrn vor "kalten Enten" (Mosel, Selters und Zitrone) saß, staunte Vater Jebens vom Holsteiner Familienstammhof über die teuren Stadtwohnungen: "Denk' mal darüber nach, was hier das Schlafen kostet", sagte er zu Sohn Heinrich.
Zum Nachdenken hatte der damalige Direktor des Hamburger "Erfinderhauses", der etwa 10000 Erfinder bemutterte und Millionenumsätze erzielte, erst zwei Jahre später Zeit, als er nach einer Nierenoperation im Krankenhaus lag. Das war 1933.
Heinrich Jebens zog sich aus der Oeffentlichkeit zurück, kaufte zwischen Hamburg und Lübeck "Freienfelde" im Liliencron-Dorf Rahlstedt und igelte sich bis 1945 mit seiner Idee ein. Das Trümmerfeld, das die andere Idee hinterließ, überzeugte ihn erst recht davon, daß sein Kleinsthof-Plan Deutschlands Rettung sei.
Wenn man Millionen Deutschen ein "Rittergut im Kleinformat" gibt, würde man
* politisch fluktuierende, zum Radikalismus neigende Massen auf eigener Kleinscholle seßhaft machen,
* die bedenkliche Menschen-Massierung in den Großstädten wesentlich auflockern und vielen Industriezweigen neue, soziologisch gesündere Standorte weisen,
* der wieder kräftig einsetzenden Landflucht (täglich verlassen 1000 Menschen die deutschen Dörfer) steuern,
* durch Schaffung von Teilselbstversorgerstellen die Arbeiterschaft bei Arbeitslosigkeit krisenfester machen (sie könnte dann auch Perioden des Lohndrucks besser widerstehen),
* das Flüchtlingsproblem dadurch einer Lösung näher bringen, daß Hunderttausende sozial Deklassierter auch ohne Armengeld ein normales Leben führen könnten.
"Die Großstadtväter machen schon wieder alles falsch", unkt Heinrich Jebens, "sie geben Milliarden für den Wiederaufbau überholter Stadtruinen aus, statt besser 'Wohnungen mit Nahrung' zu schaffen."
Jebens' Zukunfts-Speisekammern umfassen 1S ha = 6 Morgen = 15000 qm Land. 10000 qm davon sind Weide. Darauf sollen zwei Kühe leben. Die restlichen 5000 qm teilen sich in fünf Ackerstreifen mit Gemüse, Futterkartoffeln, Mais, Rüben und Frühkartoffeln (zweite Futterfrucht: Markstammkohl). Davon leben zwei Schweine und 20 Hühner. Obstbäume umsäumen Weide- und Ackerraine.
In der Regel soll der Kleinsthofbesitzer seinem Hauptberuf nachgehen. Da er nebenbei jedoch unmöglich sechs Morgen höchstintensiv bewirtschaften kann, werden immer 12 bis 15 Kleinsthöfner zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengefaßt.
Einer von ihnen, tunlichst ein Fach-Landwirt, soll mit einem Motor-Allzweck-Gerät reihum alle Schwerarbeit leisten. Für einen Pauschallohn von 120 bis 160 DM per ha und anno soll er pflügen, hacken, häufeln, mähen und Gespanndienste leisten. Pferde duldet Jebens nicht auf seinen Kleinsthöfen, ein Pferd frißt allein den Ertrag von vier Morgen.
Den Rest der Arbeit erledigt der Kleinsthöfner in seiner Freizeit wie früher als Schrebergärtner. Nur Frau und Kinder haben durch die Viehversorgung ein stark erhöhtes Arbeitsmaß.
"Aber man braucht nur einen Mietskasernen-Arbeitslosen mit einem arbeitslosen Nebenerwerbssiedler zu vergleichen, um zu erkennen, daß sich beide wie arm und reich gegenüberstehen", doziert Retter Jebens. Sicherheitshalber muß jeder Schinken-Aspirant drei Bewährungsjahre abdienen, bevor er endgültig Taschenformats-Junker wird.
In ärgster Notzeit hat der Kleinsthöfner laufend Einnahmen aus dem Verkauf von Milch, Eiern, Gemüse und Obst. An Fleisch, Fett, Eiern, Milch, Gemüse und Kartoffeln fehlt es ihm nicht Zu Honig kann er als Bienenzüchter kommen.
Ohne Möbel will Jebens den Durchschnitts-Kleinsthof für 9000 DM erstellen. 1000 DM soll der Bewerber in Spargeld oder Arbeitsleistung beim Bau aufbringen. Den Rest muß der Staat finanzieren. "50 Prozent kann ruhig bei unserer übersetzten Bürokratie eingespart werden. Aber eine Million Wohnungen ohne Nahrung kosten den Staat bei Arbeitslosigkeit eine Milliarde DM. Eine Million Speisekammer-Wohnungen dagegen liefern der Wirtschaft zwei Milliarden DM zusätzliche Kaufkraft", rechnet Jebens aus.
"Wenn ganz Deutschland mich für verrückt erklärt, habe ich gesiegt", sagte Jebens, als er sein Steckenpferd bestieg. Altlandwirt und Staatssekretär a. D. von Rohr, einst Demmin, fuhr schweres Geschütz gegen Zukunftsbauer Jebens auf. Rohr lehnt die Kleinsthöfe als utopisch ab, weil
* 2S Großvieheinheiten je Hektar allerbestes Land erster Bodengüte erfordern (im allgemeinen rechnet man 3/4 GVE je ha),
* 5 Millionen Kleinsthof-Bewohner je Mensch und Tier jährlich 18 dz Getreide brauchen, das ist die Hälfte des deutschen Getreideimports,
* 15000 qm dem Nebenerwerbssiedler soviel Arbeit machen, daß er trotz allen Fleißes nicht einmal des Unkrauts Herr werden wird (alle 500-qm-Schrebergärtner werden als Zeugen aufgerufen),
* man von 5000 qm Acker allenfalls zwei Ziegen oder Schafe satt, aber nicht zwei Schweine fett machen oder zwei Kühe den Winter durchfuttern kann, so daß auch noch Milch herauskommt.
Als Heinrich Jebens kürzlich mit einer Trombose langlag, gab er den Vorsitz im "Kleinsthofkreis" an seinen Gefolgsmann Max Meier ab. Der frühere Exportkaufmann stieß als passionierter Schrebergärtner zur Kleinsthof-Bewegung. Am 14. August kandidiert er als Kleinsthof-Exponent der Hamburger FDP für Bonns Bundestag.
Kleinsthof-Ehrenpräsident Jebens will unterdes in Kiel vor Landesregierung und Agrar-Experten Vorträge halten. Als Heinrich Jebens bei MP Hermann Lüdemann zu Abend aß, sagte er nur: "Herr Ministerpräsident, lassen Sie mich mal eine Weile regieren. Dann gäbe es in Schleswig-Holstein bald keine Arbeitslosen mehr."

DER SPIEGEL 30/1949
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